Die Weisheit des Friedens – das Wüten des Krieges

Die Bereitschaft zur Gewalt greift um sich. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der Terror der Hamas gegen Israel und die Vernichtungsphantasien großer Teile der israelischen Regierung gegenüber der Hamas, die blutige Gewalt der Faust – und Messerattacken auf Politiker:innen und Parteimitglieder in Europa, die lebensfeindliche Gewalt der Drohwörter Demonstrierender, Wütender, das hasserfüllter Gegnersein, für all das stellt das unablässige Halali europäischer, us-amerikanischer und der Nato-Politiker für mehr Rüstung und sog. Wehrhaftigkeit den Raum. Die Schwellen zur Gewaltbereitschaft werden abgetragen, in vielerlei Namen. Die raumgreifende Präsenz der Bedrohungsrhetorik und der Gewalt beginnt den Zeitraum für den Frieden einzuschränken.

Weisheit will Leben. Sie will zugleich Einsicht in die Endlichkeit des Lebens. Sie weiß um die Sterblichkeit der Lebendigen. Weisheit stellt die Gewalt, den Krieg, die falsche Macht der verallgemeinernden Wut auf den Prüfstand. Sie prüft im Maßstab der allgemeinen Würde des Menschseins und der höchstpersönlichen Würde des einzelnen sterblichen Menschen. Über ein anderes Maß verfügt Weisheit nicht. Insofern ist Weisheit zugleich Bewusstsein der Endlichkeit und der Lebendigkeit, der Grundspannung menschlichen Lebens. Eindämmung der Weisheit schafft Raum für Gewalt.

Gewalt führt nie zum Frieden. Das lehrt uns H. Arendt (2021). Gewalt erzeugt Gegengewalt, Zerstörung, im schlimmsten Fall Vernichtung, wenn nichts mehr und auch keiner mehr einen Wert hat. Konfliktforscher wie F. Glasl (2013) beschreiben die Vernichtungsbereitschaft Gewalttätiger, die sie selbst miteinschließt, als höchste Stufe der Eskalation.

Kultur ist der Zeitraum für Frieden. Frieden ist nicht paradiesisch, kein dauerhafter Zustand. M. Foucault (2020) gibt zu denken, dass es den Frieden im Singular nicht gibt. Frieden ist ebenso endlich wie der Mensch sterblich. Das vereinzelt uns. Deshalb ist Frieden Arbeit. Er entsteht durch die kulturelle Auseinandersetzung mit dem, was jeweils für die Menschen ist. Friedensarbeit ist Kulturarbeit. Sie lebt von der Weisheit des Menschen. K. Jaspers (2017) nennt die Zeit (800 – 200 v. Chr.), in der sich die Menschen der Weisheit und ihrer Kulturfähigkeit bewusst wurden, Achsenzeit. Seitdem ist Weisheit das Bewusstsein der Menschen von sich selbst. Aus denen in der Welt werden die Sterblichen in einer endlichen Welt. 

Die Weisheit macht alles, was ist, für den Menschen betrauerbar. Denn, was ist, kann verfallen, vergehen, enden. Weise geworden weiß der Mensch auch, dass er, was ist, zerstören und vernichten kann, einschließlich seiner selbst. Er vermag Gewalt anzuwenden gegen die Dinge der Welt, andere Menschen und sich selbst. J. Butler (2021) verweist darauf, dass die zerstörerische Gewalt Anonymität erzeugt. Sie vermag es namenlos zu machen, in dem sie den Wert des Zerstörten der Erinnerung entreißt. Namenloses ist nicht erinnerbar. Was nicht erinnert werden kann, kann auch nicht betrauert werden. Namenlosen Toten bleibt nur die allgemeine Würde des Menschseins. Sie werden nicht betrauert. Ihrer wird gedacht. Ihre höchstpersönliche Würde, zu der Geschichte gehört, Persönlichkeit und Sterblichkeit, die sie betrauerbar machte, geht in der Namenlosigkeit verloren. 

Der Krieg macht durch seine initiierte und zugleich blinde Gewalt viele Tote namenlos. Sie werden informell zu Opferzahlen. Sie finden sich in Massengräbern. Die blinde, zerstörerische Wut ausüben, werden im System des Krieges zu anonymen Angreifern; die, die sich gegen den Angriff verteidigen, zu anonymen Verteidigern. Für einander bleiben sie der anonyme Feind, Vernichtende und sich der Vernichtung durch Zerstörung der Vernichtenden Verteidigende. So funktioniert Krieg. Er schaltet die Intuition der Würde aus und ermöglicht dadurch die Wut der Vernichtung. Darin besteht die Gefahr des Krieges: die blinde, weil anonymisierte Gewalt der Vernichtung hebt die Würde der Menschen auf, die den Krieg führen. Sie verlieren mit der Würde ihre Betrauerbarkeit. Sie werden, in einer letzten zynischen Unterscheidung, zu Täter- und zu Opferzahlen.

Krieg ist der Antipol zur Kultur. Wo Krieg ist, wird Kultur vernichtet. Nicht nur die manifeste Kultur von Städten, Kunstwerken oder Landschaften. Die Weisheit des Menschseins und mit ihr die höchstpersönliche Würde einzelner Menschen wird zerstört. Und doch ist die Kultur, weil sie der Antipol zum Krieg ist, der Königsweg zur Eindämmung des Kriegs und der Bedingungszusammenhang von Frieden. Das zeigen rationale Weisheitserzählungen.

Kultur macht unterscheidbar. Die Dihairesis, die Strategie der rationalen Unterscheidung im Denken, wie sie die platonischen Dialoge als Grundlage der Kunst der Dialektik lehrten, ist ein wirksames Mittel gegen die Denkerblindung, die die Wut fördert. Erblindung im Denken als Verlust der Fähigkeit zur rationalen Unterscheidung könnte eine philosophische Verdachtsdiagnose für Zeiten sein, in denen die Bereitschaft für Gewalt und Krieg um sich greift. Denkerblindung verengt die Wahrnehmung und verhindert in der Folge die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Denkerblindung beraubt den Menschen seiner grundlegenden Fähigkeit, sich in die Standpunkte und Perspektiven Anderer hineinzuversetzen. Das aber ist, wie uns J. Habermas (2019) lehrt, eine Voraussetzung des demokratischen Diskurses, die Dialektik von Unterscheidbarkeit und Gemeinsamkeit.

Kultur macht mitfühlend. Mitgefühl befähigt den Einzelnen, Mitmensch zu sein und sich zugleich in der Welt zu sehen. Mitgefühl macht mich und den anderen in der Verbundenheit mit allem  unterscheidbar: Jeder weiß um seine höchstpersönliche Würde und um die Würde des Menschseins, in der sich jeder einer anderen in Würde erschließen kann. Potentiell haben wir Menschen füreinander Namen, in denen sich unser Wert und unsere Würde ausdrücken. 

Kultur weckt Hoffnung. Dass Menschen füreinander Namen haben, verweist darauf, dass Weisheit und Sprache zusammengehören. Sprache meint nicht das Daherreden. Sprache lebt vom Wort, das Menschen zu finden hoffen. E. Bloch (2016) spricht vom treffenden Wort, das die zu betreffen vermag, die es hören, darauf antworten oder darauf schweigen. Betroffensein vom treffenden Wort stiftet die kommunikative Begegnung. Sie begibt sich auf die Suche nach den Worten, die sich noch nicht eingestellt haben. Dieses Utopische in der Kommunikation, das Ausgreifen auf das, was sein kann und noch nicht ist, weckt das Hoffen. Es hemmt durch die utopische Spannung zugleich das Erblinden des Denkens. Hoffnung erweist sich derart als die Sollbruchstelle zwischen gewaltgefährdetem, blinden Gerede und wachem, weisen, ringendem Gespräch.

Kultur drückt Weisheit aus. Mit dem zunehmenden Bewusstsein der Weisheit formt sich, was modern Kultur genannt wird. Davon berichten die Achtsamkeitspsychologen J. Surrey und J. Jordan (2014). Weisheit manifestiert sich im Gefühl von Lebenslust, im Wissen von sich selbst, anderen und Verbundenheit, im gesteigerten Gefühl von Selbst- und Lebenswert, in Produktivität und Kreativität und im Wunsch nach Kontakt. Kurz: Wer weise ist, will leben, nicht für sich allein, sondern in unterscheidbarer Verbundenheit, mithin endlich.

Das ist der herausfordernde Antipol zur blinden Wut der Gewalt, die vernichtet. Weisheit schafft Zeit für Leben und Raum für Kultur. Sie fördert Verbundenheit und macht uns ansprechbar, weil wir für einander Namen tragen. Weisheit verringert die Gefährdung der Denkerblindung. Weisheit ermöglicht jedem Menschen seine Freiheit in Verbindung mit seiner Verantwortlichkeit. Dadurch schafft jeder seinen Frieden. Dies erzählt uns V. Frankl (2023). Und er sagt: Es liegt an jedem Menschen selbst, für welche Erzählung sie sich, er sich entscheidet.

Quellen:

  • Arendt, H. (2021): Macht und Gewalt (28. Aufl.). Piper
  • Bloch. E. (2016): Experimentum mundi (2. Aufl.). Suhrkamp
  • Butler, J. (2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit (2. Aufl.). Suhrkamp
  • Foucault, M. (2020): Schriften (2. Aufl.). Nr. 337. Suhrkamp
  • Frankl, V. (2023): Die Eine Menschheit. Appelle für den Frieden. Benevento 
  • Glasl, F. (2013): Konfliktmanagement (11. Aufl.). Haupt
  • Habermas, J. (2019): Diskursethik. Philosophische Texte Bd. 3 (4. Aufl.). Suhrkamp
  • Jaspers, K. (2017): Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Gesamtausgabe Bd. I/10. Schwabe
  • Surrey, J. & Jordan, J. (2014): Die Weisheit in Beziehung, in: Germer, C. & Siegel, R. (Hg.): Weisheit und Mitgefühl in der Psychotherapie. Arbor, S. 261 – 280

Trockenklimpern in der nassen Geräuschkulisse

Eine Fantasie, inspiriert von Bettinas Thema

Ein Klavier im Raum. Stumm legt es nahe, dass Musik da sein kann. Wenigstens Alessandro Longos Tecnico fondamentale. Sauberer Anschlag. Ton für Ton. Wie Tropfen. Tropfen trommeln nacheinander auf das Kupferblech. Regen? Tropfen? Prélude. 

