Denkverschiebung – eine neue olympische Disziplin?

Da ist ein ukrainischer Athlet. Wladyslaw Heraskewytsch. Skeletonfahrer. Er hat seinen Helm mit Bildern dekoriert. Sie zeigen Porträts von Athlet*innen der Ukraine. Opfer des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Kein Wort. Keine Parole. Nichts als die Bilder. Er wurde disqualifiziert, weil er gegen die olympische Regel Nr. 50/1.31 zu ostentativer Werbung oder Propaganda auf Wettkampfgegenständen verstößt. Russland führt seinen Krieg gegen die Ukraine weiter. Obwohl das olympische Feuer brennt.

In der griechisch-römischen Antike sollten während Olympischer Spiele die Waffen ruhen. Pierre de Coubertin, die Wiederbegründer der olympischen Idee in der Neuzeit, wollte jungen Menschen die Gelegenheit geben, im sportlichen Wettkampf statt auf den Schlachtfeldern des Krieges ihre Kräfte zu messen. Welches Zeichen wäre es gewesen, wenn Russland sich verpflichtet hätte, die Waffen während der Olympiade schweigen zu lassen. Und die russischen Sportler*innen hätten an den Winterspielen teilgenommen. Kein Deal unter Präsidenten, sondern ein starkes Zeichen von Friedensbereitschaft!

Stattdessen: Disqualifizierung der Trauersymbolik eines Sportlers aus dem bekriegten Land. Der us-amerikanische Athlet Christopher Lillis verhielt sich klüger. Er sprach vom gebrochenen Herzen im Blick auf seine Herkunftsnation. Ja, in den USA ringt ein Präsident Teile seine Bürger*innen mit brachialen Methoden nieder und wütet gegen kritische Athlet*innen seines Landes. In der Ukraine jedoch geht es um das Überleben einer Nation im Raketenhagel und unter den Drohnenschwärmen eines Aggressors, der einen völker- und immer deutlicher auch kriegsrechtswidrigen Angriffskrieg führt: Russland.

Was der ukrainische Sportler beabsichtigte, formuliert die us-amerikanische Starphilosophin Judith Butler (2021, S. 96) so: „Manche Leben erlangen ikonische Dimensionen – das absolut und eindeutig betrauerbare Leben -, während andere kaum einen Spur hinterlassen – das absolut unbetrauerbare Leben, dessen Verlust kein Verlust ist.“ Herr Heraskewytsch wollte im ikonischen Rahmen der Olympischen Spiele seine Kolleginnen und Kollegen vor der Unbetrauerbarkeit retten. „Der trauernde Protest … macht geltend, dass dieses verlorene Leben nicht hätte verlorengehen dürfen, dass es betrauerbar ist“ (Butler, 2021, S. 97).

Ja, es ist ein Regelverstoß gegen die geschriebene olympische Satzung. Wenn es während der Spiele um den gegenseitigen Respekt der Athletinnen und Athleten geht, symbolisch für den Respekt der teilnehmenden Nationen untereinander, dann geht es auch um die Würde des Menschen. Im Symbol wenigstens sollten gefallene, getötete Athlet*innen auf dem Helm des ukrainischen Sportlers in die olympische Familie aufgenommen werden – genuin dort, wo sich alles entscheidet. In der Wettkampfstätte.

  1. https://www.doa-info.de/images/PDF/Olympische_Charta_2014.pdf, S. 67 – 69 ↩︎

Butler, J. (2021, 2. Aufl.):Die Macht der Gewaltlosigkeit. Suhrkamp

Umwege sind das Leben.

Zuweilen begegnen einem Texte aus der persönlichen Lesegeschichte wieder – und unterbrechen das Denken. An solchen Bruchstellen öffnet sich die Oberfläche der Gedanken. Öffnungen laden ein, dem nachzugehen, was sich außerhalb des eingeschlagenen Denkweges daneben, darüber, darunter entdecken lässt. Tatsächlich geht es nach öffnenden Unterbrechungen für’s Erste „drunter und drüber“. 

Ein Literaturhinweis in Hartmut Rosas gerade erschienen Buch „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ (2026) unterbrach meine Gedanken- und Schreibarbeit. H. Rosa verweist darin auf den Text „Umwege“ in Hans Blumenbergs Buch „Die Sorge geht über den Fluß“ (1987/2022, S. 137 ff.). Als ich die kurze Reflexion zum Umweg vor Jahren erstmals las, floss sie sofort in meine psychotherapeutische Arbeit ein. Immer wieder erwarteten Patient*innen gerade am Anfang einer psychotherapeutischen Behandlung oder dann, wenn die gemeinsame Arbeit sich einem lange vermiedenen Thema des Lebenshandelns oder der Persönlichkeit näherte, den direkten Weg von der Einsicht zur sofortigen, bessernden Veränderung. Kurz: ein Rezept für einen beschwerdefreien Umgang damit. Immer wieder hatte ich dann Blumenbergs (2022, S. 137) Überlegungen zum Umweg vor Augen: „Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren.“ Das ist die These. Er erläutert sie sogleich: „Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendlich viele Umwege.“ Wer sagt, dass der direkte und damit kürzeste Weg auch der für jemand beste ist? Vielleicht verlangt er etwas, was jemand gar nicht zu leisten bereit ist. Er zwingt zu ungewohnter Bewegung und zu Risiken, weil er schmal, rutschig, felsig, steil ist. Möglicherweise überfordert er die Kräfte, die gerade zur Verfügung stehen, oder die Fähigkeiten, die einfach nicht vorhanden sind. Außerdem findet sich, wer sich auf dem direkten Weg bewegt, rasch in Konkurrenz zu anderen, die ihn auch nehmen.

In solcher Lage ist es sinnvoll, sich nach Wegen umzusehen, die besser zum jeweiligen Menschen passen und zum gleichen Ziel führen – mit der Chance, während des Umweges zum Nachdenken über das Ziel und zu neuen Perspektiven angeregt zu werden. Umwege erschließen Spielräume, indem sie aus dem Geplanten heraus in Bereiche führen, die zum Entdecken, Verweilen, zu unerwarteten Begegnungen führen. Die Welt, in der jemand unterwegs ist, zeigt sich aus anderen Perspektiven. Zugleich fordert sie den Menschen auf dem Weg zu umsichtiger Aufmerksamkeit auf. Anfangs beschäftigt die bange Frage, ob auf dem Umweg das Ziel auch fristgerecht zu erreichen ist, ob die persönlichen Ressourcen für den Weg ausreichen. Ob man sich zurechtfinden wird. Mit einem Mal fällt an einem selbst auf, wie varíabel die Bewegungen, die Geschwindigkeiten, das Atmen, die Wahrnehmungen sind. Welche Landschaftsbilder man durchläuft und in welche Stimmungen jemand gerät. Mit einem Mal wächst die Lust auf das Verweilen und jemand lässt sich auf einen Blick, einen Ort, einen Zustand ein. Oder es kommen andere des Weges, mit denen Austausch und Geplauder möglich ist. Der Umweg wird zum Weg eines unerwarteten Lebens und Erlebens. „Nicht jeder erlebt alles, wenn auf Umwegen gegangen wird; dafür aber auch nicht alle dasselbe, wie wenn auf dem kürzesten Weg gegangen wäre.“ (Blumenberg, 2022, S. 137)

Es ist für Menschen, die sich auf einen Umweg einlassen, eine überraschende und bereichernde Einsicht zugleich: Wer den kürzesten Weg beschreitet, macht Erfahrungen, die alle anderen auf diesem Weg auch machen. Das ist die Eigenart des „Konstellativen“, das H. Rosa (2026) beschreibt. Jenes macht Prozesse allgemein nachvollziehbar, indem eine Situation in kleine Schritte zerlegt wird, die eine genaue Abfolge für den Vollzug vorgeben. Wer sich auf Umwege einlässt, verlässt die manualisierten Schrittfolgen – und begibt sich in offene Situationen: „Alles hat Aussicht erlebt zu werden“, wie Blumenberg (2022, S. 137) schreibt. Das verlebendigt das Leben; denn es wird in seinem Herausforderungscharakter angenommen. Die Realität kann in aller Vielschichtigkeit und Multidimensionalität, auch in ihrer Befristung ernstgenommen werden und die Einzelnen suchen ihre sinnvollen Antworten dazu. Jede und jeder ist zugleich frei, das Sinnvolle in der Lage zu verfehlen oder sich gegen es zu stellen, noch einen weiteren Umweg zu gehen. Die Verantwortung für die persönliche Entscheidung liegt dann auch bei den Entscheidenden. Es war Viktor Frankl, der dies zu einer der Grundlagen seiner Psychotherapie machte. Das Ergebnis dieser existenziellen Einsicht und Lebenshaltung, welt- und selbstgestaltend die Anfragen des Lebens zu beantworten, besteht darin, sich selbst als Person in Freiheit und Verantwortlichkeit zu erleben. Umwege geben Spielraum für die Lebensantworten und verhelfen zur Selbstwahrnehmung im Kontext der jeweiligen Lebenswelt. Gleichzeitig gilt auch: Umwege sind kein Patentrezept. Manchmal ist es sinnvoll, den kürzesten Weg mitsamt seiner Vollzugsanleitung zu nehmen.

Umwege ermöglichen, wenn eine „konstellative Lage“ (H. Rosa) den rationalen und kürzesten Weg von A nach B verspricht, zu erkennen, dass in jenem Versprechen die Perspektive sich vom „Handeln zum Vollziehen“ verschiebt (Rosa, 2026, S. 7 ff.; S. 145 ff.). Wer vollzieht, klammert sich selber durch das Abarbeiten einer manualisierten Routine aus. Wer sich auf den Umweg einlässt, der erlebt die Vielschichtigkeit des Lebendigseins. Er begegnet weniger Algorithmen, sondern eher Menschen. „Die Umwege sind es, die der Intersubjektivität ihre Bedeutung … verleihen.“ (Blumenberg, 2022, S. 137 f.) Umwege laden dazu ein, sich zusammenzutun, um die Situation zu meistern. Umwege lehren das Unterscheiden. Nur wer unterscheiden kann, wird auch entscheiden.

Umwege sind das Leben. Die glatten Versprechen der direkten Wege für mehr Sicherheit und Evaluierbarkeit entfremden mitunter vom Leben und lassen Menschen ermüden. Lassen wir uns gerade dann auf die Umwege ein, die manchmal geradezu abwegig erscheinen. Dafür bereichern sie das Leben mit Kultur, Vielfalt und Begegnung.

Quellen:

Blumenberg, H. (2022): Die Sorge geht über den Fluss (7. Aufl.). Suhrkamp

Rosa, H. (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp

Spring vom Stier, Europa!

Der griechische Mythos erzählt, dass sich Zeus in Europa, die Tochter eines phönizischen Königspaares verliebt und sie heiraten will. Er verwandelt sich in einen Stier, stark und anmutig zugleich. Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von einem weißen Stier. Europa fasst Vertrauen, schwingt sich auf den Rücken des Tiers. Das trägt sie in Windeseile übers Meer nach Kreta davon. Dort, auf der Geburtsinsel des Zeus, vermählt sich der Gott mit Europa, deren Name zum Gedenken an sie der Kontinent erhält.

Der alte griechische Mythos, in verschiedenen Varianten verschriftlicht, passt zur jüngeren Geschichte Europas. Seit dem Zweiten Weltkrieg und vollends nach der Auflösung des Warschauer Paktes 1991 ist Europa mit den USA nahezu ehelich verbunden. Über die NATO als Verteidigungsbündnis, über die demokratische Orientierung, über die starken wirtschaftlichen Beziehungen, über den Austausch von Wissenschaftler*innen und Wissenschaft, den Technologietransfer und nicht zuletzt über die Tendenzen und Moden des Lifestyles. Leider entpuppt sich der Stier in der Person zwar nicht des Zeus, wohl aber des aktuellen amerikanischen Präsidenten in einer eher abstoßenden Form. Deshalb gibt es aus der Sicht des europäischen Intellektuellen vor allem einen Rat: Spring vom Stier, Europa! Der Ritt in eine Liebesheirat ist zu Ende.

Die Liste der Untreue ist lang. Sie wird aus europäischer Sicht gekrönt durch das bedrohliche Begehren Grönlands, das zu Dänemark gehört und Mitglied der NATO ist. Inzwischen erwägt der amerikanische Präsident auch militärische Mittel der Annektion. Die (einstige?) Hegemonialmacht der NATO trachtet danach, sich einen Bündnisstaat einzuverleiben. Noch kritischer ist die Grundlage der amerikanischen Dominanzbestrebungen unter D. Trump zu sehen: Das Völkerrecht interessiert ihn nicht, wie er sagt und dokumentiert. Solange es für seine Interessen, die er schon immer mit denen der USA gleichsetzt, nicht nützlich ist. Damit kündigen die USA eine der größten europäischen Errungenschaften internationalen Verkehrs zwischen Staaten auf. 

Als sich im 17. Jhdt. die Neuordnung des europäischen Staatensystems nach dem Dreißigjährigen Krieg abzeichnete, war dieser Prozess von der rechtsphilosophischen Idee eines Völkerrechts inspiriert. Mit dem Westfälischen Frieden (1648) war in Europa zugleich ein Regelwerk entstanden, das als klassisches Völkerrecht bis 1914 galt. Bis zur Mitte des 19. Jhdts. konnten nur europäische Staaten als Völkerrechtssubjekte agieren. Dessen Innovation bestand in der Verrechtlichung der Beziehungen zwischen Nationalstaaten. Es war wie Habermas (2019/4. Band, S. 317) schreibt, „für ‚inter-nationale‘ Beziehungen im buchstäblichen Sinne konstitutiv“. Das Völkerrecht ist eine originäre europäische Idee. 

Nach den beiden Weltkriegen in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. wurden die Grenzen des klassischen Völkerrechts deutlich. Es versagte angesichts des Zivilisationsbruches des nationalsozialistischen Deutschland. Das klassische Völkerrecht bedurfte im Sinne des Weltbürgerrechts I. Kants (1724 – 1804) einer dringlichen Verbindung mit den Menschenrechten, um seiner Hauptintention zu dienen: der Sicherung des Weltfriedens als Garantie für die Geltungsdurchsetzung und Erhaltung der Menschenrechte. Dieses Ziel verfolgten die Charta der UN von 1945 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Als ideengebende Kraft hinter diesem Prozess fungierte die „Debatte um den Weltstaat“, die I. Kant mit seinen Überlegungen zur rechtlichen Sicherung des Friedens in der Abhandlung zum „Ewigen Frieden (1795) und zur Fortentwicklung des Völkerrechts zum „Weltbürgerrecht“ in der Rechtslehre (Metaphysik der Sitten (1798)) angestoßen hatte.

Die rechtsphilosophischen Überlegungen hinter den modernen Weiterentwicklungen des Völkerrechts durch die Erklärung der unveräußerlichen Menschenrechte internationalisierten die verfassungsmäßigen Grundrechte, die demokratische Nationen ihren Bürger*innen garantieren. Als revolutionär bezeichnet der Rechtsphilosoph A. Pollmann (2022) dabei die Verbindung zwischen Menschenrechten und Menschenwürde, so dass „Verstöße gegen die Menschenrechte … jeweils zu einer Verletzung der Menschenwürde gesteigert werden“ können (Pollmann, 2022, S. 339). So erweist sich inzwischen „die Menschenwürde als das inhaltliche Worumwillen der Menschenrechte“ (Pollmann, 2022, S, 357).

Der rechtshistorische Exkurs verdeutlicht, was die us-amerikanische Staatsdoktrin seit dem 11.09.2001 auf völkerrechtlicher Ebene verfolgt. Seit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes verstehen sich die USA als unilaterale Supermacht, die unter den Präsidenten G.W. Bush, B. Obama, J. Biden und vor allem D. Trump zunehmend hegemoniale Ansprüche anmeldet. Die ökonomische Macht Chinas und das durch den Krieg gegen die Ukraine wieder beachtete Russland streben dagegen eine multilaterale Weltordnung an. Die Europäische Union scheint in diesem Spiel nicht als Mitspieler vorgesehen. Die Motive dafür hat D. Trump jüngst deutlich gemacht. Diese Weltordnung soll nicht durch internationales Völkerrecht mit einklagbaren Menschenrechten und den entsprechenden Klage-, Urteils- und Durchsetzungsinstanzen stabilisiert werden, sondern durch Moral und Verstand der Machthaber. Der Stier, auf dem das immer noch verliebte Europa sitzt, droht es abzuwerfen, falls es nicht aus eigener Kraft vom Stier springt. Denn es stört mit seiner Menschenrechts- und Völkerrechtsorientierung, die eng mit seinem Wertezusammenhang verbunden ist. Verlangt es doch nachvollziehbare, rationale Legitimation und Allseitigkeit der staatlichen Beziehungen.

