Tod, wie er erzählt werden kann

Wie kann der Tod erzählt werden?

Um etwas zu erzählen, was keiner weiß, bediene ich mich apophatischer Sätze. So erzählen die Dichtungen des alten Babylon und Sumer über das, was keiner wissen kann. Auch der ältere der beiden Schöpfungstexte des Alten Testaments (Gen 2, 4 – 25) verwendet sie. Die Strategie ist einfach: Was vor aller Augen liegt, wird aufgehoben. Die Sprache verneint, was wahrgenommen ist.

Wie tot sein ist, erleben wir an Gestorbenen. Wir erleben es nie an uns selbst. Was wir an uns wahrnehmen, ist die Lebendigkeit der Gedanken, des Leibes, der Gefühle. Wir nehmen wahr, dass die Gedanken zuweilen träge sind, spröde und brüchig. Eher ein Rinnsal als ein Gedankenstrom.  Wir nehmen wahr, dass das Gedächtnis sich verändert. Namen entfallen, Zusammenhänge verblassen, Gesichter auch. Gerüche und Klänge bleiben. Gestimmtheit auch. Wir nehmen unsere Kraft wahr, auch wie sie abnimmt und mühsam wieder trainiert werden muss. Energie nehmen wir wahr. Sie lässt uns Lebendigkeit spüren, zuweilen in Muskelkater und Erschöpfung etwas länger. Wir nehmen Gefühle wahr, Begeisterung, Freude, Vertrauen und Liebe. Den Mut, sich dem zu stellen, was uns überfordern wird. Dann sind wir enttäuscht. Wir nehmen Ärger wahr, Resignation und Trauer, wenn wir Lebenswichtiges verloren haben. Wir nehmen uns als lebende Personen wahr, nicht nur als abstrakte Menschen. Als Einzelne mit, unter und neben anderen Einzelnen.

Das alles endet der Tod. Nicht spüren wir die Trauer um uns. Nicht, dass es gerade um einen selbst ging in der Bindung, in der Gemeinschaft. Wir spüren nicht mehr, was unsere Begeisterung und Liebe ist. Wir nehmen keine Energie mehr wahr, keine Stimmung, kein Gedächtnis und kein Gedenken. Gedanken nehmen wir nicht mehr wahr, nicht mehr unseren Leib und seine Regungen.

Totsein lässt sich als Abwesenheit, als Ende von Leben und individueller Lebendigkeit erzählen. Mein Leichnam trägt noch meine Züge. Kein Atem ist wahrzunehmen. Keine Stimme. Ich habe keinen Klang mehr. Ich lebe nicht mehr. So lässt sich Totsein erzählen. Als factum brutum, das sich jedem selbstbezüglichen Kommentar entzieht. Denn auch die Selbstbeziehung ist nicht mehr.

Wir haben uns – auch dank der emsigen Hospizbewegung – daran gewöhnt, den Tod als Ende eines palliativ versorgten, mitmenschlich begleiteten Prozesses zu sehen. Das Sterben scheint beherrschbar geworden. Schmerzen, Übelkeit, Luftnot werden therapeutisch gelindert. Zeiten des Alleineseins und die lange Weile werden durch Besuche ehrenamtlicher HospizbegleiterInnen vertrieben. Ich kann zu Hause sterben oder in einer dafür eingerichteten Umgebung. Der Tod verliert seinen Schrecken. Wir können „das Sterbenkönnen lernen“ (Landsberg, 2009, S. 71). Es gibt ganze Philosophien dafür. Die christliche Theologie hat die „Dialektik von Tod und Leben“ entschärft, wie Paul L. Landsberg in seinem Essay zur „Erfahrung des Todes“ (1935) beschreibt. Denn in der christlichen Theologie wird darin „die wirkliche Wandlung der Lage des Menschen durch das Erscheinen und das Beispiel des Christus ausgedrückt“ (Landsberg, 2009, S. 81). 

Woran dies alles nichts ändert, ist die Tatsache des Totseins. Dass ich nicht mehr lebe. Dass es mich als individuelle Person lebendig nicht mehr gibt. Körperhaft bleibe ich noch eine Weile, als Leichnam. Manche Idee, das eine oder andere Bonmot oder einige Anekdoten bleiben in Erinnerung. Auch das Haus, das ich baute, und das Buch, das ich schrieb. Vor allem die Kinder bleiben eine Weile, für die ich Verantwortung übernahm. Wenn sie am Grab von mir erzählen, erzählen sie von einem Toten.

Das ist die Ungeheuerlichkeit. Das ist die sichere Zumutung an mich, an den Menschen: Du wirst tot sein. Alle Narrative über dich und zu dir sind Erzählungen über einen Toten. Du selbst hast dazu nichts mehr zu sagen. Darüber helfen weder Hospizlichkeit, noch Glaube, noch Ideologie hinweg. Der Tod ist das factum brutum im Leben, der das Leben aufhebt. Der Tod ist das factum brutum, das zu denken gibt, ohne im Denken verwandelt, versöhnt oder aufgehoben zu werden. Es gibt keine Synthese von Leben und Tod. Es gibt nur das Lebendig sein. Es gibt nur das Totsein. Auch daran ist in diesen Tagen zu erinnern. Wir sollten es aussprechen lernen: Ich werde tot sein. 

Landsberg, P. (2009): Die Erfahrung des Todes. Berlin (Matthes & Seitz)

Skulpturenwelt

Schloss Freudenstein, gelegen oberhalb von St. Pauls im Süden Südtirols. Sonnenverwöhnt belohnt die Schlossterrasse den Blick mit Weite und Freiheit. Im Schloss gestaltete der Bozener Bildhauer Andrea Bianco am 16. und 17. Oktober 2021 eine Werkschau, in der er neue Skulpturen mit wenigen früher gestalteten in einem wundervollen gotischen Raum inszenierte. Die neu geschaffenen Frauenskulpturen griffen in ihrer Gold- und Platinlasur etwas von der vornehmen Eleganz des Raums und des stilistisch geschickt eingepassten Mobiliars auf. Sie verliehen sich und dem Saal einen eigenen Glanz. So, als ob sie schon immer diesen Raum durch ihre Präsenz prägten. 

Persönlich freute ich mich, meiner abstrakten Lieblingskulptur (siehe Bild) wieder zu begegnen. Sie wirkte nun schon in mehreren Ausstellungen an unterschiedlichen Orten auf mich. Diesmal war sie fast als Nebensache arrangiert. Wie zufällig fand ich sie auf einer Kommode zusammen mit einer eher wuchtigen Arbeit aus Marmor. Und doch zog sie mich wieder an. Die dunkel schimmernde Glasur der Tonarbeit verwendete Andrea schon bei einigen seiner Frauenstatuen. Ihre geschwungene Form hat etwas weiblich-körperhaftes. Den Körper, die Raumhaftigkeit muss sich der Betrachter aus der zweidimensionalen Anlage der Skulptur er-sehen. Es ist eine flache Tonplatte, die sich aus der Fläche in einer eigenwillig asymmetrischen Symmetrie nach oben öffnet. Erst diese Öffnung führt den Blick in die dritte Dimension, indem die nach oben geschwungene Fläche einen Innenraum schafft – oder ist es eher ein Zwischenraum? Das hängt, wie mir scheint, von der Inszenierung der Skulptur ab. Steht sie frei, dann wird ihr Innenraum sichtbar. Der Betrachter ergänzt unwillkürlich den Raumkörper hinzu. 

Diesmal stand die Skulptur – sie ist meines Wissens namenlos – in Wandnähe. Der Blick kam zwischen den beiden sich in sanfter, vielleicht sogar bergender Kraft emporschwingenden Seitenflächen zur Ruhe. Der Raum, der sich dabei aufspannte, wirkte auf mich nun eher wie ein Zwischenraum. Der fast weiblich anmutende Schwung der nach oben gezogenen Platte fängt den Blick ein, lässt ihn im Zwischen verweilen. Die rechte, höhere geschwungene Seite leitet ihn an den Umgebungsraum weiter.

Jetzt entdeckte ich eine neue, mir noch unbekannte Wirkung der Skulptur. Sie stellt in die Umgebung einen Zwischenraum hinein, der nach den Seiten abgegrenzt etwas Eigenes markiert. Anders als die Frauenskulpturen, die den  Raum um sich herum versammeln, ist es gerade die Hohlform dieser Skulptur, die den Raum unterbricht und zugleich sich mit ihm verbindet. Sie erinnert mich an das aristotelische „metaxy“, das „Zwischen“, das trennt und gleichzeitig vermittelt. Für Aristoteles markiert die Raummetapher des „Zwischen“ die logisch scharfe Differenz zwischen Begriffen. Sie trennt die Begriffe und ermöglicht damit eine logische Vermittlung zwischen ihnen. Was nicht unterschieden ist, kann nicht zum definierten Begriff werden. Zugleich bilden die Begriffe einen syntaktischen Zusammenhang, den der logischen Erkenntnis.

Andrea gelang mit der abstrakten Skulptur eine Bildmetapher für das Zwischen. Der Zwischen-Raum ergibt sich aus der in die Dreidimensionalität aufschwingenden Tonplatte. Sie wirkt durch den Schwung und die Öffnung nach oben körperhaft und markiert, so arrangiert wie in Freudenstein, ein Zwischen im Raumkontinuum, das jenes nicht zerstört, sondern eine Differenz setzt, durch die der Raum als solcher erkannt werden kann. Vielleicht ist es diese Möglichkeit, die Skulptur zu erleben, die mich, wo immer Andrea sie ausstellt, in ihren Bann zieht. 

Viel affektiver als der Blick vermittelt die Berührung der Skulptur, dass die Hohlform etwas Körperhaftes hat. Wer mit den Fingern von Rand zu Rand streicht, dem vermittelt sich diese Körperhaftigkeit als sensitiv-haptisches Erleben. Das Besondere daran ist, dass es die  Bewegung im inneren Raum, eine Bewegung in der Hohlform ist, innerhalb des Zwischen also. Sich im Zwischen bewegen, vermittelt nicht die Erfahrung einer Ortlosigkeit, sondern eher die Erfahrung, dass das „Zwischen“ im Sinne des Aristoteles durchaus real ist, im Moment der logischen Differenzierung sich manifestiert. Es ist – mit einer Formulierung von Richard Rohr – „pure Präsenz“. Damit gewinnt die Skulptur eine weitere Dimension: Sie vergegenwärtigt als Hohlform, als „Zwischen“, die flüchtige Präsenz des Daseinsereignisses. Ihre Spannung bezieht die Figur aus dem Zeigen dessen, was nur erlebt werden kann: Gegenwart, die im Augenblick währt und sich zwischen Zukunft und Vergangenheit ereignet. Bei aller Inhaltlichkeit ist sie – wie die Hohlform der Skulptur – ein „Zwischen“, das den einen Augenblick vom anderen trennt und alle Augenblicke zugleich zur Zeit verbindet. 

Jetzt nähere ich mich wohl dem, wodurch die Skulptur mich immer wieder anzieht. Sie zeigt etwas, was nicht zur Schau gestellt werden kann: die Gegenwart als Zwischenzeit und Hohlform für das sich ereignende Leben. An den Rändern der Skulptur manifestieren sich die Vergangenheit und die Zukunft, unterschieden und doch verbunden. Ein Übergangsszenario. Für mich ist diese Abstraktion eine der gelungensten Skulpturen von Andrea Bianco. Ich folge ihr gerne noch durch weitere Ausstellungen.

Welthospiztag 2021

Am 09. Oktober war Welthospiztag. Gut zwanzig Jahre bin ich in der Hospizbewegung aktiv. Ich habe Sterbende sowohl ehrenamtlich wie auch psychotherapeutisch begleitet. Das sind berührende Erlebnisse. Als ein besonderes Privileg empfinde ich es, Menschen durch die letzten Wochen oder Tage des Lebens begleiten zu dürfen, durch die reichen Stunden voller Leben und die düsteren Zeiten des Leidens am hohen Alter und an der Symptomlast schwerster Krankheit. Und durch die vielen Zwischenzeiten, in denen das Leben auf den Tod hin zum Alltag wird. Die Individualität des Menschen drückt sich auch darin aus, wie er sein letztes Leben lebt. Dazu hielt ich in Brixen/IT als Gast der Hospizbewegung in Südtirol im Rahmen der Fachtagung „Würde bis zuletzt“ den Vortrag samt dem anschließenden Workshop: „Sinn im letzten Leben“. 

Über die Trauerarbeit kam ich mit der Hospizbewegung in Berührung. Viele Einzelgespräche mit Trauernden, Familiengespräche im Stationären Hospiz und in der ambulanten Begleitung und die langjährige Co-Moderation einer Trauergruppe für Angehörige um Suizid (AGUS e.V.) betteten meine Erfahrungen mit Sterbenden in den Lebenszusammenhang ein, den jene verlassen und zurücklassen. Sterben ist der Abschied vom Leben, von den persönlichen Lebensmöglichkeiten und der gelebten Biografie. Das ist auch ein Abschied aus den Bindungen, den beiläufigen, den freundschaftlichen, den familiären, den lebenstragenden und den intimen. Jeder Sterbende, jede Sterbende weiß, dass sie, dass er Menschen hier im Leben lässt. Die „Hiergebliebenen“, wie sie auch genannt werden, leben mit den Hinterlassenschaften, den Erinnerungen und mit der Zeit auch dem Verblassen der Bilder vom Verstorbenen. Trauer ist der Anpassungsvorgang an das Leben ohne den Gestorbenen.

In Deutschland lautete das Motto des diesjährigen Welthospiztages: „Leben! Bis zum Schluss.“ Ein sehr präsentes Thema ist dabei die Frage nach dem „Assistierten Suizid“. Die deutschen Hospizverbände wollen zeigen, „was Hospizarbeit und Palliativversorgung als gewichtige Alternative zur Suizidbeihilfe zu leisten vermögen“ (https://www.dhpv.de/aktuelles_welthospiztag.html; letzter Zugriff am 08.10.2021). Unbestritten: Moderne Hospizarbeit und Palliative Versorgung, die bestenfalls ineinandergreifen, können das letzte Leben für die Betroffenen und Beteiligten entlasten. Dennoch bleibt der wiederkehrende Wunsch Sterbender, dem Leben selbst ein Ende setzen zu wollen. Nicht immer, weil die Symptomlast völlig überfordert, sondern auch, weil Sterbende eben dieses Leben in seinen oft gravierenden Veränderungen, in seiner massiven Herausforderung an das Selbstbild, in seiner radikalen Beschränkung der personalen Möglichkeiten nicht als ihr Leben akzeptieren wollen. Nicht oft, aber eben immer wieder war genau dieses Akzeptanzproblem Thema meiner psychotherapeutischen Arbeit mit sterbenden Persönlichkeiten. Eben das wird im heftigen, emotional geführten Widerstand der Hospizverände gegen die Möglichkeit des Assistierten Suizides in Deutschland übersehen: Es ist nicht DER Mensch, der leidet und stirbt. Es ist die konkrete Persönlichkeit mit einer individuellen Lebensgeschichte, mit selbstbestimmten Einstellungen zum Leben, mit der Autonomie des individuellen Sinns der Sterbesituation, die mit der Akzeptanz des Lebensabschiedes ringt. Es war für mich in den intensiven, vertraulichen Gesprächen nachvollziehbar, dass für Einzelne die palliative Entlastung die Anpassung an die todesbedrohte Lebenslage nicht verstärkt. Auch die Reflexion des Verlustes, den sie den mit ihnen verbundenen Menschen durch einen Suizid bewusst zufügen, konnte die Entschlossenheit kaum ändern. Die Sinnfrage gegenüber der Lebenssituation blieb entschieden: Der Sinn wird darin gesehen, sich bewusst für den selbst herbeigeführten Tod zu entscheiden und damit ein Leben und Personsein zu beenden, das als sinnwidrig empfunden und angesehen wird. Das Leiden am letzten Leben wird gerade dadurch aufrecht erhalten, dass es nicht beendet werden durfte, sondern auch noch mit palliativer Therapie weitergeführt werden sollte. Mit dem Urteil des Bundesverfassungs-gerichts vom letzten Jahr ist Menschen das Recht auf einen würdigen, auch selbstherbeigeführten Tod ausdrücklich zugesprochen. 

