Für mich selbst sein

Ist es eine Frage meines Alters? 

Immer häufiger spüre ich das Bedürfnis, für mich selbst zu sein. Damit meine ich nicht das Alleine sein, den ungeteilten Wanderweg oder das stille Kämmerlein. Es ist eher der Wunsch, nicht angesprochen, nicht gesucht, nicht beansprucht zu sein von anderen Menschen. Dazu gehört auch, mit meiner Antwort auf eine Mail oder WhatsApp-Nachricht so lange zu warten, bis es für mich dafür die rechte Zeit ist. Ich nehme meine Abneigung wahr, an etwas teilnehmen zu sollen, sei es an einem Gespräch im Zug oder im Café, sei es an Zusammenkünften und Feiern. Ich will mich zurückziehen können und keinem dafür Rechenschaft schuldig sein.

Ich meine mit dem Bedürfnis, für mich selbst zu sein, mitten unter Menschen einfach da zu sein und auf meine Weise teilzunehmen, angeregt zu persönlichen Gedanken und zum persönlichen Verweilen bei dem, was mir auffällt und mich interessiert. Oder mich zum Lesen, zur Reflexion, ans Klavier, zum Schreiben zurückzuziehen vom Vielen. Gerne lasse ich mich auch von den Skulpturen in der Wohnung gefangen nehmen. In solcher Sammlung komme ich nicht nur auf mich zurück, sondern tauche in die Energie ein, die ein Lesetext oder einer, den ich gerade schreibe, entfaltet. Ich lebe mich in eine Komposition ein, die ich am Klavier zu spielen versuche. Ich lasse mich ein in die Magie der Bedeutsamkeiten, die die Skulpturen entfalten. Und manchmal ist es einfach nur das Sinnieren ohne bewusstes Interesse, ohne beabsichtigtes Ziel, ohne Kristallisationspunkt für eine Gedankenentwicklung, in dem ich bei mir bin.

Tatsächlich ist es zuweilen die wirkliche Einsamkeit, die ich genieße. Keine Menschen um mich, wenig Geräusch, nichts, was auf irgendeine Weise Aufmerksamkeit fordert. Das ist nicht das Alleine sein. Jenes entsteht, weil es keinen gibt, der da wäre, oder weil ich mich selbst nicht auf Menschen zu bewegen kann – oder auch, weil ich in der Fremde bin, in einem fremden Leben, das ich nie so führen wollte. Das alles erzeugt das Gefühl, alleine zu sein. Einsamkeit ist von mir selbst gewählt. Sie bildet sich in der ungestörten und kaum störbaren Zuwendung an das, was mir gerade wertvoll ist, oder auch im Rückzug von dem, was mich zerstreut. Oft ist im Tag so Vieles, zu Vieles, dem mich widmen zu sollen oder gar zu müssen, ich meine. Gerade da kommt die Sehnsucht nach Einsamkeit, nach dem Für mich selbst sein auf. 

Ein wenig hat das Bedürfnis danach, für mich selbst zu sein, schon mit meinem Alter zu tun. Die Aufmerksamkeitslenkung auf das Sinnvolle unter dem Vielen, die Konzentration, bei dem zu bleiben, was angefangen, weitergeführt und beendet werden soll, ist mir allemal und über lange Strecken hin möglich. Erst danach spüre ich, wieviel Energie ich aufwenden musste, damit ich in Aufmerksamkeit und Konzentration verweilen konnte. Immer öfter nehme ich seit einigen Jahren den Wunsch wahr, für mich selbst zu sein zu können und so zu regenerieren. Viel zu oft erlaube ich es mir nicht, obwohl es gerade nach großem Kraftaufwand das Beste wäre, was ich mir gönnen kann.

Ein Zug dieser Einsamkeit ist es, dass mir immer weniger Menschen persönlich wichtig sind. Ich brauchte nie die vielen Bekannte und Freunde. Es waren immer wenige, denen ich mich tief verbunden fühlte. Wenn ich auf meine wichtigste Freundschaft im Leben blicke, dann eignete ihr vor allem anderen der Respekt vor dem Bedürfnis, auch für sich selbst zu sein. Und ich lernte noch etwas: Freundschaften, die sich aus einem gemeinsamen beruflichen oder fachlichen Interesse ergaben, überlebten dieses Interesse oft nicht lange. Denn solche Freundschaften enthalten die Tendenz, sich in der gemeinsamen Sache von einander abhängig zu machen. Es sind nicht viele Menschen, die mir wichtig sind. Meist sind sie auch gerne für sich selbst. Auch das mag eine Folge meines Alters sein, freundschaftliche Bindungen lösen zu können, und ohne Hader zu verstehen, dass sich andere von mir zurückziehen.

Für mich selbst zu sein, ist mir wertvoll. Denn es bedeutet, mit mir sein zu können, und immer wieder, es mit mir auszuhalten. Je wahrhaftiger mir das gelingt, meine ich, umso leichter fällt es anderen, mit mir zusammen zu sein und mein lebenswichtiges Bedürfnis nach Einsamkeit zu tolerieren, vielleicht sogar zu schätzen.

Unfreiheit und Freiheit

Es ist leider keine Debatte entbrannt über Unfreiheit und Freiheit. Eine wachsende Zahl Deutscher fühlt sich um die Freiheit gebracht. Sie fühlen sich unfrei. Umso lauter, aggressiver und gewalttätiger wird die Freiheit eingefordert. Ein Diskurs findet nicht statt. Dabei ist die Frage zuerst philosophisch. J.G. Fichte  (1762 – 1814) pointierte sie: „Welche von beiden Meinungen soll ich ergreifen? Bin ich frei und selbständig, oder bin nichts an mir selbst, und lediglich Erscheinung einer fremden Kraft?“ (Fichte, J.G. (1800): Die Bestimmung des Menschen, Medicus-Ausgabe. Band II, S. 31)

Fichte, einer der begrifflich präzisesten Philosophen der Geschichte, spricht von zwei „Meinungen“. Die eine geht von der Freiheit des Menschen, die andere von dessen Unfreiheit aus. Nehmen wir einmal an: Der Mensch ist unfrei. Das heißt dann, die Intelligenz des Menschen ist so gestaltet, dass sie oder er fremde Gedanken für die eigenen hält. Der Wille ist fremdbestimmt. Die Entscheidungen bestehen Vollzug der einen, vorgegebenen Möglichkeit. Sein Verhalten ist programmiert und sein Handeln mechanisch. Er verfügt über kein Selbstbewusstsein im strengen Sinn. Denn er hat als unfreier Mensch kein Selbst. Er ist gesteuert und weiß nicht von wem und wie. Nach den Motiven seines Verhaltens, seines Handelns gefragt, bleibt ihm die Antwort: Weil es so ist, wie es ist. Oder: Schulterzucken. Ich weiß nicht. Und ganz weit vorgewagt: Wahrscheinlich muss es so sein.

In der Antwort, „wahrscheinlich muss es so sein“ ist ein wenig Distanz zum unfreien Geschehen wahrzunehmen. Da blitzt eine Ahnung davon auf, dass es auch anderes gibt. Dieses andere nun entzieht sich der Regel, dem „muss“. Denn der Unfreie kennt keine Alternativen und, wenn er sie kennt, verwirft er sie. Denn alles, was ist, muss so sein. Richtig ist nur, was sich aus der Abhängigkeit seiner Fremdbestimmung ergibt. So zumindest sieht es aus der Perspektive des freien Menschen aus. 

Wer frei ist, hat zunächst ein Bewusstsein des Raumes und der Zeit. Das zeigte Kant (1724 – 1804) in den ersten Analysen des Verstandes in seiner Kritik der reinen Vernunft (Transzendentale Ästhetik, B 33 – 73). Raum als Verstandesform setzt ein Nebeneinander von Unterscheidbarem. Unterscheidbar werden die Raumdinge in der Zeit. Sie ermöglicht, den Raumdingen einen Zeitpunkt innerhalb der Zeitreihe zu zu ordnen. Dasselbe Ding kann sich nicht zur selben Zeit an unterschiedlichen Raumorten aufhalten. Nun fragt die Philosophie, von welchem Standpunkt aus dieser Zusammenhang von Raum und Zeit erkennbar und letztlich wissbar ist? Kants Antwort: Raum und Zeit sind Anschauungsformen des Verstandes. Diese Anschauungsformen kann der Betrachter nicht nur an anderem sehen. Vielmehr sieht er sich selbst in Raum und Zeit. Ihm ist es möglich, Raum und Zeit auf sich anzuwenden. Wie weiß er davon? Nun bewegt sich die Frage weg von der Wahrnehmung zur Logik der Begriffe. Stellt man erneut die Wissensfrage, dann ergibt sich, dass ich als Fragender mit Verstand es bin, der verständig die Notwendigkeit und die Berechtigung dieser Frage einsieht und weiß, dass er sie gerade stellt oder gestellt hat. Er entdeckt sich als Fragenden und zugleich als den, der durch kritische Reflexion auch zu Einsichten findet, die er als seine weiß. Das nennen wir „kritisches Wissen“. Die kritische Einsicht ist durch das Selbstbewusstsein möglich. Kant nennt es das „Ich denke“: „Das: Ich denke, muß alle Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was garnicht gedacht werden könnte, welches ebensoviel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein.“ (Kritik der reinen Vernunft, B 131 f.) Was der lange, verschachtelte Satz ausdrückt, ist hochinteressant für die Frage nach frei und unfrei.

Die These lautet: Mein Selbstbewusstsein muss alle meine Vorstellungen begleiten können. Hier wird eine Fähigkeit des Selbstbewusstseins beschrieben: Es stellt ein Verhältnis zwischen mir selbst als jemand, der sich etwas vorstellt, und dem her, was ich mir vorstelle. Das Verhältnis ist mir immer bewusst, wenn ich mir etwas vorstelle. Philosophen nennen das Selbstverhältnis.

Die Gegenthese heißt dann: Bin ich mir meiner Vorstellungen nicht bewusst, kann ich nicht entscheiden, ob die Vorstellung unmöglich ist oder zumindest für mich keine Bedeutung hat. Anders gesagt: Ohne Selbstbewusstsein bleibt mir auf die Frage nach dem „von wem und wie“ der Vorstellung nur das Schulternzucken.

Daraus – jetzt überspringe ich ca, 300 Seiten weiterer kritischer Analysen Kants – folgert er, dass Freiheit in einem engen Zusammenhang mit dem Selbstbewusstsein, dem „Ich denke“, steht. Sie ist der spontane Akt des „Ich denke“ im Sinne eines begründbaren, darstellbaren und nachvollziehbaren Wissens von allem, was ich mir vorstellen kann. Selbstbewusstsein und Schulternzucken schließen zumindest, was die Unterscheidung von frei und unfrei anbelangt, einander aus. 

Was Fichte, vor einer eigenen kritischen philosophischen Untersuchung, als Meinung bezeichnet, ist bereits durch die Philosophie I. Kants als Ergebnis einer nachvollziehbaren gedanklichen Operation erwiesen. Nun, es ist nicht falsch, selbst eingehend zu überprüfen, was Autoritäten vorgedacht haben. 

Wie verhält sich das jetzt mit dem Gefühl einer wachsenden Zahl Deutscher, um die Freiheit gebracht worden, also unfrei zu sein? Von der Unfreiheit kann sich jeder befreien, der bereit ist, kritisch darüber nachzudenken, wie es um sein „Ich denke“ und das damit verbundene Selbstverhältnis steht. Seit dem 18., Jhdt. nennt die Philosophie diesen Prozess „Aufklärung“. Kant hat 1783 den Begriff definiert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmüdigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ (Berlinische Monatsschrift Dez. 1784, S. 516)

Sapere aude! Habe den Mut, selbst zu einem Schluss zu kommen, wie die DemonstrantInnen der letzten Wochen zu sehen sind!

Werkstattbericht 3

Vor genau einem Jahr veröffentlichte ich den ersten Blog. Inzwischen schreibe ich den 50. Beitrag auf meiner Seite. Zeit für einen Werkstattbericht, in dem ich zurückblicke auf das vergangene Jahr 2021. Rückblicke haben unterschiedliche Funktionen. 

  • Vergegenwärtigung: Sie gehen vergangene Ereignisse noch einmal durch, um sie zu erinnern. 
  • Revision: Sie gehen den niedergelegten Gedanken nach, um manches aus der heutigen Perspektive umzudenken.
  • Stellungnahme: Ereignisse und die Gedanken dazu werden neu, aus der jetzigen Einsicht verändert bewertet.

Wenn ich die Blogbeiträge durchgehe, dann ergeben sich drei Themenfelder. Immer wieder beschäftigte mich das politische oder gesellschaftliche Geschehen. Ob es die Aktualität der Pandemie war, politische Ereignisse in der Blickweite meiner Lebenswelt, die Bundestagswahl oder ethische Krisen waren, durch einiges wurde ich zur Stellungnahme gefordert. Dabei dienen die Beiträge oft der persönlichen Klärung. Was ins Wort gebracht ist, erhält nicht nur grammatische, sondern auch semantische Ordnung. Für mich ist das Schreiben „die allmähliche Verfertigung des Gedankens“ (H. v. Kleist). Daneben stehen Texte, die persönliche Entdeckungen zu den Feiertagen des Jahres formulieren. Auch die seltenen Texte zu literarischen und künstlerischen Entdeckungen zähle ich zu diesen Entdeckungen. Gelegentlich ließ ich an Privatem teilhaben. 

Blicke ich auf die Inhalte, dann geht es oft um die Dialektik von Freiheit und Verantwortlichkeit, die mir persönlich sehr wichtig ist. Ohne in der Verantwortung die Freiräume zu sehen und ohne die Freiheit in der Verantwortlichkeit zu begrenzen, gerät das Leben und seine Welt aus den Fugen. Es gibt Zeiten, in denen die Freiheit nahezu alles ist, in denen zugelassenes Chaos sich in Person und Leben einstellt. Es sind Zeiten der Sinnfindung und Wertorientierung, in denen das Fragezeichen, das Verlassen gewohnter Bahnen, eine gewisse Unbändigkeit in mir und meinem Leben Raum greifen. Die Verantwortlichkeit für Andere, meine Lebenswelt und mich selbst fangen diese Freiheit ein. Ich binde sie dann zurück an die Werte, die für mich wie Prinzipien sind, an die Disziplin im Denken, das den Strukturen im Chaos nachgeht oder neue Strukturen schafft. Hier übernimmt die reflektierende Lektüre eine wichtige Aufgabe. Die Gedankendisziplin wirklicher Philosophie, die ich inzwischen von philosophischer Publizistik unterscheide, oder die Information des meist psychologischen Fachbuchs regen mein eigenes Denken im Sinne der Reflexion an. Sie machen mich nachdenklich. Im Abarbeiten an fremden Gedankenordnungen und -führungen finde ich wieder zum persönlichen Maß zurück. Es besteht in einer sinnhaften Bezogenheit von Freiheit und Verantwortlichkeit aufeinander. Mein Leben wird dann wieder von mir geführt. 

Ein anderer bedeutsamer Inhalt kreist um die Endlichkeit des Menschen und seines Lebens, die Sterblichkeit, das Sterben und den Tod. Er ergibt sich aus der hospizwissenschaftlichen Forschung. Die vielen Erfahrungen mit sterbenden und trauernden Menschen in der früheren aktiven Hospizarbeit und psychotherapeutischen Praxis bilden deren faktische Grundlage. Mir wird es zunehmend wichtiger, wenn ich die Erfahrungen in die Reflexion nehme, sie psychologisch rekonstruiere oder sie psychotherapeutisch aufbereite, die Perspektive der Betroffenheit zu vermitteln. Es geht nicht um das Sterben und den Tod, die Abstraktionen vom persönlichen Sterben eines bestimmten Menschen und der Todeserfahrung einzelner, konkreter Trauernder sind. Meine Überlegungen versuchen den individuellen Lebensraum für Sterbende zu öffnen, indem ich BegleiterInnen, Pflegende und Behandelnde für die existenzielle Dimension der Umsorge zu interessieren versuche. Dabei geht es auch, altersbedingt, um das eigene „memento mori“, die persönliche Sterblichkeit, die alle meine Lebensvollzüge begleitet. Ist es der Rat christlicher Kontemplation, das eigene Tun „sub specie aeternitatis“, unter dem Schein der Ewigkeit, zu betrachten, habe ich mir eine andere Perspektive zu eigen gemacht: das persönliche Leben unter der Hinsicht der Endlichkeit, der Sterblichkeit anzuschauen. Jene ist kein Schein, beruht nicht auf einer transzendenten Wette, sondern ist das factum brutum des Lebens, dessen sicherste Tatsache. Ich werde sterben, ohne den Zeitpunkt dafür zu wissen. Das verändert zuweilen die Bewertungen des aktuellen Denkens und Handelns, das Gewicht, das ich Stimmungen und Gefühlen gebe.

Rückblicke sind wie das Einatmen, um sich und die Lebenswelt in der Gegenwart zu versammeln. Darauf folgt das Ausatmen. Es bringt einen in Distanz zu dem, was im Rückblick vergegenwärtigt wurde. Und es lenkt die Energie des Atems dorthin, wo sie gebraucht wird: für das Leben der nächsten Zeit. Mit dem Wissen, was ich gelebt habe, mit den Bewertungen, wie ich es gelebt habe, schärfe ich meinen Hinblick auf das, was auch mich zukommt, was an Neuem zu übernehmen ist, was weitergeführt werden soll oder muss, was einfach sein gelassen werden kann. Ich werde mir so auch, leider viel zu selten, der Energie bewusst, die ich verausgabte, und, die ich künftig bewusster und gezielter als bisher investieren will. So verfestigte sich in einer Reihe von existenziellen Entscheidungen des letzten Jahres, die nicht in den Blog gelangten, das Gefühl: die Pflicht des Lebens ist meistenteils getan. Was ich gerade lebe und was auf mich zukommt, hat viel vom Kürprogramm des Lebens. Gerade weil vieles unmittelbar zur freien Wahl gestellt ist. Ich kann es leben oder auch sein lassen. In jedem Fall werde ich zufrieden sein.

Ich stelle weiterhin Beiträge in meinen Blog. Ich kann nicht sagen, wie viele es werden, und, ob sie regelmäßig erscheinen. Ich möchte dabei dem Nachdenken über Literatur und Kunst mehr Raum geben. Ich will den politischen und gesellschaftskritischen Kommentar nicht vernachlässigen. Und manchmal, wenn es mir gelingt, nicht nur Nach-gedachtes, sondern Originäres hinzufügen. 

von Kleist, Heinrich (o.J.): Sämtliche Werke. Wiesbaden (Löwit), S. 975 – 980

Gottes Leben

Gottes Kindheit begann in der Nacht des 24. Dezember. In einem Stall in der Flur von Bethlehem. Als Sohn zweier unverheirateter junger Menschen. Angebetet von Hirten. Gewärmt durch die Atemluft von Tieren. Gesucht von Königen. Gefunden von Weisen.

Sie begann unter einem guten Stern. Er hatte zwei Menschen zusammengeführt. Die Frau war schwanger und wusste nicht wie. Der Mann ließ sich überzeugen. Er glaubte an sie, wie sie an das Gute in sich selbst glaubte. Der Glaube trug ihr Kind, das anderen Menschen schon früh Freude machte, wie Maria bei Elisabeth erlebte.

Gott wurde beschnitten am achten Tag nach seiner Geburt. Er wuchs auf wie andere Kinder. Im Alter von zwölf Jahren, gerade zum Mann erklärt, belehrte er die Glaubensfachleute eines Besseren. Nicht Mose und die Propheten, er selbst sprach das Reich aus wie Gott. Er ruhte nicht, bis er – getauft durch Johannes –  als Gottes Sohn anerkannt und öffentlich bestätigt wurde.

In Kana dann, als Freunde der Familie heirateten, begann auch Gottes Hochzeit. Er ging seinen eigenen Weg. Der nahm kein gutes Ende. Doch ihm genügte, um Gott für alle Menschen zu sein, an seinem Anfang ein Stall, an seinem Ende ein Kreuz. Selbst das Felsengrab war zu jung für ihn. Er sprengte mit seinem Leben alles, was bisher da war. Weil er die Macht der Liebe lebte.

Ich wünsche Ihnen ein festliches Weihnachten!

Die Rose

In einem Adventslied aus dem 15. Jahrhundert heißt es:

Maria durch ein Dornwald ging … Da haben die Dornen Rosen getrag‘n.

Die rote Rose gehört zu den lang bekannten Symbolen der Adventszeit. Ihre Schönheit, ihr Duft, ihre ausdrucksvolle Gestalt verleihen der Rose etwas Einzigartiges, sie von anderen Blumen Unterscheidendes.

Rosen haben Dornen. Ihre Schönheit ist nicht einfach so zu haben. Wer sich auf die Schönheit der Rose einlässt, der muss auch mit ihren Dornen rechnen. Die Rose will erobert werden. Mit ihr geht, wer sie besitzt, vorsichtig um, damit er sich nicht verletzt und die kostbare Blüte nicht beschädigt.

Wer eine rote Rose verschenkt, sagt dem Beschenkten, wie sehr er ihn schätzt. Der Schenkende drückt mit der roten Rose dem Beschenkten seine Liebe aus. Der Rosenduft erinnert an die sanfte Gegenwart des Liebenden. Die rote Farbe erzählt von der Leidenschaft der Liebe. Der edle Blütenkelch der Rose drückt die Ehrfurcht vor der geheimnisvollen Andersheit des geliebten Menschen aus. Die Dornen mahnen dazu, die Grenzen der Liebe ernst zu nehmen, um einander nicht zu verletzen.

Die christlichen Legenden verbinden Maria und Jesus mit dem Symbol der Rose. In Colmar findet sich in der Dominikanerkirche das berühmte Bild Martin Schongauers: Maria im Rosenhag. Es entstand 1473. Maria, die das Jesuskind im Arm hält, ruht vor einem Rosenspalier. 

„Ich bin übers Gebirge zu Elisabeth gegangen, und wir haben uns angesehen und umarmt und einander gesagt, was wir wußten. Wir vertrauten uns unsere Geheimnisse an. … Wo wir gingen, erblühten die Blumen, Hibiskus, Jasmin, Rosen und Mohn.“

Jesus, der andere Mensch, bringt die Blumen zum Blühen. Wo Jesus dem Leben begegnet, erschließt sich dessen bereichernde Seite. Das ist von Anfang an so, wie das alte Adventslied weiß. Wo Jesus hinkommt, blühen die Rosen auf. Die Rose, die edle Blume, erzählt vom Reichtum des Lebens. Die Rosenseiten des Lebens, auf sie gehen Menschen zu, wenn sie sich auf das Leben einlassen, nicht entfremdet und nur mir den persönlichen Interessen beschäftigt, auch nicht anhaftend am Leben, so dass sie die persönliche Freiheit aufgeben. Sie werden sich bewusst, wie wertvoll des Leben ist, wie schützenswert und wie bereichernd.

Wenn wir anderen Menschen eine Rose schenken, so wissen wir uns mit ihm im Reich des wertvollen Lebens. Die verschenkte Rose erzählt vom Überfluss, mit dem jede und jeder den Mitmenschen bereichern kann. Ohne dass jener das erwartet oder einfordert.

Das macht die rote Rose zu einem Symbol des Advent:

Sie weist auf das unerwartet Andere, das Bereichernde hin, das immer auch in unserem Leben ankommen will, das uns losreißt aus dem ewig Gleichen, das uns aufbricht für den Reichtum des Lebens, das uns an unseren eignen Wert erinnert.

Wo das unerwartet Andere im Leben ankommt, dort öffnet sich der Advent der Weihnacht, jener geheimnisvollen Stunde, in der wir unser Leben dem jeweils Wertvolleren weihen.

Brückner, Chr. (11. Aufl. 1985): Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen. Hamburg (Hoffmann und Campe), S. 141 f.

Wächter an der Schwelle

Vor vielen Jahren begegnete mir in einer Adventspredigt ein faszinierendes Bild: der Wächter. Ihm begegnet man am Tor oder an der Tür. Sein Platz ist die Schwelle. Hinter seinem Rücken liegt das Haus, die Stadt, das Land. Seinen Blick richtet der Wächter nach draußen. Seine Augen halten Ausschau in das, was außerhalb des Hauses, der Stadt oder des Landes liegt, das er bewacht.

Er ist kein Späher. Seine Aufgabe ist es nicht zu erkunden, was weit draußen vor sich geht. Er bleibt auf der Schwelle. Denn er wacht über das, was hinter der Schwelle liegt. Er achtet auf die, die sich der Schwelle nähern. Wach soll er sein und achtsam. Aufmerksam hält er seinen Blick dem entgegen, der auf ihn zukommt. Du fühlst dich erfasst durch den Blick des Wächters. Sein Blick ruht auf dir. – Du fühlst, wie er dich erspürt. Du fühlst das Prüfende, das Abwägende in diesem Blick. Auf einmal machst du dir Gedanken über dich. Wer bin ich? Wen sieht der Wächter da, wenn er mich anblickt? Du beginnst dich selber anzuschauen mit dem achtsamen Blick des Wächters.

Es scheint dir ein fragliches Ansehen, das du in den Augen des Wächters gewinnst. Und doch: Da sieht dich einer an. Er achtet auf dich. Er versucht, das an dir wahr zu nehmen, was für ihn, den Wächter wichtig ist. Du fühlst dich angesehen. Du fühlst dich beachtet. Du fühlst dich für wahr genommen. 

Der Wächter ist auf die Wahrnehmung angewiesen. Er muss etwas erfassen von der Wahrheit des Menschen, der da auf die Schwelle zukommt, an er als Wächter steht. Denn er entscheidet darüber, wer die Schwelle übertritt und wer vor der Tür bleibt. Dafür trägt er Verantwortung. 

Das Wachen ist seine Aufgabe. Wach ist er, der Wächter. Er wacht mit allen Sinnen darüber, was sich an der Schwelle ereignet. Er hütet die Schwelle. Wer an ihm vorbei in das Haus oder die Stadt kommen will, der muss es wert sein, über die Schwelle zu gehen. – Wenn du dich dem Wächter näherst, dann prüfe deine Absichten und frage nach den Motiven dafür, über die Schwelle einzutreten. Denke darüber nach, woher du kommst und wohin du willst. Ist der Übergang sinnvoll für dich? Was willst du damit erreichen? Oder tut es not, die Schwelle zu überschreiten? Musst du dich sogar überwinden?

