Helga Schubert: Judasfrauen

„Dieses Buch erschien zuerst im Frühling 1990, in diesem wunderbaren politischen Frühling, im Westen. Im Westen und nicht im Osten, wo ich es schon zwei Jahre zuvor beim Aufbau-Verlag abgegeben hatte.“ (S. 5) Es ist ein „altes“ Buch, basierend auf Lesetexten H. Schuberts aus den Jahren 1984 bis 1988. Das ist die erste historische Ebene, die das Buch erschließt. Sie dehnte sich und war kompliziert; denn sie hat mit dem schwierigen Zugang zu dem Material zu tun, das den Texten im 2021 im dtv-Verlag vorliegenden Taschenbuch zugrundeliegt. 

Das Material selbst erschließt die zweite geschichtliche Ebene des Buches. Es stellt „zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich“ zusammen, wie der Untertitel ankündigt. Zum Teil lagen die von H. Schubert recherchierten Quellen in den Archiven der DDR, zum Teil in Archiven in Westberlin. Sie erzählt im Abschnitt „Judasfrauen“ die Geschichte der Recherche, in der sie ein kaum erschlossenes Thema verfolgt: Frauen im Dritten Reich, die ohne dringende Veranlassung oder politischen Druck Menschen an die Kreisbehörden oder direkt an die Geheime Staatspolizei verraten. Zuweilen waren die Denunziantinnen zufällige Zeuginnen kritischer Äußerungen gegenüber dem Zustand und der Regierung Deutschlands während des Krieges, manchmal standen sie ihren Opfern nahe, hatten deren Vertrauen erworben. 

Das Buch hat eine dritte Ebene, die mit der Profession der Schriftstellerin Helga Schubert zu tun hat. Sie ist ausgebildete klinische Psychologin und hat als solche teilweise hauptberuflich, teilweise im Nebenberuf von 1963 bis 1987 in verschiedenen therapeutischen Kontexten gearbeitet. „Frauen, die andere Menschen durch ihren Verrat töteten. Was waren das für Frauen?“, ist die leitende psychologische Frage der Schriftstellerin in ihren Erzählungen. Ihre Mutter wendet zwei Fragen zum Thema des Buches ein: „Fühlst du dich denn überhaupt befugt, über so etwas zu schreiben?“ (S. 15) Und:  „Warum sprichst du eigentlich dauernd von Frauen?“ (S. 16) 

H. Schubert antwortet mit einer klaren Intention: „Mich stört die Frauenveredelung: So sensibel, so zart, so kooperativ, so mütterlich, so mitleidig, so kreativ, so authentisch sind wir nicht. Wir sind auch böse und auch gefährlich, auf unsere Weise. Sobald ein Mensch auf einem Sockel steht, möchte ich den Sockel zerschlagen.“ (S. 16) Das ist die vierte Ebene dieses 174 Seiten reichen Buches: Sie setzt die Auseinandersetzung mit den Bedingungen, unter denen bestimmte Bilder von Menschen entstehen und sich performativ auf die kollektive Meinung auswirken. Diese Gefahr der Sockelstellung wächst unter den Verhältnissen in Diktaturen. Die Ideologie zeichnet bestimmte Menschen dadurch überlebensgroß, dass das Menschliche auf wenige erwünschte Eigenschaften verkürzt wird, die dann umso größer erscheinen.. 

Das Buch ist während der zweiten Diktatur auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert veröffentlicht worden, am Ende der DDR als deutschem Staat in der BRD als dem anderen deutschen Staat. Es beschreibt denunzierende Frauen in der ersten Diktatur auf deutschem Boden, in der Hitlerdiktatur. 

Die Erzählungen über die zehn Frauen, die andere durch ihre Denunziation zu Tode oder mindestens in Haft gebracht haben, sind aus meiner Sicht meisterhaft. Der Autorin gelingt ein Stil, den bei aller Sachlichkeit in Wort und Satz eine vorsichtige, detektorische Empathie kennzeichnet. Sie verbindet dazu Schilderung, inneren Dialog bis zur direkten Rede in einer berichtenden Narration, in die feinsinnig Linien psychologischer Anamnese und Analyse einbezogen sind.

