Bitten eines nachdenklichen Bürgers

Über 700.000 Bürger*innen haben sich in Sachsen-Anhalt wählend für die AfD entschieden. Deutlich weniger Menschen entschieden sich für die demokratischen und fraglos den im Grundgesetz verankerten Menschenrechten und der universalen Menschenwürde verpflichteten Parteien. Das verstärkte meine Nachdenklichkeit zu besorgtem Denken.

Die politischen Stellungnahmen zum Wahlausgang jedoch entsetzen mich. Noch mehr entsetzt mich, was euphemistisch Debatte genannt oder sogar als Diskurs beschrieben wird. Bei einstmals führenden Denker der Diskurstheorie, Apel, Foucault, Habermas, führen die postmortalen Rotationen angesichts solch schlampigen Sprachgebrauchs längst zu schwerem Schwindel. Es handelt sich meist nicht um Debatten und schon gar nicht um Diskurse, was in den jeweiligen Talksendungen wie bei „Hart aber fair“ am 07.09.26 aufgeführt wird. Ich erlebe allseitig zuweilen subtil, zuweilen sehr laut und tachykardisch vorgetragene, aggressive Statements. Keiner hört dem Anderen wirklich zu. Keine versetzt sich in die referierte Position des Anderen, um sie nachzuvollziehen, was eine der elementaren Diskursbedingungen ist. Niemand scheint Interesse an Kompromisslinien zu haben, eine andere Bedingungen von Diskursen. Oder, wie bei Markus Lanz am 07.09.26 : Die neue politische Konstellation zieht eine Immunisierungsmauer auf, die die Brandmauer wie Seidenpapier wirken lässt. Ich vermisse das, was Kern der Demokratie ist, die verständnisorientierte Argumentation, durchaus mit Leidenschaft vorgetragen, jedoch so, dass die Würde des Anderen und das Recht zur freien, menschenwürdigen Äußerung immer präsent ist. 

Und die verantwortlichen Politiker*innen der abgewählten Parteien? Sie blicken mit betroffenen Gesichtern und stammelnder Hilflosigkeit auf ihre schwundstufenhaften Wahlergebnisse. Nossrath Peseschkian (2003), Arzt für psychosomatische Medizin, veröffentlichte einen Band mit Geschichten und Lebensweisheiten: „Klug ist jeder. Der eine vorher, der andere nachher.“ Wie optimistisch! Leider. Was am Schock des Wahlausgangs liegen dürfte, Kluges lässt von Seiten der regierenden oder oppositionellen Politiker*innen noch auf sich warten … Das motiviert mich zu meinen dringlichen Bitten an alle Politiker*innen der demokratie-verantwortlichen Parteien im Land:

  1. Bitte kehren Sie zu einer würdenbasierten, kompromissbereiten und lösungsorientierten Sprache zurück.
  2. Bitte kommunizieren Sie wirklich. Hören Sie wach und einfühlend zu. Lassen Sie den Gesprächspartner*innen Raum, zum Nachdenken, zum Formulieren, zum Aussprechen. 
  3. Bitte versetzen Sie sich in das Argument oder die Positionierung des Anderen, um ihn zu verstehen. Das darf manchmal mit kurzem Schweigen verbunden sein.
  4. Bitte beziehen Sie ihre politische Einschätzung oder Aussage, ihren politischen Vorschlag, ihr politisches Argument bewusst und explizit auf die im Grundgesetz verankerten Menschenrechte, die Menschenwürde.
  5. Bitte stellen Sie in einem Interview, einer Diskussion, einer Debatte immer wieder Ordnung der Argumente und Äußerungen her! Was ist emotional und gemeint? Was ist rational und belegbar? 
  6. Bitte kennzeichnen Sie parteipolitische Einschätzungen oder Interessen und unterscheiden jene von den bruta facta in der Argumentation!
  7. Bitte reflektieren Sie, ob ihre Äußerungen teilbaren politischen Werten, gesellschaftlichen Bedürfnissen oder dem Quoteninteresse von Social und Traditional Media entsprechen!
  8. Bitte lassen Sie sich nicht nur marketingstrategisch beraten, sondern beziehen philosophische Dihairese, soziologische Analyse und psychologische Beschreibung in ihre Sprachlichkeit mit ein.
  9. Bitte denken Sie daran, dass der Frieden, ob der internationale, der gesellschaftliche und der persönliche mit friedensfördernder Sprache beginnt. 
  10. Bitte üben Sie sich in konfrontations- und kompromissbereiter Friedfertigkeit!

Dann fördern Sie vorausschauende Klugheit, belügen sich weniger selbst und werden authentisch, so dass wir, Ihre Bürger*innen, Sie allmählich als verlässlich und vertrauenswürdig erleben – und dann entschieden wählen.

Peseschkian, N. (2003): Klug ist jeder. Der eine vorher, der andere nachher. Geschichten und Lebensweisheiten (2. Aufl.). Herder