Vielleicht bist du vielleicht ungeduldig. Du fühlst dich in deiner Freiheit eingeschränkt. Mag sein, dass du es nur schwer einsiehst, dass der Wächter dich einfach durch seine Anwesenheit zur Rechenschaft fordert. Andererseits wirst du dir klar darüber, was du hinter der Tür oder dem Tor suchst und erwartest: Heimat oder ein neues Land, Schutz und Geborgenheit oder neue Chancen, das Vertraute oder die neue Begegnung, Heimkehr in die Vergangenheit oder Aufbruch in die Zukunft …

Jedenfalls: Du kommst an der Schwelle an und begegnest dem Wächter, der sie hütet. Hinter ihm ahnst du das künftige Leben. Hinter dir liegt ein Leben, das du bereits gelebt hast. Du bist an der Schwelle angekommen. 

Advent ist eine Schwellenzeit. In ihm ist Ankunft. Ankunft des Menschen an der Schwelle zur Zukunft. Beide, Herkunft und Zukunft des Menschen, begegnen sich an der Schwelle der Gegenwart. Dadurch beginnt eine neue Zeit. Du gehst aus der Vergangenheit heraus. Und bist dabei, das Gelebte und Erlebte in einen neue Zeit hinein zu überschreiten. An der Schwelle begegnest du den Wächtergestalten. Sie prägen das Bild des Advents.

Frage dich, wie der Wächter vor der neuen Lebenszeit aussieht?

Die Wächter sind Menschen, an denen sich abzeichnet, worauf zu du gehst. Die Propheten des alten Judentums sind solche Wächter, die mit ihrem achtsamen, wachen Blick das Leben des Menschen durchschauen. Sie haben Gott im Rücken. Er sendet sie, damit sie ein Segen sind für die Menschenwelt. Ihr Durchblick klärt uns Menschen auf: Das Volk im Dunkeln ersieht ein Licht. Der Wurzelstock Isais treibt einen neuen Spross. Golden erscheint das Neue, zu dem aus aller Welt die Menschen aufbrechen. Und Frieden waltet, der die Feinde einander voller Respekt, ja im Spiel begegnen lässt … Im Wort und Leben der Propheten zeichnet sich ab, was noch auf den Menschen zukommt. Zuweilen sind es auch die inneren Weiser des persönlichen Lebens. In ihnen verbindet sich die Weisheit des Leibes mit der Klugheit der Seele. Das lässt die Werte wieder erstrahlen, die zum Leben auch am morgigen Tag bewegen.

Wir sollten uns den Wächtern, Propheten und Weisern stellen. Ihren Durchblick aushalten und ihre Orientierung aufnehmen. Was sich uns zeigt, sind Lebensschwellen, über die wir im Leben gehen werden, damit es unser persönliches Leben wird. Das ist Advent.

Nikolaus, das Väterliche in mir

Nikolaus war Bischof in Myra, dem heutigen Demre, einer Mittelmeer-Stadt nahe Antalya. Die Legenden um den Heiligen heben vor allem seine Hilfsbereitschaft hervor. Nikolaus half Menschen in ihr Leben zurück. Er vermittelte ihnen, dass sie etwas wert sind. Wenn wir am 06. Dezember, dem Nikolaustag, einander kleine Geschenke machen, zeigen wir einander: Du bist wertvoll.

A. Grün (2002, S. 139 – 141) entdeckte in den Legenden über den Bischof Nikolaus einen interessanten Erzählzug: Nikolaus tritt dort ein, wo Menschen mit ihrer Weisheit am Ende sind. Dabei zeigt er sich als der väterliche Mensch, der sich unerschrocken für andere einsetzt und ihnen den Rücken stärkt. Wer wünschte sich nicht, dass es jemand an seiner Seite gibt, der einfach da ist, wenn das Leben schwer wird. Wer wünschte sich den Menschen nicht, an den er sich lehnen kann und der ihn auffängt, der einen unterstützt und den Rücken freihält.

Wenn wir uns nach solchen Menschen sehnen, fällt uns der Vater ein. Der Vater, der da war, stark und voller Überblick, ermutigend und zuversichtlich. Oder auch der Vater, den wir uns immer gewünscht hätten, nach dem wir uns sehnten, weil der eigene Vater anders war.

So berichtet eine Legende, dass Nikolaus nachts drei jungen Frauen Gold für die Aussteuer durch das Fenster in das Schlafzimmer warf. Der verarmte Vater hatte seine Töchter zur Prostitution gezwungen, damit er samt seiner Familie überleben konnte.

Nikolaus, der väterliche Mensch, trat für den hilflosen Vater ein – und gab den jungen Frauen mit dem Gold die Chance, ihre Würde wieder zu finden.

Manchmal haben wir das das Glück, einem Mann zu begegnen, der väterlich ist. Väterliche Menschen sind auf eine ganz eigene Weise liebevoll: Wer ihnen begegnet, erlebt beides, die Forderung und die Hingabe. Väterliche Menschen fordern auf, die Verantwortung für das eigene Leben selbst zu übernehmen. Sie machen das liebevoll und ermutigend. Wenn sie sich hingeben, dann eröffnen sie dadurch den Freiraum, Verantwortung zu leben.

Jede der jungen Frauen in der Legende erhält eben genau so viel Gold, wie sie braucht, um sich unabhängig zu machen. Väterliche Menschen entlasten von dem, was ich selbst nicht bewältigen kann. Sie  unterstützen in dem, was jemand gerade nicht selber schafft. Sie ermutigen dazu, das Leben ohne Zögerlichkeit anzupacken. Väterliche Menschen fördern die Neugier auf das, was noch nicht gelebt wird. Wer den Mut entwickelt, das persönliche Leben verantwortungsvoll zu gestalten, der entdeckt, wie frei er ist. Er verbohrt sich nicht mehr in seine Aufgaben oder sein Leben.

Eine andere Nikolauslegende berichtet, dass er einer Frau ihr kleines Kind wohlbehalten und lebendig wieder zurück schenkte. Sie hatte es baden wollen. Weil sie an der Bischofsweihe des Nikolaus von Myra teilnahm, hatte sie es auf der Feuerstelle im inzwischen siedenden Wasser sitzend vergessen.

In der Nähe väterlicher Menschen fühlt man sich geborgen und geschützt. Aber nie festgehalten und eingesperrt. Väterliche Menschen ermöglichen das Leben, aber sie übernehmen das Leben des anderen nicht. Väterliche Menschen sind für einen da, aber sie bleiben sich selbst treu und sind für einen da. Sie lassen sich bei aller ihnen eigenen Verlässlichkeit nicht besitzen.

Die Mutter in der Legende war zu sehr mit dem eigenen Leben beschäftigt. Sie dachte nicht mehr an das, was sie eigentlich wollte, ihr Kind baden. Mit dem Lebensgeschenk ihres Kindes erhielt sie auch den Glauben an das zurück, was ihr wirklich wertvoll ist.  

Wie wäre es, wenn wir dem Väterlichen nachspüren, das jede und jeder in uns hat?

Wie vieles mehr würden wir uns zutrauen?

Wie vieles mehr würden wir wagen?

Wie viel mehr würde das Leben – unser Leben werden?

Wie viel mehr wäre uns das Leben wert?

Grün, A. (2002): Fünfzig Helfer in der Not. Die Heiligen fürs Leben entdecken. Freiburg, Basel, Wien (Herder), S. 139 – 141

Gesucht: Meisterdenker!

Frank Plasberg hatte in seine Sendung „Hart aber fair“ (Mo., 15.11.2021) neben zwei MedizinerInnen, einem Journalisten, einem Ministerpräsidenten auch eine Philosophin eingeladen. Als Thema war die Frage gestellt: „Nur ja keinen Zwang – ist unsere Politik beim Impfen zu feige?“ Welche Aufgabe übernimmt eine Philosophin, ein Philosoph in einer solchen Runde?

Die Expertise der Philosophie besteht in der methodischen Art und Weise des kritischen Fragens, wodurch Argumente und Hypothesen rational nachvollziehbar analysiert werden. Sie besteht des Weiteren darin, die durch die Analyse freigelegten Elemente und Strukturen der Diskursinhalte auf Prinzipien zu beziehen und dadurch Zusammenhänge zu verdeutlichen oder zu generieren, die die Wahrheitsnähe der Argumente und Hypothesen zeigen. Sie schafft damit begriffliche Klarheit und begründende Plausibilität im Diskurs. sKurz: Sie denkt das Denken durch die methodische Rekonstruktion des Denkaktes.

Diese Expertise war für mich in der Art und Weise, wie Frau Flaßpöhler angesichts der Frage nach der Notwendigkeit des Impfzwangs agierte, nicht zu entdecken. Sie verschanzte sich hinter teilweise bewertenden Behauptungen. Sie habe einen völlig anderen Demokratiebegriff wie die anderen TeilnehmerInnen der Diskussionsrunde. Sie sehe die Freiheit des Arguments in der Frage nach der Notwendigkeit eines politisch verordneten, weil durch die neue Faktenlage der Pandemieentwicklung notwendig gewordenen Impfzwanges, in den öffentlichen Argumentationsräumen (Medien, Journalismus) durch Unausgewogenheit gefährdet. Sie fragte, ob man den demokratischen Diskurs durch eine „Expertokratie“ ersetzt haben wolle. Die Argumentation der Philosophin beruhte ihrerseits auf derselben Grundlage wie die der medizinischen ExpertInnen, des Politikers und des Journalisten: Zahlen, die als Fakten bewertet werden, und eine wissenschaftliche Evidenz, die neben Studien immer wieder auf die Erfahrung der derzeitigen medizinischen Praxis und gesundheitspolitischen Lage Bezug nahm. Nun ist empirischer Faktencheck nicht die Hauptaufgabe und vorwiegende Expertise philosophischen Denkens. 

Eher sind es die derzeit notwendigen rationalen Differenzierungen, um die Spreu des Querdenkens oder der naiven, unkritischen Übernahme von Abwehrhaltungen gegenüber der Wirkung einer Coronainfektion und der davor weitestgehenden schützenden Impfung von den psychologisch nachvollziehbaren Befürchtungen einzelner Menschen zu trennen. Dazu gehört für mein philosophisches Verständnis eine Klärung der Dialektik von Freiheit und Verantwortlichkeit. Die Position der MedizinerInnen ist deutlich: Alle ungeimpften BürgerInnen und Bürger in Deutschland tragen Verantwortung dafür, wenn durch das „Volllaufen“ der Intensivstationen dort andere lebensbedrohliche Erkrankungen nicht mehr behandelt werden können. Welche Verantwortung haben nun MedizinerInnen (nicht das Gesundheitswesen!) in den Intensivstationen? Stellen Sie an ihre schwersterkrankten HochrisikopatientInnen die Frage, ob sie sich den physisch und psychisch extrem belastenden Behandlungen unterziehen wollen? Ob sie ein Leben mit dem zusätzlichen Risiko drohender Long-Covid-Symptome führen wollen? Öffnen ÄrztInnen den existenziellen und ethischen Entscheidungsraum für diese HochrisikopatientInnen, sich in Freiheit auch gegen die curative Behandlung und für eine palliative Versorgung zu entscheiden? Da kommt durch die Wahrnehmung der Verantwortlichkeit anstelle des Durchvollzuges einer pragmatischen Behandlungsdoktrin die Freiheit als Möglichkeit der Selbstbestimmung ins Spiel. Philosophisch gesehen darf die individuelle Selbstbestimmung übrigens nicht allein oder vorwiegend unter dem Aspekt der Freiheit gesehen werden, sondern ist dialektisch auch in der Perspektive der persönlichen Verantwortung für die Wirkungen und Folgen der freien Bestimmung des Selbst zu denken.

Für die Frage nach der Verpflichtung zur Impfung gegen die Wirkungen des Coronavirus ist die Verantwortungskomponente in der Selbstbestimmung ein zentrales Thema. Erst die Dialektik von Freiheit und Verantwortung im Begriff der Selbstbestimmung ermöglicht es, zwischen Zwang und Verpflichtung zu unterscheiden. Impfzwang herrscht dann, wenn durch Gesetzgebung oder auf dem Verordnungsweg eine die Existenz des Einzelnen in ihrer Grundlage betreffende strafbewehrte Auflage zur Impfung gemacht würde, der der Einzelne sich nicht entziehen kann. Die Impfung würde dann mit exekutiver Gewalt durchgesetzt werden: z.B. Massenimpfungen unter Anwendung exekutiver Maßnahmen. Der einzelne Bürger und die einzelne Bürgerin würde unter die Doktrin einer Impfexekutive gezwungen – oder es würden den Verweigernden weitestgehende Freiheitsrechte entzogen, bis hin zur Isolation. Zwang bedeutet – auf den Punkt gebracht – die Aufhebung von Freiheit und Verantwortlichkeit.

Anders die Impfverpflichtung, die auf einer gesetzlichen, parlamentarisch abgestimmten Anordnung mit Aufforderungscharakter beruht, die individuelle Freiheit für diesen einen Fall der Coronaimpfung der sozialen gesellschaftlichen Verantwortung unterzuordnen. Keiner wird zur Impfung gezwungen, sondern jeder, der sich gegen die Impfung aufgrund einer Güterabwägung oder auch naiv entscheidet, akzeptiert die zumutbaren Folgen seiner Entscheidung dagegen. Sie bestehen in der passageren Einschränkung bestimmter Freiräume, solange die pandemische Lage gefährdet. Hier sind Freiheit und Verantwortlichkeit die Grundlage für die Entscheidung.