Zwei prominente Opfer von Denunziatorinnen in der Lebensumgebung stellt H. Schubert vor. Dr. Carl Goerdeler, der Oberbürgermeister in Leipzig war und zum Kreis um Claus von Stauffenberg gehörte, wäre nach gelungenem Attentat auf Hitler wahrscheinlich Reichskanzler geworden. Helene, „politisch nicht interessiert“ (S. 39), erkannte Goerdeler auf einem Fahndungsfoto zum Stauffenberg-Attentat. In ihrer Jugend begegnete sie wiederholt Goerdeler, der damals Oberbürgermeister in Königsberg war, der Geburtsstadt von Helene, die dort auch arbeitete. Sie bedrängt ihren Vorgesetzten, der ihre Beobachtung für eine Verwechslung hält, Goerderler anzuzeigen. Sie tut es schließlich selbst. Ihr Lohn für die Denunziation: ein Besuch bei Adolf Hitler und eine Million Reichsmark. Zwei Tage nach der Verhaftung Goerdelers fällt sie einige Tage in ein Nervenfieber. „War es die Erwartung, vom mächtigsten Mann im ganzen Land, vom Führer, bald berührt zu werden? An der rechten Hand, die Innenfläche dieser Hand an seiner? … War es der Sieg im Wettlauf: Ich kann besser als ihr alle beobachten, mich besser als Sie, mein Vorgesetzter, erinnern? Ich bin nicht klein und nicht dumm. … Hat sie vom Blut gekostet, das die Mächtigen der Welt an jedem Tag trinken?“ (S. 47 f) Aus diesen Fragen spinnt H. Schubert das Gedankennetz, in dem sich die Deutungen des Lesers verfangen können.

Das andere prominente Opfer einer weiblichen Denuntiation ist der 27-jährige deutsche Nachwuchsvirtuose am Klavier, Karlrobert Kreiten. Seine Verräterin stammte aus dem Freundeskreis seiner Mutter. Auf ihre Hinweise hin wird er vor einem Konzert in Heidelberg festgenommen. „Nach zwei Wochen wurde er ins Gestapo-Gefängnis nach Berlin gebracht und dort seiner Verräterin gegenübergestellt. Was mochte die Frau empfunden haben, als sie in das hungrige und zerschlagene Gesicht des Sohnes ihrer Freundin blickte?“ (S.99) Diese dem Journalismus angenäherte, berichtende und zugleich hinterfragende Sprache H. Schuberts unterstreicht das Groteske der Denunziationen. 

Am meisten berührte mich, gerade auch durch die sprachlich meisterhafte Darstellung, die Erzählung „Die Vertrauensperson“ (S. 101 – 141). Es ist der umfangreichste Erzähltext im Buch. Der Nachkriegsprozess gegen Dagmar I., einer in Deutschland verheirateten Schwedin, dauerte fast einen Monat lang. H. Schubert verlässt die berichtende Schilderung. Sie bedient sich, um die Frau und ihre Taten darzustellen, des inneren Monologs der Angeklagten. „Du, mein Richter, bist schön, braunäugig, kindlich. Du willst vermutlich gerecht sein. Höflich bist du, fast zart, mein lieber Richter. Du ähnelst einem der elf, die als meine Opfer gelten, du ähnelst Bruder Paulus, dem Geköpften. Er vertraute mir so. Ich war seine einzige Vertraute. Vielleicht hast du Mitleid mit mir? Ich könnte doch deine Mutter sein.“ (S. 103) 

In diesen wenigen, Wort für Wort das Manipulativ der Angeklagten aufbauenden Sätzen, wird wie in einer Opern-Ouvertüre die gesamte Thematik des Prozesses vorweggenommen. Dagmar I. erscheint als histrionische Persönlichkeit. Sie erschleicht, in einer zweckdienlichen Ehe mit einem spröden Gelehrten lebend, das Vertrauen von Menschen mit gesellschaftlichem Ansehen, um sie dann zu denunzieren. Einige ihrer Opfer bezahlten das Vertrauen zu ihr mit dem Tod. „Alle haben sie büßen müssen. Für ihren Hochmut.“  (S. 112) Denn keiner der von Dagmar I. Umworbenen hätte sich aus echtem Interesse mit ihr abgeben. Sie gehörte nie wirklich zu denen, die sie als ihre gesellschaftliche Welt wähnte.