Ein Klangraum entsteht. Ein Raum, in dem Klang entsteht, wenn der Regen auf das Kupferblech tropft. Wie es sich von draußen anhört? Schon bin ich im draußen, obwohl ich mich in meiner Wohnung befinde. In dieser Befindlichkeit finde ich mich vor. Hörend finde ich mich vor. Hörend auf den Klang der Tropfen auf dem Kupferblech, draußen vor dem Fenster. 

Jetzt heißt es aufmerksam sein. Nur keine Ungenauigkeiten, aus denen Selbstmissverständnisse entstehen. Wie ich mich vorfinde, meine Befindlichkeit, hat nichts zu tun mit einer etwaigen Gestimmtheit. Ich finde mich vor als einer, der die Tropfen hört, die draußen auf das Fensterbrett trommeln. Ganz bei mir bin ich also nicht. Mein Hören richtet mich auf etwas aus, auf einen Klang, der von woanders auf mich zukommt. Hören gewährt mir Raum. Hören zeigt mir meine Stelle in diesem Raum an. Den Ort, an dem ich ich ein Außen von einem Innen unterscheide. Ein Mir-nah von einem Weiter-weg.

Ich höre draußen die Tropfen trommeln. Das ist meine Befindlichkeit, drinnen im Raum. Von drinnen höre ich nicht, wie das Trommeln der Tropfen draußen klingt. Ich höre nur den Klang, der sich im Raum drinnen ereignet. Mich höre ich atmen, schlucken, wie ich mich bewege. Was ich von mir höre, verbinde ich mit dem Trommeln der Regentropfen. Das ergibt den Klang im Raum: mein Eigenklang und der Klang von draußen. 

Mitten im Klangraum steht außer mir das Klavier. Das Trommeln der Tropfen regt es nicht an. Keine Resonanz. Das Klavier bleibt stumm. Ich höre es nicht. Wenn ich es nicht sähe, dann wüsste ich nichts von seinem Dasein im selben Raum. Es ist nicht zu hören. Jetzt nicht, da niemand auf ihm spielt. Nicht einmal Longos Fingerübungen. Die sollten klingen wie eine Menge klarer, trockener Tropfen. 

Der Regen tropft weiter. Der Klang des tropfenden Regens klingt im Raum. Ich höre ihn. Das ist meine Befindlichkeit. So finde ich mich vor. Tropfen, die trocken klimpern, denn sie klingen ja nicht wie Klavieranschläge. Das Trockene ist wie Klingen ohne Klavier. Die Tropfen fallen auf das Fensterblech und trommeln ihren monotonen Klang, eine nasse Geräuschkulisse. Regen. Klingt der Regen anders als die Tropfen? Sind die Tropfen wohlunterscheidbare Klangereignisse im Regengeräusch? Woher soll ich das wissen? Ich bin ja drinnen im Raum. Ich höre die Tropfen auf das Kupferblech trommeln. Höre ich zugleich auch das Geräusch des Regens? 

Das Klavier steht im Raum. Stumm. Draußen ist Regen. Ich höre die Tropfen. Könnte ein Prélude sein. Wie in aller Welt soll ich das Regentropfenprélude spielen, wenn ich nicht weiß, wie die Regentropfen draußen klingen? Und schon verbindet sich die Befindlichkeit mit Gestimmtheit. Das Prélude müsste vielleicht klingen wie Trockenklimpern in der nassen Geräuschkulisse.

„Frieden üben in Zeiten des Krieges“ (P. Chödrön)

Es ist Ostern. Ostermärsche, diesmal doppelt motiviert: Immer noch der Krieg Putins und seines Regimes gegen die Ukraine und, wie wir allmählich verstehen, gegen Europa, gegen die demokratische Ordnung. Seit mehr als sechs Monaten Krieg im Gazastreifen. Die anderen Kriege im Jemen, in einigen Regionen Afrikas und Südostasiens haben wir weitestgehend ausgeblendet. Es ist Ostern.

Wofür steht Ostern? Die Botschaft ist theologisch komplex und vielschichtig. Sie trifft auf eine verstörte Männergruppe, ihres Meisters und mit ihm ihrer Hoffnungen beraubt. Die Unruhe der Hoffnung ermutigt einige Frauen am Grab des Hingerichteten Abschied zu nehmen. Sie berichten den Männern: Das Grab ist leer. Der Hingerichtete erscheint allen, die ihm nachfolgten. Jene verstehen sich in der Anerkennung, dass die Begegnungen als Auferstehung von den Toten zu lesen seien, als seine Jünger und brechen zur Mission auf. Überwältigt von der Erfahrung der Verlässlichkeit der Schriften, von den Begegnungen mit dem Auferstandenen und der Sendung: Der Friede sei mit euch! Von da gehen Gemeindebildungen aus, eine komplexer werdende Theologie und die Organisation dessen, was uns als Christentum bekannt ist. 

Der Friede bildet einen der Kerne, an die sich die österliche Botschaft anlagert. Ich nehme den Friedensgedanken unter dem Motto von Pema Chödrön (2023, S. 15) auf: „Frieden üben in Zeiten des Krieges“. Was die buddhistische Meditationslehrerin unter dieser Überschrift resumiert, ernüchtert: „Wir suchen nach Frieden und Glück, indem wir in den Krieg ziehen.“ Menschen sehnen sich nach einem Leben in Frieden, privat, gesellschaftlich, global. Die Wege, die Sehnsucht in Handlungsweisen und Lebensformen umzusetzen, sind Vergleich, Konkurrenz, Aggression, Krieg. So zieht es sich zumindest durch die Geschichte.

Chödrön (2023, S. 16) benennt als Grund dafür, dass wir so rasch zur Aggression bereit sind, aus buddhistischer Sicht: „Krieg beginnt, wenn wir unser Herz hart werden lassen. Und sobald wir uns unbehaglich fühlen, kann das sehr leicht geschehen.“ Was treibt uns immer wieder dazu, das Herz hart werden zu lassen?

Der Neuropsychologe Rick Hanson (2018, S. 13) erzählt dazu die Geschichte einer Indianerfrau. Sie wurde gefragt: „Großmutter, wie bist du so glücklich geworden? Wie so erfolgreich, so weise, so beliebt? Was hast dafür getan?“ Die alte Frau antwortet nach kurzem Nachdenken. „Wisst Ihr, ich glaube, es liegt daran, dass ich als ich jung war, erkannte, dass in meinem Herzen zwei Wölfe waren. Ein Wolf der Liebe und einer des Hasses. Und ich erkannte auch, dass alles davon abhing, welchen der beiden ich fütterte, und zwar jeden Tag.“ Die Geschichte ist tiefgründig. Sie vermeidet die in der europäischen Soziologie und Psychologie seit langem diskutierte Frage: Ist der Menschen nun des Menschen Wolf? Oder ist er als Herdentier im Grunde ein gutmütiges, auf Ausgleich bedachtes Wesen? Der Mensch hat die Freiheit, beides zu sein. Denn er verfügt über die Energie des Hasses und die Energie der Liebe. Beide Energien sind reaktiv verankert: Verteidigung und Brutpflege. Beide gehören auch in das Spiel von Freiheit und Verantwortlichkeit. Auch das drückt die Antwort der weisen Frau aus: Alles hängt davon ab, welchen Wolf jemand täglich füttert. Das entscheidet jede und jeder täglich und persönlich. Auch das ist interessant: Wir Menschen leben weniger von Grundsatzentscheidungen, die eine bestimmte Haltung unterstützen. Vielmehr ist unser Verhalten auf die Situation, auf den Tag bezogen. Ständig entscheiden wir, wer wir sind: abwertend, verurteilend, aggressiv oder wertschätzend, abwägend und mitfühlend. Was zu unserer Haltung wird, das ergibt sich aus unseren Entscheidungen. Entsteht eine „Kettenreaktion des Leidens“ (Chödrön, 2023, S. 17), die den Wolf des Hasses füttert und unser Herz hart werden lässt? Oder werden wir zu eher mitfühlenden Menschen, die auch in unangenehmen Situationen den „Punkt der Verletzlichkeit und Zartheit … finden und dabei verweilen“ (Chödrön, S. 26)? 

Das klingt ein wenig wie das Hinhalten auch der anderen Wange aus der Predigt Jesu. Was steckt dahinter? Ein wesentliches Vergessen. Wir vergessen im privaten, gesellschaftlichen und globalen Krieg zu oft, dass die Aggression des anderen auch eine Geschichte hat. Zu dieser Geschichte gehören Verletzungen, Narben, die nicht ganz geschlossen sind, die Intimität und die Liebe, die bedroht erscheint. Genauso wie das zur eigenen Geschichte gehört. W. Putin schreibt die Geschichte Russlands zu einer Opfergeschichte um, in denen als Täter die Europäer in Gefolge der USA fungieren. Wenn Russland sich jetzt nicht wehrt, wann dann? Unser großer Fehler ist, dass wir auf diese Geschichte hereinfallen und uns selber Folgendes erzählen: Die Sowjetunion war der unberechenbare Aggressor, vor dem wir uns vielmehr hätten schützen müssen. Und schon erzählen beide am Konflikt beteiligten Parteien ihre Aggressionsgeschichte vom anderen und ihre Opfergeschichte von sich selbst. Was bleibt ist, dass wir um des Friedens willen in den Krieg ziehen. Den Krieg in der Ukraine müssen wir als Tatsache akzeptieren.

Was wir bei aller Tatsächlichkeit nicht übersehen dürfen, ist, dass wir auch im Krieg den Frieden üben können. Konkret:

(1) Jeder von uns kann „Unerschrockenheit“ (Chödrön, 2023, S. 32) einüben. Ziehen mich die Kriegserzählungen immer tiefer in die Angst, die den Wolf des Hasses nährt. Oder bewahre ich mir die Freiheit, den Wolf der Liebe zu füttern, indem ich respektvoll mit den Menschen umgehe, die anders als ich über den Krieg denken, und dort abgrenzend Stellung beziehe, wo indirekt der Hasswolf genährt wird.

(2) Jeder von uns kann sich klarmachen, dass wir uns nur um die Ursachen „ohne Kontrolle über die Resultate“ (Hanson, 2018, S. 137) kümmern können. Wir haben nicht die Macht, die Resultate zu beeinflussen. Wir haben aber die Möglichkeit, uns die Ursachen immer wieder deutlich zu machen: der in den Mitteln unerträglich barbarische und durch nichts zu rechtfertigende Angriff auf die feiernden Menschen in Israel ist der Auslöser für den Gazakrieg. An der Ursache arbeiten, heißt dabei, jeglichem Antisemitismus der Sprache und des Gedankens entgegenzutreten und den Konflikt dort zu verorten, wo er stattfindet: in der Politik der palästinenischen Vertretung und Israels.

(3) Jeder übernimmt die Verantwortung dafür, ob er an sich selbst und in seinem Lebenskreis die Herzenshärte verhindert. Wo sie schon eingetreten ist, wollten wir den Mut entwickeln, verantwortlich für die Erweichung des Herzens einzutreten. Machen wir uns selber und anderen die Verletzlichkeit und Zartheit des Menschseins bewusst, des persönlichen und des Menschseins jeglicher anderer.

Durch Unerschrockenheit, durch das Kümmern um die Ursachen und den Mut zur Herzenserweichung üben wir den Frieden im Krieg. „Wir können uns entscheiden für Frieden und Friedfertigkeit. Entscheiden zu können, verbindet uns Menschen, gerade auch im Leid und erst recht im Frieden.“ (Riedel, 2024, S. 25)

Quellen: 

  • Chödrön, P. (2023): Frieden finden in Zeiten des Krieges. Anakonda
  • Hanson, R. (2018): Achtsamkeit und die Neurobilogie der Liebe. Arbor
  • Riedel, C. (2024): Entscheidung für den frieden. Über das Wissen um die eine Menschheit, in: Praxis Palliative Care Nr. 62/2024, S. 24 – 25

Einst und Jetzt

Vor zwei Jahren wachten wir mit der Nachricht auf: Russland greift in der Nacht die Ukraine an. Krieg in Europa! Das, was wir uns nicht vorstellen wollten, war eingetreten. Es hatte sich abgezeichnet. Seit langem. Das war einst. Was wir uns auch nicht vorstellen konnten: Der Krieg gegen die Ukraine begleitet uns seit dem 24. Februar 2022 täglich. Er wurde zum Alltag. 

Inzwischen wissen wir, dass es nicht nur die Nachrichten über den Krieg sind, das Hin und Her der Offensiven und Rückzüge an den Frontlinien, die Bilder des zerstörten Lebensraums für so viele Menschen, die Massaker unter Zivilisten, die sich Russland leistet, die toten Soldaten, die uns aufstören, Zahlenberge, Menschenleben, die uns verstören. Der Krieg greift die bisherige politische Weltordnung an. Er greift die öffentliche Erkenntnisordnung an. Ideologieträchtige Propaganda, digital unterstützte Fake News und seriöse Nachrichten vermengen sich und sind auch für Medienfachleute immer schwerer entwirrbar. Wir wissen: Der Krieg Russlands greift längst die politische Kultur in Europa und in unserem Land an. Wir spüren das, meist als Unbehagen gegenüber der Flut an Bildern und Texten, in denen Meinung und Nachricht oft kaum differenziert und differenzierbar sind. Eine neue, erschöpfende Dimension des Lebenswirklichen umfängt uns jetzt.

Müdigkeit überzieht die Gemüter an den aussichtslosen Fronten, an denen der aggressive Eindringling sich nicht abwehren lässt. Sie überfällt die Menschen in den wieder und wieder attackierten Städten und Orten in der Ukraine. Die Müdigkeit ist den agierenden Politiker:innen ins Gesicht geschrieben. Ins Gesicht derer, die das Unterstützungsnetzwerk vieler solidarischer Staaten zu weiteren, dringend erforderlichen Leistungen motivieren. Abgekämpfte Müdigkeit noch mehr in den Gesichtern vieler ukrainischer Politiker:innen, nicht nur der Regierung in Kiew, sondern auch der Lokalpolitiker:innen, wenn sie in der Berichterstattung noch zu sehen sind. 

Der Krieg Russlands zehrt. Er vernichtet nicht nur Lebensorte. Er vernichtet zunehmend Lebensgrundlagen und Lebensmittel, die viele Menschen brauchen. Er vernichtet Milliardenbeträge und schmälert die Hoffnung auf politische und ökologische Transformationsprozesse, die nicht nur die Zukunft der Ukrainer:innen, sondern das Überleben der Erdbevölkerung sichern sollen. Er ist in seiner unmittelbaren bracchialen Gewalt der Krieg gegen die Ukraine. Er wirkt mittelbar auf Europa, auf die Nato-Verbündeten, auf die immer schlechter versorgten und auf Hilfsleistungen angewiesenen Weltgegenden. Er verschiebt die internationalen Machtverhältnisse.

Die Gegenwart für junge Menschen und Kinder in der Ukraine ist durch den Krieg getaktet. An vielen Orten verbringen sie viel zu viel Zeit in Bunkern und Schutzräumen, statt im Unterricht und in der Ausbildung. Junge Menschen riskieren im Verteidigungseinsatz ihre Gesundheit, ihr Leben, statt jetzt die Lebensgrundlagen für später zu schaffen. Sie bangen um ihr Leben, statt es zu erleben. Dabei wird es deren Aufgabe sein, die Ukraine als Land, als Gesellschaft, als Staat wieder aufzubauen. Mit welchen menschlichen, persönlichen Mitteln werden sie das leisten? Mit welchen Hoffnungszielen? Woher wächst ihnen die Motivation dazu?

Der Krieg verändert längst auch unsere Gesellschaft und greift unsere staatliche Ordnung an. Ich denke dabei nicht in erster Linie an die wirtschaftlichen Konsequenzen, die wir alle spüren. Eine Veränderung anderer, ebenso bedrohlicher Art vollzieht sich. Der Krieg Russlands verändert unsere Einstellung zu Gewalt und Macht. Nicht nur dass wir die Rüstungsfragen wieder ernsthaft in den politischen Alltag aufzunehmen gezwungen sind! Wir beschäftigen uns in der öffentlichen Debatte seit Kriegsbeginn (zu) oft mit Gewalt und Gewaltbereitschaft. 

Das Modell des hochgerüsteten Aggressors, der sich allein aufgrund seiner Fähigkeit zur Gewaltausübung durchsetzt, wird allzuleicht im öffentlich geschwätzigen, medialen Lärm mit Macht verwechselt. Hannah Arendt, die politische Philosophin, weist nachdrücklich auf den systematischen Unterschied zwischen Macht und Gewalt hin. „Macht und Gewalt sind Gegensätze: wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden. Gewalt tritt auf den Plan, wo Macht in Gefahr ist; überläßt man sie den ihr innenwohnenden Gesetzen, so ist das Endziel, ihr Ziel und Ende, das Verschwinden von Macht.“ (Arendt, 2021, S. 57) Macht lebt vom interessengeleiteten, maßgebend solidarischen Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsam zum Wohl aller handeln wollen und sich dabei von der Evidenz der Wahrheit leiten lassen. F. Vogelmann (2022, S. 341) nennt dies die „Arendt-Einsicht“. Gewalt beruht im Unterschied dazu darauf, dass „die Mittel den Zweck bestimmen“ (Arendt, 2021, S. 79). „Werden die Ziele nicht schnell erreicht, so ist das schließliche Resultat nicht nur die Niederlage, sondern das Überhandnehmen von Gewalttätigkeit in allen Bereichen des politischen Lebens.“ (ebd.) Im schlechtesten Fall vernichtet Gewalt die Macht und zerstört die, die sie ausüben, selbst. „Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“ (Arendt, 2021, S. 54) Macht und Gewalt sind nicht auseinander ableitbar.

Wir leben nicht nur in einem demokratischen Staat. Wir haben auch Verantwortung für unsere Demokratie. Wir sind verantwortlich für die Wahrhaftigkeit des Faktischen und die Pluralität der Meinungen, vorwiegend als die, die sie äußern oder uns um die Stellungnahme drücken. Verdrängung und Ignoranz schützt nicht vor Verantwortung. Das lernt jeder spätestens in einer Psychotherapie. Wir sind, weil die demokratische Freiheit Diversität und Individualität ermöglicht, ethisch verpflichtet zu verantwortlicher Solidarität. Freiheit ist nur um den Preis der Verantwortlichkeit zu haben. Auch das lernt man in einer Psychotherapie am eigenen Leib und für die eigene Person.

Die Verantwortlichkeit beginnt mit der Kultur der Sprache. Wenn Politiker ihre Konkurrenten um die Macht nicht argumentativ kritisieren, sondern durch entgleiste Vergleiche verunglimpfen, wenn es kein Problem mehr ist, die Unwörter der Trommler des Dritten Reiches erneut in die politische Rede und den öffentlichen Sprachgebrauch aufzunehmen, dann wird damit die Gewalt gegen die durch unsere Wahlen legitimierte Staatsmacht in Stellung gebracht.

Die Verantwortlichkeit setzt sich fort in Aktionen. Wenn PS-Boliden (ich meine keine SUVs und Sportwagen) zur Bedrohung demokratisch gewählter Parlamentarier und ehrenamtlich tätiger Politiker eingesetzt werden, wenn für die Durchsetzung der Interessen Weniger andauernde Gewalt an Vielen ausgeübt wird, dann wird die Grenze zu verantwortlicher Solidarität überschritten. 

Das Klima in unserer Gesellschaft, auch im politischen Alltag ist rauer geworden. Das zeigt der Zulauf zu undemokratischen Parteien und Bewegungen. Das zeigt die Enthemmtheit, sich über demokratische Verantwortung für diese, unsere Gesellschaft hinwegzusetzen und deren Zermürbung für die gewaltbereite Durchsetzung eigener Interessen in Kauf zu nehmen. Welches Bild gibt dann unsere Demokratie denen ab, die einmal in der Ukraine für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, einer parlamentarischen Demokratie sorgen werden? Wir haben es in den kommenden Monaten, hoffentlich nicht Jahren, in der Hand, ob sich in den Augen junger Ukrainerinnen und Ukrainer der kreative Einsatz für die Demokratie im gebeutelten, teilweise zerstörten Land mit einer an der Verteidigung des Staates müde gewordenen Gesellschaft lohnt. Auch dafür sollten wir demonstrieren und uns einsetzen, dass unsere demokratisch orientierte Gesellschaft die jungen Menschen in der Ukraine ermutigt, eine derartige Gesellschaft auch für sich selbst zu schaffen!

Quellen: 

Arendt, H. (2021). Macht und Gewalt (28. Aufl.). Piper

Vogelmann, F. (2022). Die Wirksamkeit des Wissens. Eine politische Epistemologie. Suhrkamp

Aber – Und

Gestern blieb ich in den ersten sieben politischen Seiten der aktuellen Ausgabe (Jg. 80/ Nr. 40) der Süddeutschen Zeitung stecken. Die Beiträge zum Tod Alexej Nawalnys, vor allem die Bestandsaufnahme zur Wirkung des Toten in der politischen Landschaft Russlands auf der Seite 3, und der Kommentar von Cathrin Kahlweith auf der Meinungsseite (S. 4), machten mich nachdenklich. Wer war Alexej Nawalny? Wie lassen sich seine Strategien erfassen? Wie hätte Russland unter seiner Präsidentschaft ausgesehen, wenn er als zugelassener Kandidat die Wahl 2018 gewonnen hätte? Wie beschrieben sich die Beziehungen Europas und Deutschlands zu diesem Russland? Ich weiß, historische Spekulationen haben allenfalls metatheoretische Bedeutung. 

Gedanklich festgesetzt wurde ich durch die Berichte im Umfeld der Münchner Sicherheitskonferenz. Das Interview mit Bundeskanzler Scholz (S. 2), der sich zunehmend zum Trommler für die militärische Stärke Europas macht, mit den ihm eigenen Ungenauigkeiten im Rhythmus und ungelenken Wirbeln, die so niemals ein dynamisches, klares und mitreißendes Fundament für solide Politik abgeben können, der analytische Kommentar von Stefan Kornelius zu „Krieg und Frieden“, der Sequenz, in der V. Putin Politik denke, macht mich mutlos. Ist eine martialische Aufrüstung die einzige Sprache, die der Kreml versteht? Atommacht Europa? Lassen wir uns vom Kreml und den ihm zuspielenden anderen Staaten zurückwerfen in das Jahr 1983, wo „in Ost und West ‚nachgerüstet‘ und ‚nach-nachgerüstet‘“ wurde (Schulte u.a., 1984, Vorwort)?

Entsetzt hat mich der Beitrag „Eingemauert in Schmalkalden“ (S. 7). Dort wird von der dritten aggressiv-militanten „Protest“-Aktion nach Biberach und Schorndorf nun in Floh (Schmalkalden) gegen Politiker der GRÜNEN berichtet. Worte sind wirksam. Vor allem die „Aber“-Worte, wie sie aus den Reihen der beiden „Christlichen“ Parteien und den „Freien“ Wählern gegen die grüne Partei und deren Politiker:innen gesetzt werden. Norbert Frei, Professor für Neue und neueste Geschichte und Kolumnist in der Süddeutschen verweist dazu in seinem Beitrag „Der Unterschied“ (S. 5) auf die Macht der Worte, die eben deshalb mit Bedacht und Verantwortung zu wählen seien, gerade in den aktuellen Demonstrationen gegen Rechts. Mir selbst fielen die sprachlichen Unschärfen und auch manche gut gemeinte und gleichzeitig entgleiste Formulierung in einer Demo auf, an der ich teilnahm. 

Mir steht bei allem der Gedanke auf: Wieviel „Aber“-Denken steckt in alldem, in den Reaktionen zum Tod A. Nawalnys, der sehr rasch als Mord benannt wurde? In dem nach dem Februar 2022 zweiten Rüstungsaufschrei europäischer Politiker? In den aggressiven Handlungsweisen protestierender Gruppen gegen eine demokratische Regierungspartei?

Die Wirkung von „Aber“ und „Und“ werden in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (Wengenroth, 2012) und der Achtsamkeitspsychologie (Huppertz, 2022) untersucht. Schauen wir uns das genauer an: Hinter der Konjunktion Aber verbirgt sich eine adversative Denkfigur. „Aber“ signalisiert im Satzgefüge den Widerspruch, die Schmälerung der Geltung einer Annahme oder Behauptung durch den Einwand. Die Verwendung des „Aber“ operiert damit, dass manches wünschenswert ist, aber eben nicht möglich. Fragwürdig ist der Hinderungsgrund: Ist jener real (Tatsachen, Gegebenheiten) oder „bezieht [er] sich auf innere Reaktionen (Gefühle, Erinnerung), die mit der Umsetzung der entsprechenden Handlung verbunden wären“ (Wengenroth, 2012, S. 51)? Dieses zweite, affektive Aber wirkt genauso ausschließend wie das erste, realistische Aber: Wir Europäer würden ja gerne Machtpolitik auf dem Weg ökonomischer Repression (Sanktionen) machen, aber die Aggression des Kremls zwingt uns jetzt militärische Machtausübung auf. Welchen Charakter hat dieses „Aber“? Ist es nicht auch durch das Hilflosigkeitsgefühl gekennzeichnet, weil eben vielen Staaten das Hemd näher ist als die Jacke und die verhängten, massiven Sanktionen gegen Russland auf vielfältige Weise umgangen wurden? Wir werden im Sinne des „Aber“-Denkens in den kommenden Monaten in der Politik auch folgendes Argument  hören: „Wir sehen die sozialen Härten, die Notwendigkeit einer progressiven Klimapolitik durchaus, aber uns sind die Hände finanziell durch die Rüstungsausgaben und die Ukrainehilfen gebunden.“ Dagegen lassen sich leicht neue Aber-Sätze formulieren, die die demokratische Mitte durch diverse gefühlte Unzufriedenheiten immer weiter zermürben. 

Deshalb empfiehlt die Psychotherapie in Situationen des eher affektiven Widerstands: „Aus einem Aber ein Und machen!“ (Wengenroth, 2012, S. 51) Was heißt das? „‚Und‘ ist ein Wort, das den Umgang mit der Vielfalt, der Unveränderlichkeit und dem Chaos um uns herum erleichtert.“ (Huppertz, 2022, S. 43) Zugegeben, es fällt uns schwer, das Viele zunächst einmal ungeordnet nebeneinander stehen zu lassen. Denn Chaos macht Angst. Wir sind als Europäer mit unserer philosophisch-griechischen und römisch-pragmatischen Denktradition gewohnt, mit dem präfrontalen Verstandeshirn das Chaos „in Angriff“ (!) zu nehmen: planende Attacke, strikte Regeln, eindeutige Strategien und logische Realitätsreduktion bestimmen unseren Umgang mit der Vielfalt der Wirklichkeit. Ziel der ganzen Operation: Sicherheit als Vermeidung von Angst! Kann es nicht sein, dass die rationale Vereinfachung auch die Einfalt fördert, die affektiv leicht infizierbar ist und rasch zu massenhafter Ausbreitung von Bedrohungsgefühlen und Angst führt? Sehen wir der Tagespolitik nicht ihre Verzweiflung angesichts der Überkomplexion des Realen und Digitalen an? Mit jedem neuen Gesetz werden -zig Ausnahmen verabschiedet. Das ist nicht zuerst der Unfähigkeit der Politiker zu zu schreiben, ob mit oder ohne Ausbildungsabschluss (siehe M. Söders Einlassung am Politischen Aschermittwoch zu seinem gut ausgebildeten Schutzhund im Gegensatz zu zwei Politiker:innen der Regierungsparteien ohne Ausbildungsabschluss, zit. in: Süddeutsche Zeitung, S. 7). Die Hilflosigkeitsanmutung ist auch der Diversität gesellschaftlicher, ökonomischer und globaler Realitätsanforderungen geschuldet. Wer der Diversität mit vorwiegend schmälerndem und ausschließendem „Aber“-Denken begegnet, verirrt sich zunehmend im Dschungel von Verschwörungsannahmen, propagandistischen Vereinseitigungen, auf der rationalen Verstandesebene schwer widerlegbaren Zuspitzungen. 

Worin nun besteht der Charme des „Und“? Es „ermöglicht eine Leichtigkeit des Umgangs mit mehr oder weniger schwierigen Situationen“ (Huppertz, 2022, S. 43). A. Navalny entschied sich angesichts der Gesundung nach dem Giftanschlag des Kremls zur Rückkehr nach Russland. „Er hat das immer damit begründet, dass ein Navalny im Exil ein zu großes Geschenk für den Kreml gewesen wäre.“, schreiben S. Bigalke und F. Nienhuysen in der Süddeutschen (S. 3). Er hätte jedem „Aber“ Vorschub geleistet: Navalny ruft zum Widerstand gegen den Kreml auf, „aber“ er selbst lebt im Westen. Was immer der Westen für Russen an Vorstellungen evoziert! „Ein Oppositioneller hinter Gittern aber, das ist eine ständige Erinnerung an Putins große Schwäche, dass er es nie gewagt hatte, sich Nawalny bei einer Wahl zu stellen.“ (S.3) Das „aber“ in diesem Satz sollte zum „und“ redigiert werden: Opposition und Gefängnis, Lebenspräsenz und Todesrisiko. So würde ich Navalnys Einstellung pointieren. Er stellte sich nach seiner Wiederherstellung in Deutschland dem „Und“-Denken: Ich bin wieder soweit genesen – und was geschieht noch? Navalny waren bei seiner Rückkehr nach Russland neue und harte Repressalien des Kreml sicher. Das entsprach den Anmutungen und der Atmosphäre des Putinregimes. Und es entsprach den Anmutungen und der Atmosphäre Navalnys und seiner Organisation, sich dem zu stellen. Er sah wohl beides nebeneinander – und nicht als sich „aberhaft“ ausschließend. Das begründete seine machtvolle Wirkung.

Der Politik täte es gut, öfter einmal das „Und“-Denken zu favorisieren: Rüstung und Friedensarbeit, Sparsamkeit und erforderliche Investitionen, Migration und innere Sicherheit, Rechtsstaat und demokratische Gewaltenteilung, Freiheit und Verantwortlichkeit! Das „Und“-Denken macht uns deutlich, dass Klarheit und Unübersichtlichkeit zusammengehören. Klarheit stellt den Blick auf einen bestimmten Wirklichkeitsbereich scharf. Und die Scharfsichtigkeit für den Focus bedeutet Inkaufnahme von Unschärfe um den Focus herum, an den Rändern der Wahrnehmung. M. Huppertz (2022, S. 143) fasst dies aus der Perspektive einer achtsamkeitspsychologisch orientierten Erkenntnistheorie in die Frage: „Was wäre, wenn Orientierung und Desorientierung, Klarheit und Unklarheit keine Gegensätze wären und nicht erst Antworten neue Fragen erzeugen, sondern all das gleichzeitig und miteinander kommt und geht? … Was würde das an unserer Denkweise ändern?“ 

Quellen

  • Süddeutsche Zeitung Nr. 40 (Jg. 80), S. 1 – 7
  • Huppertz, M. (2022). Die Kunst da zu sein. Mabuse-Verlag
  • Schulte, C., Seebaß, G., Thöle, B. & Tugenhat, E. (1984). Philosophie und Frieden. Verlag Europäische Perspektiven
  • Wengenroth, M. (2012). Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Beltz-Verlag

Zeitspiele

Bald schließt sich das Jahr 2023. Vom Ende her auf das vergehende Jahr geblickt kam zum russischen Krieg gegen die Ukraine der Krieg zwischen der Hamas und Israel hinzu. Auch dieser Krieg betrifft Europa. Mit beiden Kriegen ringt Europa. Der Krieg, den der russische Präsident der Ukraine physisch aufzwang, attackierte Europa in seinem Vertrauen auf die Friedensdividende seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Das Vertrauen begründete es in der Kraft der demokratischen Selbsterhaltung, der ökonomischen Macht und der Verlässlichkeit der europäischen, aufgeklärten Kultur. Es wurde durch den mit brutalen Mitteln geführten, gewaltsamen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 massiv erschüttert. Nachdem der Überfall durch die entschlossene Verteidigung der Ukraine zum andauernden Krieg wurde, ist Europa dabei, sich unter den veränderten Gegebenheiten wieder neu zu finden. Die Zeit der stabilen Selbstsicherheit mutiert zu einer Zeit, in der Europa wieder einmal nach der geeigneten Modifikation seines Selbstbildes sucht. Der Schriftsteller Aron Grünberg formuliert das Spielmuster Europas in seinem Roman „Besetzte Gebiete“ (2021, S. 47 f.): „Europa ist Europa. … Alle tun, als wäre Europa todkrank, aber irgendwie zieht es sich immer aus der Affäre, es rettet sich selbst. Europa ist schon todkrank seit seiner Entstehung.“ Das Zeitspiel Europas ist reformatorisch, geprägt durch die verschiedenen Aufklärungsepochen seiner langen Geschichte. Dabei überwindet Europa durch immer wieder neue rationale Diskurse Anhaftungen im sakralen Komplex, sei er polytheistisch wie in der Antike, trinitarisch wie im Christentum oder spiritualistisch wie in der Romantik des 19. Jhdts..

Russland kennt ein anderes Zeitspiel. Kennzeichnet das europäische Zeitspiel der reformatorische Wechsel zwischen Selbsterfindung eines politischen Modells und dessen stabiler Entfaltung, bis innere oder äußere Kräfte jenes in Frage stellen, scheint das Zeitspiel Russlands traditional. Russland blickt von den Befürchtungen der jeweiligen Gegenwart aus, die meist mit seiner Selbsterhaltung zu tun haben, auf eine unsichere Zukunft. Zugleich blickt es zurück auf das, was russische Tradition ist. Es bindet sich, wie es auch das Regime W. Putins versucht, immer wieder an den sakralen Komplex der christlichen Orthodoxie zurück. Jene ist der Anker, der das politische Universum dieses Riesenstaates im Strom der Geschichte seit der Gründung des Kiewer Rus (9. Jhdt.) sichert. Zum traditionalen Zeitspiel des versichernden Rückblicks gehört der Argwohn gegen aufgeklärte Rationalität, wie die zunehmende Entfremdung gegenüber der kommunistischen Revolution V. Lenins am Anfang des 20. Jhdts. und die Niederschlagung demokratischer Rationalität, wie sie M. Gorbatschow versuchte, zeigen. Der Kern des russischen Selbstverständnisses ist die orthodoxe Tradition, die sich im byzantinischen Modus mit den jeweiligen politisch herrschenden Interessen liiert. 

Die Zeitspiele Russlands und Europas unterscheiden sich. Neigt das europäische Zeitspiel dazu, im rationalen Diskurs seine Anhaftungen in Frage zu stellen, um den Bestand Europas zu erhalten, verankert das russische Zeitspiel sich im Krisenfall umso fester in der Tradition, um sich gegen den historischen Veränderungsdruck abzuschirmen. Die Differenz in den Zeitspielen ist eine Erklärungsvariante für den steten Annäherungsversuch Europas und Russlands, der regelmäßig zu russischem Argwohn gegenüber der dem rationalen Diskurs geschuldeten sakralen Vergesslichkeit Europas und zu europäischer Ratlosigkeit gegenüber den Beharrungskräften Russlands führt. In diesem Spannungsfeld droht die Ukraine, europäisch rational und russisch traditional zugleich, zu zerbrechen. Verhaftung oder Reform ist die politische Systemfrage für die Ukraine. Welches Zeitspiel steht ihr näher?

Europa ringt auch um eine Position im Krieg zwischen Israel und der Hamas. Ist dies ein Krieg? Kann man gegen ein terroristisch organisiertes und ideologisiertes System Krieg führen mit dem Ziel, es um jeden Preis auszulöschen? Europa ist angesichts der enthemmten Barbarei der Hamas entsetzt. Gleichzeitig kann es sich nur mit Mühe auf das Zeitspiel Israels einlassen, das den Krieg unter Inkaufnahme von anwachsender Inhumanität führt. Auch Israel verhält sich in einem eigenen, dem eschatologischen Zeitspiel. 

Eschatologie ist gekennzeichnet durch die Dynamik von Verheißung und Erfüllung. Der eschatologische Blick auf die Gegenwart, sieht jene im Bezug zu einer theologischen (hier wörtlich als Gottes Wort zu lesen) Verheißung von Staat, Kultur und Größe, die sich in künftiger Zeit erfüllt, wenn Israel sich dafür einsetzt. Zur Eschatologie gehört der Zusammenhang von Tun und Ergehen. Das Tun bestimmt das Ergehen. Damit sich die Verheißung erfüllt (Ergehen), muss Israel sich dafür engagieren (Tun). Wenn die Verheißung gefährdet wird, ergeht es Israel schlecht. Dagegen muss es etwas tun, um der Erfüllung wieder eine Chance zu geben. Die Chance, dass sich die Verheißung erfüllt, ergibt die politische Verhaltens- und Handlungsordnung für den Einzelnen und den Staat. In der Shoah erlebte die Weltgemeinschaft ein erschütterndes Beispiel des eschatologischen Zeitspiels. Wie Jüdinnen und Juden sich zum unsäglichen, systematisierten faschistischen Verbrechen ihrer drohenden Vernichtung, die immer auch die Vernichtung der Verheißung bedeutet, verhielten, liegt in der eschatologischen Dynamik begründet. Die Verheißung ist mit ihrer Erfüllung theologisch verbunden. Daraus ergibt sich zu jeder Zeit das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung ist spirituell und rational zugleich. Sie motiviert im Vertrauen auf die Erfüllungszusage in der Verheißung zur planvollen Handlung. Das Handlungsziel besteht im Sichern des Ergehens, des Überlebens Israels, damit die Verheißung sich dereinst erfüllen kann. Insofern dient jeder Krieg, den Israel mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel führt (Tun), nicht nur der Sicherung des politischen Überlebens (Ergehen), sondern immer auch der Bewahrung der eschatologischen Hoffnung auf die Erfüllung. In diesem Kontext vermögen sich israelische Politiker in ihrer Kriegsführung im Recht sehen.

Das eschatologische Zeitspiel Israels und das reformatorische Zeitspiel Europas bringen eine recht eigene politische Dynamik mit sich. Es geht darum, sich abzusprechen, was jetzt, in der gegenwärtigen Kriegssituation Recht und auch politisch richtig ist. Europa und Israel werden diesen sehr kritischen Diskurs, den die unterschiedlichen Zeitspiele erzwingen, miteinander aushalten müssen. Einmal, um den sich ausbreitenden Antisemitismus in Europa einzudämmen, zum anderen, um die Verpflichtung Israels dem Weltethos gegenüber unablässig einzufordern.

Interessant ist, dass alle drei Zeitspiele, das traditionale Russlands, das eschatologische Israels und das reformatorische Europas in einer Verbindung zu einer Weise des sakralen Komplexes stehen, die die drei Zeitspiele miteinander in Berührung bringt. Was sich in der vermeintlichen Unversöhnlichkeit der drei Zeitspiele ausdrückt, ist nichts weniger als der zunehmende Ausfall des wissenschaftlichen theologischen Diskurses, der sich viel zu sehr auf ekklesiale Themen hat einschränken lassen. Dieser Diskurs ist, möglicherweise als einziger, in der Lage, das traditionale, reformatorische und eschatologische Zeitspiel in deren theoretischer Dynamik zu einander in Beziehung zu halten – mit dem Ziel, die politischen Folgen zu verstehen und zum Frieden hin verändern zu können. 

Das scheint mir aus philosophischer Sicht eine Perspektive zu sein, in der das Jahr 2023 beschlossen werden kann. Der Jahresabschluss zeigt, dass die Dialektik von Zustand und Entwicklung auch für die Politik gilt und allein durch Rechtsverträge und Rechtsinstitutionen nicht zum sicheren Stillstand gebracht werden kann. Politisches Verstehen ist auch immer kulturelle Rationalität und moralische Empathie, die sich im allseitigen ethischen Diskurs ausdrückt. Lohnte es nicht angesichts der politischen Lage damit zu beginnen und, wo er schon besteht, ihn mit neuem Esprit zu nähren?

Grünberg, A.: Besetzte Gebiete. Roman (2021). Kiepenheuer & Witsch

… auf Erden Friede in Menschen guter Gesinnung (Lk 2, 14 b)

Obwohl von Engeln in der Nacht von Bethlehem ausgesprochen ist das Friedenswort recht sachlich. Der Friede auf Erden beginnt in Menschen, die gut gesonnen sind. So einfach ist Friede. Oder doch nicht?

Die Herausforderung besteht in der Eudoxia, wie der griechische Text die gute Gesinnung nennt. Was ist Gesinnung? Wie ist Gesinnung gut? Gesinnung ist mehr als bloßes Meinen und sie ist noch keine Haltung. Gesinnung beschreibt eher einen Prozess. Im Sinnen richtet der Mensch seine äußeren Sinne auf einen Sinn aus, der ihn berührt. Das Sinnen erregt die Aufmerksamkeit des Menschen. Wer aufmerksam ist, findet sich in der Lebenswelt vor. Er sieht sich und er sieht die Welt. Die Welt ist der Raum, in dem Menschen die Erfahrung des Berührtwerdens machen. Sie nehmen sich in Berührung mit der Welt wahr. Nicht nur die Welt berührt den Einzelnen, auch der Einzelne ist in Berührung mit der Welt. Wie er nun die Berührung gestaltet, hängt vom jeweiligen Menschen ab. Er kann sich in einer sinnvollen Berührung mit der Welt erleben oder in einer herausfordenden, in einer aggressiven zuweilen und in der bergenden Berührung. Die Frage ist: Wie gehe ich mit dem Erleben der Berührung um?

Von der Antwort auf diese Frage hängt es ab, welchen Sinn jemand im Berührungserleben entdeckt. Das Sinnen angesichts des Berührungserlebens beginnt. Welche Bedeutung hat das Berührungserleben für mich? Kann ich mir gut sein in der Berührung? Mag ich die Berührung weiter erleben, so dass ich mich gerne an das Erleben erinnere? Darf ich mich auf das Berührungserleben einlassen? Oder soll ich lieber auf der Hut sein, Vorsicht walten lassen? Das Sinnen geht, je mehr die Einzelne die Bedeutung des Berührungserleben eingrenzt, definiert, allmählich in eine Gesinnung weiter, in der sie sich auf das Welterleben einlässt. Sie macht, in dem sie sich einlässt, Erfahrungen, die die ursprüngliche Gesinnung bestätigen oder daran zweifeln lassen. Die Gesinnung färbt die Aufmerksamkeit, in der Menschen sich in der Lebenswelt bewegen. In Menschen guter Gesinnung, so optimistisch ist das Friedenswort der Nacht von Bethlehem, liegt der Anfang des Friedens.

Das ist wichtig: Keiner kann sich auf die politischen, sozialen Strukturen und Institutionen verlassen, wenn es um den Frieden geht. Frieden ist kein Zustand, der einmal strukturell verankert Bestand hat. Solchen naiven Pazifismus unterläuft das Friedenswort der Geburtsnacht Jesu. Die Naivität besteht in der Annahme, dass richtig für den Frieden gesorgt und entsprechende Verträge geschlossen jeder den Vorteil des Friedens erkennt. Das ist bequem für die Einzelnen. Die Institutionen garantieren Frieden. Die oder der eine Familienangehörige, die Kollegin, der Mitarbeiter, die Freundin, wer immer durch seine Autorität oder seine stete Vermittlung den Frieden bewahrt, entlastet alle anderen von der persönlichen Friedensarbeit. So können sie um den Frieden unbesorgt in Frieden leben.

Das Friedenswort in der Nacht von Bethlehem sieht das anders: Der Friede beginnt in Menschen guter Gesinnung. Er entsteht durch die Friedensarbeit der Menschen, die die persönliche Verantwortlichkeit für die eigene Gesinnung übernehmen. Die Gesinnung färbt die Aufmerksamkeit, in der Menschen mit der Lebenswelt und anderen Menschen in Berührung sind. Ist das eine Berührung, die Frieden stiftet? Wie bin ich persönlich in Berührung mit den Menschen, die mich umgeben? In guter Gesinnung, so dass ich Frieden stifte, wo ich bin?

Der Friede beginnt in Menschen guter Gesinnung. In jedem von uns, in mir und meiner Gesinnung kann Frieden beginnen. So übernehme ich Verantwortung dafür, dass unsere derzeit größte Sehnsucht, dass Frieden sei zwischen den Völkern und Frieden sei in der Weise, wie wir auf unserer Erde leben, zur begründeten Hoffnung werden kann. Wer hofft, ist offen für die vielen sinnvollen Möglichkeiten und Gelegenheit zu leben. Wer jene erkennt, der kann sie auch ins Leben bringen, ihnen einen Ort in der Welt geben. So erhält der Erdenfriede, den das hebräische Wort „Shalom“ ausdrückt, und die friedliche Gesinnung, die das griechische Wort „Eirene“ nahelegt, durch mich eine Chance. Nicht nur in der Nacht von Bethlehem.

Klangwelten

Sie klirrt, meine Lebenswelt. Viel zu oft. Viel zu laut. Viel zu diffus. Dem Klirren entkomme ich, derzeit öfter als sonst, in meine Klangwelten. Dort gelingt es mir, mich zu sammeln. Was ich höre, bindet meine Aufmerksamkeit. Ich beginne, dem Klang nach zu gehen. Das Hören richtet sich auf das, was klingt. Allmählich differenzieren sich die Klänge, die den Klang bilden. Der Klangraum öffnet sich. Er erklingt in verschiedenen Dimensionen. Da tut sich Tiefe auf, dunkel, grollend, warm. Weite klingt an. Klänge nähern sich, werden gegenwärtig. Andere ziehen sich zurück, entschwinden. Mancher Klang ist direkt, gerade. Er baut sich auf. Steht im Raum. Andere wogen, sind weniger greifbar. Sie grundieren die melodischen Linien, werden deutlicher in Verbindung mit einer Stimme oder einem Soloinstrument. Ein Konzertieren entwickelt sich und verknüpft Klanglinien miteinander. Und in dieser Welt bin ich, umhüllt von Klang. 

Seit vier Jahrzehnten suche ich nach der Wiedergabekette, die imstande ist, eine Klangwelt aufklingen zu lassen, die einen Klangraum um den Hörenden entstehen lässt. Ein Kriterium für die Qualität der Wiedergabekette besteht für mich darin, sich aus dem Klirren der Lebenswelt hinaus zu begeben und sich in eine Klangwelt einzufinden zu können. Der Klang darf dabei nicht nur Hintergrund, kein Begleitklang der Lebenswelt sein. Denn bliebe ja deren Klirren. Die Klangwelt, die eine perfekte Wiedergabekette aufbaut, nimmt den Hörenden nicht nur mit in diese Welt. Sie nimmt ihn darin auf. Eintauchen in den Klang, wie der Hörende in ein Konzert eintaucht, sich von der Lebenswelt abstößt, im musikalischen Klang zu schweben beginnt, sich der Welt der Klänge überlässt.

Vor kurzem fand ich den Schlussstein zu einer Wiedergabekette, der die eben geschilderte Erfahrung möglich macht. Der Schlussstein ist ein Lautsprechersystem, vom dem sich der wiedergegebene Klang ablöst. Nicht mehr der Lautsprecher klingt, sondern der Klang entfaltet sich so, dass der Lautsprecher akustisch kaum mehr ortbar ist. Passt die Aufnahme, die meist auf einer LP, auch einmal auf einer guten CD gespeichert ist, dann kann sich Hörende im Klang bewegen. Die Klangquelle spielt keine Rolle mehr, denn der Klang ist Raum geworden. Das nenne ich dann Klangwelt. 

Zuweilen verstärkte meine Wiedergabekette das Klirren der Lebenswelt, ein sicheres Zeichen für mich, dass sie Elemente enthielt, die nicht zusammenpassten. Im letzten Jahrzehnt gelang es, dem Ideal der Klangwelt immer näher zu kommen. Vor allem das Zentrum der Kette, die verstärkenden und die Wiedergabekomponenten, wurden zunehmend stimmiger. Zuletzt, vor kurzer Zeit, tauschte ich die Lautsprecher samt den wichtigsten Kabelverbindungen aus – und erlebe seither Klangwelten, in denen die verschiedenen „Stimmen“, mein Gehör, die Lautsprecher und die Verstärker miteinander harmonieren. Harmonie ist ja nie Einklang, sondern der Zusammenklang verschiedener Stimmen, so dass sie miteinander wirken. Harmonie lebt vom Gewebe der Klänge, vielschichtig manchmal, mit Reibungen, mit Überlagerungen – und doch klingt alles zusammen, wenn es mein Gehör und auf diesem Weg mich erreicht. 

Die Wirkung der Harmonie beruht auf einer Ordnung, die sich im Klang abzeichnet und sich im besten Fall ordnend auch auf den Hörenden auswirkt. Verzerrungen werden entwirrt. Das Klirren wird leiser. Wo Ordnung ist, da beruhigen wir Menschen uns, weil Ordnung uns Übersicht und Klarheit, im intimsten Fall Geborgenheit vermittelt. Immer wieder, wenn ich mich in eine Klangwelt begebe, komme sich auf diesem Weg zu mir. Wenn ich mich selbst geborgen im Klang wohlwollend erspüre, Selbstmitgefühl lebe, dann kann ich mir im Klirren der Lebenswelt für eine Weile treu bleiben.

Das genannte Lautsprechersystem: Spatial Europe MC Series Nr. 4 MkII

Intoleranz und Würde

Meine Trauer um meinen verstorbenen Onkel begleitet seit Juni diesen Jahres Kaddish, eine Komposition für Violine solo von Gideon Klein. Jener wurde in einem Arbeitslager im Januar 1945 von einem SS-Kommando getötet. Als er nach Ausschwitz kam, war der Musiker und Komponist 24 Jahre alt (Hope, 2003).“ Kaddish wird von Jüdinnen und Juden für die Toten gebetet. Stellvertretend für die Toten ehren die Lebenden den Namen Gottes.

Die Intensität und Einfachheit der Komposition weckt in mir die Assoziation der Würde des Menschen, die die Trauer auch Totensorge sein lässt. In der Komposition klingt die Frage danach an, wer und was der Mensch denn ist. Was ist der Mensch? 

V. Frankl (1994, S. 139) beantwortete sie auf eine, aus meiner Sicht unüberbietbare Weise: Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; er ist auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den Lippen. Die Antwort intoniert, was mit Würde, mit Menschenwürde gemeint ist.

Der Mensch selbst entscheidet, wer er ist. In seinem Sein, das auf seinen Entscheidungen beruht, drückt sich seine persönliche Würde aus. Es ist keine Würde, die ihm von irgendeiner Instanz zugesprochen wird. Mag sie sich metaphysisch, religiös, spirituell oder politisch legitimiert fühlen oder behaupten. Das Zusprechen der Würde ist ein der persönlichen Würde nachträglicher Akt. Jene gründet in der Freiheit des Menschen, in der er sich von etwas freimacht und zu etwas in Freiheit hinwendet. Die persönliche Würde gründet in der Verantwortlichkeit des Menschen, die er für seine freie Entscheidungen übernimmt. 

Wer Würde als persönliche Würde in Freiheit und Verantwortlichkeit versteht, der hat zugleich ein Normativ für das, was intolerabel ist, weil es die Würde eines Menschen ignoriert. Intolerabel gegen einen selbst und gegenüber anderen ist alles, was dem Menschen in seiner Möglichkeit zu Freiheit und Verantwortlichkeit so beschränkt, dass der Zugang zur persönlichen Würde beinahe verunmöglicht wird. 

Wenn Menschen in Deutschland Jüdinnen und Juden ihr Existenzrecht absprechen und sie in ihrem Leben bedrohen, wird deren Lebensraum mit Drohungen umstellt. Die Freiheit der Teilhabe am Leben wird durch Angst verschattet. Die Verantwortlichkeit von Jüdinnen und Juden verengt sich für sie auf das Über-Leben. Wo bleibt dann die demokratische Freiheit, die persönliche Freiheit für jüdische Menschen? Antisemitismus, gleich welcher Motive und Narrative er sich bedient, ob in rechtspopulistischen Verschwörungstheorien, aus links-ideologischer Solidarität mit anderen Schwachen oder durch religiösen Fanatismus befeuert, ist inakzeptabel. Er darf nicht toleriert werden. Denn er richtet sich gegen die Würde bestimmter Menschen in unserer Gesellschaft. Dadurch werden sie ausgestoßen, was falscherweise immer mehr intolerante Menschen bei uns mit „Vogelfreiheit“ gleichsetzen. 

Nicht toleriert werden darf auch eine Politik, die nach der Maxime, dass der (gute) Zweck die (schlechten) Mittel heilige, einen menschenverachtenden Angriff durchsetzt. Auch wenn sich der Angriff gegen eine menschenverachtende Terrorvereinigung richtet, wie dies im Vorgehen Israels gegen die Hamas geschieht. Die Frage nach der Würde wird dabei ausgeblendet.

Was ist der Mensch? Was ist die individuelle Würde eines Menschen wert, der auf zweifache Weise aus unserer menschlichen Mitte getilgt wird, durch den aus Kriegsraison aufgezwungenen Tod und durch die namenlose Anonymität vieler Kriegstoter. Nachrichtengegenstände. Menschen, mit Bindungen, mit ihrer Geschichte, die in ihrer Person ihre persönliche Würde ausdrücken, werden getötet, in die Anonymität sog. Kriegsopfer nivelliert. Opferbewusstsein setzt Entscheidung voraus, auf etwas, in extremis auf das eigene Leben zu verzichten. Opfer zu sein braucht Motive. Persönliche Motive, nicht solche, die aus dem Gewehrlauf, durch Drohnen- und Raketenbeschuss oder durch brutale Anschläge lebensvernichtend aufgezwungen werden. „Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“ (Arendt, 2021, S. 54) Was aus Gewehrläufen kommt, beabsichtigt die Abschaffung der Würde. Das Bombardement, der terroristische Anschlag, die pöbelhafte Verhöhnung zielen auf etwas, was nicht sterben kann: die Würde des Einzelnen. Die Mahnmale und Erinnerungsstätten verdeutlichen das weltweit. 

Der Mensch ist ambivalent. Er erfand die Gaskammern und ging hinein, aufrecht, mit einem Gebet auf den Lippen. Er erfindet Vernichtungswaffen und versorgt diejenigen unter Einsatz des eigenen Lebens, die dadurch zu Schaden gekommen sind. Er vernichtet die Umwelt und er ringt darum, den gewissermaßen letzten Rest unseres Planeten zu erhalten. Würde ist nicht tötbar wie die Würdenträger tötbar sind. Würde verbindet Toleranz und Intoleranz miteinander. Auch als erinnerte Würde toleriert sie alle Formen menschlichen Seins, solange jene nicht intolerant gegenüber dem Leben sind. Oder anders, wie es Michel Friedmann (2022, S. 33) erzählt: 

Jüdischer Friedhof, Frankfurt am Main. Sagt ein Toter zum anderen: „Es gibt Hoffnung.“

Quellen:

Arendt, H. (28. Aufl. 2021): Macht und Gewalt. Piper

Frankl, V. (6. Aufl. 1994): Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel

Friedmann, M. (2022): Fremd. Berlin Verlag

Hope, D. (2003): Forbidden Music. Textheft. Nimbus Records

Unergründlichkeit

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen.“ Mit der rhetorischen Frage intoniert Thomas Mann seine Romantrilogie Josef und seine Brüder. Was Mann in den drei Teilen des Romans entfaltet, dimensioniert den initiativen Satz. Die Josefsgeschichte gehört in die große Jakobserzählung, ist für die Geschichtstheologie Israels grundlegend. Mann nimmt seine Leser:innen mit in eine Erzählung über die biblischen Texte von Abraham, Isaak und Jakob, den Patriarchen Israels. Die Unergründlichkeit des Anfangsgeschehens Israels intendiert den zuweilen hohen, immer jedoch sinnenden Ton des Textes. Mann lässt die einzelnen Gestalten der Patriarchenerzählungen ineinander changieren, so dass der Mythos mit der Historie zu oszillieren beginnt. „Aber die Klarheit der Sonne ist eine und eine andere die Klarheit des Mondes“ (Bd. 1, S. 89), so beschreibt Mann, was ich oszillieren nannte. 

Ein Gründungsmythos erzählt in der Perspektive des „in illo tempore“, „in jener Zeit“ eines nicht greifbaren Prozesses, den Mircea Eliade (1984, S. 63 ff.) die „mythische Zeit“ oder „heilige Zeit“ nennt. Sie ist im Ritus, in der Feier, in der mythischen Erzählung wiederholbar, wenn Menschen sie vergegenwärtigen. In solchem Kontext ist Manns literarischer Hinweis zu lesen, dass die Gründungserzählung Israels von Menschen spricht, „die nicht recht wissen, wer sie sind“ (Bd. 1, S. 94). Wen vergegenwärtigt Jakob, wenn er in der lehrhaften Erzählung seinem Sohn Joseph den Abrahamsbund nahebringt? Ist er dann mythisch nicht selbst Abraham und erneuert erzählend den Bund, den Abraham schloss? 

Die Bundesschlüsse zwischen Elohim, El Schaddai oder Jahwe, je nachdem in welcher Textschicht des Pentateuch (Fünf  Bücher Mose) der Leser sich bewegt, und Noah, Abraham, Mose schillern selbst. Einerseits sind sie in der Phase der Staatwerdung Israels Teil der mythischen Erzählung, in der sich die Abrahamsgruppe und die Moseschar zwischen See Genesaret und Totem Meer, Jordan und Mittelmeerküste, in Palästina also, dem alten Kanaan, begegnen und ineinanderwachsen. Der Bund enthält einen Sendungsauftrag und ein Segenswort an den jeweiligen Empfänger. In der rituellen Vergegenwärtigung wird beides, Sendung und Segen, an die jeweiligen Adressaten erneuert. Andererseits betritt der dritte Bundesschluss, der Mosebund, Neuland. Jahwe und Mose begegnen einander in einem konkreten, historischen Zeitpunkt. Ein Bundesvertrag mit 10 Kerngeboten wird aufgesetzt. Gott und der Mensch garantieren einander ihre Verpflichtung dem Gesetz gegenüber. Wer dem Bund zugehört, stimmt dem Gesetz zu. Gott also zeigt sich im Ereignis des Bundesschlusses am Sinai als vertraglich dem Menschen Verbündeter; der Mensch bindet sich vertraglich an ein Leben nach dem Gesetz Gottes. „Damit gewinnt das historische Ereignis eine neue Dimension, es wird zur Theophanie.“ (Eliade, 1984, S. 97) Die Theophanie ist nicht mehr als eine Geschichte, im Mythos erzählbar, sondern als historisches Ereignis erinnerbar. Ihr greifbarer Niederschlag ist das mosaische Gesetz. Aus der kultischen Erzählung wird ein Zustimmung fordernder Rechtstext, ein Vertrag, wie er im Mittleren Orient seit dem 16. Jhdt. v. Chr. bekannt ist. 