Wenn die Hospizbewegung ihrem zentralen Grundsatz folgt, dass das Sterben zum Leben gehört, dann sagt sie damit, dass zum Recht auf das Leben auch das Recht auf das Sterben gehört. Wie das Sterben in Würde gestaltet werden kann, wenn sich ein Einzelner grundsätzlich und intensiv damit auseinandergesetzt hat, dass weiteres Leiden die Würde seiner Person und des Lebens zu vernichten droht, sehe ich sehr wohl als eine hospizliche Aufgabe.

In Deutschland beendeten im letzten Jahr der voraussichtlichen Statistik zufolge 8565 Menschen ihr Leben durch Selbsttötung (https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_327_23211.html, Zugriff am 10.10.2021). Gewaltsam und sicher meist nicht unter würdigen Umständen. Sterbewillige im letzten Leben sind dazu nicht mehr in der Lage. Wenn die Hospizbewegung daran interessiert ist, Sterbenden einen würdevollen Lebensabschied zu ermöglichen, dann gehört – aus meiner Sicht – auch die würdevolle Begleitung beim Assistierten Suizid dazu (Riedel, 2021 a).

Die Hospizverbände stellen in ihrer Argumentation häufig die Tötung auf Verlangen und den Assistierten Suizid neben einander. Die ethische Differenz zwischen der Suizidbeihilfe und der Tötung auf Verlangen besteht genau darin, dass die Tathoheit beim Assistierten Suizid beim suizidbereiten Sterbenden liegt. Die Beihilfe besteht darin, dass die Verschreibung des Medikaments Aufgabe des Arztes ist. Die Tötung selbst bleibt beim Betroffenen. Sie ist seine selbstbestimmte Entscheidung und ein autonomer Akt. In Würde kann der Suizid vorbereitet werden, wenn die oder der suizidale Einzelne den beschränkungsfreien und wertungsoffenen sozialen Raum hat, seine Entscheidung zu prüfen. Er kann, wenn sie, er der Entscheidung sicher ist, bis in den Vollzug des Freitodes durch Menschen begleitet werden, die sich das zutrauen. Das können Menschen aus dem sozialen Nahfeld sein, HospizbegleiterInnen und vor allem psychosoziale Fachkräfte, die umsorgende Unterstützung aller anbieten. So bleibt auch dieses Sterben würdevoll – bis zum Schluß!

Die militant vorgetragene Haltung der Hospizverbände gegen den Assistierten Suizid kann ich nicht nachvollziehen, vor allem nicht auf der Grundlage meiner psychosozialen Fachlichkeit und meiner Erfahrungen mit Sterbenden. Leider drückt sich darin auch etwas aus, was ich in den letzten Jahren zunehmend beobachtete: die Haltung eines Besserwissens, wie richtiges Sterben geht. Sie ist bei immer mehr Hospizbegleitenden, bei Ärzten, auch bei Pflegenden anzutreffen. Wir dürfen, wenn wir hospizlich begleiten und umsorgen wollen, einer sterbenden Persönlichkeit alles anbieten, was in unserer Kompetenz liegt. Was sie für sich und das individuelle Leben braucht, bestimmt sie selbst (Riedel, 2021 b,). Darin besteht Lebensführung bis zum letzten Atemzug. Wer hospizlich tätig ist, der ermöglicht und unterstützt diese Führungsaufgabe. Wer sein Leben selbst zu Ende führen will, weil er sich der Bedrohung durch den Tod nicht mehr gewachsen fühlt, der sollte darauf zählen können, dass er dies würdevoll begleitet tun kann. Insofern erscheint nicht der Widerstand, sondern der Beistand ethisch geboten.

Riedel, C. (2021 a): Assistierter Suizid im letzten Leben und Hospizbegleitung. Ein Plädoyer für die Betroffenenperspektive im Diskurs, in: PPC 50, S. 60 – 63

Riedel, C. (2021 b): Hypercare. Zur Diätetik der Sorgeerwartung in der Hospice Care, in PPC 52, S. 16 – 19

Verwählt?

Im ARD-Brennpunkt (27.09.21) moderierten Tina Hassel, in „Hart-aber-fair“ Frank Plasberg jeweils Sendungen zum Tag nach der Bundestagswahl. Ich ärgere mich über beide Moderationen. 

Erstens: Beide ModeratorInnen kritisierten wiederholt, dass es im Wahlkampf mehr um Personen statt um Inhalte gegangen sei. Beide insistierten in ihren Sendungen immer wieder auf Personalfragen, auch wenn die interviewten oder talkenden PolitikerInnen zu Sachthemen lenkten. 

Zweitens: Im Wahlkampf warben drei KandidatInnen für die jeweilige Kanzlerschaft. Am Tag nach der Wahl dominierte der Kandidat der CDU die Debatten. Olaf Scholz kam im Brennpunkt zu Wort, Annalena Baerbock spielte keine Rolle mehr. Leider verschieben sich die Gewichtungen nur schwerfällig.

Drittens: Die Regierungsbildung wird – endlich wieder einmal – spannend. Nicht so sehr im Wer-mit-Wem. Vielmehr wird es interessant sein, ob ein Regierungsprogramm verhandelt wird, das die von allen drei KandidatInnen und den demokratischen Parteien (außer der AfD) beschworene Zukunftspolitik tatsächlich ermöglicht. Wozu muss jedoch in den Moderationen der Prozess der Regierungsbildung hoch dramatisiert werden? Nur weil es diesmal drei Parteien sind? Alle drei sind demokratisch. Jede von ihnen tritt mit einem spezifischen und unterscheidbaren Profil auf. Das ist wohltuend nach Jahrzehnten zunehmender Assimilation der sog. Volksparteien aneinander.

Ich frage mich schon, was die öffentlich-rechtlichen Medien treibt, vorwiegend auf Stimmung zu machen. Haben sie nicht einen dringend notwendigen Informationsauftrag? Gehört es nicht zur Sachlichkeit, neben Personen vorwiegend Inhalte gut aufbereitet darzustellen? Ist es nicht sinnvoller, PolitikerInnen bei deren Kommunikationsauftrag durch differenzierende, klärende Nachfrage, durch den geeigneten Raum für Argumente und präzise Zusammenfassungen zu unterstützen?

Dabei freue ich mich über den Wahlausgang.

Erstens: Es gibt verschiedene realistische Regierungsoptionen, ohne dass die AfD in irgendeiner, auch nur indirekten Form beteiligt ist. Eine neue Regierung wird in jedem Fall auf eine klare Mehrheit demokratischer Parteien verfügen.

Zweitens: Herr Scholz setzte mit dem Thema Respekt ein – leider in der Debatte zu wenig gewichtetes – ausdrückliches Zeichen gegen die politische Rechte. Ihr fehlt es gerade an Respekt. Herrn Meuthen (AfD) steht es einfach nicht zu, einen Verbrecher wie den Attentäter in Idar-Oberstein, als „durchgeknallten Irren“ zu bezeichnen. Solche Beispiele sind nicht peinlich; sie sind respektlos und erkennen Einzelnen deren Würde ab. Sie richten sich gegen das Humanum in unserer Gesellschaft.

Drittens: Die Anzahl der jüngeren Abgeordneten nimmt wohl in den meisten Parteien zu. Damit, das hoffe ich zumindest, werden die Zukunftsthemen wie Klimawandel und Klimaschutz,  soziale und ökologische Verteilungsgerechtigkeit, Entwicklung der Digitalisierung, Rentensicherung vor allem für die nächsten Generationen innovativ, kreativ und in sozialer Verantwortlichkeit gedacht und umgesetzt. 

Mir ist klar geworden, und das gehört für mich unbedingt zur Zukunftssorge, dass sich das individuelle und gesellschaftliche Leben verändern wird. Das gegenwärtige Mobilitätsverhalten, unser aller immer noch sorgloser Umgang mit den natürlichen und inzwischen auch technologischen Ressourcen, wahrscheinlich auch das Empfinden sozialer Gerechtigkeit wird sich erheblich verändern. Das wird von jedem Einzelnen Einstellungsveränderungen und Verhaltensänderungen verlangen. Wir werden Haltungen wie Respekt, Rücksichtnahme, Anerkennung der Würde der Person und des Lebens in neuen Diskursen andere Inhalte geben, die langsam und mit erheblicher individueller Mühe in die Praxis zu übersetzen sind. Bei alldem wünsche ich mir, dass die staatlichen Steuerungsprozesse einem dienen: in einer stark veränderten Welt das existenzielle Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortlichkeit leben zu können, mit veränderten Formen von Genuss, Lebensfreunde und Begeisterung. Und großem Respekt vor dem Lebensende.

Wir haben uns am 26. September nicht verwählt. Jetzt gilt es für die, die wir in politische Verantwortlichkeit wählten, aus dem Votum heraus die Grundlage für eine zukunftsbewusste Regierungsarbeit zu schaffen. Ich bin optimistisch, dass das gelingt. Schade finde ich es, wenn Journalisten der politischen Gestaltung vorerst wieder nur Personalfragen abgewinnen.

Fehlbar!

Der Dalai Lama erzählt in einem Interview ein Gleichnis:

„Ohne Wasser kein Leben. Der Tee, den wir trinken, besteht zum größten Teil aus Wasser, aber er enthält noch weitere Zutaten – Teeblätter, Gewürze, vielleicht ein wenig Zucker und – in Tibet jedenfalls – auch eine Prise Salz, und das macht ihn gehaltvoller, nachhaltiger und zu etwas, was wir jeden Tag haben möchten. Aber unabhängig davon, wie der Tee zubereitet wird: Sein Hauptbestandteil ist immer Wasser. Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser. Und genau so werden wir zwar ohne Religion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl – und auch nicht ohne Wasser.“ (Dalai Lama & Alt, F. (2016), S. 16 f.)

Papst Franziskus versucht Tee ohne Wasser zu kochen. Die Entscheidung zum Kölner Kardinal, Erzbischof Rainer Wölki, wie die Entscheidung zum Hamburger Erzbischof Stefan Heße wurden unter Missachtung des „Grundbedürfnisses nach Mitgefühl“ getroffen. Vom Papst werden im laufenden Missbrauchsprozess höchst verantwortliche Funktionäre der römisch-katholischen Kirche im Amt gehalten. Herr Wölki und Herr Heße bekleiden als Funktionäre im  System Kirche Schlüsselpositionen. Sie stehen – daran sollte sich der Vatikan und die ihm hörigen Theologen unbedingt erinnern – wie ihre Vorgänger auf den jeweiligen Bischofsstühlen in der apostolischen Nachfolge (Sukzession). Jene vermittelt nicht nur die machtvolle Freiheit des apostolischen Amtes, sondern sie vermittelt auch dessen Verantwortung. Diese Verantwortung wird vom derzeitigen Papst fehlbar und defizitär wahrgenommen. Das vermeintlich entlastende Argument des Papstes, dass der einzelne Funktionär durch Systemdynamik fehlgeleitet oder vereinnahmt worden und ihm deshalb nicht die ganze Verantwortung im Missbrauchsprozess zuzuschreiben sei, geht vom Prinzip der Kollektivschuld aus. Der Schuldzusammenhang des Kollektivs entlastet den Einzelnen vielleicht von der Gesamtschuld. Er entlastet den Einzelnen nicht von seiner persönlichen Verantwortung, schon gar nicht, wenn er ein Schlüsselfunktionär des Systems ist und einen großen Freiraum hat. Mag sein, dass der Papst ihnen nicht mehr die Freiheit des Christenmenschen (Martin Luther) zutraut und den beiden deswegen Verantwortung abnimmt, um sie wenigstens als Funktionäre zu erhalten.

Herr Heße und Herr Wölki haben kraft ihres Amtes die unbedingte, aus ihrer Bischofsweihe resultierende Verpflichtung, im Missbrauchsprozess die Klärung weiter voran zu treiben, weil durch Funktionäre und Mitarbeiter der römischen Kirche an Menschen schwerste Verbrechen verübt wurden. Beide sind diesem apostolischen Auftrag äußerst fehlbar ausgewichen. Insofern sind sie keine „Würden“-Träger mehr. Ihnen gilt die Würde der Menschen, an denen die Verbrechen verübt wurden, weniger als die Würde ihres Amtes. Ebendiese Haltung wurde jetzt durch die beiden päpstlichen Entscheidungen sanktioniert. Dabei haben sie auch die Würde des Amtes längst mit Füßen getreten.

Teeblätter und Teegewürze ohne Wasser behalten ihr Aroma für sich. Sie bleiben krümelig, in sich gerollt, verschlossen. Vertreter der Religion wie die der römisch-katholischen Kirche bleiben ohne Leben und Ethos trockene, verstaubte, unberührte und unberührbare, in sich geschlossene Funktionäre, interessiert vor allem an der Erhaltung ihres Amtes. So wirkt Herr Wölki schon seit langem. Religion bleibt einfach nur spröde Zugabe, wenn sie sich nicht auf das Wasser des Lebens einlässt. Sicher, die Teeblätter und die Teegewürze duften vielleicht ein wenig. Doch aus den Teeblättern entsteht kein aromatischer Tee, wenn sie nicht mit Wasser aufgebrüht werden. Und der Tee wird gerade wegen seines Aromas geschätzt als „etwas, was wir jeden Tag haben möchten“.  Aus der katholischen Kirche samt ihren Funktionären und Ritualen entsteht keine lebendige Religion, wenn sie sich nicht auf das Leben einlässt samt seinen Freiheiten und Verantwortlichkeiten, seinem Entscheidungscharakter – und damit seiner ethischen Dimension. Eine katholische Systemreligion will keiner täglich haben. Sie ist schlicht unnötig für das Leben. Denn sie unterstützt die Würde der Lebenden nicht, sondern behindert sie.

Einer viel zu hohen Anzahl von gut glaubenden Menschen wurde durch katholische Würdenträger das höchstpersönliche Wissen um die persönliche Menschenwürde abgeschnitten. Dieselben Würdenträger sind nicht daran interessiert, die Betroffenen dabei zu unterstützen, sich wieder die Zugänge zu der schwerst verletzten Würde zu erarbeiten. Sie lassen die Betroffenen mit deren psychischen und existenziellen Verletzungen stehen. Deshalb ist ein Zug des Gleichnisses des Dalai Lama sehr wichtig: „Wir können ohne Tee leben, nicht ohne Wasser.“ Das Wasser, das Ethos, das von der persönlichen Würde lebt, ist kräftig genug für einen Weg ohne Kirche, ohne Religion. Die katholische Kirche führt sich selbst immer mehr ad absurdum, weil sie einem religiösen Darwinismus huldigt, der unverhohlenen Selbsterhaltung in Amt und Ritual. Dabei können Menschen lästig im Weg stehen, egal wie loyal sie sich zur Kirche verhalten. Das Schlimme daran ist, dass das System Kirche die dabei entstehenden Verletzungen so vieler Menschen in Kauf nimmt. Für den Papst und eine Reihe von Bischöfen scheinen die vom Missbrauch Betroffenen nichts weiter als Kollateralschäden zu sein. Eine Kirche, die Moral nicht mehr auf sich selbst bezieht, braucht niemand. Denn es lebt sich mit reinem Wasser und dem Ethos des Mitfühlens sinnvoller, auch wenn einem zuweilen der gewohnte Tee fehlt.

Dalai Lama & Alt, F. (12. Aufl. 2016): Ethik ist wichtiger als Religion. Wals (Benevento Publishing)

Unruhe und Gelassenheit

Sonntags. Am Nachmittag. Das Geräusch der sich aufheizenden Espressomaschine im Hintergrund. Durchs Fenster fällt späte Sonne ins Zimmer. Die Ruhe, draußen vor der Tür, wird nur unterbrochen durch den Stundenschlag der Uhr im Kirchturm. Eine Idylle. 

Eine Idylle? Gerade frage ich mich, was mich unruhig macht. Was die Sonntagsruhe unterbricht. Warum ich die Ruhe um mich herum nicht auf sich beruhen lassen und mich darauf einlassen kann. Mir fällt Augustinus’ (354 – 430) „cor inquietum“, das unruhige Herz, ein. Mir fällt, ist es eine Antwort auf Augustinus?, die stoische „tranquillitas animi“, die Seelenruhe, ein, die Meister Eckart (ca. 1260 – 1327) zur Gelassenheit weiterdachte. „Richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da laß von dir ab; das ist das Allerbeste.“ (1979, S. 56) Der Philosoph R. Konersmann macht hier auf den Unterschied zwischen stoischer Seelenruhe und eckart’scher Gelassenheit aufmerksam: „Die Seelenruhe fordert und ermöglicht Weltzugewandtheit, die Gelassenheit verlangt und begründet Weltverweigerung.“ (2015, S. 213) Die philosophische Unterscheidung hilft mir weiter. 

In den letzten Wochen war es schwer, der Welt zu entkommen: die Naturkatastrophen wie die Flut im Westen Deutschlands, die Brände in den Mittelmeerländern, die Afghanistankatastrophen,  die wieder um sich greifende Coronapandemie, der Wahlkampf. Ich weiß nicht, ob die Liste der Welterfordernisse vollständig ist. Wen und was wählen, beschäftigte mich sehr. Welches Wahlprogramm bietet für mein Verständnis eine schlüssige Schnittmenge politischer Vorschläge und Konzepte an, um zu gestalten, was auf uns zukommt? Ist mein Nachlesen, Zuhören, Abwägen Weltzugewandtheit? Wenn der Prozess der persönlichen Meinungsbildung mit Zuwendung zur Welt verbunden ist, dann müsste er – vorausgesetzt die Deutung der stoischen Seelenruhe durch  Konersmann stimmt – allmählich Seele und Geist beruhigen. Zumal, wenn der Schlusspunkt oder genauer das Wahlkreuz gesetzt ist: Selbstberuhigung durch umfassende Information, gründliche Reflexion und begründete Entscheidung. Ich nehme meine Unruhe wahr. Spüre, wie meine Aufmerksamkeit dadurch angezogen wird, was gerade in der Welt passiert oder besser: was ich in den Berichten darüber finde. Ob meine Wahlentscheidung richtig ist?

Also doch Weltverweigerung und damit Gelassenheit?

Was erzählt Meister Eckart in seinen „Reden der Unterweisung“ zur Gelassenheit, die auf „abendliche Lehrgespräche“ zurückgehen, wie er einleitend schreibt (1979, S. 53)? Zum einen rät Eckart, vom „Eigenwillen“ abzusehen: „Darum fang zuerst bei dir selbst an und laß dich!“ (1979, S. 55) Wer in der Welt Frieden sucht, ob in der Nachdenklichkeit, im Handeln oder in seinen Einstellungen zur Welt, bleibt in der Weltbeziehung, die sein Ich bindet. (1979, S. 56) Sich lassen heißt also eine Perspektive finden, die nicht ichhaft ist. Auf meinen Meinungsbildungsprozess angewendet, bedeutet das: Die Wahlprogramme und politischen Äußerungen nicht unter der Perspektive erwägen, was ich für richtig halte, was mich beruhigen würde. Es bedeutet die Betroffenenperspektive einnehmen: Was ist für die Welt wichtig? Für die Interessen der Afghanen? Für das Klima? Für die Menschen in den Flutgebieten? Gehe ich in dieser Perspektive auf, dann wird mir auf einmal die Begrenztheit der Informationen, meines Wissens- und Verständnishorizontes klar. Dann beginne ich, nach anderen Zugängen zu den Themen zu suchen: literarischen, poetischen, künstlerischen, durch die ich von meinem Blick eher lassen kann und von den Betroffenen in den Blick genommen werde. Dabei begegne ich der Begrenztheit, die zu mir als Mensch gehört.

Meister Eckart rät angesichts dieser Begrenztheit zur puren Gegenwärtigkeit: „Nicht also: ‚Ich möchte nächstens‘, das wäre noch erst zukünftig, sondern: ‚Ich will, daß es jetzo so sei!‘“ (1979, S. 65) Der Wille bezieht sich also ganz auf die Gegenwart. „Ich will“ heißt, ich begebe mich in den Augenblick und in das, was darin ist. Ging es vorher um die kognitive Dimension der Betroffenenperspektive, so wendet sich Eckart jetzt der voluntativen Dimension zu: „Dann ist der Wille vollkommen und recht, wenn er ohne jede Ich-Bindung ist“ (1979, S. 66). R. Konersmann sieht darin die „Opferung“ der Selbstbehauptung (2015, S. 213). Das verfehlt, was Eckart meint: Die Betroffenenperspektive ist nicht Opferung, sondern Aufgeben in einer doppelten Bedeutung – und bezieht sich nicht auf die Selbstbehauptung, sondern auf die „Ich-Bindung“. 

Aufgeben verlässt im Kontext der Betroffenenperspektive den Bedeutungsraum der Metaphysik. Eckart sieht im Aufgeben der Ich-Bindung die „Entäußerung“ (1979, S. 66) im Sinn einer Ent-Bindung des Willens von den subjektiven Perspektiven. Er wird in dieser Entbindung seiner Aufgabe gerecht, sich auf das einzustellen, was der gegenwärtige Augenblick ihm aufgibt. Er gibt die Anspruchshaltung auf und lässt sich vom Gehalt des Augenblicks ansprechen. Aufgeben bedeutet demnach Entbindung vom Ich und zugleich, was gegenwärtig ist, als Aufgabe zu erkennen, anzuerkennen und sich zu entschieden. Dadurch befreit sich der Mensch von der Macht der Dinge, weil Aufgaben getan und beendet werden – und entbindet sich vom ichhaften Willen, was die Anhaftung an Aufgaben über deren Gegenwärtigkeit hinaus verhindert. Sich den Aufgaben um ihrer selbst und in Gegenwärtigkeit stellen und nicht, weil ich es allen recht machen will, weil ich geliebt werden will, weil ich sie perfekt ausführen will, das erschließt sich als Gelassenheit im Sinne Meister Eckarts. 

Meister Eckart zufolge gründet die Gelassenheit darin, dass „das Herz Gottes voll“ ist (1979, S. 62).  Wessen „Herz Gottes voll“ ist, läuft weniger Gefahr, sich an die Dinge und das Kreatürliche zu binden. Diese theologische Dimension seiner Mystik sei redlichkeitshalber vermerkt. Eckart überträgt die Gelassenheit, die er in der Willensentbindung vom Ich entdeckte, auf den Gottesglauben, den er nicht als Glauben an „einen gedachten Gott“, sondern als Erfülltsein vom „wesenhaften Gott“ (1979, S. 60) erzählt. 

Was ist gewonnen? Das Nachlesen forderte ein Nachdenken, um den Blog niederzuschreiben. Währenddessen kam ich zur Ruhe; denn ich ließ mich auf das ein, was mir in diesen Stunden zur Aufgabe wurde. Die Betroffenenperspektive einnehmen, also offen zu sein für das, was gerade ist, zeigt mir meine Unruhe. Mich bewegen die Informationen, Berichte, die Frage, wen und was ich angesichts all dessen wählen soll. Zu dieser Gegenwart gehört die Unruhe. Und es sind die Einfälle der „tranquillitas animi“ und der Gelassenheit da. Indem ich mich auf alles einlasse, die Unruhe, die Seelenruhe und die Gelassenheit, konnte ich die Betroffenenperspektive einnehmen, mich vom Ichzentrierten entbinden. Nicht die Informationen, nicht die Frage nach der Wahl verschwinden, sondern die damit verbundene Unruhe. In Gelassenheit begegne ich dem Abend dieses Tages.

  • Augustinus, A. (1980): Confessiones. Bekenntnisse. München (Kösel)
  • Meister Eckart (1979): Deutsche Predigten und Traktate (ed. Quint, J.). München (Diogenes)
  • Konersmann, R. (4. Auf. 2015): Die Unruhe der Welt. Frankfurt (Fischer)

Einstellungsveränderung für die Zukunft

Zukunft haben, über meine, lebensaltersgemäß, überschaubarer werdende Zukunft hinaus, das wünsche ich mir. Zukunft ist, das lerne ich gerade, nicht nur der Raum der Möglichkeiten. Sich heute mit der Zukunft beschäftigen heißt auch, sich mit den künftigen Wahrscheinlichkeiten auseinanderzusetzen. Die Gegenwart, in der ich lebe, ist der Ereignisraum dafür, welche Zukunft gerade Wirklichkeit wird. Ein Blick auf die Wahrscheinlichkeiten, die prognostiziert werden, lässt die Frage entstehen: Ist die junge Generation in der Lage und bereit, die Möglichkeiten zu erkennen, mit denen wir Menschen die Wahrscheinlichkeiten zu einer Lebenswelt umgestalten können, die Zukunft verheißt? Damit verbinde ich eine zweite Frage: Genügt uns Menschen das evolutionäre Motiv des Überlebens, um eine Lebenswelt zu gestalten, die Mensch-Sein ermöglicht? Und eine dritte Frage steht auf: Sind die PolitikerInnen, die gerade zur Wahl stehen, hier und heute die richtigen, um die Tragweite der beiden vorangehenden Fragen angemessen zu erfassen, ernst zu nehmen und die Verantwortlichkeit aus ihnen abzuleiten, die ab sofort das Denken und Handeln bestimmen soll? 

Gut, ich bin kein Politiker. Ja, ich befinde mich nicht einmal in der Position, mir einen hinreichenden Überblick über das, was Zukunftsverantwortung gerade bedeutet, zu verschaffen. Ich entdecke, wenn ich Beiträge aus der Fridays-for Future-Bewegung, von jungen UmweltaktivistInnen oder SozialpolitikerInnen lese oder höre, wenn ich mich mit Reflexionen über Klimaveränderung, Digitalisierung, Verkehrswende und all den Folgen daraus beschäftige, Denkmuster in mir, denen ich zunehmend skeptischer begegne. Mein „Mindset“ ist immer noch mitgeprägt von ideologischen Denk- und Handlungsweisen aus der 68-iger, der Friedens-, der Anti-Atomkraft-Bewegung. Ich war gegen Vieles, von dem bedrohliche Entwicklungen ausgehen. Wofür war ich? Wofür bin ich?

Fast reflexartig fühle ich mich zu den PolitikerInnen hingezogen, die eher zu meiner Generation gehören, weil ich bei ihnen viel Vertrautes entdecke: im Denken, in den Bewertungen und der Argumentation. Gleichzeitig regt sich gerade gegen das Vertraute intellektueller Widerstand in mir. Denn ich sehe so viel Unvertrautes und dabei Wahrscheinliches in der Zukunft, was mich dazu auffordert, bisherige Standpunkte aufzugeben und neue Perspektiven zu suchen. Und ich ahne, dass das, was auf mich noch eine Weile, auf meine Kinder auf große Strecken der Lebenszeit zukommt, das ist ja Zu-kunft, die gewohnte Lebenswelt radikal verändern wird. Ich, wir wollen das nur einfach nicht wahrhaben.

Ein Beispiel: die Verkehrswende als Beitrag zur Milderung des Klimawandels. Mit alternativen Antriebskonzepten kann der Klimawandel vielleicht technisch ein wenig abgefedert werden. Weitaus erheblicher wird es sein, ob es uns VerkehrsteilnehmerInnen gelingt, unsere Einstellung zur Mobilität zu verändern. Vielleicht werden wir Mobilität als Konsumgut von Mobilität als Erfordernis differenzieren lernen. Konkret könnte das bedeuten, dass Urlaubsreisen, Pendeln zwischen Alltags- und Ferienwohnung, auch Kulturreisen zum kostbaren Konsum-Gut werden, das eben keine Selbstverständlichkeit mehr ist und in einem ökologischen Kontext geplant werden muss. Einfach auch deshalb, um Mobilitätskapazitäten für die Erfordernisse des Berufs, der Güterverteilung, der Ökonomie umweltverträglich freizuhalten – unabhängig davon, welche Antriebskonzepte wir verwenden. Durch beispielsweise geringere Nutzung natürlicher Umwelt für Urlaubsreisen erhöhen wir deren ökologische Regenerabilität. Und daraus ergeben sich möglicherweise veränderte ökonomische Möglichkeiten für bisherige Massenurlaubsregionen. Was ich mit dem Beispiel zeigen will, ist, dass die politische Debatte und alle Wahlvorschläge zum Klimawandel nicht beim Umdenken stehenbleiben dürfen, sondern eine Einstellungsveränderung anzielen sollten. 

Es war der Arzt und Psychotherapeut V. Frankl (1905 – 1997), auf den die Einstellungsveränderung als maßgebliches Therapeutikum in der psychologischen Therapie zurückgeht. Einstellungsveränderung ist dann sinnvoll, wenn das Veränderungshandeln eines Menschen gegenüber seinen existenziellen Lebensbedingungen nicht mehr wirksam ist und so dessen Anpassungswirksamkeit überfordert wird. Dann bleibt dem Menschen allerdings die Freiheit, sich selbst zu verändern, seine Selbstgestaltungspotenziale zu aktivieren. Das kann zu neuen Konzepten von Wirksamkeit auf und für die Lebenswelt führen. Dieser Schritt, das weiß ich aus meiner früheren therapeutischen Praxis und meiner persönlichen Entwicklungserfahrung, erfordert Mut, Offenheit im Denken, in den Bewertungen und in den Handlungsweisen. Er erfordert vor allem ein starkes, werthaltiges Motiv, ein „Wofür“ der risikoreichen Anstrengung. Er erfordert zuweilen wertschätzende Unterstützung, die frei von allem Paternalismus und Maternalismus ist. Und er fordert eine umsichtige Kultur, bei Rückschlägen, die sich unvermeidlich aus den gewohnten und manchmal auch uralten Bahnungen unseres Verhaltens ergeben, einen Strich zu ziehen, der die vertane Gelegenheit von der nächsten Möglichkeit trennt.

Zeitgemäße Politik wird, davon bin ich überzeugt, gerade um die Einstellungsveränderung der Einzelnen, die zur veränderten Haltung der Vielen werden kann, nicht herumkommen. Manchmal blitzt dieses intuitive Wissen in Äußerungen gerade der PolitikerInnen auf, die jüngeren Generationen angehören als ich. Meist sind sie dabei, zu alten Denkmustern (z.B. meiner Generation) auf Distanz zu gehen. Zur Einstellungsänderung gehört allerdings auch der Respekt vor dem, was bereits gelebt wurde. Die vergangene Geschichte gehört bereits zu uns Menschen. Die Zukunft kommt erst auf uns zu. Um ihr gewachsen zu sein, ist es zuweilen sinnvoll, mit einem bewussten Strich das Vergangene vom Künftigen zu trennen. Nur so wird die Gegenwart als Denk- und Handlungsraum, in ihrer Freiheit und unserer Verantwortlichkeit sichtbar. 

Ich wünsche mir, dass sich in der kommenden Wahl mehr PolitikerInnen durchsetzen, die sich von den prognostizierten Wahrscheinlichkeiten der Zukunft nicht einschüchtern lassen. Die reflektiert und klug neue, andere Möglichkeiten angesichts der Wahrscheinlichkeiten sondieren und dabei nicht vergessen, dass nicht die Technologie, nicht ökologische Strategien und ökonomische Investitionen allein, sondern vor allem die Ermutigung zu einer bewussten Einstellungsveränderung der Einzelnen den Wandel lebbar macht. Sie werden zusammen mit uns als Gesellschaft auf die Suche nach Motivationen gehen, die menschengemäß, ethisch gestaltbar und nicht nur evolutionär geboten sind. Sie werden uns für die Geduld des langsamen, erdgemäßen Wandels, der freilich sofort und energisch einzuleiten ist, gewinnen. Dann werden die nächsten Generationen eine lebenswerte Zukunft haben.

Die moralische Verantwortung der Wahl

„Nur eine Politik kann vernünftig sein – nicht, was sie erreichen will; das kann nur gut oder böse sein und liegt außerhalb jeder Wissenschaft.“ (Marcuse, 1975, S. 194)

Ludwig Marcuses (nicht Herbert Marcuses, des kritischen Theoretikers) These kann die Qual der kommenden Wahl erleichtern. Sie enthält eine erhellende Unterscheidung. Sie spricht von der Politik als einem fakultativ vernünftigen Prozess, der wissenschaftlich rekonstruierbar ist. Das angezielte Ergebnis der Politik aber entzieht sich der Wissenschaft und betrifft eine andere Dimension des Lebens: die Moral. Werden Ziele und Ergebnisse von Politik moralisch verstanden, erheben sie eine Geltung, die den Einzelnen, und durch ihn vermittelt, die Gesellschaft und die Welt als Lebensraum betrifft. Die Verhältnisse, die durch Politik entstehen, unterliegen noch einmal der Entscheidung des Einzelnen. Er kann die angezielten Ergebnisse sinnvoll und moralisch verantwortbar affirmieren und umsetzen; dann sind sie gut. Er kann sie sinnwidrig aneignen und die persönliche Verantwortung ignorieren, weil er etwa nur auf seinen augenblicklichen Vorteil sieht und ihn eben nicht in Beziehung zu Mitmenschen, Gesellschaft und Lebenswelt setzt. Dann sind die Ergebnisse böse. Die Einführung der Moralität der Ergebnisse macht die Möglichkeiten und Grenzen der Politik sichtbar.

Politik erscheint im Sinne der These Marcuses als rationaler Prozess, der zu Ergebnissen führt, die der Bewertung durch den einzelnen Menschen anheimgestellt sind. Auftrag der Politik ist es also, den Weg zu Ergebnissen so zu organisieren, dass er beschreibbar, nachvollziehbar und aus Prinzipien heraus verstehbar ist. Insofern ist Politik tatsächlich die Kunst des Machbaren. Sie entwickelt mit Sachkenntnis, kritischer Reflexion und argumentativer Plausibilität das, was als jeweils machbar debattiert werden kann. Es ist die Aufgabe der Politik, Entscheidungslagen vorzubereiten und den Raum für Entscheidungen zu sichern. Was sie nicht beeinflussen kann, und das ist die Grenze der Politik, wie sich die einzelnen Bürger oder deren Stellvertreter im Parlament entscheiden. Ob das Gute oder das Böse in der Entscheidungslage gewählt wird, das kann Politik letztlich nicht beeinflussen. Oder anders: Die Verantwortung der Politik besteht darin, Entscheidungslagen einsichtig, sachgemäß und in einem rational nachvollziehbaren Prozess darzustellen. Was die Exekutive daraus macht, kann allenfalls wieder Gegenstand des politischen Prozesses werden. Die moralische Verantwortung für die Umsetzung bleibt bei denen, die tatsächlich entscheiden und handeln.

Damit wird das politische Dilemma der parlamentarischen Demokratie deutlich: Wir Bürgerinnen und Bürger wählen unsere politische Vertretung in das Parlament. Parlamentarier sind also diejenigen, die in Stellvertretung die Ergebnisse der Politik umsetzen. Die Mitglieder der Regierung sind die Politiker, die Entscheidungslagen organisieren. Immer wieder vermischen sich die parlamentarischen mit den politischen Aufgaben – dann wird die Trennlinie der Verantwortlichkeit unscharf.

Wenn ich also wähle, bestimme ich die parlamentarische Stellvertretung und dadurch vermittelt die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Regierung. Mein Wählen bestimmt mit, wer für mich und in meinem Interesse entscheidet. Ob also die angezielten Ergebnisse der Politik gut oder böse sind. Mein Wählen beeinflusst auch, wer die Politiker sein werden, die die Entscheidungslagen organisieren. Denn die Regierung wird durch die parlamentarische Zustimmung zu einer Kanzlerin oder einem Kanzler in ihrer Ausrichtung festgelegt. Ich als Wählerin oder Wähler trage eine doppelte Verantwortung: einerseits durch meine Stimme die Mehrheitsverhältnisse im Parlament so zu beeinflussen, dass die Ergebnisse der Politik möglichst moralisch verantwortbar sind; andererseits dafür Mitsorge zu tragen, dass geeignete Politiker die Entscheidungslagen, die zu Ergebnissen führen, möglichst sachgemäß organisieren.

Das zugrundegelegt, verbietet sich die Wahl der AfD oder anderer extremisierender Parteien oder Parlamentarier. Sie werden die Entscheidungslagen nicht in der beschriebenen, rationalen Weise organisieren. Ideologie steht in einem ursprünglichen Widerspruch zu wissenschaftlicher Rationalität. Insofern ist eine echte Entscheidung nicht möglich. Es wird mir also – erstens – die Mühe zugemutet, die Wahl- und Parteiprogramme dahingehend zu prüfen, welche Entscheidungslagen sie für die Zukunft erkennen. Zweitens ist zu prüfen, welche rationalen Grundlinien politischer Organisation für diese Entscheidungslagen in den Programmen enthalten sind. Drittens, und so kommen die Wahlkandidatinnen und -kandidaten ins Spiel, werde ich überlegen, wo ich die Passung zwischen Programm und Ergebnisinteresse am deutlichsten sehen kann und wem ich die Vertretung dieser Passung verantwortlich zutraue, so dass die Ergebnisse der parlamentarischen Entscheidungen meiner Intention entsprechen. Dann habe ich moralisch verantwortlich gewählt. 

Wahl freilich schafft lediglich wahrscheinliche Mehrheiten und keine garantierten Verhältnisse. Das ist die Freiheit und das Risiko in einer parlamentarischen Demokratie. Immer noch halte ich jene für die beste Möglichkeit, die Ergebnisse mitzuentscheiden und mitzuverantworten, die ich in meinem gesellschaftlichen und persönlichen Leben so umsetze, dass möglichst das Gute, das nicht immer das Beste sein muss, herauskommt.

Marcuse, L. (1975): Nachruf auf Ludwig Marcuse. Zürich (Diogenes)

Sturmgewehre zerstören das politische Afghanistannarrativ.

Das Afghanistannarrativ, das sich in zwanzig Jahren NATO-Präsenz bildete, ist durch die Bilder aus Kabul paralysiert. Ich meine nicht nur die Bilder der panisch flüchtenden Menschen am Flughafen. Ich sehe auch die Bilder der Taliban, die ihre Existenz vor allem durch das Sturmgewehr begründen. Das Sturmgewehr jedes einzelnen Taliban stellt die Lücken der politischen Erzählungen des sog. Westens über Afghanistan überdeutlich aus. Jetzt blicken wir vor allem auf die Flüchtenden; das ist die ethische Aufgabe der Stunde. Ein zweiter Blick sollte dem gehören, wovor sie fliehen, der Omnipräsenz der Männer mit den Sturmgewehren. Dass sie innerhalb eines Monates DAS Bild Afghanistans geworden sind, lässt sich im Grunde nur dadurch erklären, dass sie in der politischen Erzählung der vergangenen zwanzig Jahren, die sich die Politik zu Afghanistan zurecht fabulierte, keinen semantischen Platzhalter mehr hatten. 

Jetzt ist das Sturmgewehr als Exekutionsinstrument der Sharia zurückgekehrt. Wenn der in Koran, der Sunna, dem rationalisierbaren Verfahren des Analogieschlusses verankerte Rechtsprozess der Sharia (Ilmihal, 1998, S. 39) für die Durchsetzung das Sturmgewehr braucht, dann haben die Taliban den Islam samt der Sharia aufgehoben. Das Bild vom Mann mit Sturmgewehr überholt jedes noch so vernünftig scheinende Wort. Ja, das Sturmgewehr als nonverbales Sprachzeichen, entwertet das gesprochene Wort. Das Sturmgewehr spricht für die faktische Gewalt, die sich jederzeit gegen das Leben richten kann, gegen das der anderen wie gegen das eigene. Es ersetzt das Wort des Koran durch die bedrohende, mechanische Gewalt der Waffe. Das Sturmgewehr der Taliban hebt das sorgende, dem Menschen nachgehende und ihm Grenzen setzende Wort des Koran auf. Es bedroht die islamische Theologie des „ungeschaffenen Wortes Gottes“ (Cook, 2002, S. 139), das bei aller Verletzlichkeit sicher nicht das Sturmgewehr zu seinem Schutz intendiert. 

Auf welcher juridischen und ethischen Grundlage lässt sich mit Politikvertretern sprechen, deren systemerhaltender Faktor die Angst, deren Symbol das allgegenwärtige Sturmgewehr ist? Das ist die Frage, die das politische Kalkül Europas und Amerikas begleiten muss. Ethisch begleiten muss. 

Afghanistan scheint in seiner nationalen Kultur während der vergangenen zwanzig Jahre für uns nicht verstehbarer, nicht einmal nachvollziehbarer geworden zu sein. Möglicherweise hat der NATO-Einsatz samt der Demokratisierungsidee die Fremdheit der kulturellen Gruppen gerade IN Afghanistan noch gefördert. Vielleicht ist es nicht nur, wie in unseren Medien zuletzt zu lesen und zu hören ist, der geringe Sold der afghanischen Armee, der sie in ihrer Aktivität hinderte. Kann es sein, dass die innere Fremdheit IM Land so groß wurde, dass es schlicht kein sinnvolles Motiv für den Einsatz der Streitkräfte gegen die Taliban gab? Kann es sein, dass die Angst, die die Taliban verbreiten, von vielen, längst nicht allen Afghanen in Kauf genommen wird, weil durch sie ein Gefühl von Verbundenheit in etwas Gemeinsamem aufkommt, und wenn es die drohende Angst um’s Leben ist? Ist es das verzweifelte Bild einer existenziellen Verdrossenheit auf das, was die westliche Politik wohlmeinend, aber zutiefst missverstehend der afghanischen Bevölkerung als Staats- und Gesellschaftsform nahebringen wollte? Vielleicht hätte es genügt, die Rahmenbedingungen, vielleicht sogar nur die Räume humanitär zu sichern, in denen die Afghanen selbstbestimmt ihre gesellschaftliche, staatliche und den nationalen Kulturen angemessene Lebenswelt hätten entwickeln können – und so für die Taliban wahrscheinlich viel schwerer zurück gewinnbar geworden wären? Jetzt müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass die einen fliehen und die anderen sich arrangieren werden um eines Zieles wegen: um zu überleben.

  • Cook, M. (2002): Der Koran. Eine kurze Einführung. Stuttgart (Reclam)
  • Arikan, H. (1998): Ilmihal. Illustriertes Gebetslehrbuch. Köln (Verband der islamischen Kulturzentren e.V.)

Unterbrechung

Auch geplante Unterbrechungen unterbrechen. Angesichts einer Operation am rechten Daumengelenk Ende Mai plante ich eine kurze Unterbrechung meines Epimeleia-Blogs. Die lange Rekonvaleszenz ließ die Unterbrechung zu einer Pause anwachsen. Denn die rechte Hand war in den vergangenen acht Wochen nur bedingt brauchbar. Die schützende und stabilisierende Unterarmschiene behinderte den Alltag erheblich. Eine Erfahrung, die mich zuweilen irritierte; denn ich erlebte selbst, was ich in den letzten zwei Jahrzehnten von einem Teil meiner Patienten kannte: die Auswirkungen einer körperlichen Einschränkung. Das Leben verändert sich dadurch deutlich.

Die FFP2-Maske aufziehen, das Hörgerät rechts einsetzen oder Schuhe binden, das alles war in der ersten Zeit nicht mehr möglich: Ich musste es geduldig trainieren oder Alternativen schaffen. Mehr betraf es mich, nicht mehr alles aus eigener Kraft machen zu können. Bei einem Restaurantbesuch, gerade war es durch die Lockerung der Coronas-Regeln wieder möglich, wurde mir bewusst: was ich bestellt hatte, konnte ich nicht zerkleinern. Es ist gar nicht so einfach, die Partnerin vor den Augen anderer zu bitten, das Essen klein zu schneiden. In meinen palliativ-psychologischen Büchern schreibe ich davon, dass wir meist nicht hilflos sind, auch wenn wir uns so fühlen. Vielmehr gehe es darum, die persönliche Hilfsbedürftigkeit anzuerkennen und jemand um Hilfe zu bitten. Nach anfänglichen Schammomenten des „Das kannst du nicht mehr“ fühlte es sich gut für mich an, dass meine Partnerin auf ihre Weise Sorge für mein Leben trug. Es ist mit der Zeit eine gute Erfahrung, sich nicht mehr selbst für alles verantwortlich zu halten.

Die Sorge anderer zu zu lassen, lässt Lebensgemeinschaft entstehen. Das kann Neues ins Leben bringen, wenn die Sorge- und Verantwortungsroutinen dadurch unterbrochen werden, dass ich jemand anderen bitte, etwas anstelle meiner zu tun. Auf seine Weise. Wie ungewohnt das für mich ist, daran dachte ich im Restaurant, als ich in bedächtiger Linkshändigkeit das liebevoll zurechtgeschnittene Essen verzehrte.

Allmählich lernte ich, linkshändig in Büchern Wichtiges zu unterstreichen oder heraus zu schreiben. Ich lernte, allein mit der linken Hand am Computer zu arbeiten. Ich begann mich zu fragen, was muss erledigt sein und was kann liegen bleiben. Die Prioritäten zeichneten sich deutlicher ab als in meinem sonstigen Alltag. Ich stellte fest, dass sich jener oft in einem steten Erledigungsfluss vollzieht. Die Aufgaben folgen aufeinander und, wenn eine Lücke entsteht, dann fülle ich sie rasch mit etwas, das dann eben auch erledigt ist. Ein zufriedener Blick auf das, was ich alles abschließen konnte, war selten. Wie oft betonte ich in Seminaren zur Führungsentwicklung die Wichtigkeit der bewussten Wahrnehmung, dass ein Projekt abgeschlossen und eine Aufgabe erledigt ist. „Gönnen Sie sich diesen Blick. Er ist einer der wertvollsten Unterbrechungen Ihres Tuns.“ Das Leben mit meinem Handicap zeigte mir, dass ich das selber viel zu selten praktiziere. 

Genau das bereicherte die Rekonvaleszenz: die kleinen Feiern, wenn ich etwas beendet hatte. Mit einiger Mühe war der Foliensatz für ein Online-Seminar neu bearbeitet. Der gemeinsame Espresso mit meiner Partnerin, das besondere Essen, wenn ich endlich ein Manuskript zu Ende geschrieben hatte, das Glas Wein, als ich ein umfangreich-gewichtiges Buch im Leseprogramm im Rahmen meiner Forschungsarbeit ganz durchstudiert hatte, wurden zu liebevollen Gelegenheiten, das Getane noch einmal zu würdigen und das Vollbrachte zu genießen. Diese Momente des bewussten Abschließens und der kleinen Feier lassen mich jetzt, da mein operierter Daumen zunehmend alltagsbelastbar wird, auf die vergangenen Monate als eine bereichernde Zeit blicken. Mit zum Kostbarsten darin gehören die Phasen reinen Nachdenkens, der Reflexion – ungestört durch Termine, Mails, WhatsApps. Allerdings forderte mich auch immer wieder die Unruhe heraus, wenn die Zeit allzu einförmig verging. 

Meinen Blog legte ich einfach beiseite. Ich hatte kein Bedürfnis, mich mit zu teilen. Es tat so gut, die Gedanken und Einsichten bei mir zu behalten, sie in dem Assoziationsfeld reifen zu lassen, das durch die Lektüre präsent war. So konnte ich in den letzten beiden Wochen, als alles schon ein wenig leichter ging, mit meinem Co-Autor einen uns wichtigen Text abschließen und beim Herausgeber einer Zeitschrift einreichen. Der Beitrag atmet die Ruhe, die Konzentration und die Intensität der Gedankenarbeit, der kleinen Feiern, der Unterbrechung des Alltagsflusses. 

Derzeit kehrt der Alltag mit zunehmender Heilung wieder zurück. Mit diesem Einblick in die vergangene Rekonvaleszenz nehme ich nun auch meinen Blog wieder auf. Ich werde wieder regelmäßig Beiträge einstellen. Was ich mir vornehme, ich will die so wohltuenden kleinen Unterbrechungen beibehalten und pflegen. Sie verhindern die Verstetigung des Arbeitsflusses. Sie öffnen Räume für anderes als das Alltägliche, die Routine und das Gewohnte. Sie lassen Arbeit einfach Arbeit sein. Ich will mir die Denk- und Erlebensräume erhalten, in denen sich das Innovative ebenso wie das Konstitutive und Synthetische entwickeln kann. Auf die feierlichen Augenblicke, die bewusst machen, dass Arbeit ebenso Leben ist wie freie Zeit, freue ich mich. Nicht zuletzt, weil ich mir die Freiheit nehme, Zeit zu haben. Ob es gelingen wird? Sie werden darüber lesen.