Revolution und Revolte

„Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch Gott hat’s gemacht, im Süden Frankreichs. … Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will, ist sie zugleich noch ungeboren. Heute, da sie fünfundneunzig ist, kommt sie auf diesem weißen Blatt zur Welt“. (S. 5) Damit beginnt das Heldinnenepos, das die Schriftstellerin Anne Weber 2020 im Mattes & Seitz Verlag, Berlin, veröffentlicht hat. Der Titel des Buches heißt schlicht Annette. Der Name verrät zunächst kein Programm. Anne ist die Hauptfigur in der epischen Dichtung. Die Frau, von der Schriftstellerin Annette genannt, wird geboren oder neu geboren oder erst geschaffen zur Heldin, etwas zu atemlos für ein Epos. 

Annette, in der Bretagne in die Welt gekommen, liebt ihre Großmutter mütterlicherseits. Die Großmutter ist weder des Lesens noch des Schreibens kundig. Sie lebt in einfachsten, ärmlichen Verhältnissen. Sie entdeckt sich mit ihrer Enkelin Annette als liebende Wiedergeliebte. Die Mutter ihres Vaters, die Anette erst verspätet kennenlernt, liebt sie weniger. Mit 17 Jahren erlebt sie den deutschen Einmarsch in Frankreich. Ein lässig bewachter Kriegsgefangener bittet sie, einige Päckchen zu einer Schneiderin in den Ort zu bringen. Über diesen flüchtigen Kontakt entstehen neue Kontakte – zu Mitgliedern der französischen Réstistance. Annette transportiert weiter und wächst, viel zu langsam erwachsen werdend, in die Widerstandsbewegung hinein. Ihre zweite Geburt, gewissermaßen, beginnt in dieser Phase der politischen Initiation. „Man hofft und rennt los“, wird Anette zitiert (S. 27). Mit vor „Toten und Terror und was aus Revolutionen gewöhnlich sonst noch so wird“ verschlossenen Augen. Sie landet in Paris und studiert Medizin. Letztlich erfolgreich ist sie Ärztin und Neurophysiologin. Immer bleibt sie dem Widerstand handelnd treu. Gegen die deutsche Besatzung Frankreichs. Nach dem zweiten Weltkrieg engagiert sie sich im FLN, der Nationalen Befreiungsfront Algeriens, gegen Frankreich. 

Sie begegnet Roland. Er ist Jude deutscher Herkunft. Und er ist bei den jungen Kommunisten. Annette schließt sich an. Sie lieben sich, auch wenn für Kämpfer im kommunistischen Kader Liebe nicht erlaubt, zumindest nicht vorgesehen ist. Widerstand wird Annettes Lebensweise. „Wenn jemand widersteht, so ist sein Widerstand gegen etwas Bestimmtes gewandt, in diesem Fall die deutsche Tyrannei und ihr Gedankengut, dass schlecht ist“ (S.35). Widerstand ist auch Einstehen für Menschen. Annette wird zur Retterin von Juden – entgegen den Regeln der kommunistischen Kader. Ab hier beginnt mich die philosophische Bedeutungsebene zu interessieren, beinahe mehr zu interessieren als die Biographie Annettes. Was ist Widerstand? Was begeistert Menschen, die sich gegen etwas wenden, das schlecht ist, und für die einsetzen, die sie für gut halten? Mit dieser Frage wird das Epos gegen seine literarische Gattung gewendet. Es wird politisch.

Annette tritt für Menschen ein, indem sie gegen das Schlechte, die deutsche Besatzung Frankreichs und die französischen Kollaborateure des Regimes von Vichy Widerstand leistet. Dem kommunistischen Führungskader missfällt das: „Ihre Bereitschaft zur Aufopferung ist so gesehen nichts als Widerstand gegen den Widerstand und gegen dessen strenge Disziplin.“ (S. 53) Widerstand gegen den Widerstand ist für Annette Einstehen für Menschen, die zu Opfern der Umstände werden. Solcher Widerstand heißt Revolte. Albert Camus (1913 – 1960), dessen Zeitgenossin Annette ist, setzt die Revolte als eine „erste Selbstverständlichkeit“ (Camus, 1972, S. 21) neben das Cogito, sum: „ Ich empöre mich, also sind wir.“ (ebd.) Jene Selbstverständlichkeit der Revolte gründet, Camus zufolge, „den ersten Wert auf allen Menschen“ (ebd.). Die Revolte ist das humane Mittel gegen das Übel des Einzelnen, das sich als kollektive Pest ausbreitet. Was ist die Revolte im Unterschied zur Revolution? Camus genealogische Beschreibung von Revolte und Revolution spitzt den Unterschied zwischen beiden zu: „ die erstere geht von einem Nein aus, das sich auf ein Ja stützt, die letztere von der absoluten Verneinung und verurteilt sich zu jeder Knechtschaft, um ein Ja hervorzubringen, dass an die Grenze der Zeiten hinaus geschoben ist. Die eine ist schöpferisch, die andere nihilistisch.“ (Camus, 1972, S. 204) Die Revolte erschafft das Leben, indem sie uns zum Leben und Lebenlassen auffordert – gegen den Tod als dem „dunklen Sein“ (ebd.). Die Revolte ist originär, unabhängig von der Zustimmung einzelner oder aller. Sie ist der selbstursprüngliche Akt des Menschseins. Darin unterscheidet sie sich grundsätzlich von der Revolution. Die Revolution ist nicht schöpferisch. Sie produziert, handelt „in der stets enttäuschten Hoffnung, eines Tages zu sein“ (ebd.). Im Produzieren verneint sie das Schöpferische, das auf Bestehen, Sein ausgelegt ist. Die Revolution ersetzt das Jenseits durch das Später, wie Camus es formuliert (1972, S. 67). Die Revolution schafft nicht, wonach sie strebt. Sie tritt nicht für den Menschen ein, indem sie ihn zur Revolte gegen das Verfügtsein in den Systemen weckt. Jene mutet ihm die Revolution als die notwendigen Abhängigkeiten auf dem Weg zur letztendlichen Freiheit aller von allem zu. Diese totale Freiheit ist nicht zu erreichen. Denn sie schlägt als totale Freiheit aller von allem zum Nihilismus um. Alles ist dann nichts.

Annette ist der Gegenentwurf zum Revolutionär. Sie kann nicht zur Terroristin werden, weil sie in der Revolution die Revolte lebt. Sie fördert auch in Algerien die Revolution, wo sie nach dem langen Einsatz für den FLN eine politische Funktion erhält. Auch hier steht sie für einzelne Menschen ein. Sie ist auch Ärztin. Für die konkreten Menschen ist das System zu ändern, damit sie keine Opfer bleiben. Heilen muss der Einzelne selbst. Doch schließlich verlässt sie die Funktion und Algerien. Sie hat das Ergebnis der dortigen Revolution erkannt: „Wer Fortschritt wollte, hat jetzt Gleichschritt.“ (S. 201) Über Genf führt ihr Weg nach vielen Jahren zurück nach Frankreich, nach Dieulefit, „alleine, klein und krumm. Krumm nur ein bisschen und auch nur außen; im Inneren ist sie gerade.“ (S. 204) Sie hat sich die Revolte, die Camus als gleichursprünglich mit dem selbstwissenden Verstand erkannte, bewahrt. Sie lebt als Mensch. Annette. Der Name steht für das Leben von Anne.

Annette ist der Gegenentwurf zum Revolutionär, der protestiert, weil er das System verändern will und dabei nicht für den Menschen eintritt. Der Revolutionär nimmt im Protest für die künftig, irgendwann einmal, vermeintlich gute Sache die Beschädigung des Menschen in Kauf. Er demonstriert, ohne sich an für den Einzelnen vernünftige Regeln zu halten. Er produziert auf dem Weg zu mehr Klimaschutz die Erwerbslosigkeit der Einzelnen. Er tritt für die Grundrechte ein, ohne sich ihnen als Einzelner für andere unterzuordnen. Das angestrebte Ziel des Revolutionärs ist die spätere Totalität des Guten, das sich später nur als totalitär und nie am Ziel erweist. Der Stein, den der Mensch gegen alle Schwerkraft den Berg hinaufstemmt, wie im Mythos von Sisyphos, erschafft nicht das Leben. Der Mensch erschafft sein Leben anders. Bevor die erledigten Aufgaben neue hervorbringen, gibt es diese Weile, die dem Menschen von den Produzenten und Revolutionären vorenthalten wird. Sie ist die Zeit für die Revolte. Camus hat sie entdeckt und beschrieben (1959, S. 100 f.). Es ist der Weg zurück an den Fuß des Berges, zurück zur nächsten Aufgabe. Auf dem Weg zurück hat Sisyphos Zeit für alles, was über die Aufgaben hinaus das Leben ausmacht, für das Eigene und das, was er mit anderen teilt. „Ich verlasse Sisyphus am Fuße des Berges! Seine Last findet man immer wieder. Nur lehrt Sisyphus uns die größere Treue, die die Götter leugnet und die Steine wälzt. Auch er findet, dass alles gut ist. Dieses Universum, dass nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. … Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (Camus, 1959, S. 101) Mit dieser Einsicht endet das Heldinnenepos.

  • Weber, A. (2020): Annette, ein Heldinnenepos. Berlin (Mattes & Seitz); zit. im Text nur mit Seitenangabe
  • Camus, A. (1959): Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Reinbek (rororo)
  • Canus, A. /1972): Der Mensch in der Revolte. Essays. Reinbek (rororo)
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