Derartige klärende Differenzierungen, zu denen die Diskussion in der Sendung viele Gelegenheiten gab, wären Aufgabe der anwesenden Philosophin gewesen. Philosophische Publizistik unterscheidet sich eben von philosophischer Expertise. Der Verzicht auf eine kompetente philosophische Argumentation spielt dem pragmatischen Regime von MedizinerInnen in die Hände, die in einer unreflektierten Melange studienbasierte Zahlen als Fakten, evidenzbasierte Prozesse als wissenschaftliche Notwendigkeiten, und die unhinterfragte Doktrin der Lebenserhaltung um jeden Preis als ethische Verpflichtung zur Rechtfertigung für das eigene Tun präsentieren. 

Es bräuchte philosophische Meisterdenker, um das zu entwirren, um durch die Klärung zu veränderten Haltungen zu gelangen. Freiheit und Verantwortlichkeit sind keine starren Strukturen unseres Hirns, sondern ein dialektisches Gefüge unseres Denkens, das situativ priorisiert werden kann. Es gibt Situationen, in denen die Freiheit in einsichtiger Verantwortung eingeschränkt werden muss, um einen vorrangigen Wert zu verwirklichen, wie den des solidarischen Schutzes von Menschen vor einer durch Forschung immer besser eingrenzbaren lebensbedrohenden Infektionsgefahr durch ein Virus. Und es gibt Zeiten, in denen die Verantwortung der sich ausweitenden Freiheit einfach zur Orientierung dient, um Grenzen nicht zu übersehen. Es ist die Philosophie, die solche komplexen Prozesse in methodischer Rationalität durchklärt und die Komplexität des Themas in vielschichtigen, aber nachvollziehbaren Diskursen abbildet. 

Tod, wie er erzählt werden kann

Wie kann der Tod erzählt werden?

Um etwas zu erzählen, was keiner weiß, bediene ich mich apophatischer Sätze. So erzählen die Dichtungen des alten Babylon und Sumer über das, was keiner wissen kann. Auch der ältere der beiden Schöpfungstexte des Alten Testaments (Gen 2, 4 – 25) verwendet sie. Die Strategie ist einfach: Was vor aller Augen liegt, wird aufgehoben. Die Sprache verneint, was wahrgenommen ist.

Wie tot sein ist, erleben wir an Gestorbenen. Wir erleben es nie an uns selbst. Was wir an uns wahrnehmen, ist die Lebendigkeit der Gedanken, des Leibes, der Gefühle. Wir nehmen wahr, dass die Gedanken zuweilen träge sind, spröde und brüchig. Eher ein Rinnsal als ein Gedankenstrom.  Wir nehmen wahr, dass das Gedächtnis sich verändert. Namen entfallen, Zusammenhänge verblassen, Gesichter auch. Gerüche und Klänge bleiben. Gestimmtheit auch. Wir nehmen unsere Kraft wahr, auch wie sie abnimmt und mühsam wieder trainiert werden muss. Energie nehmen wir wahr. Sie lässt uns Lebendigkeit spüren, zuweilen in Muskelkater und Erschöpfung etwas länger. Wir nehmen Gefühle wahr, Begeisterung, Freude, Vertrauen und Liebe. Den Mut, sich dem zu stellen, was uns überfordern wird. Dann sind wir enttäuscht. Wir nehmen Ärger wahr, Resignation und Trauer, wenn wir Lebenswichtiges verloren haben. Wir nehmen uns als lebende Personen wahr, nicht nur als abstrakte Menschen. Als Einzelne mit, unter und neben anderen Einzelnen.

Das alles endet der Tod. Nicht spüren wir die Trauer um uns. Nicht, dass es gerade um einen selbst ging in der Bindung, in der Gemeinschaft. Wir spüren nicht mehr, was unsere Begeisterung und Liebe ist. Wir nehmen keine Energie mehr wahr, keine Stimmung, kein Gedächtnis und kein Gedenken. Gedanken nehmen wir nicht mehr wahr, nicht mehr unseren Leib und seine Regungen.

Totsein lässt sich als Abwesenheit, als Ende von Leben und individueller Lebendigkeit erzählen. Mein Leichnam trägt noch meine Züge. Kein Atem ist wahrzunehmen. Keine Stimme. Ich habe keinen Klang mehr. Ich lebe nicht mehr. So lässt sich Totsein erzählen. Als factum brutum, das sich jedem selbstbezüglichen Kommentar entzieht. Denn auch die Selbstbeziehung ist nicht mehr.

Wir haben uns – auch dank der emsigen Hospizbewegung – daran gewöhnt, den Tod als Ende eines palliativ versorgten, mitmenschlich begleiteten Prozesses zu sehen. Das Sterben scheint beherrschbar geworden. Schmerzen, Übelkeit, Luftnot werden therapeutisch gelindert. Zeiten des Alleineseins und die lange Weile werden durch Besuche ehrenamtlicher HospizbegleiterInnen vertrieben. Ich kann zu Hause sterben oder in einer dafür eingerichteten Umgebung. Der Tod verliert seinen Schrecken. Wir können „das Sterbenkönnen lernen“ (Landsberg, 2009, S. 71). Es gibt ganze Philosophien dafür. Die christliche Theologie hat die „Dialektik von Tod und Leben“ entschärft, wie Paul L. Landsberg in seinem Essay zur „Erfahrung des Todes“ (1935) beschreibt. Denn in der christlichen Theologie wird darin „die wirkliche Wandlung der Lage des Menschen durch das Erscheinen und das Beispiel des Christus ausgedrückt“ (Landsberg, 2009, S. 81). 

Woran dies alles nichts ändert, ist die Tatsache des Totseins. Dass ich nicht mehr lebe. Dass es mich als individuelle Person lebendig nicht mehr gibt. Körperhaft bleibe ich noch eine Weile, als Leichnam. Manche Idee, das eine oder andere Bonmot oder einige Anekdoten bleiben in Erinnerung. Auch das Haus, das ich baute, und das Buch, das ich schrieb. Vor allem die Kinder bleiben eine Weile, für die ich Verantwortung übernahm. Wenn sie am Grab von mir erzählen, erzählen sie von einem Toten.

