Skulpturenwelt

Schloss Freudenstein, gelegen oberhalb von St. Pauls im Süden Südtirols. Sonnenverwöhnt belohnt die Schlossterrasse den Blick mit Weite und Freiheit. Im Schloss gestaltete der Bozener Bildhauer Andrea Bianco am 16. und 17. Oktober 2021 eine Werkschau, in der er neue Skulpturen mit wenigen früher gestalteten in einem wundervollen gotischen Raum inszenierte. Die neu geschaffenen Frauenskulpturen griffen in ihrer Gold- und Platinlasur etwas von der vornehmen Eleganz des Raums und des stilistisch geschickt eingepassten Mobiliars auf. Sie verliehen sich und dem Saal einen eigenen Glanz. So, als ob sie schon immer diesen Raum durch ihre Präsenz prägten. 

Persönlich freute ich mich, meiner abstrakten Lieblingskulptur (siehe Bild) wieder zu begegnen. Sie wirkte nun schon in mehreren Ausstellungen an unterschiedlichen Orten auf mich. Diesmal war sie fast als Nebensache arrangiert. Wie zufällig fand ich sie auf einer Kommode zusammen mit einer eher wuchtigen Arbeit aus Marmor. Und doch zog sie mich wieder an. Die dunkel schimmernde Glasur der Tonarbeit verwendete Andrea schon bei einigen seiner Frauenstatuen. Ihre geschwungene Form hat etwas weiblich-körperhaftes. Den Körper, die Raumhaftigkeit muss sich der Betrachter aus der zweidimensionalen Anlage der Skulptur er-sehen. Es ist eine flache Tonplatte, die sich aus der Fläche in einer eigenwillig asymmetrischen Symmetrie nach oben öffnet. Erst diese Öffnung führt den Blick in die dritte Dimension, indem die nach oben geschwungene Fläche einen Innenraum schafft – oder ist es eher ein Zwischenraum? Das hängt, wie mir scheint, von der Inszenierung der Skulptur ab. Steht sie frei, dann wird ihr Innenraum sichtbar. Der Betrachter ergänzt unwillkürlich den Raumkörper hinzu. 

Diesmal stand die Skulptur – sie ist meines Wissens namenlos – in Wandnähe. Der Blick kam zwischen den beiden sich in sanfter, vielleicht sogar bergender Kraft emporschwingenden Seitenflächen zur Ruhe. Der Raum, der sich dabei aufspannte, wirkte auf mich nun eher wie ein Zwischenraum. Der fast weiblich anmutende Schwung der nach oben gezogenen Platte fängt den Blick ein, lässt ihn im Zwischen verweilen. Die rechte, höhere geschwungene Seite leitet ihn an den Umgebungsraum weiter.

Jetzt entdeckte ich eine neue, mir noch unbekannte Wirkung der Skulptur. Sie stellt in die Umgebung einen Zwischenraum hinein, der nach den Seiten abgegrenzt etwas Eigenes markiert. Anders als die Frauenskulpturen, die den  Raum um sich herum versammeln, ist es gerade die Hohlform dieser Skulptur, die den Raum unterbricht und zugleich sich mit ihm verbindet. Sie erinnert mich an das aristotelische „metaxy“, das „Zwischen“, das trennt und gleichzeitig vermittelt. Für Aristoteles markiert die Raummetapher des „Zwischen“ die logisch scharfe Differenz zwischen Begriffen. Sie trennt die Begriffe und ermöglicht damit eine logische Vermittlung zwischen ihnen. Was nicht unterschieden ist, kann nicht zum definierten Begriff werden. Zugleich bilden die Begriffe einen syntaktischen Zusammenhang, den der logischen Erkenntnis.

Andrea gelang mit der abstrakten Skulptur eine Bildmetapher für das Zwischen. Der Zwischen-Raum ergibt sich aus der in die Dreidimensionalität aufschwingenden Tonplatte. Sie wirkt durch den Schwung und die Öffnung nach oben körperhaft und markiert, so arrangiert wie in Freudenstein, ein Zwischen im Raumkontinuum, das jenes nicht zerstört, sondern eine Differenz setzt, durch die der Raum als solcher erkannt werden kann. Vielleicht ist es diese Möglichkeit, die Skulptur zu erleben, die mich, wo immer Andrea sie ausstellt, in ihren Bann zieht. 

Viel affektiver als der Blick vermittelt die Berührung der Skulptur, dass die Hohlform etwas Körperhaftes hat. Wer mit den Fingern von Rand zu Rand streicht, dem vermittelt sich diese Körperhaftigkeit als sensitiv-haptisches Erleben. Das Besondere daran ist, dass es die  Bewegung im inneren Raum, eine Bewegung in der Hohlform ist, innerhalb des Zwischen also. Sich im Zwischen bewegen, vermittelt nicht die Erfahrung einer Ortlosigkeit, sondern eher die Erfahrung, dass das „Zwischen“ im Sinne des Aristoteles durchaus real ist, im Moment der logischen Differenzierung sich manifestiert. Es ist – mit einer Formulierung von Richard Rohr – „pure Präsenz“. Damit gewinnt die Skulptur eine weitere Dimension: Sie vergegenwärtigt als Hohlform, als „Zwischen“, die flüchtige Präsenz des Daseinsereignisses. Ihre Spannung bezieht die Figur aus dem Zeigen dessen, was nur erlebt werden kann: Gegenwart, die im Augenblick währt und sich zwischen Zukunft und Vergangenheit ereignet. Bei aller Inhaltlichkeit ist sie – wie die Hohlform der Skulptur – ein „Zwischen“, das den einen Augenblick vom anderen trennt und alle Augenblicke zugleich zur Zeit verbindet. 

Jetzt nähere ich mich wohl dem, wodurch die Skulptur mich immer wieder anzieht. Sie zeigt etwas, was nicht zur Schau gestellt werden kann: die Gegenwart als Zwischenzeit und Hohlform für das sich ereignende Leben. An den Rändern der Skulptur manifestieren sich die Vergangenheit und die Zukunft, unterschieden und doch verbunden. Ein Übergangsszenario. Für mich ist diese Abstraktion eine der gelungensten Skulpturen von Andrea Bianco. Ich folge ihr gerne noch durch weitere Ausstellungen.

%d Bloggern gefällt das: