Erleuchtung und Verblendung

Was unterscheidet Elon Musk von Siddharta Buddha?

Buddha war erleuchtet. 

Musk blendet. Er blendet durch seine Spontaneität, durch seine Fähigkeit, andere für das kaum Machbare zu begeistern, durch die Organisation der Begeisterung in Umsetzungshandeln. Er blendet die naiveren Gemüter durch seinen Reichtum: Ui toll, der reichste Mensch der Welt. Und aus seiner Sicht: Endlich auch mit erweiterter politischer Reichweite. Kein Wunder, dass andere Politiker:innen, sowie Staatsfrauen und -männer schwach werden vor soviel Virilität? Dabei sind A. Weigel und C. Lindner eher nebensächlich. Sie bekleiden ja kein politisches Amt. Noch werden sie aller Voraussicht nach dies demnächst tun. Dass eine G. Meloni sich geradezu hingerissen von Musk gibt und sich für ihn als Brückenbauerin zu den anderen EU-Regierenden hergibt, macht schon eher besorgt. Zumal ja auch in Österreich Bedenkliches droht. Herbert Kickl schickt sich an, österreichischer Bundeskanzler zu werden. Ehrlichkeit soll seine politische Maxime für die Koalitionsverhandlungen und für seine Kanzlerschaft sein. Was immer Ehrlichkeit für ihn bedeuten mag. 

Es geht in diesem Essay um Erleuchtung und Verblendung. Beides bedient sich der Lichtmetapher. Beides nimmt die Eigenschaft in Anspruch, dass Licht erhellt. Erleuchtung bringt Licht ins Dunkel. Der Manga Buddha von Osama Tezuka, dessen Lektüre mich wochenlang begleitete, bietet eine behutsame Beschreibung des Erlebens an, das den Prinzen und Mönch Siddharta zu Buddha machte. „Wie Bäume, Gräser, Berge und Flüsse sind auch Menschen Teil der Natur und ihr Dasein hat einen Sinn. Unsere Existenz ist mit allem verwoben. Gäbe es dich nicht auf dieser Welt, geriete sie aus dem Gleichgewicht.“ (Buddha, Bd. 6, S. 56) Nach einer Weile: „Die Worte waren an mich selbst gerichtet! Ich habe mich selbst etwas gelehrt. Oh … in meinem Herzen wurde eine Pforte aufgestoßen! Licht! Licht! Licht! Erleuchte meinen Weg! Solange ich lebe, werde ich meine Aufgabe in diesem Universum erfüllen.“ (Buddha, Bd. 6, S. 58 – 60). Siddharta sieht Brahma, der ihn den Erleuchteten, Buddha nennt. Buddha wird nun das „Rad der Lehre“ drehen und seinen Weg der Erleuchtung lehren, auch wenn er zunächst am Erfolg zweifelt: „Niemand wird mir Gehör schenken. … Ich spüre Zweifel.“ (Buddha 6, S. 63) Jenen zum Trotz beginnt Buddha mit der Lehre der Verbundenheit alles Lebendigen und Natürlichen. Wer die Gier, das vielfältige Streben überwindet, erlebt sein Verbundensein mit der Wirklichkeit. Buddha lehrt den vollkommenen Respekt und die vollkommene Hingabe an das, was den Menschen umgibt. Je weniger Menschen das Einzelne focussieren, um so verwobener erleben sie sich mit allem. Und umso leichter können sie ihre Endlichkeit ertragen. „Alles Leben muss sterben. Das ist seine Bestimmung. … Ich werde jetzt ins Nirwana gehen.“, sind Buddhas letzte Worte im Manga (Buddha 10, S. 311 f.). Erleuchtung zeigt Wahrheit als Verbundenheit jedes Einzelnen mit allem und von allem mit jedem Einzelnen.

Wer erleuchtet ist, kann ins Nirwana gehen. Er kann von sich absehen und blickt in Freiheit auf seine Verbundenheit mit allem. Nicht er gibt der Wirklichkeit einen Sinn, sondern er erkennt in der Verbundenheit mit allem seinen individuellen Sinn, den er lebt. Ohne dich, spricht Buddha einen Ratsuchenden an, geriete die Welt aus dem Gleichgewicht. Jeder ist in seiner Weise wichtig für den Fluss des Lebens.

Das Licht der Erleuchtung blendet weder den, den es erleuchtet, noch die anderen, die den Erleuchteten begegnen. Es ist ein Leuchten, das Klarheit im Erkennen, Ordnung im Wissen, Grenzen des Wissenkönnens, Wahrhaftigkeit im Tun, Mitgefühl in der Zuwendung und die Weisheit des persönlichen Lebens und des Sterbens vermittelt. Es durchdringt nach und nach das Leben soweit, wie es sich der Erleuchtung öffnet. Buddhas erleuchteter Weg ist ein Weg des Selbstmitgefühls und des Mitgefühls mit allem Anderen.

Das Licht der Verblendung, das der Buddhismus „Mara“ und die griechische Philosophie „Ate“ nennt, erleuchtet nicht. Es blendet. Es ist grell. Die Augen müssen geschützt werden. Wer in das Blendlicht gerät, der sieht meist nur noch Grobes und Umrisse. Alles andere wird verschluckt. Es gibt Menschen, die Blendlicht ausstrahlen. Sie schaffen es, Teile der Wirklichkeit in hellstes Licht zu rücken; was neben dem Lichtkegel liegt, ist abgeschattet, bleibt im Dunkel. Ein Dunkel, das dadurch entsteht, dass das Auge, die Erkenntnisfähigkeit geblendet wird. Dies ist der Lichtstil, wie ihn E. Musk bevorzugt. Ihm gelingt es, seine Projekte und neuerdings seine politische Meinung in helles Licht zu rücken. Dort muten sie von höchster Wichtigkeit an. Was hell leuchtet, zieht Betrachter an, Voyeure, denen es nicht darum geht, was sie sehen, sondern dass es etwas zu sehen gibt. Sie leben vom Zuschauen, Bewundern, vom Vergleich und vom Neid. Das verbindet sie zu einem „Wir“ gegen die „Anderen“.

Ein kaum mehr ausmessbares, wägbares Vermögen, ein Ideengeber für die Industrie, ein Meinungsmacher mit seiner Social-Media-Plattform X umformt, und doch scheinen E. Musk die ökonomischen und Marketing-Erfolge nicht zufrieden zu stellen. Ihm geht es darum, die Macht, die Unternehmen, Vermögen und eine Social-Media-Plattform versprechen, auch einzusetzen: die Versprechen der Machtmöglichkeit in tatsächliche Macht umzusetzen. Ihm genügen politische Bewunderer nicht. Er will Menschen, die seiner Macht folgen, sich ihr wie freiwillig unterwerfen. Erst als Berater des amerikanischen Präsidenten kann der die Machtkarte politisch spielen. Als Unternehmer hängt seine ökonomische Macht immer auch an den politischen Verwirklichungsbedingungen. Erst im Kreis der politischen Mächtigen kann er die Politik blenden. Sein Blendwerk besteht in der Verblendung von politisch einflussreichen Mandatsträgern zu rücksichtsloser Durchsetzung einzelner, vermeintlich berechtigter Interessen, um eine goldene Zukunft zu ermöglichen. Musk ist dann auf der Zielgeraden, wenn er die ökonomischen Verwirklichungsbedingungen durch seine politische Macht unmittelbar steuern kann. Mit möglichst geringem Widerspruch. Die Politik derjenigen, die nach seinen Regeln spielen, wird unmittelbar unterstützt; die ihn kritisieren, sind schlechthin Trottel. Gleichzeitig entzieht er sich der politischen Verantwortung; denn er bekleidet kein offizielles politisches Amt in der Administration Trump.

Erleuchtung stiftet Leben in Verbundenheit. Verblendung erzeugt Leben als Abhängigkeit. Erleuchtung eröffnet Wahrheit. Verblendung lebt vom Blick auf Halbwahrheiten. Sie verspricht ihren Followern im Rampenlicht eines Kollektivs zu stehen, das im vermeintlichen Besserwissen stetig neue Halbwahrheiten produziert und sich dadurch seiner Zusammengehörigkeit versichert (Gess, 2022). Die Zusammengehörigkeit liefert zugleich den Blendschatten für das, was nicht gesehen werden soll. Verblendung verstärkt jenes diffuse Wir, das verschworen mit seinen Erzählungen einen „vermeintlich höhere[n] Status“ (Emcke, 2018, S. 135) beansprucht. Es gründet seine Überlegenheit auf Lügen und Halbwahrheiten. Da kann Hitler zum Kommunisten und Sozialisten werden, in Deutschland jeden Monat ein neues Kohlekraftwerk gebaut werden, Gendering und Wokeness als direkte Ursache ökonomischen Abschwungs ausgegeben werden. Wen kümmert der Faktencheck? „Halbwahrheiten operieren gerade nicht nach dem binären Schema wahr/falsch, sondern nach Schemata wie glaubwürdig/unglaubwürdig, affektiv/nüchtern, konnektiv/geschlossen und in einem narrativen Rahmen, für den die innere Kohärenz und nicht die Korrespondenz mit externen Sachverhalten entscheidend ist.“ (Gess, 2022, S. 30) Da lässt sich dann, wie E. Musk es tut, erzählen, dass nur die AfD Deutschland vor dem Niedergang retten kann. Wie und wodurch interessiert nicht. 

Erleuchtung, wie Buddha sie praktizierte und lehrte, geht von dem aus, was ist, und zeigt es in seiner Verbundenheit mit allem: „Kein Geschöpf lebt für sich allein.“ (Buddha 6, S. 278) Erleuchtung verschließt sich und die Einsicht nicht, sondern öffnet. Erleuchtung macht nicht abhängig, sondern setzt frei. Erleuchtung kennt keinen Blendschatten, kein Wir und die Anderen. Erleuchtung ist auch nicht an Buddhismus, Achtsamkeit, Mystik, Religion oder eine Philosophia prima gebunden. Jedem steht sie offen. Wer sich auf den Weg der Erleuchtung begibt, der lässt sich auf eine existenzielle Veränderung ein, der begibt sich vordergründiger Sicherheit, für ihn werden Bedürfnisse fragwürdig. Erleuchtung markiert ein selbstbestimmtes, souveränes Leben in Korrespondenz zu dem, was ist. Es lässt Inkohärentes – oder wie C. Emcke (2018, S. 191) es ausdrückt  – „das Unreine und Differenzierte“ zu, die Pluralität und Diversität, mithin die Unterbrechung und die Wiederaufnahme der Suche. Lassen wir uns, die wir in der europäischen Tradition des Denkens, des Diskurses und der Demokratie stehen, unsere offene Gesellschaft nicht nehmen! Verraten wir sie nicht an die, die vor allem eines anstreben: Followerschaft und Abhängigkeit von kruden Lügen und Halbwahrheiten.

Quellen:

  • Emcke, C. (2018): Gegen den Hass. Fischer
  • Gess, N. (2022): Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit. Matthes & Seitz
  • Tezuka, O. (2013 ff.): Buddha. 10 Bände. Carlsen

Das Jahr 2024 beschließen.

Weihnachtsgrüße und Neujahrswünsche werden üblicherweise mit einander versandt. Zwischen Weihnachten und Neujahr sprechen wir von der Zeit „zwischen den Jahren“. Es ist ein Ritual der evangelischen Kirchen, jene Zeit für den Beschluss des Jahres zu nutzen.

Beschluss meint, das Jahr abzuschließen. 365 Tage Leben enden am Silvestertag. Ich nehme mir Zeit, einen Blick auf die Tage des Jahres zu werfen. Carolin Emcke (2023) empfiehlt für den chronologischen Blick die Strategie der Verlangsamung. Der verlangsamte Blick lässt Einzelnes für sich stehen. Er nimmt den Ereignissen ihre Zwangsläufigkeit, in der wir sie häufig sehen. Die Sicht auf einzelne Ereignisse wird scharf gestellt. Sie werden für sich selbst ernst genommen. Das ist wichtig für den jahresbeschließenden Blick. Dessen Verlangsamung verhindert den falschen Zusammenhang, in dem ich gewohnt bin, Erlebtes, vor allem unangenehm Widerfahrenes, was mir zuwider war, einzufügen. So werden Zusammenhänge als Verhängnisse im Gedächtnis abgelegt. Verhängnisketten haben, darauf weisen Psychotherapeuten hin, die unangenehme Eigenschaft, zu belastungsfördernden und leiderzeugenden Deutungsmustern des Erlebten zu werden. Keine guten Mitnahmen ins neue Jahr!

Beschluss meint auch, mich zu Erlebtem, Getanem, zu Versäumten zu stellen. Die Zeit des Jahres 2024 ist mit dem Silvestertag meiner Lebenszeit eingeschrieben. Ob ich das so will oder nicht. Was ich gelebt habe, kann ich nicht ungelebt machen. Ich vermag zu vergessen, die Erinnerung an manches Widerfahrnis oder Versäumnis zu vermeiden. Unerinnertes wird nicht ungelebt. Es gehört zum Bestand meiner Vergangenheit, mithin zu meiner Wirklichkeit. In der Lebenswirklichkeit treffe ich auf eine weitere Dimension, die der Theologe Johann B. Metz (1928 – 2019) das Vermissen nennt (Metz 2017). Was vermisse ich, wenn ich mit dem für das Einzelne verlangsamten Blick auf das Jahr 2024 schaue? 

Dem Vermissen begegne ich in den Zeiten, in denen ich aufgeschreckt wurde. Eine Wirkung meines Lebens, mit der ich nicht rechnete, ein Ereignis, das mich unvorbereitet traf, das konfrontiert mit dem Vermissen. Ich vermisse den umfassenden Blick, den klugen Rat, meine Einsicht in das Gefüge, Ordnung, Verlässlichkeit. Vielleicht fühle ich mein Vermissen noch komplexer. Vielleicht vermisse ich den Sinn der einen oder anderen Lebensentwicklung? Vielleicht erschließt sich mir auch am Ende des Jahres so manches Geschehen von gesellschaftlicher und politischer Relevanz immer noch nicht. Vermissen scheint auf Erklärungen zu drängen, auf die Frage nach dem Warum. Was aus Gründen erklärbar ist, gewinnt den Anschein von Sicherheit.

Wer vermisst, dem ist etwas abhanden gekommen, oder es stellte sich nicht ein, was und wen er erwartet hatte. Vermissen öffnet eine Lücke in der Lebenswelt. Ich kann jene beklagen, betrauern, um mir das Lückenhafte meines Lebensjahres in Verstand und Gefühl deutlich erfahrbar zu machen. Oder ich öffne diese Lücken bewusst der Hoffnung. Hoffnung führt immer ein wenig anarchisches Potential mit sich. Sie ist zwischen den Plänen, den Erwartungen und den Tatsachen angesiedelt. Die Hoffnung lebt vom Zwischenspiel zwischen dem Chaotischen, das durch sie kreativ wird, und dem geordneten Kosmos, der Verlässlichkeit begründet (Böhringer, 2023). Wer plant, hofft mindestens noch, dass der Plan aufgeht. Wer Erwartungen hegt, der traut dem Hoffnungspotential, das in den Erwartungen liegt. Manchmal bleibt nur noch das Hoffen wider alle Hoffnung, das Vertrauen in den anarchischen Durchbruch. Hoffnung setzt Energie frei, nicht nur die zum Handeln, sondern auch die des Aushaltens, bis sich die Hoffnung erfüllt. Die Lebenszeit der Hoffnung liegt zwischen Erwartung und Erfüllung, dem, was noch nicht ist, und dem, was sein kann. So beschrieb Ernst Bloch (1885 – 1977) es in seinem Prinzip Hoffnung (1959). Vielleicht verweist das, was ich in 2024 vermisste, voraus auf das, worauf ich in 2025 hoffen kann? Vielleicht tritt das, worauf ich hoffe, ein? Wird vom utopischen Noch-nicht zum Topos, zum Ereignis in Zeit und Raum?

Jahresbeschluss ist Abschluss und Beschlussfassung in einem. Wenn es mir nur schwer gelingt, zu dem, was war, zu stehen, fällt es schwer, das Jahr 2024 zu beschließen. Die Reste, die Lücken werden mich im neuen Jahr wieder aufstören, werden mitunter zu neuem Vermissen führen. Beschließen kann ich das Jahr auch, wenn ich nicht alles im Jahresbeschluss vergegenwärtigen, klären oder integrieren konnte. Dass dies so ist, dass immer Lücken bleiben, erinnert mich an die Endlichkeit des Lebens. Niemand, außer vielleicht ich selbst, verlangt von mir, dass alles im Reinen sein muss. Den Mut zur Lücke, die Hoffnung leben, heißt, das Jahr in seiner Endlichkeit ernstnehmen und annehmen. Wie würde eine frühere Patientin mit sonorer Stimme sagen? Das ist Leben.

Quellen:

Böhringer, H. (2023): Lücken im Verhau. Matthes & Seitz

Bloch, E. (1959, 3. Aufl. 1979): Prinzip Hoffnung. Drei Bände. Suhrkamp

Emcke, C. (2023): Für den Zweifel. Gespräche. Fischer

Metz, J. (2017): Memoria passionis. Gesammelte Schriften, Band 4. Herder

Lebensfeindlichkeit und Verbundenheit

Die vertraute Weltordnung scheint sich aufzulösen. In Europa finden sich Frankreich und Deutschland in der Krise. Das Putin-Regime in Russland setzt sich über die politische Ordnung in Europa hinweg, führt einen fast drei-jährigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. China und Nordkorea ermöglichen Russland den Krieg aufrecht zu erhalten. Im Nahen Osten verändern sich die politischen Verhältnisse durch den Krieg Israels in Gaza und im Libanon. Der Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon nach einer massiven Schwächung der Hisbollah-Miliz und dem handstreichartigen Sturz der Assad-Diktatur in Syrien erschüttert den Iran. Wenn die Hinweise auf die Intervention der Türkei bei der Beseitigung des Assadregimes sich erhärten, dann wurden zwei Mächten mit weitreichenden überregionalen Ansprüchen, Russland und Iran, deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. Zugleich entsteht mit BRICS neben der G-7- und G-20-Gruppe ein von Russland betriebener neuer Zusammenschluss von Ländern, zu dem auch viele der ökonomisch und militärisch aufstrebenden Nationen wie Indien, Brasilien, Südafrika gehören. Mit Ungewissheit blickt die politische Welt auf die neue Präsidentschaft in den USA. All das enthält Hinweise darauf, dass die politische und ökonomische Weltordnung seit 1945 – geprägt von den USA, NATO, Europäischer Union, Japan – sich auflöst. Mit China und den BRICS-Staaten deutet sich eine multipolare Weltordnung an. Welche Wege wird sie öffnen, welche schließen sich? Oder allgemeiner: Wohin entwickelt sich unsere Welt in der kommenden Zeit? Stehen wir von einem epochalen Umbruch der Weltordnung, angesichts dessen derzeitige Konflikte und Kriege, ökonomische Verwerfungen als Teil der Suchbewegungen danach zu lesen sind, wie sich die kommende Weltordnung gestaltet?

Eine lange Einleitung zu den folgenden Überlegungen, die sich der „gefährlichsten Frage“ nach dem Sinn der Endlichkeit im vorangegangenen Blogbeitrag anschließen. Auch die vorliegende Reflexion ist, wie schon der letzte Beitrag, angeregt durch die Lektüre des Mangas „Buddha“ von Osama Tezuka. 

Dem heranwachsenden Prinz Siddharta stellt sich die Frage aller Fragen nach dem Tod und seiner Bedeutung für das Leben in immer drängenderer Form, je bewusster er seine Lebenswelt erlebt. Eine Konsequenz leitet Siddharta aus der Einsicht in die Sterblichkeit und Endlichkeit von Mensch und Natur ab. Der allen Menschen bevorstehende individuelle Tod entlarvt die hierarchische und zugleich hieratische Ordnung der Kasten als menschengemacht, künstlich und der Würde des Menschen entgegen. Denn alle Menschen gleichen sich in ihrer individuellen Sterblichkeit. Weil jene für jeden Menschen gilt, gleich ob er in oder außerhalb des Kastensystems lebt, ist sie universal. Die Universalität der Endlichkeit alles Welthaften – und nur dieses ist wahrnehm- und beobachtbar – erübrigt jegliche Hierachie in der Menschheit und der Natur. Der späte Buddha wird von der Verbundenheit aller mit allem predigen. Er geht damit weit über den am Anfang der mitteleuropäischen Aufklärung durch J. Locke oder Th. Hobbes apostrophierten Naturzustand hinaus. Jene schrieben dem Natürlichen den Konflikt als Grundgesetz ein.

Buddha entgeht in seiner Anschaung der universalen Verbundenheit als Sterblichkeit des Menschen und als Endlichkeit des Natürlichen philosophischen Begründungsdilemmatas, die durch die Prinzipiensuche entstehen. Die griechische Philosophie, bereits die vor Sokrates, sieht in der Suche nach den „archai“, nach dem alles begründenden Prinzipienzusammmenhang ihre zentrale Aufgabe. Im Unterschied dazu erlebt Buddha das Leben und die Welt in jungen Jahren, als Wandermönch Siddharta, unter dem Aspekt von Alter, Krankheit und Tod. Er nimmt diese Erfahrungen in der Frage auf: Welchen Sinn hat es, wenn Menschen einander und anderes Leben töten, wenn der Tod ohnehin allem beschieden ist? Krieg und Kampf, ebenso die Ausbildung dazu, resultieren für ihn aus lebensfeindlichen Grundbedürfnissen des Vergleichens, des hierarchischen Ordnens, des Ein- und Aufteilens. Siddharta will keinen Kampf: „Ich will nicht kämpfen.“ (Buddha, Bd. 4, S. 228) Noch freilich verfügt er nicht über die geistigen Mittel, sich gegen aufgezwungenen Kampf zu wehren. So bleibt Siddharta weiterhin mit Kastenordnung und Einteilungen des natürlichen Lebens konfrontiert.

Wie kann er seinen spirituellen Weg vervollkommnen? Er baut auf die Erfahrung und deren Meditation. Was er nicht erleben kann, scheint ihm auch meditativ nicht durchdringbar. Deshalb geht er mit seinem engen Begleiter Dnepa den Weg der Askese. Ihr gegenüber wird er zunehmend skeptischer: „Die Askese ist sinnloses Leid. Welchen Gewinn sollte die vorsätzliche Zerstörung des Körpers bringen?“, frägt Siddharta. Sein Gefährte Dnepa hält ihm als Grundsatz der Askese dagegen: „Gerade im Leiden findet der Mensch tiefe Wahrheit.“ Mit dem Begriff „Leiden“ gibt Siddharta seiner Kritik des Kampfes einen Rahmen. Grundbedürfnisse, die den Menschen in den Krieg mit seiner Lebenswelt schicken, schaffen Leid. Dennoch: Siddharta lässt sich auf den „Wald der Askese“, Uruvela, ein. Nicht lange, dann bricht die Frage aller Fragen diesmal mit einer konkreten Folgefrage verbunden auf: „Warum müssen Menschen sterben? Warum gibt es Kasten?“ (Buddha, Bd. 5, S. 91) Die Kaste wird zum Inbegriff des Unterschieds zwischen den Menschen. Sie erzwingt  den äußeren Kampf der Überlegenen gegen die Ausgestoßenen. Die Askese erscheint Siddharta als Leid, das Menschen sich selber zufügen, um es zu bestehen. Sie führt letztlich in den Kampf des Einzelnen gegen sich selbst.

„Menschliches Leid hat andere Gründe. … Was ist mit Krankheit? Armut? Diskriminierung?“ (Buddha, Bd. 5, S. 92) Die Fragen an die asketische Erfahrung konkretisieren den Begriff des Leides. Leid ist dem Menschen natürlich. Das zentrale Leid ist der gewisse Tod. Zusätzlich fügt der Mensch sich und anderen systemisches Leid zu. Im späteren Buddhismus werden daraus die sog. „zweiten Pfeile“, die Menschen auf sich selber abschießen. Systemisches Leid ist die Folge von Diskriminierung, also ungerechter und unrichtiger Ordnung, in der Menschen übereinander und die Lebenswelt verfügen. Das führt zu Vorurteilen, die Konflikt, Kampf und Krieg auslösen, weil Menschen sich gegen Menschen aufbringen lassen. Wie kann der Mensch sich aus dem Leid herausarbeiten?

Was ich in der Einleitung zu diesem Text zusammenstellte, handelt von Krieg und Krise, handelt von gegenwärtigem menschlichen Leid. Wieviele Menschen trifft dieses Leid der Kriege in der Ukraine, in Gaza, bis vor kurzem im Libanon? Schwere Zerstörungen machen das Leben in den Kriegsgebieten für Millionen Menschen unmöglich. Der Überlebenskampf lässt Menschen verzweifeln, weil der individuelle Einsatz dem Umfang der Beschädigungen der gesamten Lebenswelt kaum etwas entgegensetzen kann. Vertrauen zerbricht, sowohl das in das gewohnte Leben, wie auch das in politische Bündnisse und deren Versprechen. Das Vertrauen in die humanitäre Unterstützung und in die persönlichen Überzeugung davon, wie auch unter kritischen Bedingungen Leben lebbar bleibt, ist schwerst erschüttert. Ob in Israel oder im Libanon, zunehmend mehr in der Ukraine. Krieg und Kampf erscheinen anfangs als Ausweise der Selbstwirksamkeit von Nationen, Interessensgruppen. In der Perspektive des späteren Buddha beruht das auf einem Irrtum. Krieg und Kampf stellen nie Verbumdenheit her, nicht einmal deren Schwundstufen wie Gerechtigkeit, gesellschaftliche oder politische Ordnung. Krieg und Kampf führen direkt zum Leid aller daran Beteiligten. In der Schlacht geht es um Leben und Tod für alle unmittelbar Beteiligten und die Menschen, um deretwillen gekämpft wird. Auch sie verlieren Angehörige, die Lebenswelt, den Alltag. Krieg schafft Leid, nichts anderes. Dies erlebt Siddharta in den Kämpfen der rivalisierenden Regionalkönige, zu denen auch sein Vater gehört.

Eines Tages wird Siddharta an das Sterbebett einer jungen Frau gerufen, die ihm als Mädchen nach einer längeren, sehr strengen Askeseübung das Leben rettete, Sujata. Der Biss einer Kobra vergiftet sie. Siddharta steht betroffen und ratlos vor dem Sterben seiner Lebensretterin: „Sie liegt im Sterben. Wie soll ich das Leben dieses armen Mädchens retten? … Warum kann niemand dem Tod Einhalt gebieten?“ (Buddha, Bd. 5, S. 203, 204). Auch hier geht es um Leben und Tod. Siddharta erinnert sich daran, dass er dazu fähig ist, sich mit anderen Lebewesen zu verbinden. Die mitfühlende Verbundenheit ermöglicht ihm, sich mit der Welt der Sterbenden zu verbinden. Er trifft in dieser Welt auf „Brahma“ (Buddha, Bd. 5, S. 212), die Einsicht in die „Gesamtheit von Himmel und Erde“, die einem umfassenden Lebewesen gleicht (Buddha, Bd. 5, S. 213). Sujata ist in diesem Leben aufgegangen und Siddharta lässt das so sein. Er vertraut darauf: Sujata findet im Leben ihren Weg. Nicht den der Intentionen Siddhartas.

Was können wir daraus für die Kriege und Krisen unserer Tage ableiten? Können wir überhaupt etwas daraus ableiten? Siddharta will die sterbende junge Frau retten. Er geht dafür nicht den funktionellen Weg eines Therapeuten. Ihm war klar, dass er den Tod nicht aufhalten kann. Und er hat den Mut für das Außergewöhnliche, sich mit der Sterbenden zu verbinden. In der Verbundenheit geht ihm das Leben auf. Verbundenheit statt Widerstand, das ist die existenzielle Strukturformel für den Umgang mit Krieg und Krise. Denn die Verbundenheit respektiert das Leid und die Leidenden, es nimmt die Gewalt des Krieges und die Bedrohlichkeit der Krise ernst. Der Anker der Verbundenheit ist das Leben, wie sich zeigt. 

