3. Oktober 2026. Tag der Deutschen Einheit. Christliche Funktionsträger rufen zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und zum Schutz der Menschenwürde auf. Aus Angst? Aus Zuversicht? Sichere Antworten darauf sind schwer abzuschätzen. Politiker warnen. Vor digitaler Stimmungsmacherei, vor gesellschaftlicher Spaltung, vor sozialer Ungleichheit. Sie mahnen zum Aushalten der Unterschiede zwischen den Regionen zu mehr Toleranz. Wer hört das? Wer hört sich das an? Wo bleibt die Stimme von Politiker*innen?
Deutschlands Einheit hat viele Gesichter. Sie ist schon vom Grundgesetz her föderalistisch als Einheit in Vielfalt konzipiert: „Die Bundespublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ (Art. 20 Abs. 1 GG) Sechzehn Länder mit eigenen Dialekten, unterschiedlichen Kulturen und entsprechenden Bildungsinteressen, Lebenstraditionen und sozial-ökonomischen Gegebenheiten bilden die Bundesrepublik Deutschland, das eine Deutschland.
Einheit ist nicht Einheitlichkeit. Das erleben wir in der Geschichte seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949. Die Vielfalt wurde durch das Recht auf Asyl für politisch Verfolgte (Art 16a Abs 1 GG) gefördert. Seit 1990 erweiterte sich der Bundesstaat um fünf neue Länder in der Wiedervereinigung Deutschlands. Inzwischen leben viele Menschen aus anderen Ländern und Kulturen unter uns. Die Einheit Deutschlands lebt von der Vielfalt der förderalen Strukturen und vor allem von der Vielheit der Bürgerinnen und Bürger. Nichts ist einheitlich, konformisiert. Einheitlichkeit macht breiig und bräsig. Einheit verankert die Vielfalt.
Die Einheit Deutschlands ist eine offene Einheit. Offen für Europa. Die deutsche Einheit fügt sich in die Europäische Union. Sie erschließt sich darin, zumindest bis vor kurzem, dass Menschen aus verschiedensten Ländern, die als Asylbewerber, als Einwanderer, als Gäste die Vielheit Deutschlands bereichern. In Deutschland leben heißt seit vielen Jahrzehnten Teil einer pluralen und diversen Gesellschaft sein. Dies wird auch durch die Teilhabe an der Europäischen Union ermöglicht. Sie ist auch offen für die NATO, die Verteidigungsallianz, die für die vielen Mitglieder ein Ziel formuliert, zusammen, solidarisch und subsidiär demokratische Gesellschaften zu schützen und zu erhalten.
Die Appelle, Mahnungen und Warnungen am Tag der Deutschen Einheit haben ihren ganz eigenen Vorschein: Die Vielheit wird wohl fast der Hälfte der Bürger*innen des Landes zu viel. Sie verstellt ihnen den Blick auf das Einende inmitten der Vielfalt. Dieses Einende ist seit 1949 die im Grundgesetz festgeschriebene Demokratie und der Sozialstaat. Das ist nicht dasselbe wie der Rechtsstaat. Demokratie und Sozialstaat verweisen auf die sich in Freiheit und Verantwortlichkeit immer wieder neu selbst bestimmende Gesellschaft. Diese Gesellschaft sind wir. Jede Einzelne und jeder Einzelne von uns allen. Wir leben mit vielen Freiheiten. Grundlegende sind durch das Grundgesetz gewollt, garantiert und geschützt. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Freiheit der Meinung, die medial geäußert und verbreitet werden kann, und die Freiheit, „sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“ (Art 5 Abs 1 GG). Die Versammlungsfreiheit, „friedlich und ohne Waffen“ (Art 8 Abs 1) gehört dazu wie die Freizügigkeit des Wohnsitzes, die freie Wahl der Arbeit. Freiheit bedeutet zugleich die Verantwortung, die Freiheit zu bejahen, verwirklichen zu wollen. Wir dürfen, ja sollen unsere Freiheiten als Möglichkeiten wahrnehmen und deren Verwirklichung aushandeln. Das ist gelebte Demokratie. Gelebte Demokratie ist es auch, Freiheiten um- und durchzusetzen – friedlich und ohne Waffen, im Rahmen rechtlicher Gegebenheiten.
Das Soziale ist immer mit im Spiel. Das hat mit der Begrenzung der Freiheit zu tun. Alle Bürger*innen, d.h. jede und jeder im Sinne des Grundgesetzes in unserer Gesellschaft Lebende, begrenzen die mögliche Freiheit durch die Notwendigkeit der Verantwortung für einander. Verantwortung für einander zu übernehmen bedeutet, das frei Mögliche so zu verwirklichen, dass der Möglichkeitsraum anderer erhalten bleibt. Oder Bündnisse aushandeln für die Verwirklichung übergreifender Möglichkeiten. Verantwortung im Sinne des Grundgesetzes ist immer auch der Respekt, lieber schreibe ich: die Ehrfurcht vor der Würde jedes Menschen. Damit ist nicht nur die allgemeine Menschenwürde gemeint, sondern auch die konkrete Form, in der die allgemeine Würde des Menschen als höchstpersönliche Würde des einzelnen Menschen gelebt wird. Das reicht von der individuellen Zustimmung und Expression der Würde über die Ignoranz, wie sie extremistische Ideologien zum Programm erheben, bis zum bewussten Verschütten der Würde, was in würdewidrigen Taten und Gedankenspielen ebenso zum Ausdruck kommt wie in der Einschränkung des Universalismus der Würdegeltung oder der strafbewehrten Leugnung der Würde in autoritären und totalitären Systemen. Menschenwürde in ihrem modernen Verhältnis zu den Menschenrechten begründet den Möglichkeitsraum demokratischer Gesellschaften.
Demokratische Freiheit und soziale Verantwortung werden durch die universale, egalitäre und damit unantastbare Menschenwürde begründet. Unantastbarkeit übersieht die Realität der Verletzbarkeit der Würde nicht. Die Menschenwürde wird angetastet, wie es autoritäre, auf Totalitarismus schielende Machthaber, die meist nicht wirklich mächtig sind, weltweit, auch in der Europäischen Union beweisen. Die größte Gefahr, die uns durch sie bedroht, ist, dass die demokratische „Möglichkeitskultur“ (A. Sommer) unser aller als Gesellschaft unterlaufen wird. Der Philosoph A. Sommer (2023, S. 23) beschreibt als deren Inhalt die „Selbstrelativierungskraft“: „Es handelt sich um eine Kultur, die ihre eigene Ordnung tendenziell als gemacht, als kontingent durchschaut: Alles könnte auch ganz anders sein.“ Das verunsichert die Vielen, weil sie den Raum der Möglichkeiten, der nur durch informierte Entscheidungsbereitschaft zu beleben ist, inzwischen zu unübersichtlich empfinden. Vielen ist die Vielfalt zu viel geworden. Sie hoffen auf eine klar gemeiselte Einheit der einfachen Lebensanweisungen und knappen Erklärungsformeln, eben auf „Komplexitätsreduktion“ (N. Luhmann). Dass so verstandene Einheit eine Gesellschaft der Vielfalt beraubt, wie sie die Demokratie mitbedingt, sehen diese Vielen unter uns nicht oder setzen verzweifelt alles auf diese eine – Möglichkeit einer „letzten“ Einheit.
„Das Tote solcher Kontexte“ zeigt sich darin, dass die Konstellation der möglichkeitsschließenden Einheit „aus der Zeit herausgeschnitten und fixiert“ ist. Das arbeitet der Soziologe H. Rosa (2026, S. 73; Hervorhebung v. C.R.) heraus. Konstellationen, die die Vielfalt der Vielen auf eine Einheit zurückblenden, verändern die demokratische Möglichkeitskultur der vermeintlich besseren Übersichtlichkeit wegen zur Schwundstufe einer sozialen Gesellschaft. Sie erwarten das Handeln der Delegaten der Macht zugunsten der Handlungsmüden, an den überfordernden Möglichkeiten Verzweifelten. Vielfalt wird – einfach – auf das wenige, vorgegeben Mögliche reduziert. Das führt freilich zu „Weltverlust“ für den Einzelnen; „denn Welt entsteht dort, wo Menschen sich selbst, ihre Beziehungen und ihre situativen Kontexte zusammen handelnd hervorbringen, kreativ gestalten“ (Rosa, 2026, S. 72, Kursive i.O.). Das ist schon in kleinsten Gemeinschaften so. Die situative, durch Entscheiden und Handeln, aber auch einmal bewusst entschiedenes Seinlassen entstehende gesellschaftliche Lebenswelt vollzieht sich in Raum und Zeit der Menschenwürde.
Die Zukunftsmöglichkeiten unserer deutschen Gesellschaft begründen sich in der Erhaltung der Vielfalt im Einen. Vom Einen ist das Viele kaum zu erwarten. Das Viele vermag sich zum Einen zu verhalten. Die Vielfalt, die „gleichzeitig“ (E. Bloch) zu den Möglichkeiten in der Zeit ist, entsteht durch jede und jeden von uns als Teilhabende und Teilgebende unserer demokratischen Gesellschaft. Dadurch wird sie immer wieder Einheit. Wir werden, wenn wir die Freiheit nicht im vereinfachenden Einheitsbrei rechtspopulistischer Ideologien ersticken, die uns als Politik und sogar noch demokratische verkauft werden soll, mit den Folgen der Freiheit und der Möglichkeiten zu leben haben. Die wichtigste ist die der „geteilten Verletzbarkeit“ (B. Schmitz) menschlicher Würde, die zweite ist das Leben mit Unfertigkeit. Warum sollte Demokratie, die sich menschlich versteht und verhält, nicht ebenso verletzbar und unfertig sein wie das Leben jedes Menschen?
Auf jede und jeden von uns kommt es an. Nicht – einfach – naiv moralisch, sondern aus demokratischer Verantwortung für die vielfältigen Möglichkeiten, denen wir und unsere Lebenswelt konfrontiert sind, wollen wir sie frei erhalten. A. Sommer bringt es auf den Punkt: „Die Kultur moderner liberaler und unfertiger Demokratie ist vermutlich die beste aller bisher möglichen und wirklichen Kulturen.“ (2023, S. 24) Das Grundgesetz Deutschlands hält uns dazu an, das wahrzunehmen und zu wollen. Die Einheit in Vielfalt.
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, zit. nach: https://www.gesetze-im-internet.de/gg/GG.pdf
Rosa, H. (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp
Sommer, A. (2023): Entscheide dich! Der Krieg und die Demokratie. Herder