Europa, die Europäische Union, bezieht die Macht aus den vertrauten völkerrechts- und menschenrechtsbasierten Verfahren und Diskursen. Es vermag diese Diskurse durch weltweit einzigartige ideen- und kulturgeschichtliche Ressourcen zu begründen, belegen und in dieser besonderen aufgeklärten, kritisch-theoretischen und kulturellen Sicht immer wieder neu zu denken. Seine Macht ist nicht einseitig ökonomisch, weil es die Wirtschaft nicht nur liberal denkt, sondern den Liberalismus sozial und zunehmend auch ökologisch einhegen kann. Das enorme theoretische, wissenschaftliche, kulturelle, zivilisatorische, soziale Potenzial befähigt Europa dazu, Politik aus dem Frieden heraus zu denken. Es ermöglicht der Europäischen Union einen rechtsstaatlichen, demokratischen und ökologischen Lebensraum zu entwickeln, der sich notfalls auch militärisch zu verteidigen weiß, ohne die globale Überlebensfähigkeit in Frage zu stellen.

Deshalb: Spring vom Stier, Europa. Er entführt dich sonst in die Bedeutungslosigkeit, die unsere Erde mehr gefährdet als widerrechtliche Kriege, als wirtschaftliche Repressalien oder naiv unhinterfragte zivilisatorische Entwicklungen. Spring vom Stier wieder auf deine eigenen Beine und traue der Standfestigkeit, die dir der weltweit umfassendste ideengeschichtliche Prozess in deiner Geschichte jederzeit verleiht. Ein solches, selbstbewusstes Europa ist mehr als eine Militärmacht, eine Wirtschaftsmacht. Es ist eine ideelle und dem Leben zugewandte Macht, die die Welt erst vermissen wird, wenn sie sich in die Bedeutungslosigkeit entführen ließe. Diesen Trauerprozess sollten wir Europäer*innen dem Rest der Welt durch eine neue Selbstermächtigung analog zu I. Kants Aufklärung ersparen.

Quellen:

Habermas, J. (2019): Philosophische Texte. Band 4 (3. Aufl.): Politische Theorie. Suhrkamp

Menke, C. & Pollmann. A. (2017): Philosophie der Menschenrechte. Zur Einführung. Junius

Pollmann, A. (2022): Menschenrechte und Menschenwürde. Zur philosophischen Bedeutung eines revolutionären Projekts. Suhrkamp

Kant, I. (2024): Die Metaphysik der Sitten. Werkausgabe Band VIII (ed. W. Weichedel; 20. Aufl). Suhrkamp

Kant, I. (2023): Zum Ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Werkausgabe Band XI (ed. W. Weischedel; 21. Aufl.). Suhrkamp, S. 191 – 251

Mehr apokalyptisches Denken, bitte!

Apokalyptik ist nicht in erster Linie eine literarische Gattung voll großer Krisenbilder und Untergangseskalationen. Sie ist nicht allein das literarische und cineastische Surfen auf der Bugwelle der Überlebensangst. Ursprünglich ist Apokalypse eine Zeitform. Sie verbindet die ausstehende Zukunft, das was sich zeigen wird, mit dem, was sich heute schon, also in der Gegenwart, darüber andeutet. Die Zeichen der Zeit können Krisen auslösen, die wort- und bildstark beschrieben und inszeniert werden. Jede apokalyptische Zeitvorstellung sieht und denkt die Zeit befristet, endlich. Die letzte ausstehende Zukunft ist das Ende der Zeit. Das Ende der Zeit kommt auf die jeweilige Gegenwart zu. 

Der Zeitbegriff, der Apokalypse zu denken ermöglicht, entstand im antiken Judentum. Er nimmt die Befristung der Zeit mittels eines einmaligen, unwiederholbaren Anfangs und eines sicheren, allen Menschen und deren Lebenswelt bevorstehenden Endes ernst. Dadurch unterscheidet er sich von Zeitbegriffen, die in Zyklen denken. Die Zeit kommt dann immer wieder auf ihren Anfang zurück, um diesem neu zu entspringen. Das Gegenwärtige vergeht und lebt in der Wiederkehr der Zeiten wieder auf. Die erlebbare Zeit ist entfristet, weil sie in einer Art Analogie wiederkehrt. So kann sie als die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (F. Nietzsche) der antiken kleinasiatischen und griechischen Kultursphäre oder in der Denkform der Hindureligionen und des Buddhismus als Wiederkehr in Varianz gedacht werden. Der jeweils neue Zeit-Zyklus ist Bild eines schon vorhandenen. Darin ist keine Apokalypse denkbar. Denn die Wirklichkeit endet nicht. Sie lebt und lebt im ewigen Kreis des Ursprünglichen. Sie kommt über den Ursprung nicht hinaus.

Apokalypse nährt sich aus der Spannung zwischen dem Leben in der Zeit und dem Ende der Zeit. Sie geht von einem Zeitverlauf aus, der von einem Anfang her zu einem Ende kommt. Im Wirklichen trifft der Lebende überall auf Befristung und Endlichkeit. Nichts währt ewig unter der Sonne. Nicht einmal die Sonne selbst. Das Ende deutet sich in Krisen an, in Entscheidungszeiten, die das Ende verzögern oder mildern sollen. Hoffnung keimt in der Krise, dass im Ende das Rettende erscheint, in alten Zeiten transzendente Rettergestalten, in modernen revolutionäre Prozesse. Beiden traut die apokalyptische Hoffnung zu, dass sie die rettende Wahrheit der Zeit enthüllen (apo-kalyptein, altgriechisch und übersetzbar mit aufwickeln, enthüllen) und einen Sinn der Endlichkeit zeigen.

Wir begninen gerade ein neues Jahr. Manchmal scheint es angesichts existenzieller, persönlicher und politischer Déjà-vus, dass sich eben doch alles wiederholt. Das mag uns so erscheinen, weil es für uns affektiv einfacher zu leben ist. Im untätigen Klagen zu leben scheint weniger Energie zu verschlingen, als sich zu neuem Tun, zu neugierigem Empfinden oder zu persönlichen, sinnvollen Einstellungen zum vorerst Gegebenen zu motivieren. Zyklische Zeitbilder motivieren nicht. Sie raten eher zur Duldung der gegenwärtigen Gegebenheiten, in der Erwartung, dass sich im nächsten Lebenszyklus für die Gegebenheiten veränderte Perspektiven einstellen. Das Karma ändert sich und mit ihm die Lebensmöglichkeiten. Oder, eher idealistisch-gnostisch gedacht, es entsteht im nächsten Zyklus etwas, das vor den Widrigkeiten des gegenwärtigen Lebens bewahrt. Das kann eine Rettergestalt oder – eher postmodern strukturalistisch gedacht – ein rettendes System, ein neuer Text, ein befreiendes Narrativ sein.

Ebendas führt der Beitrag von M. Andree zum Thema „Nachruf auf den Liberalismus“ (SZ, 01.01.2026) vor. Er entlarvt die neue „große Erzählung“ von Trump und der Tech-Bros als „Abschaffung des Wettbewerbs bei Wirtschaftsgütern“ und des „Wettbewerbs der Ideen“. Dadurch entsteht Platz für digitale Meinungskontrolle, für Polarisierung und Populismus, befeuert durch die radikalisierende Empörung priorisierenden Algorithmen in den digitalen Medien, Platz für Deregulierung und Marktmonopolisierung. Das alles auf Kosten der diskursintensiven und differenzierenden, verantwortlichkeits- und freiheitsbewussten politischen und sozial-marktwirtschaftlichen Mitte. Darin wird die sinnproduktive Spannung der apokalyptischen Zeitform  der Befristung der Zeit aufgekündigt – und mit ihr die stete Abwägung von Freiheit und Verantwortlichkeit, der kritischen Unterscheidung zwischen Intention und universellem Wert und individuellem Sinnzusammenhang, letztlich der Zusammenhang von autonomem Weltbezug, selbstbestimmten Lebensverhältnis und der Möglichkeit zur souveränen Ausnahme, die sich in der höchstpersönlichen Würde des Menschen ausdrücken (Riedel, 2025). Knapp zusammengefasst: Menschenrechte, Völkerrecht, Ethik, Normativität und Legitimierung werden ignoriert und beseitigt.

Es war der Philosoph und Theologe J.B. Metz (1928 – 2019), der auf die Folgen eines Wirklichkeitsverständnisses hinweist, das die Zeit „entfristet“: Das wissenschaftlich-technische Wirklichkeitsverständnis „ist geprägt von einer Vorstellung von Zeit als einem leeren, evolutionär und ins Unendliche wachsenden Kontinuum, in das gnadenlos alles eingeschlossen ist. … Dieses Zeitverständnis treibt jede substantielle Erwartung aus und erzeugt so eine heimliche Identitätsangst, die an der Seele des modernen Menschen frisst. … Aus der heimlichen Angst vor der zeitlosen Zeit nährt sich auch, was man jüngst [1985!] den Zynismus der Moderne genannt hat: der Kult der Apathie, das Sich-Herausdrücken aus den Gefahrenzonen der geschichtlich-politischen Verantwortung, das anpassungsschlaue Sich-Kleinmachen, das Nischendenken, das Leben in kurzfristigen Intervallen, eine Mentalität schließlich, die uns zu Voyeuren des eigenen Untergangs machen kann.“ (Metz, 2017 [1985], S. 100 f.) Ergänzen wir die Hellsichtigkeit der Analyse noch durch das, was vorher im SZ-Beitrag von M. Andree beschrieben wurde, dann zeigt sich: Die Zeitentfristung ist heute als ein ins gestaltlose Unendliche treibender Prozess zu verstehen. Das deutet sich im „Pantextualismus“ (Ilouz, 2025, S. 33 f.) der Theorie der Postmoderne an. Sie sieht das soziale Leben als ein „Netz von Zeichen, Texten, Diskursen, diskursiven Formationen“, also als Text an, der seine Bedeutung aus seinem Organisationsprozess selbst bestimmt – befreit von jeder Autorschaft. Das drückt sich in der „digitalfeudalistischen“ und „libertären“ Herrschaft von Trump und Tech (Andree, 2026) aus. Die technische AI soll alles steuern, Sprache, Inhalte, Prozesse.

Die apokalyptische Zeitvorstellung unterbricht kritisch die Dynamiken der „zeitlosen Zeit“ (J.B. Metz); denn sie drängt auf die Wahrnehmung der Befristung. Jene ermöglicht den Blick auf das Herkunftsbild der Gegenwart, das einen Anfang in der Geschichte voraussetzt. Das ermöglicht die Differenzbestimmung zwischen Bleibendem und Veränderung. Die Befristung der Zeit konstituiert eine Zukunft, für die, da inhaltlich noch unbestimmt, Gestaltungsentscheidungen möglich sind. Für sie sind die Entscheidenden verantwortlich. Entscheidung setzt nicht nur Wahlmöglichkeiten, sondern auch Wahlbereitschaft und die Fähigkeit voraus, sich in Verantwortung für die Folgen auf etwas festzulegen. Darin besteht unsere Freiheit. Wir können, mögen, dürfen – und sollen. So affirmieren wir unsere Würde als einmalige und einzigartige Personen (Riedel, 2024). Die Befristung der Zeit verweist auch auf das Ende der persönlichen und der historischen Zeit und fordert jede und jeden von uns auf, in Würde unsere Zeit zu leben. In der Zeit entspannt sich der Lebensraum, indem gelebt und erlebt werden kann. Wirklich „kann“: Im Frieden wird dieses Leben in Würde gefördert; denn der Friede kann und das Leben wird enden. Gewalt erzwingt die Würde, um bis zum Ende der Frist zu überleben. Immer entscheidet der einzelne Mensch, ob er, was er kann, auch mag; ob er sich im Vertrauen auf ein Sollen und Dürfen gegen die Hindernisse sinnvoll durchsetzt. Wir Menschen leben in einer befristeten Zeit. Ein anderes Leben haben wir nicht.

Die befristete Zeit braucht den Menschen, der sie lebt. Wird die Zeit entfristet, wird der Mensch alsbald überflüssig. Eines bleibt, ob wir es so sehen wollen oder auch nicht: Es sind wir, die entscheiden, ob die Zeit unser Lebensraum bleibt. Ob wir also aus kritischen Motiven heraus, das Unbequeme, weil Unangepasste, wählen – oder uns in der Meinung, dass dabei wenigstens etwas für uns abfällt, den destruktiven Kräften anpassen. Apokalyptisches Denken fordert Entscheidung. Deshalb bitte ich um mehr Apokalypse für dieses Jahr.

Quellen:

Andree, M. (2026): Nachruf auf den Liberalismus, in: https://www.sueddeutsche.de/kultur/liberalismus-monopole-tech-oligarchie-usa-gegenwehr-li.3359403

Illouz, E. (2025): Der 8. Oktober (2. Aufl.). Suhrkamp

Metz, J.B. (2017): „Der gefährliche Christus – oder Vermutungen über eine Unterbrechung der Moderne (1985), in: ders.: Gott in Zeit. Gesammelte Schriften, Band 5. Herder, S. 97 – 105

Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliative Care. Hogrefe

Riedel, C. (2025): Verletzbarkeit und Würde, in: Das Jahresheft. Praxis Palliative Care / Demenz Nr. 17 (2025), S. 26 – 29

Metaxy und Moira

Der Bozner Skulpturenkünstler Andrea Bianco fordert die jeweiligen Neubesitzer eines Werkes auf, den Figuren Namen zu geben. Metaxy benannte ich die Tonskulptur in ihrer abstrakten, dennoch klaren Form. Ihre beiden asymmetrischen „Flügel“ begrenzen den Binnenraum der Skulptur, in dem sie den umgebenden Raum unterbrechen. Nicht hart, nicht schneidend. Dafür sind sie zu abgerundet und in leichtem Schwung geformt. Geschmeidig bergen sie den Innenraum, der durch ihre Auffaltung entsteht. Die Figur symbolisiert mir ein Dazwischen, das immer offen ist für die Vermittlung. Es erinnert mich an die Funktion des „Metaxy“ bei Aristoteles, das vermittelnde und zugleich unterscheidende Zwischen von Denken und Sein. 

Die zweite Figur stellt eine Frau dar. Sie ist in anthrazit glasiertem Ton gestaltet. Ihr Gesicht hat Gestalt, ohne ausgestaltet zu sein. Das dem Oberkörper eng anliegende Kleid faltet sich nach unten aus. Sie wirkt auf mich unnahbar und undurchdringlich. Mit ihrer Präsenz nimmt sie den Raum ein, so als schieden sich an ihr die Geister. Ich habe sie Moira genannt, das Schicksalhafte.

Für mich passen beide Figuren, Metaxy und Moira, zu den kommenden Tagen „zwischen“ den Jahren. Diese Tage, dem vergehenden Jahr zugehörend, wirken wie eine Zwischenzeit zwischen schon gelebtem und erlebtem vergangenen und dem auf mich zukommenden Jahr. Sie bilden zwischen den Zeiten der Jahre eine Eigenzeit und einen Eigenraum – wie Metaxy es intendiert. In jenen präsentiert sich Moira. Was war das Geschickte in der gerade vergehenden Zeit? Was schickt sich für das nächste Jahr an? 

Noch wichtiger sind für mich die Fragen: Wie bin ich dem Geschick der Zeit 2025 nachgekommen? Konnte ich das, was mich sinnvoll anging, von dem, was keine Aufgabe für mich war, unterscheiden? Setzte ich meine Energie so ein, dass ich mich den Aufgaben meistenteils gewachsen fühlte? Hatte ich den Mut, das ergebnislos Mühevolle auch sein zu lassen, weil es sich als sinnwidrig erwies? Öffnete ich mich dem Genuss, der sich mir anbot? War ich bereit für solidarisches Engagement? Und im Blick auf die kommende Zeit 2026: Wer kann ich noch sein? Welche Aufgaben warten erneut oder neu und überraschend auf mich? Was kann ich getrost im Sein ruhen lassen, wohin ich es überantwortet habe? Wie will ich die Zwischenzeiten und -räume nutzen? Wofür?

Die Beschäftigung mit solchen Bilanzfragen braucht diese Zwischenzeit und den geschützten Zwischenraum. Die Weihnachtsfeiertage lassen viele Menschen aus der Zeit fallen. Manche können sich das sogar bis Neujahr gönnen. Die Tage „zwischen den Jahren“ halten Zeit vor, die abgeschirmt wirkt von den drängenden Themen des persönlichen und des öffentlichen Lebens. Sie laden ein, über die großen Lebenslinien nachzudenken, wie ich sie in den Fragen des vorangehenden Abschnitts skizzierte. Wir können Moira hinterfragen. Nicht alles Geschick ist auch Schicksal. Manches am Geschickten hängt nach, weil ich die Aufgabe darin, den Anruf an mich nicht, verzerrt, unvollständig wahrnahm. Oder ich wollte einfach nicht eingehen auf das, was mich da ansprach. Manches ist schicksalshaft in seiner unveränderbaren Gegebenheit. Ich bin damit, zuweilen auch unerwartet, konfrontiert. Den unveränderbaren Fakten bleibe ich dennoch nicht ausgeliefert, auch wenn ich nur eines ändern kann: meine Einstellung zu ihnen. Wie ich dem Unveränderbaren im Leben begegne, ist das vermeidend, abwehrend, ergeben?  Mag ich eher in weiser Abwägung und Reflexion einen Weg gestalten und das Leben samt nicht dem ignorierbaren Geschick darin weiterführen. Frei bin ich darin, mich zu entscheiden. Manchmal nur noch in sehr engen Grenzen frei. Hier begegne ich wieder Metaxy, dem Zwischenraum, der offen genug ist, sich auch in Bedrängnis aufrecht zu erhalten.

Der Moira werde ich auch in 2026 nicht entkommen. Ihr Horizont ist ja schon angedeutet oder gar ausschraffiert. Deshalb – und das ist die Kraft der Skulptur, die ich Metaxy nannte, – braucht es die Pflege dieser Zwischenräume und Nischen. Sie ermöglichen den Rückzug, um im weisen Erwägen und abgeschirmt von der Unmittelbarkeit des Drängenden sich zu sammeln und zu orientieren.

Die Bilder sind meine Fotos der beiden Skulpturen Metaxy und Moira des Künstlers Andrea Bianco, Bolzano/IT (https://www.biancoandrea.com/), die mich seit einigen Jahren begleiten.

Das Wort ist der Anfang.

„Im Anfang war das Wort. … Alles wurde dadurch, und außerhalb dessen wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Dunkelheit und die Dunkelheit nahm es nicht auf.“ (Joh 1, 1a; 3 – 5)

Ein gegenwärtiger Text, gut 2000 Jahre alt. Er stellt die Macht des Wortes geradezu aus. Das Wort steht als Anfang von allem. Im Wort ist das Leben, das der Menschen Licht ist. Dieses Licht leuchtet in das Dunkle. Das Dunkle nahm es nicht auf. Damit beginnt die Reflexion. Doch der Reihe nach.

Unser Leben geht auf das Wort zurück, behauptet der Text: Im Anfang war das Wort. Es bezeichnet wohl schon immer das, was ist. Genaueres erfahren wir nicht. Wir müssen die Auslassungspunkte füllen. Da steht: „und das Wort war auf Gott zu, und Gott war das Wort. Es war im Anfang auf Gott hin.“ (Joh 1, 1b – 2) Wollte der Autor das Wort bestimmen, fiel ihm nur der Gottesbezug ein. Das Wort war auf Gott hin; es steht also in Relation zu Gott, der das Wort ist. Wenn Gott im Anfang ist, was heißt das für das Wort? Jedenfalls steht es in Beziehung zu Gott – und Gott, der das Wort ist, in einer Beziehung zum Wort. Gott und Wort referieren aufeinander; sie sind für einander wie austauschbare Bezugspunkte. Eine Tautologie. Sind wir damit weiter? Die Anfangsverhältnisse, die nicht gleich Ursprungsverhältnisse sind, sind hier nicht zu klären. Mich interessieren die Folgen.

Dem Wort, gleichgültig woher, weil selbstbezüglich, tautologisch, eignet Macht. Denn durch das Wort wurde alles Vorfindliche. Nichts Vorfindliches lässt es aus. Was vorgefunden wird, ist Leben. Nicht „das“ Leben, sondern abstrakt: Leben. Wort und Leben stehen zu einander in einer schöpferischen Beziehung. Leben ist ohne Wort weder denkbar noch real. Die ganze Überlegung erinnert an die Textidee der französischen Philosophie in Anschluss an Jacques Derrida (1930 – 2004). Alles ist Text, gefügtes Wort – ohne ein Subjekt angeben zu können, das den Text gestaltet, und ohne eine Bedeutung angeben zu können, auf die der Text referiert. Der Text entfaltet seine Bedeutung im Akt der Interpretation, die seiner Struktur, seiner Grammatik, seinen Spielregeln nachgeht. Ziel ist das Aufspüren der Macht, die sich im Text chiffrierte. Wer den Text versteht, versteht Macht, die, mit einem Blick auf den Johannestext, mit Leben zu tun hat. Versteht also, wer den Text versteht, Macht und Leben? Hier hielt die philosophische Theorie des Textes an. Der biblische Text geht weiter.

Leben ist das Licht der Menschen, das in der Dunkelheit leuchtet. Jene nimmt es nicht auf. Wenn sie das Licht nicht aufnimmt, reflektiert sie es dann? Bleibt das Leuchten des Lichts dem Dunklen äußerlich? Das Leuchten vermag die Dunkelheit nicht aufzuhellen. Es wirft sich auf das Dunkle, dringt nicht ein. Wird es zurückgeworfen, reflektiert? Reflektiert das Licht in seinem Leuchten, wenn schon nicht die Dunkelheit, dann sich selbst? Wird das Licht sich so seiner Wirkung, seines Leuchtens bewusst? Erfasst es in der Reflexion sich selbst als Leben? Ist das Licht eine Äußerung des Lebens und das Leuchten die reflektierende Wirkung des Lichts? Sind also Leben und Reflexion aufeinander bezogen? Dieser Bezug ergibt sich im Wort. Damit erhellt sich zumindest, worin die Macht des Wortes besteht: Leben und Reflexion in eine Beziehung zu einander zu bringen.

Wie wirkt es sich auf die Macht des Wortes aus, womit ich den Johannestext verlasse, wenn das Wort zunehmend durch das Bild ersetzt wird? Das Merkmal der Gegenwart besteht nicht im ausdrucksvollen Bild. Jenes kannten und schätzen alle Kulturen, in denen Bilder zugelassen sind. Bild und Wort blieben darin auf einander bezogen. Die Macht des Wortes drückt sich im Bild aus. Ob in antiken Zeus-Bildnissen, in gotischen Kreuzigungsdarstellungen, in den Porträts der Renaissance oder in barocken Residenzbildern bis hin zu expressionistischen und dadaistischen Bildern: sie erzählen von der Macht des Wortes, zuweilen von der des schwindenden Wortes. 

Heute sind wir mit anderem konfrontiert: das Bild ist noch im besten Fall die überkonturierte Ablichtung eines Geschehens. Im schlechten Fall wird es zum Fake, zur möglichst verwechslungsechten Vorspiegelung der Realität in der Pose. Dabei vollzieht sich psychologisch gesehen eine erstaunliche Umkehrung: die Realität gleicht sich dem gefakten Bild an. Es scheint so, dass Influencer*innen sich aus dem Fake, den sie von sich machen, kaum mehr befreien können. Dass Politiker*innen den eigenen Wahlkampfbildern entsprechen müssen. Dass Bilder die Ereignisse ersetzen, wie wir es in der hybriden Kriegsführung erleben. Das Bild wird mächtiger als die Realität, indem es sich der Wirklichkeit durch Inszenierung bemächtigt. Das inszenierte Selfi ersetzt das Ich- oder Wir-Sagen. Es erzählt nicht, dass und wie ich in einem Ereignis bin. Es zeigt mich in der eigenen Pose, die die Objektivität der Szene überlagert. Die diskursive oder erzählende Macht des Wortes wird durch die Inszenierung im Bild überboten. Das Wort degeneriert zum zahnlosen Kommentar des Bildes, das durch die täuschend echtheitsnahe Inszenierung des erwünschten Interesses mit beeindruckender Macht aufgeladen wird. Was sollen noch Worte, wo Tatsachen durch Bilder ersetzt werden, wo rationale Argumentationen durch die affektierte Schlagkraft der Bilder überboten werden. Reflexion wird im Bild zur Ideologie oder Propaganda, kritischer Diskurs durch Bildergalerien entwertet. 

Wem trauen wir mehr? Dem Bild oder dem Wort? Trauen wir dem Wort noch Information, Nachdenklichkeit, Emotionalität zu? Oder trauen immer mehr Menschen den Bildern? Es ist ja längst nicht mehr „das“ Bild. Es sind die zahllosen Bilder, die Stimmungen statt Informationen transportieren, die affektierte Meinungen statt abwägender Gedanken anregen. Auch die Bilderflut hat Methode. Denn Bilder überfluten das eine, starke Bild, das ein Wort hervorruft oder unterstreicht. Sie ersetzen das „Wertvolle durch das Vielfache“ (C. Riedel) und machen so die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Abbildung, zwischen Tatsache und Meinung, zwischen Argument und ideologischer Pose zunehmend schwerer.

Vertrauen braucht das Wort. Es beruht auf der einfühlenden Wahrnehmung in einen Menschen und dessen Lebenswelt. Es lebt von der „Kultur der Wortfindung“ (U. Böschemeyer), in der behutsam erwogen ausgesprochen wird, was Vertrauen stiftet. Das Wort, die Sprache bildet den Raum der Würde, in der Menschen verbunden sind und durch die das Vertrauen zueinander gestiftet und gehalten wird. Sprache drückt in Worten aus, dass wir alle verletzbar sind, endliche Menschen, denen Fehleinschätzungen unterlaufen können, die wieder mit Worten geklärt werden können. Wenn einmal Wort gegen Wort steht, bleibt immer noch der Diskurs, der Austausch, die vertrauensvolle Versicherung der Aufrichtigkeit und der Wahrhaftigkeit – oder die stumme Nachdenklichkeit. In jener bereitet sich das Wort vor, bei dem wir Menschen dann einander nehmen. Wir nehmen uns beim Wort, nicht beim Bild. In Worten versprechen wir einander, mit der Wahrhaftigkeit ernst zu machen. In Worten bezeugen wir unsere Liebe und unsere Liebenswürdigkeit. Auf das Wort sind wir verwiesen, wenn wir uns vereinbaren. 

Verlassen wir uns in der Verbundenheit und Intimität vor allem auf Bilder, dann verlassen wir den Raum des Menschlichen und der Würde. Das Leben ist auf die Macht des Wortes verwiesen. Die Quellkulturen der hebräischen Bibel wussten von dieser Macht: Gott sprach und es wurde. Der griechisch geprägte Kulturraum des Neuen Testamentes vertraute der Macht des Wortes. Die neuzeitliche Aufklärung und die moderne kritische Kommunikationstheorie erst recht. Machen wir den Anfang mit dem Wort und erhalten so unsere würdevolle Macht inmitten der Bilderfluten, die das Wirkliche relativieren und den Menschen zur Pose, wenn nicht zur Posse machen.

Die Idee zu diesem Blog verdanke ich Gerhard Busch.

Im Blog greife ich zudem Texte auf, die ich im aktuellen Jahresheft der Zeitschriften Praxis Palliative Care / Demenz Nr. 17 (2025) veröffentliche.

Der Triumph der Mörder über das unschuldige Opfer

Max Horkheimer, der Mitbegründer der Frankfurter Schule, sprach in einem 1970 veröffentlichten Interview von „einer Sehnsucht danach, daß der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge“ (Horkheimer, 1970, S. 60). Mit dem 28-Punkte-Plan, der heute veröffentlicht wurde (Süddeutsche Zeitung, 22.11.2025), triumphiert der Mörder über das unschuldige Opfer. Wider die Sehnsucht steht ein weithin rechtswidriges und in keinem wesentlichen Punkt zu Ende gedachtes Kontra. Der Plan ist ein desaströser Text, in dem Putin seine (nicht einmal erreichten) Mindestkriegsziele per Dekret (Nr. 21: Anerkennung von Krim und des ganzen Donbass als russisches Gebiet; Nr. 19: nicht näher bezifferte Stromanteile aus Saporischja für Russland) festschreiben lässt. Ein demütigender Text, der der Ukraine den Beitrittsausschluss zur Nato als Verfassungselement, die Größe der Armee, die Atomwaffenfreiheit diktiert. Ein entwürdigender Text, der der Ukraine „erlaubt“, der EU beizutreten (Nr. 11), nach 100 Tagen Wahlen festlegt (Nr. 25) und eine Amnestie für alle Kriegsbeteiligten (Nr. 26) festschreibt, also auch vollumfänglich für die russischen Aggressoren und deren Verantwortungsträger!

Welcher Staat wird die Ukraine sein, wenn sie diesen 28 Punkten zustimmt?

Ein Staat von Gnaden einer (Noch-)Weltmacht und einer Begierde-Weltmacht, die der grundlose Aggressor im Krieg ist. Ein Staat, dem inzwischen fast vier Jahre lang ein Krieg aufgezwungen wurde, der das Völkerrecht (UN-Charta von 1946) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 ignoriert, der sich über das Kriegsrecht (Genfer Konventionen von  1824, 1929, 1949) hinwegsetzt. 

Die Ukraine wird ein Staat sein, der seine Souveränität nicht mehr wahrnehmen kann. Denn eingeschränkte Souveränität ist begrifflich gesehen keine Souveränität mehr. Sie ist Abhängigkeit, die die Unterwerfung unter einen Vertrag für einen Waffenstillstand voraussetzt, der dem Angreifer Rechte gibt und dem Angegriffenen Rechte nimmt. 

Die Ukraine wird zu einem Staat, der in den Verhandlungen über einen Frieden einfachhin übergangen wurde, für dessen Bruch mit der Folge eines ins Land getragenen Krieges durch Putins Russland er nicht der verantwortliche, sondern der erleidende war. Die Ukraine wird zu einem Staat, dem staatserhaltende Schritte wie die Natomitgliedschaft unter Einwirkung auf das Souveränitätsrecht der Verfassungsgestaltung verboten oder wie die EU-Mitgliedschaft von Dritten erlaubt werden, die sich per Diktat zu Siegern im Krieg (Russland) und zur Dekretierungsinstanz (USA) erklären. Die Ukraine wird zu einem Staat, für dessen Waffenstillstand, der längst kein Frieden ist, nicht die Völkergemeinschaft, keine Regierung, sondern der Vorsitzende eines „Friedensrates“, nämlich Präsident Trump (Nr 27) garantiert. Die Ukraine wird zu einem Staat, der nicht mehr zur Gänze über seine Energieversorgung, seine Ökonomie und seinen militärischen Schutz entscheiden und bestimmen kann.

Würden Sie, würden wir in einem solchen Staat leben wollen, dessen Betroffenheit durch einen ungewollten, aber aufgezwungenen Krieg, den er nicht einmal verloren hat, vom Kriegsverursacher willkürlich festgeschrieben wird?

Würden wir in einem Staat leben wollen, dem seine Souveränität abdekretiert wird, ohne dass er souverän entscheiden kann, wieviel Autonomie er z.B. an die EU, an die Nato freiwillig und aus Staatsraison abtritt oder behält?

Die wichtigste Frage zuletzt:

Was bedeutet der 28-Punkte-Plan für die Demokratie in der Ukraine? Wie kann eine Demokratie sich erhalten und entfalten, wenn es dem Souverän, den Bürger*innen der Ukraine, nur noch in Teilen erlaubt ist, selbstbestimmt und autonom zu entscheiden? Wie verändert sich die Demokratie, wenn der Souverän erkennen muss, dass er zwar Souverän ist, aber keine souveränen Akte mehr vollziehen kann?

Der 28-Punkte-Plan, betrachtet man nur die die Ukraine unmittelbar betreffenden Aussagen und Dekretierungen, demütigt die Ukraine, ihre Bürger*innen und die durch jene demokratisch legitimierte Regierung. Er spricht den Bürger*innen die Würde ab, sich als Staat frei, selbstbestimmt und verantwortlich vor dem Menschenrecht und dem Völkerrecht, zu gestalten. Er nimmt damit den Ukrainer*innen im Letzten das Recht, vollwertige Weltbürger*innen zu sein.

Quellen:

Horkheimer, M. (1970): Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Ein Interview. Furche-Verlag

https://www.sueddeutsche.de/politik/friedensplan-ukraine-usa-russland-trump-28-punkte-li.334

Ist Empörungstheater eine Lösung?

Innert der letzten vier Wochen meine ich immer wieder, einen Blogbeitrag zur Weltlage schreiben zu müssen. Alle Ideen und Notizen dazu verwarf ich jedesmal. Ich werde den Eindruck nicht los, dass sich die Nachrichtenlage zu den beiden Kriegen in der Ukraine und in Gaza, zu den Ausgeburten der us-amerikanischen Politik und der ankündigungsorientierten Zögerlichkeit Europas kaum ändert. Und dazu: regelmäßig Empörung in der seriösen Presse, in der Quotenpresse oder in sozialen Medien wie LinkedIn. Die Dauerschleife der Nachrichten bedingt eine Dauerschleife der Empörung. Wie wirkt das?

Mich ermüdet es. Und ich beobachte an mir, dass eine gewisse Gewöhnung sowohl an die Nachrichtenschleife wie auch an die Empörungsschleife einsetzt. Zuerst im Tablet die Nachrichtenlage besichtigt, dann die Meinungslage abgerufen, Fernseh- und Rundfunknachrichten gesehen und gehört, und der politische Tag ist um. Mein Fazit: So ist es eben. Für das, was ich oft und lang genug sehe, höre und lese, hat mein Rezeptionsvermögen längst entsprechende Muster und Frames gebildet. Über die cerebralen Strukturen Thalamus und Hypothalamus wird zuverlässig einsortiert, was ich aufnehme. Auch der empörte Artikel, der mediale Aufschrei, der kritische Kommentar werden unter der Rubrik „Derzeit nichts Neues unter Sonne“ abgelegt. Kurz: Die Ermüdung ist die Vorhut der Abstumpfung. Diese Dynamik gefährdet die Fähigkeit zur Wahrnehmung und zu würdevoller Sprache, kritischem Denken und angemessenem Verhalten.

So weit soll es nicht kommen. Also rein in das „Empörungstheater“ (C. Fleury)! Ob das eine Lösung ist?

Der Psychotherapeut U. Böschemeyer verwies darauf, dass im Substantiv „Empörung“ das Adverb „empor“ steckt. Die Richtung stimmt also schon mal. Ich will ja vorankommen auf dem Weg zur Restitution des Demokratischen aus dem sich ständigen vergrößernden Schuttberg der Autokraten. Vorankommen in den großen Themen meiner Lebenswelt: Klimatransformation, Friedenssicherung, Europäische Politik und soziale Gerechtigkeit. Ist es nicht geraten, sich mit Berufung auf die Menschenwürde zu empören? Dauerhaft und laut? 

Dagegen erhebt die französische Philosophin Cynthia Fleury kluge Einsprüche. Sie gehen aus ihrer Untersuchung der Empörung hervor. Das hinter uns liegende Jahrzehnt habe „den ethischen Ekel zur primären Waffe“ (Fleury, 2024, S. 109) gemacht. Empörung ist vor allem den Laien zugänglich und leicht zu handhaben. Dabei geht es darum, die Grenze zwischen Politik und Moral zu verwischen, dadurch die Debattenhoheit zur ergreifen und die Entfaltung der Argumente in und durch Aktionen der Empörung untergehen zu lassen. So wird die Empörung zur „emotionalen ‚Verkörperung‘ der fehlenden Würde“ (Fleury, 2024, S. 110). Freilich werden politische Verhandlungen angesichts der massierten Lautstärke der Aufschreie unmöglich. „Die Empörung ist ein Ein-Schuss-Gewehr.“ (Fleury, 2024, S. 112) Was kommt danach?

Wenn ich die empörten Aufschreie aller möglichen Interessensgruppierungen um mich betrachte, frage ich mich nach deren Wirkung in der Politik, in der Gesellschaft. Der eine Schuss verpufft. Kaum später öffnen sich Räume für emotionale Rhetorik,  die sich über alle Sachverhalte und Sachthemen wie zäher Nebel ausbreitet. Problematische Sprachformen wuchern in den Nebenwolken: Es wird beleidigt, stigmatisiert, denunziert. Es wird bezichtigt, ausgeschlossen, gedemütigt – und öffentlich gelogen. „Eine Sprache, die nicht [mehr] im Dienste der Symbolisierung steht … und die Gesellschaft in sich selbst abschließt“, nennt Fleury (2024, S. 121) „faschistisch“. In ihr werden Individuen etwa in grün-links, woke, migriert oder technologisch nicht offen klassifiziert und so allmählich als identifizierbare Gruppen adressiert. Das bereitet autokratische Hierarchien und Machtverhältnisse vor und schafft sie in einem. Im Namen der Ehre, die als Synonym der Würde gesetzt wird, wird die Daseinsberechtigung derer ohne Ehre, der Ehrlosen, ihrer Daseinsberechtigung in der Gesellschaft bedroht. So wird ausschließlich die eine Souveränität des richtigen Volkes behauptet. Dieses rechte Volk muss sich gegen die Feinde ringsum wehren, in dem sie voll „ethischen Ekels“ zu Sündenböcken für immer mehr und letztlich alles nicht Rechte erklärt werden. 

Empörung ist keine Lösung. Das Mitspielen im Empörungstheater auch nicht. Ich sehe nur befriedende Auswege, in der Rückbesinnung auf die Würde, von denen ich nicht behaupten mag, sie seien auch schon Lösungen. Das will keine metaphysische Flucht markieren. Rückbesinnung auf die Würde vollzieht sich als ethische Reflexion. Sie beginnt damit, die beiden Dimensionen der Würde zu freilzulegen. Einmal sprechen wir, das Grundgesetz, Artikel 1 aufgreifend, von der unantastbaren Würde jedes Menschen. Das Attribut „unantastbar“ verweist darauf, dass die Mütter und Väter des GG existenziell erlebt hatten, dass die Menschenwürde sehr wohl angetastet werden kann. Antastbar heißt jedoch noch nicht zerstörbar. Theodor Heuß nennt zurecht den Menschenwürdesatz in Artikel 1 eine „nicht interpretierbare These“ (Menke & Pollmann, 2007, S. 151). Fleury (2024) schlägt für die unantastbare Menschenwürde den Begriff „symbolische Würde“ vor. Die symbolische Würde wird konkret im würdevollen Verhalten des Einzelnen. Jenes setzt die Affirmation der unantastbaren, symbolischen Menschenwürde voraus, die so zur Quelle individueller Souveränität wird. Im jeweiligen würdevollen Verhalten werden wir Menschen unterscheidbar. Würdevolles Verhalten erscheint als Bedingung für Individualität und Ausdruck der souveränen, höchstpersönlichen Würde, die in der Freiheit des Einzelnen jenem die sinnvolle Verantwortlichkeit aufzeigt (Riedel, 2024, Kapitel 5).

Angesichts meiner politischen Ermüdung frage ich mich vor sozial-, gesellschafts- oder politikrelevanten Entscheidungen, Verhaltensweisen oder Handlungen: Wie und was trägt meine Entscheidung zur Sichtbarkeit und Erfahrbarkeit der Würde bei? Drücken meine Sprache, meine konkreten Verhaltensweisen, mein Handeln in der Lebenswelt, meine Würde aus und erweise ich mich darin anderer als würdig? Die Ausdrucksspuren meiner Würde also greife ich auf, um den Weg aus der politischen Ermüdung zu finden. Es ist mein Weg, denn er bezieht sich zunächst auf mein Leben in der Welt. Wenn er auf andere würdigend wirkt, dann kann er ein Impuls für jene anderen werden, ihrer Würde bewusst zu trauen.

Würde erfordert Mut; denn sie ist performativ. Sie zielt auf Politik, die lehrt, „gemeinsam zu sehen“, um das „Sehen des Gemeinsamen“ zu lernen (Fleury, 2024, S. 141). Wir beleben alle zusammen, leider nicht gemeinsam, dieselbe Welt. Wozu verwehren wir dann einander die Gemeingüter dieser Welt, die unser Lebensraum ist. Solche Überlegungen sehe ich für mich als Auswege aus faschistischen Sprachformen samt dem dazugehörigen Empörungstheater. 

Quellen:

Fleury, C. (2024): Die Klinik der Würde. Suhrkamp

Menke, C. & Pollmann, A. (2007): Philosophie der Menschenrechte. Zur Einführung. Junius

Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliativ Care. Hogrefe

Eleganz und Würde

Ein eleganter Mensch starb in der vergangenen Woche: Giorgio Armani. Der italienische Modeschöpfer verband in seinen Designs formale Einfachheit mit der Lässigkeit des natürlich Kostbaren. Ich bin kein Armanikenner. Ich habe auch niemals einen Pullover, einen Blazer oder einen Anzug von Armani getragen. Oft stand ich in Bozen vor den Schaufenstern des dortigen Armanishops. Die klaren Schnitte und die lässig-dezente Kostbarkeit der Materialien seiner Mode sprach mich an. Sogleich empfand ich dabei, dass ich in die schmalen Designs Armanis nicht hineinpasste. Seine Eleganz würde mich nicht kleiden, sie würde eher an mir leiden. Dennoch: die Schaufensterblicke regten mich zu ein wenig mehr stilvoller Eleganz in meinem Leben an.