Nur Lebendiges ist selbstwirksam. Wer auf Vernichtung setzt, der untergräbt die eigene Selbstwirksamkeit. Nichts Schlimmeres in Krieg und Krise gibt es, wie die Selbstwirksamkeit dadurch zu untergraben, dass man auf die Vernichtung des anderen setzt. Denn eines verbindet den anderen, den Drohenden, den Feind mit einem selbst: der persönliche Tod. Nichts ist widersinniger, lernen wir vom Buddhismus, als andere zu vernichten, dem Sterben durch den Einsatz von Gewalt und Waffen vorzugreifen. Denn Gewalt schmälert immer die Grundlagen des Lebens.

Damit sind wir beim Kern dieser Reflexion angelangt. Krisen und Kriege sind ein Ausweis von Unverbundenheit der Menschen unter einander. Deshalb ist es ein unverzichtbarer Weg, diese Unverbundenheit wieder mit Verbundenheit und damit mit Leben in Berührung zu bringen. Dafür braucht es, wie die Geschichte von Siddharta zeigt, gelegentlich den Mut zum Außergewöhnlichen. Jenes findet nicht in einem „Deal“ statt, sondern darin, sich, statt zu vernichten, mit dem Leben zu verbinden, also in der existenziellen Entscheidung. Im kleinen privaten wie auch im globalen öffentlichen Raum sollten wir den Menschen eine Chance geben, die sich für das Leben entscheiden und dabei ganz in ihm aufgehen. Aus dem, was sich darin zeigt, kann dann das Recht, die  Vereinbarung, der Vertrag, das ganze Schwundstufenwesen der Verbundenheit formuliert werden. Verbundenheit im Leben schaffen, weil wir im Sterben ohnehin mit einander verbunden sind, könnte den Weg einer veränderten Weltordnung geben, den wir uns zu suchen aufmachen. Leider zu oft mit lebensfeindlichen Mitteln.

Tezuka, O. (2013): Buddha. Band 5: Die Askese. Carlsen

Die gefährlichste Frage

Einige Menschen sandten mir gestern Grüße zum ersten Advent. Was ist „Erster Advent“? Ein dekorierter Sonntag? Der Anfang des Adventsweges vom Black Friday über Weihnachtsfeiern und Glühwein auf den Märkten bis zu den Weihnachtstagen, dem Höhepunkt des Dekorativen im Jahreslauf?

Ich lese das erste Mal in meinem Leben ein Manga. Zehn Bände zeichnete und schrieb Osamu Tezuka zu Buddha. Jener wird zu den spirituellen Weisheitslehrern der Achsenzeit gezählt, gilt als Gründer der philosophischen Religion des Buddhismus, wird als Quelle der Achtsamkeit von der Psychotherapie gerade intensiv genutzt. Kein Buch über Buddha und Buddhismus fasziniert mich mehr als das Manga. Es begleitet mich seit etwa zwei Wochen.

Das Manga Buddha will kein religionswissenschaftlicher oder theologisch-philosophischer Beitrag sein. Es ist auch kein spiritueller Ratgeber. Es bettet Buddha in seine Zeit ein, das 7. – 5. vorchristliche Jhdt und verankert die Erzählungen im Kulturraum des nördlichen indischen Subkontinents. Zugleich reicht es in unsere Gegenwart. Damit ist gesagt, was diese Grafic Novel aus meiner Sicht nicht ist, und klargestellt, worum mir es in den folgenden Texten nicht geht. Ich versuche vielmehr meine Erfahrung mit dem Manga, die zugleich eine Erfahrung mit mir selbst ist, in Worte herauszubringen, 

Seit zwei Wochen erzählt das Manga mir den Weg des Prinzen Siddharta zum Erleuchteten, dem Buddha. Ich verfolge die Erzählungen der Ereignisse und Gestalten, des Kontextes, in den Siddharta als Königssohn hineingeboren wurde. Ich ahnte bald, dass die alten Geschichten sich mit der Zeit, in der ich gerade lebe, berühren. Die Ordnung der Kasten, von den priesterlichen Brahmanen unnachgiebig als hierarchische Ordnung von Gesellschaft bewacht, erscheint als ein energetischer Faktor für die Dynamik des Machtgeschehens ebendieser Gesellschaften. Dieser Ordnungstyp kommt auf mich als das System meiner gesellschaftlichen, politischen, philosophischen Traditionen zu. Die hierarchische Ordnung baut auf Weltzeit mit Ursprung in einem heiligen Geschehen, durch sich selbst dem kritisch fragenden Zugriff und simpler Hermeutik verschlossen. Naive Hermeneutik wird unversehens zur Hermetik, zur geheimnistuerischen Nachfolgeerzählung. Das gleicht einem rechtspopulistischen und konservativen Narrativ unserer Tage. Europa sei gegründet im jüdisch-christlichen Abendland. Niemand kennt dieses Abendland. Sein jüdischer Quellort ist das vordere Asien. Seine christliche Folgeerzählung im europäischen Süden ist ein Amalgam, geschaffen auf dem Recht und der Staatsidee des römischen Kasierreiches, gedeutet aus den evangelischen Jesuserzählungen, philosophisch überbaut durch das Denken in der Tradition Platons und Aristoteles, letztlich mitteleuropäisch zu Christentum systematisiert in Theologie und Dogmatik – und weltweit organisiert in Kirchen. Das jüdisch-christliche Abendland scheint ebenso hierarchisch, wenn auch nicht mehr hieratisch, verschlossen wie die Kastenordnung. Beides ist der Versuch, einen Ordnungsbegriff zu behaupten, der die politischen und sozialen Ordnungssysteme unhintergehbar legitimieren soll.

In dieserart verfasste Ordnung hinein wird Siddartha geboren. Von königlichem Stand und von Geburt an mit der Weissagung ausgestattet: „Er wird uns das Leben lehren.“ (Bd. 2, S. 47). Soviel hoher Ton weckt überschießende Erwartungen. Die königlichen Eltern ringen damit, die Erwartung zu fördern. Sie schließen ihr Kind samt seinem Leben in die hierarchische Ordnung ihres Standes ein. Doch der junge Prinz entwickelt sich zur Reibungsfläche. Er stellt den Brahmanenkult als inhaltslos infrage. Er schläft inmitten königlicher Lustbarkeiten ein. Er erbricht sich schwallartig und häufig. „Der Junge ist von Geburt an kränklich“, konstatiert der enttäusche Vater (Bd. 2, S. 124). Er verschläft sein Leben, die königliche Aufgabe, die Staatsräson. Die Ziehmutter quälen Zweifel an ihrer Mutterkompetenz. Beide gewähren ihm, was in der Ordnung übrig bleibt, bei exklusiven Lehrern zu lernen.

Wie verhalten sich etablierte Ordnungssysteme gegenüber dem, was sie unerwartet infrage stellt? Sie suchen im Rahmen der Möglichkeiten die Infragestellung durch immer exklusivere Anpassungangebote zu entschärfen: Lerne Anpassung! Ist die Esklation der Angebote ausgeschöpft, trifft auch das königliche Kind die Drohung des Ausschlusses aus dem System. Wer nicht in die Ordnung passt, wird ausgestoßen. Der andere Klang von: Lerne Anpassung! Und wieder eingefangen in den Ordnungskontext: Wer Menschen das Leben lehrt, wird die Alternativen der Anpassung in aller Intensität selbst erleben müssen. Siddharta durchkreuzt auch das. 

Es ist ein verbotenes Spiel an ihm verbotenem Ort, auf das er sich nichtsahnend mit Freunden einlässt. Fasziniert von der Welt außerhalb des Palastes freut er sich an einem Kaninchen. Ein Freund erlegt es. Die Freunde und Siddartha verwickeln sich in eine Rauferei. Der Jäger fällt in einen Teich und ertrinkt. Beide Toten, der tote Mensch und das tote Tier, liegen nach vergeblicher Rettungsaktion nebeneinander (Bd.2, S. 134). „Wenn man die beiden toten Körper so nebeneinander sieht, dann scheint es im Tod keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu geben. Wieso töten Lebewesen einander? Weshalb werden wir geboren, nur um zu sterben?“ (Bd 2, S. 135) Siddartha wird die Frage aller Fragen nach der Bedeutung des Todes mit in sein Leben nehmen. Sie bleibt lange unbeantwortet für ihn, auch wenn er sie immer besser versteht. 

Die Frage nach dem Sinn eines Lebens, das der Tod beendet, sprengt jede verfasste Ordnung. Es ist die Frage, die alle Anpassung als fragwürdig erscheinen lässt. Es ist eine Frage, die zugleich mit ihrem Auftreten die Ordnung des Lebens unterbricht, Einfallsschneisen für das Freie öffnet und zugleich an der Notwendigkeit verzweifeln lässt. Die Frage bedroht das Bestehende zugunsten des Utopischen, nimmt jedem Konservativismus seine Bedeutung (Wofür etwas bewahren, wenn alles endet?) und entlarvt den Aufstand als das in aller Ordnung lauernde Chaos.

Siddharta entdeckt für sich die mithin gefährlichste Frage, weil sie – auch, gerade für ihn, den geweissagten Lebenslehrer – nicht beruhigt werden kann. Weder hierarchische Traditionen noch philosophische Systeme, weder politische Ordnungen noch gefügte Gesellschaften, nicht die Moral und nicht das Recht, nicht einmal der Glaube können die Frage zur Ruhe bringen. Kontra: Die Frage nach dem Sinn des Lebens angesichts des Todes bringt den Menschen auf den Weg, sein Menschsein zu finden.

Irgendwann kommt sie in jedem Leben an. Der Advent dieser Frage kehrt, wo er sich ereignet, rasch den gewohnten Blick um. Welchen Sinn hat mein Weg, wenn auch er durch den Tod endet? Wie sinnwidrig ist deshalb das Kämpfen und Töten unter Lebewesen? Schließen Tod und Sinn einander aus? So, wie Leben und Kriegen einander ausschließen? Die Verharmlosung des Advent, wie sie in überbordender Dekoriertheit und rauschhaftem Ritual gefeiert wird, kündet sie nicht davon, dass wir unseren gemeinsamen endlichen Weg hinter alldem Feiern verstecken? Bei mir ist durch die ersten beiden Bände des Mangas die Frage aller Fragen wieder neu aufgebrochen – und ich ahne, dass sie mich auf den Weg bringt.

Quelle:

Tezuka, O. (2012): Buddha. Band 2: Die Prophezeiung. Carlsen

Lebensrelevanz

In meinem Post zum Welthospiztag (12.10.2024) auf LinkedIn schrieb ich: „Hospize bewahren Raum und Zeit für den letzten Atemzug inmitten einer atemlos lebenden Gesellschaft.“ Insofern haben Hospize Relevanz für das Leben. Als Orte für das letzte Leben sind sie lebensrelevant.

Orhan Pamuk, der türkische Literat und Nobelpreisträger (2006), schildert in seinem Skizzenbuch „Erinnerungen an ferne Berge“ einen Traum von einem Falkennest. „Als ich näher heranrückte, stellte ich entsetzt fest, dass es mein eigenes Grab war. Mein Grab war mit einer noch warmen Kerze bedeckt. Das bedeutet, dass ich gerade erst gestorben und mein Grab mit einem Siegel versehen war, das mein Leben beurteilte, ja verurteilte.“ (2023, S. 350 f.) Die Begegnung mit dem persönlichen Totsein löst bei Menschen erst einmal Entsetzen aus. Nicht selten nährt sich der Schrecken durch Schuldgefühle, möglicherweise verurteilt zu sein. Für Orhan Pamuk war es klar: „Natürlich stammte dieses Siegel von GOTT.“ (2023, S. 351)

Heißt Totsein, von einem oder einer anderen verurteilt sein? Bedeutet der Tod Feststellung der Schuld? Eine furchtbare Deutung einer Erfahrung, die jeder Mensch einmal und zuletzt in seinem Leben machen wird. Entsteht deshalb durch das palliative und hospizliche Herbeten, wie entlastet Sterben am richtigen Ort und unterstützt durch angemessene Fachlichkeit heute sein kann, eine große, zeitgenössische Vermeidungserzählung? So schlimm kommt es schon nicht. Es gibt Abhilfe im Schrecken des Sterbens.

Gestern war Welthospiztag. Ich selber habe jahrelang, bis zum Übergang in den Ruhestand, psychotherapeutisch und immer auch philosophisch Gäste im Hospiz begleitet. Die Sterbenden ließen mich in dieser intensiven und intimen Epoche ihres Lebens zu. Manchmal nur wenige Tage lang, oft über Wochen und Monate. Einige nahmen mich in die Dunkelkammern ihres Lebens mit. Dort durften wir zusammen so manches unentwickelte Negativ zu einem anschaubaren Bild entwickeln. Andere luden mich zur Feier ihres Lebens ein. Ich durfte narrativ an den Glanzpunkten des Lebens teilhaben. Viele hielten sich an unseren Begegnungen fest, gruben verschüttete Werte wieder aus oder begruben Enttäuschungen, die sie nicht in die letzten Atemzüge mitnehmen wollten. Je unmittelbarer die Begegnungen waren, je mehr wir, der Gast und ich, einander zutrauten und uns auch trauten, umso mehr wandelten sich die vielen Ängste, Dunkelheiten, Enttäuschungen. Immer wieder wandten sich Sterbende dem Leben wieder zu, einem Leben, das dann ein wenig mehr das in dieser Lage mögliche Leben sein durfte und auch sein sollte. Der Gläschen Sekt am Vormittag, der Schluck Bier am Abend. Eine neue Freundschaft, ein lang gehegter Wunsch, den sich der Gast gerade jetzt erfüllte. Auch das klare Nein zu zu vielem und zu anstrengendem Besuch. Das klärende Wort zwischen dem Vater und seinen Töchtern, der Mutter und ihrem tief trauernden Sohn. Die Annäherung an den früheren Partner, den man jahrzehntelang aus dem Leben gestrichen hatte. Die wundervolle Schärpe, die spontan im Internet gekauft zum Ausdruck persönlicher Würde wurde. Das Eingeständnis der aufkeimenden Todesangst in den letzten Lebensstunden. Die Bitte, das Sterben nicht miterleben zu müssen und es verschlafen zu dürfen. Abhilfe vor dem Schrecken des Sterbens war im Gespräch, immer wieder verbunden mit dem Wunsch, assistiert sterben zu dürfen – nicht um die Todeserfahrung zu vermeiden, sondern um den Todeszeitpunkt souverän zu bestimmen, wenn die Sinnwidrigkeit das Weiterleben erdrückte. Ein Wunsch, der nicht erfüllt werden konnte. Meist stellten sich die Gäste mutig dem Tod. Eher quälte sie die Sorge, das Sterben „nicht hinzubekommen“. Sterben ist nicht schön. Denn ich verliere dabei mein Leben.

Mir klärte sich in all den Erlebnissen im Hospiz die Lebensrelevanz des Todes. Ernstnehmen, dass ich es bin, der einmal, unerwartet vielleicht, sterben muss, verändert die Relevanz des Lebens. Es regte mich an zu überlegen, was war die oder ist noch Pflicht im Leben und was im Leben ist Kür, in der ich gelöst und aus dem Augenblick heraus meine Pirouetten drehe. Welchen Raum gebe ich dem, was mir einfach zugekommen ist, was kein Produkt meiner Leistungsbereitschaft ist, sondern eher ein Ergebnis des Ergreifens, Zulassens, der Hingabe an das, was mir zukam und zukommt? Lebe ich mit meinem Atmen oder erlebe ich dauernde Atemlosigkeit im Trubel der Ereignisse? Ahne ich noch, dass Atem und Leben zusammengehören? Oder habe ich das Atmen vergessen, wie ich es vergesse, zu leben. Bin ich offen für das radikale Novum, für das „querschlagende Einzelne, Unverabredete“, von dem Ernst Bloch (1885 – 1977) schreibt (2016, S. 47)? Oder zähle ich, wie Orhan Pamuk, die Schiffe auf dem Bosporus, „um mich zu vergewissern, dass die WELT AN ORT UND STELLE IST“ (2023, S. 66)?

Die Gegenwart von Hospizen an unseren Lebensorten, von Palliativstationen in Kliniken oder von Palliativzimmern in Senioren- und Pflegeeinrichtungen wollen weder den Alltag stören noch das Vermeiden fördern. Sie sind da, weil zu unseren Lebensorten auch solche für das „Menschsein im Sterben“ (Riedel, 2024) gehören. Sie zeigen an, dass der Tod die Relevanz des Lebens schärft. Sie machen bewusst, dass wie alle Zeit auch meine Lebenszeit vergänglich ist. Darin besteht eine der gesellschaftlichen Aufgaben der Hospize und Palliativen Institutionen, auf die Relevanz des Lebens hinzudeuten und zu gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Deutungen dieser Relevanz anzuregen.

Quellen:

  • Bloch, E. (2016): Experimentum Mundi. 2. Aufl. Suhrkamp
  • Pamuk, O. (2023): Erinnerungen an ferne Berge. Skizzenbuch. Hanser
  • Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliative Care. Hogrefe

Schwundstufenleben

Deutschland scheint sich auf einem Minderungsweg zu befinden: schwindende Wirtschaftsleistung, zerbröselnde Infrastruktur, unzureichende Verkehrswege. Schwerer wiegen die Abstriche am kulturellen und politischen Bildungsinteresse, die allmähliche, vielleicht auch politisch gewollte Verkümmerung der Sprache, die Reduktion des ästhetisch Sinnlichen auf das Grobschlächtig-Plakative. Befinden wir uns in einer Schwundstufendynamik?

Von Schwundstufen kann nur gesprochen werden, wenn deutlich ist, von welcher Stufe aus das Schwinden beobachtbar ist. Von welcher Stufe aus wird das gegenwärtige Leben als Schwundstufe sichtbar? Schwundstufen scheinen ein „so war es einmal“ voraus zu setzen. Die Stufe, im Vergleich zu der das Schwinden wahrnehmbar wird, liegt bei zeitlicher Betrachtung in der Vergangenheit, bei prinzipieller Betrachtung auf dem Niveau des Idealen. Wer den Schwund festmachen will, wendet den Blick, so scheint es, zurück oder nach oben. Es ist die Vergänglichkeit, die die Wendung des Blicks hervorruft: so war es einmal, als alles noch besser war, als es jetzt ist. Im Ernst? Machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir nur die Fallstrecke der Vergangenheit oder die Fallhöhe des Ideals für das Maß des Besseren, Wertvolleren erachten?

Die Schwundstufe beruht auf einem Vergleich. Für die Bestimmung der Schwundstufe ist zu fragen, worauf das Vergleichen zielt. Geht es um messbare Quantitäten, dann bietet sich eher der Begriff der Minderung an, nicht der des Schwundes. Gemindert ist das Bruttosozialprodukt, der Zustand der Brücken und Schulhäuser. Schwund markiert eher die qualitative Differenz: das intellektuelle Niveau vieler Debatten und derer, die sie führen, die integrative Toleranz, das Bewusstsein des Wertvollen. Schwund ist das Fehlen des Essentiellen, des Humanen, der verantworteten Reflexion, des Mutes zur Freiheit.