Das ist die Ungeheuerlichkeit. Das ist die sichere Zumutung an mich, an den Menschen: Du wirst tot sein. Alle Narrative über dich und zu dir sind Erzählungen über einen Toten. Du selbst hast dazu nichts mehr zu sagen. Darüber helfen weder Hospizlichkeit, noch Glaube, noch Ideologie hinweg. Der Tod ist das factum brutum im Leben, der das Leben aufhebt. Der Tod ist das factum brutum, das zu denken gibt, ohne im Denken verwandelt, versöhnt oder aufgehoben zu werden. Es gibt keine Synthese von Leben und Tod. Es gibt nur das Lebendig sein. Es gibt nur das Totsein. Auch daran ist in diesen Tagen zu erinnern. Wir sollten es aussprechen lernen: Ich werde tot sein. 

Landsberg, P. (2009): Die Erfahrung des Todes. Berlin (Matthes & Seitz)

Skulpturenwelt

Schloss Freudenstein, gelegen oberhalb von St. Pauls im Süden Südtirols. Sonnenverwöhnt belohnt die Schlossterrasse den Blick mit Weite und Freiheit. Im Schloss gestaltete der Bozener Bildhauer Andrea Bianco am 16. und 17. Oktober 2021 eine Werkschau, in der er neue Skulpturen mit wenigen früher gestalteten in einem wundervollen gotischen Raum inszenierte. Die neu geschaffenen Frauenskulpturen griffen in ihrer Gold- und Platinlasur etwas von der vornehmen Eleganz des Raums und des stilistisch geschickt eingepassten Mobiliars auf. Sie verliehen sich und dem Saal einen eigenen Glanz. So, als ob sie schon immer diesen Raum durch ihre Präsenz prägten. 

Persönlich freute ich mich, meiner abstrakten Lieblingskulptur (siehe Bild) wieder zu begegnen. Sie wirkte nun schon in mehreren Ausstellungen an unterschiedlichen Orten auf mich. Diesmal war sie fast als Nebensache arrangiert. Wie zufällig fand ich sie auf einer Kommode zusammen mit einer eher wuchtigen Arbeit aus Marmor. Und doch zog sie mich wieder an. Die dunkel schimmernde Glasur der Tonarbeit verwendete Andrea schon bei einigen seiner Frauenstatuen. Ihre geschwungene Form hat etwas weiblich-körperhaftes. Den Körper, die Raumhaftigkeit muss sich der Betrachter aus der zweidimensionalen Anlage der Skulptur er-sehen. Es ist eine flache Tonplatte, die sich aus der Fläche in einer eigenwillig asymmetrischen Symmetrie nach oben öffnet. Erst diese Öffnung führt den Blick in die dritte Dimension, indem die nach oben geschwungene Fläche einen Innenraum schafft – oder ist es eher ein Zwischenraum? Das hängt, wie mir scheint, von der Inszenierung der Skulptur ab. Steht sie frei, dann wird ihr Innenraum sichtbar. Der Betrachter ergänzt unwillkürlich den Raumkörper hinzu. 

Diesmal stand die Skulptur – sie ist meines Wissens namenlos – in Wandnähe. Der Blick kam zwischen den beiden sich in sanfter, vielleicht sogar bergender Kraft emporschwingenden Seitenflächen zur Ruhe. Der Raum, der sich dabei aufspannte, wirkte auf mich nun eher wie ein Zwischenraum. Der fast weiblich anmutende Schwung der nach oben gezogenen Platte fängt den Blick ein, lässt ihn im Zwischen verweilen. Die rechte, höhere geschwungene Seite leitet ihn an den Umgebungsraum weiter.

Jetzt entdeckte ich eine neue, mir noch unbekannte Wirkung der Skulptur. Sie stellt in die Umgebung einen Zwischenraum hinein, der nach den Seiten abgegrenzt etwas Eigenes markiert. Anders als die Frauenskulpturen, die den  Raum um sich herum versammeln, ist es gerade die Hohlform dieser Skulptur, die den Raum unterbricht und zugleich sich mit ihm verbindet. Sie erinnert mich an das aristotelische „metaxy“, das „Zwischen“, das trennt und gleichzeitig vermittelt. Für Aristoteles markiert die Raummetapher des „Zwischen“ die logisch scharfe Differenz zwischen Begriffen. Sie trennt die Begriffe und ermöglicht damit eine logische Vermittlung zwischen ihnen. Was nicht unterschieden ist, kann nicht zum definierten Begriff werden. Zugleich bilden die Begriffe einen syntaktischen Zusammenhang, den der logischen Erkenntnis.

Andrea gelang mit der abstrakten Skulptur eine Bildmetapher für das Zwischen. Der Zwischen-Raum ergibt sich aus der in die Dreidimensionalität aufschwingenden Tonplatte. Sie wirkt durch den Schwung und die Öffnung nach oben körperhaft und markiert, so arrangiert wie in Freudenstein, ein Zwischen im Raumkontinuum, das jenes nicht zerstört, sondern eine Differenz setzt, durch die der Raum als solcher erkannt werden kann. Vielleicht ist es diese Möglichkeit, die Skulptur zu erleben, die mich, wo immer Andrea sie ausstellt, in ihren Bann zieht. 

Viel affektiver als der Blick vermittelt die Berührung der Skulptur, dass die Hohlform etwas Körperhaftes hat. Wer mit den Fingern von Rand zu Rand streicht, dem vermittelt sich diese Körperhaftigkeit als sensitiv-haptisches Erleben. Das Besondere daran ist, dass es die  Bewegung im inneren Raum, eine Bewegung in der Hohlform ist, innerhalb des Zwischen also. Sich im Zwischen bewegen, vermittelt nicht die Erfahrung einer Ortlosigkeit, sondern eher die Erfahrung, dass das „Zwischen“ im Sinne des Aristoteles durchaus real ist, im Moment der logischen Differenzierung sich manifestiert. Es ist – mit einer Formulierung von Richard Rohr – „pure Präsenz“. Damit gewinnt die Skulptur eine weitere Dimension: Sie vergegenwärtigt als Hohlform, als „Zwischen“, die flüchtige Präsenz des Daseinsereignisses. Ihre Spannung bezieht die Figur aus dem Zeigen dessen, was nur erlebt werden kann: Gegenwart, die im Augenblick währt und sich zwischen Zukunft und Vergangenheit ereignet. Bei aller Inhaltlichkeit ist sie – wie die Hohlform der Skulptur – ein „Zwischen“, das den einen Augenblick vom anderen trennt und alle Augenblicke zugleich zur Zeit verbindet. 

Jetzt nähere ich mich wohl dem, wodurch die Skulptur mich immer wieder anzieht. Sie zeigt etwas, was nicht zur Schau gestellt werden kann: die Gegenwart als Zwischenzeit und Hohlform für das sich ereignende Leben. An den Rändern der Skulptur manifestieren sich die Vergangenheit und die Zukunft, unterschieden und doch verbunden. Ein Übergangsszenario. Für mich ist diese Abstraktion eine der gelungensten Skulpturen von Andrea Bianco. Ich folge ihr gerne noch durch weitere Ausstellungen.