Mich beeindruckt der Designgrundsatz, der in den Nachrufen auf Giorgio Armani dieser Tage oft zitiert wird: Eleganz hält in Erinnerung. Sie zielt nicht auf den pompösen Effekt, den auffälligen Hingucker. Eleganz stellt den Menschen nicht aus. Sie ist nicht laut. Geschmeidig fügt sie den Menschen in seine Umwelt ein, ohne ihn darin aufgehen zu lassen. Eleganz lässt den Menschen bei sich und hält ihn zugleich im Gefüge der Mitwelt präsent. Eleganz ist nachhaltig. Ein eleganter Mensch, elegante Kleidung, ein elegantes Argument, selbst die Marginalie, elegant beigefügt, hält in Erinnerung. Elegantes ist nicht für den Moment geschaffen, sondern dafür, in der Zeit zu überdauern.

Eleganz, das legen diese Gedanken nahe, ist nichts Selbstverständliches, soviel Natürliches auch zu ihr gehört. Eleganz muss erarbeitet werden. Auch dafür wäre Giorgio Armani, der unablässig und konsequent Arbeitende, ein gutes Beispiel. Da ich mich nie wirklich mit seiner Biographie beschäftigte, gehe ich darauf nicht ein, sondern löse den Gedanken der Eleganz von dem konkreten Beispiel.

Eleganz braucht Form. Ungeformtes und Unförmiges strahlt keine Eleganz aus. Eleganz ist kein Rohmaterial, wiewohl sie das Natürliche voraussetzt. Schon die Natur ist an sich selbst nicht roh. Die klassischen Naturwissenschaften entdeckten, je deutlicher für sie die Komplexität des Natürlichen sichtbar wurde, dass alles Materiale nie ohne eine Form oder mindestens eine auf Form hinorientierte Tendenz existiert. Allein, darin drückt sich noch keine Eleganz aus. Denn Eleganz ist nicht das Gewöhnliche, das natürlich Gegebene. Eleganz wird durch die gestaltende Arbeit am Gewöhnlichen, am Natürlichen geschaffen.

Eleganz ist bei allem Natürlichen, das sie voraussetzt, eine Kunst. Die Kunst nämlich, das Kostbare am Natürlichen durch Vereinfachung erscheinen zu lassen. Bei Armani war es die Reduktion des Anzugs auf seine formale Funktion, den Menschen so zu kleiden, dass er in seiner Individualität darin sichtbar wird. Nicht der Anzug unterstreicht die Funktion seines Trägers. Der Anzug erhält seine Funktion zurück, den Menschen zu kleiden, so dass er ihn nicht verstellt. Welche Funktion er übernimmt, ist des Menschen Sache, nicht die der Kleidung. Insofern kehrt Eleganz den landläufigen Satz Gottfried Kellers um: Nicht Kleider machen Leute, sondern Leute kleiden sich für das, was sie machen. 

Die Umkehrung verdeutlicht die Komplexität von Eleganz. Jene ist kein einfacher Aspekt von Form und Funktion, von Natürlichkeit und Material. Eleganz bedarf deshalb weder der Pompösität noch des Snobismus. Eleganz hat mit der Würde des Menschen zu tun. Damit, wie die Einzelne, der Einzelne seine Würde pflegt, in der Sprache, im Verhalten, in der Gestaltung seiner unmittelbaren Lebenswelt. Die Frage steht auf: Wie kommt dadurch zum Vorschein, was ihm kostbar, wertvoll, unverzichtbar ist?

Ich erinnere mich an einen Gast im Hospiz. Die Dame hatte sich in eine Schärpe verliebt, die sie im Internet gesehen hatte. Nach kurzer Erwägung erwarb sie die Schärpe und legte sie oft um ihre Schultern. Sie erzählte, dass das Material sie durch seine Weichheit und Wärme verwöhne, dass die einfache Form und die dezente Farbgebung ausdrückten, wie sie sich in ihrem letzten Leben fühle. Die Eleganz des Kleidungsstücks verwies auf die Würde seiner Trägerin. Eben so blieb sie den ihr nahen Menschen im Gedächtnis. Eleganz hält in Erinnerung; denn sie vermag es, die Würde des Menschen ausdrücken. 

Eleganz hält es aus, den anderen nicht sofort aufzufallen. Wenn sie aus einem Leben, aus einer Gesellschaft schwindet, werden die Empfindsameren unter den Zeitgenossen den Menschen, der sie lebte, vermissen. Es fehlt ein wenig Stil, es fehlt das Fließend-Geschmeidige, das den Ernst des Lebens erträglich macht. Es fehlt ein Mensch, der mit seiner Eleganz die anderen Menschen an deren Würde erinnerte. Mit der behutsamen, unaufdringlichen Macht, die der Würde eignet. Mit dem Vorschein der Verletzlichkeit der Menschenwürde, wenn wir uns nicht strikt und unnachgiebig für sie einsetzen. Wir dürfen uns nicht mit ihrer natürlichen Gegebenheit abfinden, sondern wir sind gehalten, sie mit Konsequenz und Einsatz zu pflegen. Eine Variante dabei ist es, ein wenig Eleganz in unser Leben zu bringen, das, was mir wertvoll und kostbar ist, zu bewahren, was auch immer geschieht.

Alaska – trafen sich zwei Menschen

Zwei trafen sich. Der eine, ein selbstverliebter Autokrat, halbwissende Naivität mit spontaner Intelligenz verwechselnd, einzig seiner Handvoll Macht bewusst und der Mittel, jene durchzusetzen, die Realität ignorierend, indem er sich, was er für wirklich hält, schön redet.

Der andere, ein gewaltverliebter Diktator, die Geschichte mit seinen Vorstellungen davon verwechselnd, ängstlich die Macht sichernd, der er schon im Ansinnen misstraut, die Mittel durchsetzend, seine gierige Angst hinter Propaganda zu verstecken, das reale Land ignorierend, um mit Verdrehungen ein gewesenes zu erschaffen.

Zwei Menschen trafen sich. Beide des Menschseins würdig. Beide die Würde allein auf ihr persönliches Menschsein begrenzend. Aus freier Entscheidung hinter dem geplusterten Selbstbild die persönliche Würde verbergend. Ignorant gegenüber der Menschlichkeit der Würde. Fern jeder Verantwortlichkeit für andere Menschen. Interessiert allein an deren Gebrauch. Jeder der beiden auf seine Weise als Mensch lebend, ohne würdevoll zu leben. 

Zwei Männer trafen sich. Sie spielten das Schauspiel der Macht. Inszeniert von uns und beobachtet von uns in einem. Wir Zuschauer, die nicht einsehen, dass wir mit zu Tätern werden, den beiden Männern Macht verleihend, alle Anderen zu missachten. Um uns, einmal unter die Räder dieser verliehenen Macht gekommen, wird niemand trauern. Getrauert wird nur um die, die sichtbar im Leben waren, die da waren, und die, einmal geschwunden und gestorben, vermisst werden.

Zwei Männer trafen sich. Wo waren wir? Nicht da und schon jetzt werden wir nicht vermisst.

Wo war ich, der Nachrichtenzaungast? 

Wann verstehe ich, dass meine Zeit jetzt gekommen ist, wieder von der eignen Würde gefordert, rasch inspirierte Wege zu finden, um das Zugeständnis der Macht zu widerrufen und mit einem schreiend lauten NEIN!, mit neuer Lust am Ungehorsam und der Unterbrechung, der Drehung vielleicht, mich in die Bresche zu werfen für die, die im Leiden der Verkennung gefangen sind. 

Unterbrechen wir das Spiel der Gestrigen im Land, in Alaska, in der Welt. Werden wir intolerant gegenüber der Naivität, dass vormals alles besser war, und dass der Glaube an denen einen, der „Ich“ sagen darf, die Besserung dämmern lässt. Sprechen wir die Sprache der Freiheit und der Verantwortlichkeit, in der alle Geschlechter, alle Schwachen, Flüchtigen, Leidenden ICH, WIR sagen und sein dürfen, Subjekte der Macht, wie es uns die Demokratie lehrt, und nicht brauchbare Objekte! Bedienen wir uns unseres reflektierten Verstandes und sagen wir ohne Scheu und Furcht, wer wir sind, was wir wollen, was nicht wieder sein darf. Und demnächst wählen wir die Demokratie – und nicht die, die die „wahren“ Demokraten verführend spielen.

Achten wir auf einander. Ermutigen wir uns, uns zu erheben, nicht um irgendeiner Ehre willen, sondern weil für uns die Menschenwürde zählt, die Menschenrechte, das „Recht, Rechte zuhaben“ (H. Arendt).

Ab heute will ich da sein. Mensch sein. Würdevoll.