Um also Schwundstufen zu bestimmen, bedarf es der qualitativen Perspektive. Perspektive ist anders als der Blick, der zu sehr im Augenblick spielt. Perspektive, die Hinsicht, arbeitet mit der Weile. Sie ist gründlicher als der Augenblick. Sie verweilt bei dem, worauf sie hinblickt. Sie versucht im Zusammenhang, wenn möglich sogar in der Entwicklung zu sehen. Sie stellt Beziehung zwischen dem Standpunkt des Sehens und dem, worauf hingesehen wird, her. Die Perspektive bezieht den Sehenden in den Prozess des verweilenden Hinblicks mit ein. Wer sich seines Standpunkts nicht sicher ist, tut sich mit der Hinsicht schwer. Das Zählbare, Messbare und Wägbare verliert dabei an Wichtigkeit. Die Bedeutung, die prinzipielle und die relative, gewinnt an Gewicht. Welche Bedeutung hatte etwas, welche hat es jetzt? Welchen Wert hatten Sprache, Bildung, Kultur, Ethos einmal, welchen haben haben sie jetzt? Was wurde anders?

Auf dem Weg der Perspektive gewinnen wir Einblicke in die Veränderungen auf eine Weise, die nicht nach besser oder schlechter fragt. An den Veränderungen interessiert vor allem das, was anders wurde. Anders sein kennt viele Formen. Wann wird anders sein zur Schwundstufe? Dann, wenn in der Veränderung etwas Essentielles geschwunden ist. Wenn die Veränderung dem, was als anders erkannt wird, das entzogen hat, was ihm Bestand, Eindeutigkeit, Selbstzugehörigkeit verlieh. Zwar ist noch erkennbar, was es ist, aber eben in schwundstufenhafter Weise.

Um den Gedanken zu konkretisieren: 

Ich höre gerne Musikeinspielungen. Am liebsten sind mir analoge, auf Vinylschallplatten gepresste Aufnahmen. Der Klang von Stimmen, Instrumenten, der Mischklang von Ensembles wirkt von der LP wiedergegeben gefüllter, natürlicher, runder, fließender, musikalischer. Wenn ich in einem Streamingdienst eine Einspielung anhöre, dann nehme ich die Musik anders wahr. Zweifellos sind die Stimmen, die Instrumente, die Ensembles identifizierbar. Ihnen fehlt aber die Musikalität, das Lebendige, im Grunde die Substanz im Vergleich zur LP-Einspielung. Was ich über Streaming höre, ist die Schwundstufe einer Musikeinspielung. Es geht nicht um schlechter oder besser. Es geht um das Essentielle im Gehörten, das ausgedünnt, verkürzt klingt.

Passen wir uns allmählich an die Schwundstufen an, indem wir uns an die digitalen Replikationen des Realen gewöhnen? Ein Avatar ist nicht der Mensch, den er repräsentiert. Er ist nicht ich. Die virtuelle Realität ist eine andere Realität als die uns umgebende. Sie steht in einem konstruierten Verhältnis zu uns. Sie setzt den digital-technischen Zugang voraus. Virtuelle Realität wird durch digitale Verfahren und Prozesse erzeugt, auch wenn sie Umgebungsrealität abbildet.

Ein anderes Beispiel für die Schwundstufe entstammt einem sozial sensiblen Bereich.

Der Pflegeroboter, der zunehmend Aufgaben übernimmt, die von menschlichen Pflegenden nicht mehr geleistet werden können, ist für bestimmte Aufgaben programmiert. Auch zum Roboter können, bestimmte Ausstattungen vorausgesetzt, durchaus haptische, visuelle, akustische Interaktionen aufgebaut werden. Der Roboter lernt dazu. Dennoch bleiben die Interaktionen mit ihm Schwundstufen zwischenmenschlicher Beziehungen. Es fehlt die Dimension der Begegnung, die in den einander Begegnenden deren Wertbild anklingen oder aufleuchten lassen kann. Die Ahnung dessen, was eine, einer noch werden kann, wenn sie, er sich für diese Seinsbereicherung entscheidet. Eine Interaktion ist die Schwundstufe einer wertvollen, achtsamen, intersubjektiven Begegnung. 

Immer umfänglicher ist unser Leben von Schwundstufen geprägt. Deshalb muss das Leben nicht schlechter als früher einmal sein. Es ist anders und es verändert nicht nur sich, sondern auch uns. Wenn wir Konzerte in perfekten Übertragungen miterleben, wenn wir uns mithilfe audivisueller Brillen in unbereisten Regionen bewegen, lernen wir dann die unverstellte Wirklichkeit dessen, was wir gerade erleben, kennen? Verdoppelt sich nicht durch das digital unterstützte Erleben das Eindrückliche? Denn auch die digitalen Bilder des Wirklichen unterliegen den psychischen Prozessen von Wahrnehmung und den rationalen der Erkenntnis. Wir gewinnen Bilder von digitalen Bildern und entfernen uns immer weiter aus der Unmittelbarkeit. Könnte das auch ein Erklärungskontext dafür sein, warum Fakten und Fakes immer schwerer unterscheidbar sind? Vielleicht liegt dies nicht nur an der Perfektion der digitalen Methoden, sondern auch an der schwundstufenhaften, durch Virtualität veränderten menschlichen Wahrnehmung? Werde ich mich bei einer virtuellen Bergtour schwitzend, keuchend, durstig wie während einer realen wahrnehmen? Welches Ziel verfolge ich mit der virtuellen Reise? Welches mit einer tatsächlichen? Führt die Gewöhnung an die Schwundstufen des Lebens auf Dauer zur Veränderung dessen, was Erleben, Erfahrungen, Reflexion sind – mit Folgen für unseren Realitätsbezug, die wir noch nicht absehen können?

Beides: Wir in Deutschland erleben uns auf einem nicht mehr gewohnten Minderungsweg – und wir leben längst in der Dynamik der Schwundstufen. Entscheidend wird sein, was uns gewichtiger angeht, was unser Bewusstsein von uns selbst und nicht nur unser Selbstbild verändert und wohin die Veränderungen zielen.

Intellektualität und Meinung

Haben wir uns in Deutschland daran gewöhnt, unbeeindruckt von Intellektualität zu vermeinen und zu meinen? Der Blick auf das, was in der Politik und in den journalistischen Medien Analyse in aller Tiefe genannt wird, erst recht der Blick auf die sozialen Medien, lässt es nicht nur vermuten, sondern er legt den Verdacht nahe: viele öffentliche Meinungsmacher:innen und -träger:innen scheren sich keinen Deut mehr um intellektuelle Redlichkeit. Der medienwirksame Satz, längst kein Bonmot mehr, die zugespitzte Meinungsäußerung, in seltenen Fällen ein überprüfbares, faktenbasiertes, mithin wenigstens schwundstufenhaft rationales Argument, werden situativ und damit meistens reaktiv in die Welt gesetzt. Es scheint vor allem darum zu gehen, durch die Geschwindigkeit der verbalen Reaktion auf Ereignisse die eigene Präsenz zu markieren. 

Präsenz auf dem Markt der Meinungen zu markieren, sichert digitale Zustimmung. Je präsenter, umso relevanter, könnte eine Regel zeitgenössischer Meinungsäußerung sein. Können wir als Gesellschaft von Meinungen leben? Oder erodieren Meinungen nicht zunehmend die Information? Verzerren sie nicht die Perspektive auf die Fakten? Halten sie nicht zur Vermeidung des Arguments an? Untergraben Meinungen auf diese Weisen nicht den Minimalkonsens, der Kommunikation und Diskurs in einer demokratischen Gesellschaft ermöglicht? Brauchen wir deshalb, um für etwas Aufmerksamkeit zu erzeugen, das grelle Wort, das zuverlässig das persönliche Meinen durchsetzt, indem es andere Meinungen in seinen Schatten stellt? Inzwischen geht es nicht mehr darum, sich argumentativ auf einen Konsens zu vereinbaren. Längst wird auch in den Schulen die Meinungsbildung trainiert, die vor allem von der effektiven Präsentation eigener Bilder lebt, weniger von deren Inhalt. Inhalte vertrauen wir künftig eher der Künstlichen Intelligenz an und, warten wir noch eine Weile, vorwiegend der KI vor allem zu.

Wir verlernen das Denken. Denken hat keinen Markt; denn ihm eignet kein Warenwert. Denken ist zunächst nicht auf Öffentlichkeit angewiesen. Gedacht wird in Einsamkeit leichter als in Öffentlichkeit. Die Ungeduld der zeitgenössischen Öffentlichkeit erschwert zudem das Denken. Denn sie ähnelt zu sehr dem Markt, auf dem Meinungen wie Ware umgeschlagen werden.

Denken bedarf des Forums. Auf einem Forum geht es nicht um den Warenwert, nicht um den Tausch, sondern um den Austausch. Auch hier werden vorerst Meinungen ausgetauscht. Die eine sieht es so, der andere anders. Die Pluralität des Forums ist zugleich Diversität. Damit ist es nicht getan. Wer sich in einem Forum bewegt, der will weg von der Meinung; er geht ja nicht auf den Markt, wo einer den anderen überschreit. Vielmehr will er die Geltung von Meinungen überprüfen. Was sie oder er auf das Forum mitbringt, ist keine Reaktion mehr, sondern entstand im Nachdenken oder im kreativen, schöpferischen Denkprozess. Auf dem Forum, wie es hier verstanden wird, bewegen sich weniger Menschen, die sich mit etwas in Leben und Persönlichkeit alleingelassen fühlen. Das Forum ist eher der Raum der Einsamen, derer, die gut mit sich allein sein können. Ihnen gelingt es, die Gedanken zu sammeln, sich zu konzentrieren auf deren Mitte, den Kern des Problems oder den Anfang und das Ziel eines Gedankengangs. Sie lassen sich auf Unterscheidungsprozesse ein, wägen die Differenzen ab, suchen das Prinzip, das der Unterscheidung und der Differenz zugrunde liegt – oder die Synthese, in der das Differente in einen neuen Zusammenhang gesetzt wird. Sie zielen auf die erklärende Vertiefung oder den bereichernden Bedeutungswechsel der Gedanken ab. Zugleich bringen sie den Prozess in Sprache.

Sprache, die Denken ausdrückt, ist solange im Prozess, bis rationale Argumente gelingen, die Aussagen inhaltlich und formal begründen. Das freilich kann dauern. Vom Gedankenblitz, dem motivierenden Einfall, bis zur rationalen Aussage ist in der Regel ein langer Weg zu gehen. Intellektualität bedarf der Geduld, um vom Schnellschuss des Einfalls zum tragfähigen Aussagesatz zu finden. Widerspricht Intellektualität damit der Meinungsbildung? 

Wie gebildet eine Meinung daherkommt, hängt von deren Bildungsprozess ab. Intellektuelle Bildung braucht Foren, Zeiträume. Sie bedarf der geduldigen Zielstrebigkeit. Die Ermutigung zur wiederholten Einsamkeit, der Sammlung und des Seins bei sich selbst, eines Rückzugs vor dem Auftritt, ist wichtig. Vor allem anderen ist sie angewiesen auf die Verantwortlichkeit bei aller Freiheit des Gedankens. Jene bezieht sich auf die Transparenz und Informabilität für den intellektuellen Prozess. Die Arbeit der Begründung und die Abwägung der Geltungserhebung für das Ausgesagte konkretisieren die Verantwortung des Denkenden für das Gedachte. So wird aus der Meinungsäußerung der intellektuelle Einspruch und Widerspruch. Dessen Gewicht gründet im Ethos intellektueller Bildung. 

Einige Jahrzehnte lang beobachtete ich, wie die intellektuelle Bildung, die nicht unbedingt akademische Ausbildung voraussetzt, gerade in der Politik und im Journalismus schwindet. Vielleicht liegt es an der Veränderung des Resonanzraumes für intellektuelle Einwürfe, dass sich zunehmend weniger Intellektuelle in Deutschland nachdrücklich zu Wort melden. Auf die Zuverlässigkeit, mit der Marion Dönhoff, Jürgen Habermas oder Gerhart Baum, um Beispiele zu nennen, sich zu Wort meldeten, können wir uns nicht mehr verlassen. Es fehlen auch die intellektuellen Literaten und Theatermacher. Würden Hilde Domin, Heinrich Böll, Günter Grass, Dieter Dorn heute Gehör finden? Auch Theolog:innen wie Uta Ranke-Heinemann, Johann B. Metz oder Hans Küng, die einen wachen und inspirierenden Blick auf die Gesellschaft warfen, gehören der Vergangenheit an. 

Wir haben uns indes, schon viel zu lange und zu sehr, an marodierende Politiker:innen und Journalist:innen gewöhnt, die sich in allen politischen Lagern und Medien finden. Deren Wirksamkeitskriterium scheint weniger die intellektuelle Redlichkeit als die statistische Effizienz bei Umfragen aller Art zu sein. Wir haben uns durch eine ökonomisch beeinflusste und marketingorientierte Schulbildung die Basis für ein intellektuelles Klima in unserem Land nehmen lassen. Viele Nachwuchsakademiker sind ausgewiesene Spezialisten ihrer komplexen Fachlichkeiten, allerdings weit weg von jeder Form intellektueller Bildung. Und der einmal so wichtige gesunde Menschenverstand? Aufgeweicht und marginalisiert durch die lautstarke Präsenz von Influencer:innen, ob professionellen oder hobbymäßigen. Sie alle beschleunigen den Warencharakter des Meinungsmarktes. Der Zeitraum für Nachdenklichkeit schrumpft – und damit auch die Resonanzbereitschaft für Intellektuelle und Intellektuelles.

Wie wollen wir, die Stichhaltigkeit dieser Überlegungen vorausgesetzt, die erforderliche Distanz und damit auch die Foren schaffen, von denen aus das epochale Krisenempfinden auf sein zukunftsverweisendes Hoffnungspotential abgehört werden kann? Wo hat die gedankliche Utopie ihr Forum, ohne gleich als Illusion geschmäht zu werden? Wie gewinnen wir bei aller Veränderlichkeit unserer Epoche den Blick auf das Menschsein zurück? Auf seine gewisse Langsamkeit, seine Geduld für Entwicklung, seine kritische Wachheit für das Geschehende, seine Gelassenheit, die der kreativen Freiheit und der sorgenden Verantwortlichkeit in den Gegebenheiten nachspüren kann?

Brief an meinen besten Freund

Gestern, lieber Freund, entstand der Wunsch, Dir nach langer Zeit einen Brief zu schreiben. Wir sind zwar oft im stillen Gespräch verbunden. Was ich Dir mitteilen will, bedarf einer anderen Form als der flüchtigen des gedachten Wortes. Du fragst, was mich so sehr bewegt?

Gestern verbrachte ich einen Tag in Augsburg. Ich kam gerade von der jüdischen Synagoge in der Halderstraße zurück auf den Königsplatz. Die Synagoge war unzugänglich. Ein Besuch hätte aus Sicherheitsgründen der Anmeldung bedurft, wie ich erfuhr. Auf dem Königsplatz angekommen erlebte ich eine Kundgebung unter den Flaggen Palästinas, mit eingespielten Detonationen wohl großer Geschosse und einer Rede. Die erschütterte mich. Die desaströse Kriegsführung Israels im Gazastreifen wurde in bedrückenden Zahlen vorgeführt. Mehr noch erschütterte mich, dass dieser Krieg wie aus einer Laune Israels heraus entstanden dargestellt wurde. Kein Wort vom Terrorangriff der Hamas am 07. Oktober 2023, bei dem mehr als 1100 ahnungslose Menschen starben und etwa 4600 Menschen verletzt wurden. Von den 250 israelischen Geiseln der Hamas und ihr nahestehender Milizen sind gut die Hälfte freigekommen oder tot geborgen worden. Weiterhin werden ca. 120 Geiseln an geheimen Orten festgehalten. Friedensbemühungen? Raketen wird mehr zugetraut als Verhandlungen.

Du, mein Freund, weißt das alles nicht. Du weißt nichts vom seit 2022 andauernden Krieg Russlands gegen die Ukraine. Zermürbend für zwei Nationen. Tödlich für weit über hunderttausend Menschen. Nichts davon weißt du davon, dass wieder aufgerüstet wird, auch durch Stationierung atomwaffenfähiger Mittelstreckenraketen in Deutschland. Damals, 1983, waren es die Pershings und Cruise Missiles, die gegen den Protest vieler aufgestellt wurden. Du weißt auch nichts darüber, dass es in Deutschland eine rechtspopulistische Partei gibt, die gerade 30% Stimmenanteile bei zwei Landtagswahlen gewann. Du kannst Dir die verbale Aufrüstung in der politischen Sprache nicht vorstellen, die auch unsere „geliebten“ C-Parteien mitmachen. Du kennst das Bashing von Politiker:innen und Themen der Grünen nicht, nicht die ahnungslosen Verdächtigungen, „linke“ Politik zu machen, wo es um den Schutz des Klimas, der Natur, des Lebensraums Erde geht. 1972 wurden die, die den Bericht von den Grenzen des Wachstums des Club of Rome ernst nahmen, als linke Spinner abgewertet. Semper idem? Und die unsägliche Migrationsdebatte, in der die Stimmen vernunftorientierter Menschlichkeit untergehen angesichts der Lautstärke, mit der die Zersplitterung der deutschen Gesellschaft betrieben wird. Einer Gesellschaft, die ökonomisch und sozial von der Zuwanderung lebt, und sich gegen Migration mit „rechtstaatlichen Mitteln“ wehrt. Überhaupt die zunehmende Ersetzung von Demokratie durch Rechtstaatlichkeit! Jene Rechtstaatlichkeit dient der Vermischung von Legislative, Exekutive und Jurisdiktive, deren strikte Trennung unser Grundgesetz garantiert. Gewaltenteilung. Du hättest gleich die einschlägigen Artikel vorgelesen.

Ich höre übrigens, neben dem Schreiben, „unseren“ Eric Clapton. Auf LP, nicht auf CD. Wir würden uns inspiriert von seinem Blues viele Abende, Nächte lang, mit Hintergründen beschäftigen. Du würdest begeistert das Internet nützen. Wir würden unsere persönliche Dokumentation von Fakten und soziologischen Bewertungen dazu zusammenstellen. Auf dieser Grundlage diskutierten wir die Kommentare in der ZEIT, der Süddeutschen, des SPIEGEL und anderer politischer Magazine – und langsam entstünden differenzierte und differierende Standpunkte. Wir waren nicht immer derselben Meinung. Wir blieben bei allem beste Freunde, immer bereit, zusammen Wege zu gehen, einander zu respektieren und respektvoll zu kritisieren. 

Leider bist du schon so lange tot. In Zeiten wie diesen gerade fehlt mir unsere Freundschaft. Mir fehlt die Begeisterung für die Recherche und die Diskussion. Mir fehlt das inspirierende Abschweifen in die Musik, die unser Zusammensein so oft begleitete. Mir fehlt Dein humaner und zugleich volkswirtschaftlicher Blick auf die Lage, die klare politische Meinungsbildung, die mit Dir möglich war. Mir fehlt unser menschliches Bündnis für ein Mehr an Menschlichkeit. Mir fehlt auch das Hören aufeinander, das offen war für die Klage, den Humor, die kabarettistische Karikierung und die rationale Diskussion. 

Unvorstellbar, vom Krieg Israels in Gaza zu sprechen, ohne den Terror der Hamas in seiner brutal wirkenden Inhumanität als Anlass, nicht Ursprung des Krieges darzustellen. Ja, wir hätten wieder über die Engführungen in den religiösen Überzeugungen von Judentum, Islam und Christentum als kulturellem Hintergrund der Krisen in Nahost gesprochen. Wir hätten dazu wahrscheinlich sehr bewusst eine Aufnahme des Orchesters „West-östlicher Diwan“ unter Leitung von Daniel Barenboim gehört. Wie kann die Musik Mozarts, Beethovens, Mahlers die Friktionen zwischen den vorderasiatischen Kulturen und Nationalitäten auffüllen, so dass ein so wunderbarer Klang entsteht?

Mein lieber, toter Freund! Leider ist das, was von Dir lebt, „nur“ die Erinnerung, das Vermächtnis deiner Menschlichkeit, die so wenig Vorurteile kannte. Wenigstens kann ich, noch immer mit Schmerz verbunden, Deine Menschenfreundlichkeit vergegenwärtigen. Auf meinem Weg durch die Zeiten.

Dein Christoph

„Träume große Träume“ (R. Hanson)

Wir haben unglaubliche Möglichkeiten, doch unsere Träume verkümmern, hält der Neuropsychologe Rick Hanson fest. Welchen Traum träumen Sie? Erinnern Sie sich an einen Traum, den Sie seit langer Zeit in sich tragen und irgendwann einmal wegstellten, so dass Sie ihn fast vergessen haben? Ein vermeintlicher Realismus sagt uns: Träume sind doch Schäume. Vermeintliche Lebensklugheit ergänzt: Die raue Lebenswirklichkeit verträgt keine Träume. Können Sie sich im amerikanischen Wahlkampf, im europäischen Parlament oder im Bundestag Politikerinnen, Politiker vorstellen, die ihre Rede beginnen, wie Martin L. King am 28. August 1963 in Washington: „Ich habe einen Traum …“?

Wir haben alle unsere Träume, lang gehegte zumal. Wir haben unsere Freundschaft mit ihnen schleifen lassen. Vielleicht misstrauen wir ihnen sogar. R. Hanson rät: 

„Schaffe Platz für deine Träume in deinem Denken und Handeln. Sei mit ihnen eng befreundet.“ 

Enge Freundschaften leben nicht nur von großen Momenten. Sie bewähren sich durch die Gedankenmomente, in kurzen, miteinander geteilten Zeiten, in den Zwischenrufen und Lebenszeichen. Das erhält uns die Verbundenheit, die ermöglicht, in jeder Begegnung den Faden wieder dort aufzunehmen, wo er zuletzt liegenblieb. Enge Freundschaften leben auch von den Luftmaschen im Gewebe des Lebens. Durch sie schaffen wir Luft und Raum für unsere Träume und das enge Befreundetsein mit ihnen.

Lebensträume leben von der Geduld, die wir mit ihnen haben. Sie überleben in den kleinen Schritten, kleinen Ereignissen, kleinen Taten, mit denen wir beharrlich und gelassen an ihrer Verwirklichung arbeiten. Sie leben vom Glauben daran, dass die Träume einmal Wirklichkeit werden.

„Stell’ dir vor, wie es wäre, wenn sie sich erfüllen würden, und wie gut das für dich und andere wäre.“ (R. Hanson)

Die Verwirklichung von Träumen setzt das Achten auf Gelegenheiten voraus, in denen sich die vielen Bausteine, die wir auf dem Weg zusammengetragen haben, zusammenfügen lassen. Jeder Baustein wird gesammelt, erarbeitet und bereitgelegt, weil wir mit ihm den ganzen Traum verbinden. Wie der Steinmetz in einer Erzählung dem Wanderer auf dessen Frage antwortet, was er denn da tue? Siehst du nicht, ich baue an einer Kathedrale. Jeder von ihm bearbeitete Stein ist mit dem Traum von der Kathedrale verbunden.

Träume beschenken den Menschen. Sie öffnen in der engen Lebenswirklichkeit persönliche Freiräume. Das ist das erste. Sie ermutigen zweitens dazu, kleine Schritte im großen Zusammenhang eines Traumes zu sehen, den wir hegen. Drittens machen sie geduldig, gelassen und  halten den Blick in der Verwirklichungsperspektive, wenn wir uns mit unserem Traum eng befreunden. Träume sind also keine Schäume, sondern Anlässe, in der rauen Lebenswirklichkeit zu erspüren, was uns zufrieden macht, befriedet.

Fragen Sie sich, welchen lang gehegten Traum sie verwirklichen wollen? Fragen Sie sich auch, wie lange Sie noch die Verwirklichung Ihres Traumes vor sich herschieben wollen? Fragen Sie sich, ob nicht jetzt der rechte Zeitpunkt, der Kairos ist, um mit ersten Schritten die Verwirklichung Ihres Traums zu beginnen? Halten Sie zumindest enge Verbundenheit mit Ihrem Traum, wenn sie ihn wiederentdeckt haben.

Zitate von Rick Hanson aus:

Hanson, R. (2020). Just one minute, Nr. 43: Träume große Träume. Arbeitsblatt. Arbor Verlag

100. Blogbeitrag: Wofür stehen Politiker:innen?

Am Donnerstag, 06. Mai 24, 21:00 h, die „Wahlarena“ in der ARD. Nach 15 min. versuchte ich mich 54 Jahre zurück zu versetzen. Damals wäre ich 16 gewesen. Total begeistert, wählen zu dürfen. Ich war ein politisierter Jugendlicher. Nicht einer der lauten, aber von der damaligen Außerparlamentarischen Opposition (APO) angeregt, gut informiert, historisch und soziologisch interessiert, ein dauernd Lesender, weil es damals nur zwei Fernsehkanäle gab, dafür eine breite und vielseitige Printkultur. 

Wie hätte ich mich in dieser „Wahlarena“ gefühlt?

Ich hätte zwei Moderator:innen und acht Politiker:innen erlebt, für die ich als Jugendlicher weder be- noch gefragt gewesen wäre. Ich wäre in vielen Vorurteilen gegenüber dem „Politestablishment“ bestätigt worden. Die interessieren sich vorwiegend für sich und für ihre Parteiklientel. Sie haben sich der realen Gesellschaft entfremdet. Sie antworten auf Fragen in gestanzten Phrasen, meist ohne auf die Frage einzugehen. Ja nach Selbstbewusstsein belehren sie das fragende Publikum oder bleiben innerhalb der jeweiligen Partei-Blase. Ich hätte kritisch festgehalten, dass sie wenig Ideologiefähigkeit besitzen. Denn dazu gehört „theoretischer Überbau“, wie wir das damals nannten, und das Potenzial zur „Fundamentalkritik“. Nach 45 min. wäre ich so demonstrativ wie möglich aufgestanden und hätte extrem frustriert die Wahlarena verlassen. Mit dem Entschluss, keine der etablierten Parteien zu wählen, sondern so kritisch und widerständig, damals hieß dies: so links wie möglich. 

2024 quälte ich mich mit zunehmendem Ärger als TV-Zuschauer durch die Sendung. Kaum Erhellung in den Sachfragen, dafür zuerst Schlagabtausch zwischen Parteivertreter:innen, dann noch mal knappe, mal epische Rhetorik, die wir als „Antwort“ hinnehmen sollten. Mehr Desinteresse an der demokratisch wählenden Gesellschaft und deren jüngsten Wähler:innen, sowie deren Fragen kann man kaum zeigen. Wofür stehen die meisten der acht Politiker:innen, die vorwiegend als Parteivertrer:innen in der Wahlarena auftraten? Mir drängte sich die Antwort auf: So viele Stimmen wie möglich sammeln. Wofür die gebraucht werden (außer stärker als die Rechtspopulist:innen zu sein), klärte sich mir nicht auf.

Gerade schaute ich die Diskussion mit Herrn Habeck und Herrn Merz bei Maybritt Illner im ZDF nach. Dort argumentierte ein gründlich vorbereiteter, rhetorisch klug agierender Vizekanzler gegen den Oppositionsführer. Jener vereinfachte die komplexe Gegenwart aus der Perspektive konservativer Vergangenheit. Er verweigerte sich in der penetranten Wiederholung der Desasterbewertung der Ampelpolitik und den suggerierten „einfachen“ Lösungen seitens der Konservativen den Diskurseinladungen seines Diskussionspartners konsequent. 

Der politische Diskurs findet in unserem Land seitens der Politiker:innen nicht statt. Er wird von den Qualitätsmedien viel zu zurückhaltend geführt. Die philosophische Intelligenz, die soziologische Expertise mischt sich nicht ein, in dem sie zeigt, wie Diskurs geht. 

Wofür stehen Politiker:innen? Meine etwas resignierte Antwort: Wohl nicht für das, was den Namen Politik verdient. Gefährlich!