Was unterscheidet Elon Musk von Siddharta Buddha?
Buddha war erleuchtet.
Musk blendet. Er blendet durch seine Spontaneität, durch seine Fähigkeit, andere für das kaum Machbare zu begeistern, durch die Organisation der Begeisterung in Umsetzungshandeln. Er blendet die naiveren Gemüter durch seinen Reichtum: Ui toll, der reichste Mensch der Welt. Und aus seiner Sicht: Endlich auch mit erweiterter politischer Reichweite. Kein Wunder, dass andere Politiker:innen, sowie Staatsfrauen und -männer schwach werden vor soviel Virilität? Dabei sind A. Weigel und C. Lindner eher nebensächlich. Sie bekleiden ja kein politisches Amt. Noch werden sie aller Voraussicht nach dies demnächst tun. Dass eine G. Meloni sich geradezu hingerissen von Musk gibt und sich für ihn als Brückenbauerin zu den anderen EU-Regierenden hergibt, macht schon eher besorgt. Zumal ja auch in Österreich Bedenkliches droht. Herbert Kickl schickt sich an, österreichischer Bundeskanzler zu werden. Ehrlichkeit soll seine politische Maxime für die Koalitionsverhandlungen und für seine Kanzlerschaft sein. Was immer Ehrlichkeit für ihn bedeuten mag.
Es geht in diesem Essay um Erleuchtung und Verblendung. Beides bedient sich der Lichtmetapher. Beides nimmt die Eigenschaft in Anspruch, dass Licht erhellt. Erleuchtung bringt Licht ins Dunkel. Der Manga Buddha von Osama Tezuka, dessen Lektüre mich wochenlang begleitete, bietet eine behutsame Beschreibung des Erlebens an, das den Prinzen und Mönch Siddharta zu Buddha machte. „Wie Bäume, Gräser, Berge und Flüsse sind auch Menschen Teil der Natur und ihr Dasein hat einen Sinn. Unsere Existenz ist mit allem verwoben. Gäbe es dich nicht auf dieser Welt, geriete sie aus dem Gleichgewicht.“ (Buddha, Bd. 6, S. 56) Nach einer Weile: „Die Worte waren an mich selbst gerichtet! Ich habe mich selbst etwas gelehrt. Oh … in meinem Herzen wurde eine Pforte aufgestoßen! Licht! Licht! Licht! Erleuchte meinen Weg! Solange ich lebe, werde ich meine Aufgabe in diesem Universum erfüllen.“ (Buddha, Bd. 6, S. 58 – 60). Siddharta sieht Brahma, der ihn den Erleuchteten, Buddha nennt. Buddha wird nun das „Rad der Lehre“ drehen und seinen Weg der Erleuchtung lehren, auch wenn er zunächst am Erfolg zweifelt: „Niemand wird mir Gehör schenken. … Ich spüre Zweifel.“ (Buddha 6, S. 63) Jenen zum Trotz beginnt Buddha mit der Lehre der Verbundenheit alles Lebendigen und Natürlichen. Wer die Gier, das vielfältige Streben überwindet, erlebt sein Verbundensein mit der Wirklichkeit. Buddha lehrt den vollkommenen Respekt und die vollkommene Hingabe an das, was den Menschen umgibt. Je weniger Menschen das Einzelne focussieren, um so verwobener erleben sie sich mit allem. Und umso leichter können sie ihre Endlichkeit ertragen. „Alles Leben muss sterben. Das ist seine Bestimmung. … Ich werde jetzt ins Nirwana gehen.“, sind Buddhas letzte Worte im Manga (Buddha 10, S. 311 f.). Erleuchtung zeigt Wahrheit als Verbundenheit jedes Einzelnen mit allem und von allem mit jedem Einzelnen.
Wer erleuchtet ist, kann ins Nirwana gehen. Er kann von sich absehen und blickt in Freiheit auf seine Verbundenheit mit allem. Nicht er gibt der Wirklichkeit einen Sinn, sondern er erkennt in der Verbundenheit mit allem seinen individuellen Sinn, den er lebt. Ohne dich, spricht Buddha einen Ratsuchenden an, geriete die Welt aus dem Gleichgewicht. Jeder ist in seiner Weise wichtig für den Fluss des Lebens.
Das Licht der Erleuchtung blendet weder den, den es erleuchtet, noch die anderen, die den Erleuchteten begegnen. Es ist ein Leuchten, das Klarheit im Erkennen, Ordnung im Wissen, Grenzen des Wissenkönnens, Wahrhaftigkeit im Tun, Mitgefühl in der Zuwendung und die Weisheit des persönlichen Lebens und des Sterbens vermittelt. Es durchdringt nach und nach das Leben soweit, wie es sich der Erleuchtung öffnet. Buddhas erleuchteter Weg ist ein Weg des Selbstmitgefühls und des Mitgefühls mit allem Anderen.
Das Licht der Verblendung, das der Buddhismus „Mara“ und die griechische Philosophie „Ate“ nennt, erleuchtet nicht. Es blendet. Es ist grell. Die Augen müssen geschützt werden. Wer in das Blendlicht gerät, der sieht meist nur noch Grobes und Umrisse. Alles andere wird verschluckt. Es gibt Menschen, die Blendlicht ausstrahlen. Sie schaffen es, Teile der Wirklichkeit in hellstes Licht zu rücken; was neben dem Lichtkegel liegt, ist abgeschattet, bleibt im Dunkel. Ein Dunkel, das dadurch entsteht, dass das Auge, die Erkenntnisfähigkeit geblendet wird. Dies ist der Lichtstil, wie ihn E. Musk bevorzugt. Ihm gelingt es, seine Projekte und neuerdings seine politische Meinung in helles Licht zu rücken. Dort muten sie von höchster Wichtigkeit an. Was hell leuchtet, zieht Betrachter an, Voyeure, denen es nicht darum geht, was sie sehen, sondern dass es etwas zu sehen gibt. Sie leben vom Zuschauen, Bewundern, vom Vergleich und vom Neid. Das verbindet sie zu einem „Wir“ gegen die „Anderen“.
Ein kaum mehr ausmessbares, wägbares Vermögen, ein Ideengeber für die Industrie, ein Meinungsmacher mit seiner Social-Media-Plattform X umformt, und doch scheinen E. Musk die ökonomischen und Marketing-Erfolge nicht zufrieden zu stellen. Ihm geht es darum, die Macht, die Unternehmen, Vermögen und eine Social-Media-Plattform versprechen, auch einzusetzen: die Versprechen der Machtmöglichkeit in tatsächliche Macht umzusetzen. Ihm genügen politische Bewunderer nicht. Er will Menschen, die seiner Macht folgen, sich ihr wie freiwillig unterwerfen. Erst als Berater des amerikanischen Präsidenten kann der die Machtkarte politisch spielen. Als Unternehmer hängt seine ökonomische Macht immer auch an den politischen Verwirklichungsbedingungen. Erst im Kreis der politischen Mächtigen kann er die Politik blenden. Sein Blendwerk besteht in der Verblendung von politisch einflussreichen Mandatsträgern zu rücksichtsloser Durchsetzung einzelner, vermeintlich berechtigter Interessen, um eine goldene Zukunft zu ermöglichen. Musk ist dann auf der Zielgeraden, wenn er die ökonomischen Verwirklichungsbedingungen durch seine politische Macht unmittelbar steuern kann. Mit möglichst geringem Widerspruch. Die Politik derjenigen, die nach seinen Regeln spielen, wird unmittelbar unterstützt; die ihn kritisieren, sind schlechthin Trottel. Gleichzeitig entzieht er sich der politischen Verantwortung; denn er bekleidet kein offizielles politisches Amt in der Administration Trump.
Erleuchtung stiftet Leben in Verbundenheit. Verblendung erzeugt Leben als Abhängigkeit. Erleuchtung eröffnet Wahrheit. Verblendung lebt vom Blick auf Halbwahrheiten. Sie verspricht ihren Followern im Rampenlicht eines Kollektivs zu stehen, das im vermeintlichen Besserwissen stetig neue Halbwahrheiten produziert und sich dadurch seiner Zusammengehörigkeit versichert (Gess, 2022). Die Zusammengehörigkeit liefert zugleich den Blendschatten für das, was nicht gesehen werden soll. Verblendung verstärkt jenes diffuse Wir, das verschworen mit seinen Erzählungen einen „vermeintlich höhere[n] Status“ (Emcke, 2018, S. 135) beansprucht. Es gründet seine Überlegenheit auf Lügen und Halbwahrheiten. Da kann Hitler zum Kommunisten und Sozialisten werden, in Deutschland jeden Monat ein neues Kohlekraftwerk gebaut werden, Gendering und Wokeness als direkte Ursache ökonomischen Abschwungs ausgegeben werden. Wen kümmert der Faktencheck? „Halbwahrheiten operieren gerade nicht nach dem binären Schema wahr/falsch, sondern nach Schemata wie glaubwürdig/unglaubwürdig, affektiv/nüchtern, konnektiv/geschlossen und in einem narrativen Rahmen, für den die innere Kohärenz und nicht die Korrespondenz mit externen Sachverhalten entscheidend ist.“ (Gess, 2022, S. 30) Da lässt sich dann, wie E. Musk es tut, erzählen, dass nur die AfD Deutschland vor dem Niedergang retten kann. Wie und wodurch interessiert nicht.
Erleuchtung, wie Buddha sie praktizierte und lehrte, geht von dem aus, was ist, und zeigt es in seiner Verbundenheit mit allem: „Kein Geschöpf lebt für sich allein.“ (Buddha 6, S. 278) Erleuchtung verschließt sich und die Einsicht nicht, sondern öffnet. Erleuchtung macht nicht abhängig, sondern setzt frei. Erleuchtung kennt keinen Blendschatten, kein Wir und die Anderen. Erleuchtung ist auch nicht an Buddhismus, Achtsamkeit, Mystik, Religion oder eine Philosophia prima gebunden. Jedem steht sie offen. Wer sich auf den Weg der Erleuchtung begibt, der lässt sich auf eine existenzielle Veränderung ein, der begibt sich vordergründiger Sicherheit, für ihn werden Bedürfnisse fragwürdig. Erleuchtung markiert ein selbstbestimmtes, souveränes Leben in Korrespondenz zu dem, was ist. Es lässt Inkohärentes – oder wie C. Emcke (2018, S. 191) es ausdrückt – „das Unreine und Differenzierte“ zu, die Pluralität und Diversität, mithin die Unterbrechung und die Wiederaufnahme der Suche. Lassen wir uns, die wir in der europäischen Tradition des Denkens, des Diskurses und der Demokratie stehen, unsere offene Gesellschaft nicht nehmen! Verraten wir sie nicht an die, die vor allem eines anstreben: Followerschaft und Abhängigkeit von kruden Lügen und Halbwahrheiten.
Quellen:
- Emcke, C. (2018): Gegen den Hass. Fischer
- Gess, N. (2022): Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit. Matthes & Seitz
- Tezuka, O. (2013 ff.): Buddha. 10 Bände. Carlsen