Die Bedeutung der Unergründlichkeit verändert sich: das mythische Oszillieren der Gründungsgestalten, die in einander übergingen und sich so dem historischen Zugriff entziehen, wird zu einem juridischen Gründungsakt, einem historisch benennbaren und im Zweifel einklagbaren Ereignis. Seitdem kann reale Geschichte geschrieben werden, wie sie sich in den Königsbüchern und der Chronik des biblischen Textbestandes niederschlägt. Jahwe-Gott wird in dieser Geschichte konkret. Das Verhältnis von Gott und Mensch wird reflektierbar, spiegelt sich im Selbstverhältnis des Einzelnen. Theologie entsteht. Aus dem „in illo tempore“ der Mythen wird „illud tempus“, jene Zeit“ der Theologie (Eliade, 1984, S. 98). Aus dem mythologischen Ursprungsgeschehen wird der Anfang der Zeit, dem ein Ende zugehört. Die Vergangenheit wird ergründbar. Die Zeit wird vom unergründbaren Kreislauf zum verstehbaren Verlauf. Sie ist als Geschichte erinnerbar. „Der Grund der Geschichte ist das Gedächtnis. … Das Gedächtnis ist das Organ des Menschen, das ihn in die Geschichte einsenkt.“ (Taubes, 1991, S. 13) 

Damit haben wir es ideengeschichtlich zu tun, wenn Israel seit der Gründung als Nationalstaat seit 1947 sein Staatsgebiet schützt und verteidigt. Es ist auch die Verteidigung des Gedächtnisses an eine ergründbare Geschichte, die des sich fortentwickelnden Bundes – und das Einklagen des Rechtes auf seinen Lebensraum.

Und die Palästinenser? Haben Sie nicht dasselbe Recht auf dasselbe Territorium?

Sie erheben einen viel länger währenden Anspruch auf das Gebiet von der Jordansenke bis zum Mittelmeer und dem See Genesaret bis zum Golf von Aquaba. Abgesehen von Jericho, der im 9. Jahrtausend vor Chr. gegründeten Stadt, finden sich seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. nachweisbare Siedlungen der sog. Kanaaniter in diesem Raum. Die Siedlungen scheinen eher disparat, zuweilen konkurrierend, immer auch in Abwehr der Übegriffe der großen Reichsbildungen an Euphrat und Tigris oder am Nil zu existieren. Mindestens seit dem 10. Jhdt. v. Chr. stehen sie zusätzlich durch Israel unter Druck. Die „Biografie Jerusalems“ von Simon Montefiore (2017) vermittelt anhand Jerusalems, der „heiligen“ Stadt,  auch die wechselhafte Geschichte des Siedlungsraums Palästina. Was auffällt, ist die Abwesenheit einer Gründungserzählung. Die Stabilisierung, die Palästina durch die Islamisierung ab dem 8. nachchristlichen Jhdt. erfuhr, trägt sie nicht nach. Der Islam hat seine eigene Rationalität der Ableitung des Welt- und Lebensverhältnisses aus dem Koran. Die „Umma“, die islamische Gemeinschaft bestimmt den Begriff der Geschichte (Tibi 2011, S. 29 f.). Die Bindung des Muslim an den Islam und dessen Solidarität mit der Umma stellen „die Basis ihres Geschichtsbewusstseins dar“ (Tibi, 2001, S. 61). Was bedeutet dies für die Palästinenser? 

Sie geraten, insofern sie sich selbst nicht als Araber sehen, in den „Konflikt zwischen arabischen und nicht-arabischen Muslimen“ (Tibi, 2001, S. 61). Einerseits könnte heute die Zugehörigkeit zur Umma identitätsstiftend sein; andererseits kann der heutige Islam mit dem Ursprungsprozess der Palästinenser im 3. Jahrtausend v. Chr. kaum vermittelt werden. Die Konflikte zwischen der Palästinenser-Organisation (PLO, M. Abbas) in der Westbank und der Hamas in Gaza verdeutlichen dies.

Ich denke, dass dieses Defizit eines durch ein Ursprungsgeschehen gestiftetes palästinensischen Kontinuums es den Palästinensern heute schwer macht, gegenüber Israel mit seiner erzählbaren Geschichte, den eigenen Anspruch auf einen nationalstaatlichen Lebensraum zu untermauern. Der palästinensische Anspruch darauf versickert in der Unergründlichkeit des Brunnens der Vergangenheit. Verbrieft in Ur-Kunden ist hier kaum etwas – und dennoch greifbar. Oszillierend eben, wie Mann es im ersten Band seiner Romantrilogie darstellt. Die vorchristliche Staatwerdung Israels verrät vom Textbestand einiges darüber, wieviel Palästina sich in der frühen Geschichte Israels wiederfinden lässt. Das Kanaanitische in seinen vielfältigen Kulten blieb während der 500 Jahre Königsgeschichte Israels die ständige Verführung, doch auch, weil sie dem bundesgegründeten Staat in den Knochen steckte. Vielleicht sind Israelis und Palästinenser kulturgeschichtlich einander näher, als beide es wahrhaben wollen?

Was tun in dieser Lage?

Die Unversöhnbarkeit zeitgenössischer Islamismen mit Israel erscheint als unüberwindbares Hindernis. Wenn es stimmt, dass die Hamas in ihrem unversöhnlichen Hass religiös motiviert ist, wenn es stimmt, dass Israel umgekehrt in seiner militanten Selbstbehauptung und Verteidigung politisch motiviert ist, dann zeitigt das unterschiedliche Dimensionen des Fanatismus auf beiden Seiten. Beide Seiten, Palästinenser und Israel, haben einander immer wieder als kompromisslose Feinde erlebt. Die Zwei-Staaten-Lösung, wie sie zuletzt in Friedensgesprächen (2013/14) und einer UN-Resolution (24.11.2015) nahegelegt wird, erscheint auf beiden Seiten kaum akzeptierbar. 

Vielleicht ist neben aller politischen Diplomatie, die in den letzten Tagen international prominent wird, auch das kulturgeschichtliche Gespräch wichtig. Daniel Barenboim wies jüngst in einem Feuilleton-Beitrag der Süddeutschen Zeitung nachdrücklich darauf hin (https://www.sueddeutsche.de/politik/konflikte-berlin-fuer-israels-sicherheit-hoffnung-fuer-palaestinenser-noetig-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-231014-99-563227): „Wir beginnen und enden alle noch so kontroversen Diskussionen mit dem grundsätzlichen Verständnis, dass wir alle gleichwertige Menschen sind, die Frieden, Freiheit und Glück verdienen“, schrieb er mit Blick auf das von ihm gegründete israelisch-palästinensische Orchester West-östlicher Divan. Diese humane Rationalität, in der jeder die eigene Position für den Diskurs hintanstellt und den Blick des anderen annimmt, könnte eine starke Bedingung für den gemeinsamen Diskurs sein. Israelis erkennen mit palästinenischer Perspektive auf die Lage an, dass in der Unergründbarkeit der Vergangenheit auch Gemeinsames zu finden ist, wechselseitige Bereicherung, ohne die beide als Heutige nicht denkbar sind. In der palästinensischen Übernahme der israelischen Perspektive samt ihrer Theologie und Geschichte, besteht die Chance für die Einsicht, dass einiges Israelitische auch in den Traditionen Palästinas steckt. Wäre das nicht in einer noch vorpolitischen Dimension ein Fortschritt? 

Vielleicht braucht es kulturgeschichtliche Sicherheit für beide Volksgruppen, um ein wenig unabhängiger ihre eigenes Projekt zu entwickeln, mit dem unverstellten Blick auf den jeweils anderen. Dann könnten sich die Palästinenser dem islamistischen Zugriff entziehen – und Israel der ultra-orthodoxen Hetze. Kritischer Pazifismus ist nie naiv. Er wirkt sich in der Einbeziehung auch der Kultur- und Ideengeschichte, in der Klärung der Herkunft inzwischen unbewusst tradierter Voreingenommenheit, in der Strategie des ethischen Diskurses, wie ihn J. Habermas (2019, S. 360 ff.)) mitentwickelte und im Argument der Betrauerbarkeit (Butler, J., 2021, S. 98 ff.) aus. Der Rabbiner und Philosoph Jakob Taubes (1991, S. 194) fasst dies so zusammen: „Geschichte ist nur dann, wenn Wahrheit aus der Irre ausgesondert, wenn Wahrheit aus dem Geheimnis erhellt wird. Die Geschichte hellt sich auf vom Geheimnis der Irre zur Offenbarung der Wahrheit.“ Womit wir wieder bei der Unergründlichkeit des Brunnens der Vergangenheit angelangt wären, in aufgeklärtem Denken freilich.

Quellen

Die Inspiration für den Essay entwickelte sich aus der Lektüre von:

Mann, T. (1978): Joseph und seine Brüder. Band 1 – 3. Fischer (alle Zitate dito).

Butler, J. (2. Aufl. 2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit. Suhrkamp

Eliade, M. (1984): Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Insel

Habermas, J. (4. Aufl. 2019): Diskursethik. Philosophische Texte Band 3. Suhrkamp

Montefiore, S. (5. Aufl. 2017): Jerusalem. Eine Biografie. Fischer

Taubes, J. (1991): Abendländische Eschatologie. Matthes & Seitz

Tibi, B. (2001): Einladung in die islamische Geschichte. Wiss. Buchgesellschaft

Hintergrund:

Deissler, A. (4. Aufl. 1972): Die Grundbotschaft des Alten Testaments. Ein theologoischer Durchblick. Herder

Fohrer, G. (1969): Das Alte Testament. Erster Teil (Gütersloher Verlagshaus)

Gunneweg, A. (1972): Geschichte Israels bis Bar Kochba. Kohlhammer

Khoury, A. (2001): Der Islam und die Westliche Welt. Religiöse und politische Grundfragen. Wiss. Buchgesellschaft

Thoraval, Y. u.a. (1999): Lexikon der islamischen Kultur. Wiss. Buchgesellschaft