In ihrer Stellungnahme im Prozess erklärt sie dem Richter ihre Unschuld: „Wer mordet, hat Macht. Wer die Macht hat, darf richten. Aber ich habe nichts Böses getan. Ich war machtlos. Der Tod muss sein, der Tod gehört schließlich zum Mord, Herr Richter. Warum macht man sich sonst die Mühe des Mordens? Und es ist eine Mühe. Ein Mord erfordert einen Vorsatz und eine Vorbereitung, das haben sie studiert und mussten es für die Prüfung wiederholen. Und ein niedriges Motiv: Gier nach Geld, Macht oder Sex. Das niedrigere Motiv ist das wichtigste von der Dreieinigkeit. Ein kleiner Fanatismus – er muss gar nicht durchdacht sein – in der Weltanschauung, der Politik, der Religion entschuldigt den Mörder. Der Mörder ist kein Mörder mehr: Ein mildernder Umstand ist da. Aber ich brauche den mildernden Umstand nicht, ich bin keine Mörderin.“ (S. 113 f.) Sie kann alles aus der Warte der gekränkten Persönlichkeit erklären. Ihre Perspektive widerspricht den Aussagen der Zeugen. Sie durchschaute, worin die Einzelnen, die sie kränkten, manipulierbar waren: die Gier nach Geld, nach Macht und Sex. Sie legte es an geeigneter Stelle in geeigneter Form darauf an, dass die Denunzierten sich ihr gegenüber überschätzten und unvorsichtig wurden. Dann gaben sie preis, was Dagmar I. für den Verrat nutzte. Sie, ein Spitzel des Staates ohne Honorar, nur für die Vergünstigung, mehrmals im Jahr nach Schweden ausreisen zu dürfen.

Dagmar I. fasst ihr Plädoyer zusammen: „Ich bin unschuldig. Ich war nur ein Stein. Nur der erste Stein einer Steinlawine. Ich bin eine Gedankentäterin. Nur mit Buchstaben, geschriebenen Worten, soll ich anderen geschadet gaben?“ (S. 140) Gedanken als Anstoß, der zur Verurteilung, zur Bestrafung, zur Hinrichtung führt. Jene scheint so weit vom Anstoß entfernt, dass die Verräterin eine Ursächlichkeit nicht mehr auszumachen vermag. Sie erklärt sich für unschuldig. Wieviele Befehlshaber, Kommandanten, Anstifter in den Kriegen unserer Tage werden sich genau dieser Argumentationsfigur bedienen? „Dieser ganze Aufwand, diese vielen Zeugen. Wegen Beihilfe zu Mord wollen sie mich belangen. Niemals werden sie mich dafür verurteilen können. Denn ich habe nicht beim Morden geholfen. Es sind nicht einmal alle tot, die ich tot haben wollte. … Auf mein Geständnis wartest du umsonst.“ (S. 141)

„Judasfrauen“ verfolgt ein ignoriertes Thema: die Frau als Denunziantin. H. Schubert vermeidet es, die Motive der zehn beschriebenen Frauen vereinfacht über einen Leisten zu scheren. Sie lässt jeder ihre individuelle Motivation. Das Gemeinsame ist, dass das Frauenbild des Dritten Reiches sie alle schützte. Schubert zeigt, dass Frauen eben auch böse und auch gefährlich sein können, auf ihre individuelle Weise und unter dem Schutz der ideologischen Stellung. In der Debatte um Geschlechtsrollendiversität wirft dieses Buch eine wichtige Frage auf: Wie vereinfacht nehmen wir einander wahr, wenn wir nicht ständig und kritisch unsere ideologischen Bilder von einander hinterfragen? Wer intelligent, pragmatisch oder verformt genug ist, der hängt sich solche Debatten wie ein Mäntelchen um, unter dessen Schutz sie oder er die ureigensten Interessen unverhohlen zum Schaden anderer verfolgt.

Wie beendete E. Heidenreich ihre Literatursendung? „Lesen!“

Schubert Helga: Judasfrauen, 2. Aufl. 2021, München, dtv-Verlag TB-Nr.14821 (Alle Seitenangaben im Text bezieht sich auf diese Ausgabe.)

Ich lebe mit Covid.

Ich bin an einer Infektion mit dem Sars-Cov-II-Virus erkrankt. Nach 10 Tagen, seit Freitag, den 08. Juli 2022, ist die Virenlast laut PCR-Test nicht mehr zwingend ansteckend. In den kommenden fünf Tagen soll ich nach wie vor Kontakte in geschlossenen Räumen vermeiden und außerhalb der Wohnung eine FFP2-Maske tragen. Spannenderweise wäre ich arbeitsfähig, in geschlossenen Räumen, im Kontakt mit KursteilnehmerInnen, PatientInnen.

Ich fühle mich nach wie vor krank. Die deutlichen Symptome sind abgeklungen. Ich lebe jedoch in bleierner Müdigkeit und Mattheit. Jeder Morgen verlangt eine langsame Anpassung an den Tag. Nicht, dass ich keine Motivation hätte; jedoch fordert mich jedes Tun, ob im Schwerpunkt kognitiv oder physisch, so sehr, dass ich nach kurzer Zeit erschöpft bin. Hinlegen und schlafen, so würde ich am liebsten mehrmals am Tag regenerieren. Immer wieder Atemnot, