Frieden und Krieg

Plädoyer für einen kritischen Pazifismus

Immer wieder gehen meine Gedanken zum Gesicht eines jungen Mannes in Mariupol zurück. Ein Pressebild zeigte ihn, wie er bleich, mit starren Augen, versteinert neben seinem Auto steht. Es ist voll beladen inmitten der Trümmer seines Wohnviertels. Es geht um das Leben. Um seines und wahrscheinlich das seiner Familie. Ob er weitergekommen ist? Ob ihm und vielleicht den Menschen, für die er sich verantwortlich fühlt, geholfen wurde? Ob sie den Angriffen des Krieges entkommen konnten? Ist er womöglich schon längst in den Kampf zurückgekehrt?

Im Unterschied zu ihm hatte ich einige Zeit, um nachzudenken. Ich verbrachte einige Tage im Krankenhaus mit der Sorge um mein Herz. Die Situation stellte sich weniger bedrohlich heraus, als es anfangs schien. Dennoch unterbrach sie mein Leben, die vermeintlich selbstverständliche Planbarkeit. Immer wieder sah ich, während ich auf Untersuchungen und Diagnosen wartete, das müde, erschöpfte Gesicht des jungen Mannes vor mir, wie zu einer Maske erstarrt. Der Krieg um ihn herum wird sich nicht als absehbar, die Schrecken, die sich in seinem Gesicht eingeschlossen haben, nicht als durch einige geeignete Maßnahmen linderbar herausstellen. Er muss begreifen, dass der grausame Griff des Krieges nach seinem bisherigen Leben andauern wird. Vielleicht lebt er schon nicht mehr. Getötet wie die Menschen in Butscha und in anderen Orten rund um Kiew, deren Hinrichtung uns alle entsetzt. Das Morden unbeteiligter Menschen, von denen jeder sein höchstpersönliches Leben hat, geht weiter. Putins Krieg verschärft die widermenschlichen Grausamkeiten. Und Selenskyis verzweifelter Friede lässt auf sich warten. Ist er überhaupt noch möglich?

Immanuel Kant (1724 – 1804) stellte im 6. „Präliminarartikel“ seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1796) als Bedingung der Möglichkeit für Frieden fest: „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem anderen solche Feinseligkeiten erlauben, welche das gegenseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen … Denn irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes muß mitten im Kriege noch übrigbleiben, weil sonst kein Friede abgeschlossen werden könnte und die Feindseligkeiten in einen Ausrottungskrieg (bellum interceninum) ausschlagen würde“ (Kant, 1984, S. 11). 

Die Nachrichten und Bilder, die uns aus der Ukraine erreichen, lassen zunehmend daran zweifeln, ob seitens Russlands „irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes“ bleibt. Die Verurteilung und Abwertungen der Politiker in der Ukraine, die wahllose Vernichtung der Bevölkerung und des Lebensraumes durch das kriegführende Regime Putins erschaffen durch verlogene Proganda ein Bild der „Denkungsart“ der ukrainischen Gesellschaft, das Vertrauen weitestgehend unterminiert. 

Die „Denkungsart“ der ukrainischen Gesellschaft und Politik wird demgegenüber von Präsident Selenski und seiner Regierung, von den BürgermeisterInnen der schwer getroffenen Städte als europäisch, demokratisch und auf Rechtsstaatlichkeit gegründet ausgewiesen. Deren Äußerungen zielen auf „irgendein Vertrauen“ gegenüber dem russischen Regime trotz der unglaublichen und grotesken Verstöße gegen das Menschsein und dessen Würde. Verteidigung des Landes und vor allem der Freiheit, die Gestaltung von Gesellschaft und Politik selbst zu bestimmen, stehen bei allem im Vordergrund. Doch auch hier werden getötete Soldaten aufaddiert, werden zuweilen Vernichtungsphantasien gegenüber den russischen Streitkräften laut – und wird der Tod von vielen Menschen in Kauf genommen und als Preis der Freiheit vermarktet.

Kant hält in der Vorüberlegung zu den „Definitivartikeln“ seiner Schrift fest: „Der Friedenszustand unter den Menschen, ist kein Naturzustand (status naturalis), der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d.i. wenngleich nicht immer ein Ausbruch von Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit denselben. Er [der Friede] muß also gestiftet werden“ (Kant, 1984, S. 13 f.). Friede ist demnach nicht einfach die Abwesenheit von Feindseligkeiten, ist auch nicht der Verzicht auf Bedrohungen. Friede ist ein Zustand als Kategorie sui generis. Friede verfügt über eine dem Zustand eigene Form, die im Staatsbürgerrecht der Menschen, im Völkerrecht der Staaten und im Weltbürgerrecht aller Menschen gefasst ist (Kant, 1984, S. 14 Anm.). Eine Bedingung wirklichen – oder in Kants Formulierung „ewigen“ Friedens – ist das Recht des Einzelnen als Bürger, das Recht verfasster Staaten und als Apriori das Recht jedes Menschen als Mitglied der verfassten Menschengemeinschaft. 

Kann Friede also gestiftet werden, wenn Russland fortwährend Recht bricht? In dem es den ukrainischen Staat als nichtexistent betrachtet, bricht es Völkerrecht. Indem es Zivilisten unmittelbar persönlich angreift und tötet, setzt sich das kriegführende Regime auch über das „Weltbürgerrecht“ des Menschen hinweg. Immer mehr weicht ein noch irgendwie geartetes Vertrauen gegenüber dem Regime, das ja auch das Staatsbürgerrecht der eigenen Bevölkerung mit Füßen tritt, einem bedrohlichem Zutrauen, nämlich des Schlimmstmöglichen. Insofern ist wohl eine Waffenstillstandsvereinbarung als Schwundstufe eines Friedensschlusses das derzeit sinnvoll Anzielbare.

Friede ist das noch längst keiner. Friede ist „shalom“. Dieser hebräische Begriff  ist im Alten Testament zentral und zunächst nicht metaphysisch aufgeladen. Frieden gründet im Bund, der als Rechtsverhältnis formal „die stärkste Garantie für ein menschliches Gemeinschaftsverhältnis“ (v. Rad, 1969, S. 144) beschreibt. „Shalom bezeichnet nämlich die Unversehrtheit, die Ganzheit eines Gemeinschaftsverhältnisses, also einen Zustand harmonischen Gleichgewichtes, der Ausgewogenheit aller Ansprüche und Bedürfnisse zweier Partner. So will ein Bundesschluss einen Zustand der Intaktkeit, der Geordnetheit und Rechtheit zweier Parteien erzielen, um auf dieser Rechtsgrundlage eine Lebensgemeinschaft zwischen zwei Partnern zu ermöglichen.“ (v. Rad, 1969, S. 144) Friede bedeutet zum einen das formale Rechtsverhältnis der Harmonie. Jene darf nicht mit Monotonie verwechselt werden, dem Einklang. Harmonie ist Zusammenklang zwischen unterschiedlichen Stimmen, die sich im Prozess aufeinander abstimmen. Zum anderen ist Friede ein zwischenmenschlicher Akt, der sich in unablässigen Abstimmungsdiskursen vollzieht, um „Rechtheit“ zu erzielen. Er ist das gelebte Verhältnis der „Intaktheit“ und „Geordnetheit“ einer Gemeinschaft, die laut Kant als „allgemeiner Menschenstaat“ (Kant, 1984, S. 14 Anm.) sich entfaltet. Dazu gehören auch Akte der wiederkehrenden Friedensstiftung, wenn Leiden die Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit im „allgemeinen Menschenstaat“ unterbricht. 

Die „Kritische Theorie“ hat dafür eine philosophische Denkfigur entwickelt, die der Theologe Johann B. Metz (1928 – 2019) aufgreift: Er schreibt dem politischen Handeln das „Gedächtnis der Leidensgeschichte des Menschen“ (Metz, 1977, S. 92) ein. „Es verhindert ein rein technisches Verständnis von Freiheit und Frieden; es läßt keinen Frieden und keine Freiheit zu auf Kosten der verdrängten Leidensgeschichte anderer Völker und Gruppen.“ (Metz, 1977, S. 92) Das Leid ist immer das Leid einzelner Menschen und entwickelt sich zur Leidensgeschichte einer Gemeinschaft, in dem die unterschiedlichen Stimmen der Leidenden erhalten bleiben müssen. Die Erzählungen dieses Leides leben von den Erzählungen der Leidenden. Sie können „gefährlich-befreiende Geschichten“ (Metz, 1977, S. 96) werden, narrative Ermöglichungen des Friedensprozesses. 

Frieden beruht auf Stiftungshandeln aus der Erinnerung des Leides, so lassen sich Kant und die Kritische Theorie zusammendenken. Der Friedensprozess fordert ständige Abstimmungsdiskurse, in denen Menschen „Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit“ für die jeweilige Lage herstellen, wodurch sie ihr Gemeinschaftsverhältnis lebenswert erhalten. Frieden ist also auch im Sinne Kants ein kultureller Prozess, der von Unterbrechungen nicht verschont bleibt, in denen Leid erlebt wird. Die Erinnerung der Leiden schafft damit „Zukunftsgehalt“ (Metz, 1977, S. 94), die Ermöglichungsbedingung für Frieden. Das ist die wichtige Erweiterung, die die Kritische Philosophie des 20. Jhdts. vornimmt. 

Aus dieser Sicht heraus erscheint es mir falsch, den Pazifismus als Naivität abzuschreiben, wie das leider auch die Partei so eifrig tut, die sich auch als pazifistisches Projekt gegründet hat, die GRÜNEN. Vielleicht kann der andere Koalitionär, die SPD, aus ihrer Tradition der Solidarität mit den Leidenden heraus, daran erinnern, dass Friede kein Naturzustand ist und immer wieder durch Leid unterbrochen wird. Frieden ist zu stiften. Indem die Leidensgeschichten erinnert und die „Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit“ für die künftige Gesellschaft nach dem Krieg erarbeitet werden. Vielleicht gelingt es im politischen Handeln, das Notwendige in der Kriegssituation zu tun, um die Ukraine unbedingt und militärisch zu unterstützen, vor allem um der Menschen willen. Vielleicht gelingt es – im Sinne eines kritischen Pazifismus – schon jetzt, sorgsam die Erzählungen des Leides einzufangen und zu bewahren, um den Leidenden zu ihrem Recht und zum Vertrauen auf das Leben zu verhelfen, wenn Ruhe einkehrt. 

Ruhe ist wohl die poetische Bedingung für den Frieden, wie sie Nelly Sachs (1891 – 1970) verdichtet pointiert:

Frieden

du großes Augenlid

das alle Unruhe verschließt

mit deinem himmlischen Wimpernkranz

du leiseste aller Geburten

Quellen:

  • Kant, I. (1984; ed. Buhr, M., Dietzsch, S.): Zum ewigen Frieden. Mit Texten zur Rezeption 1796 – 1800. Leipzig (Reclam)
  • Metz, J.B. (1977): Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Mainz (Grünewald)
  • v. Rad, G. (1969): Theologie des Alten Testaments. Band 1. München (Kaiser)

Das Gedicht von N. Sachs findet sich im Nachwort zu:

  • Sachs, N. (17. Aufl. 2020, ed. Domin, H.): Gedichte. Frankfurt (Suhrkamp), S. 134
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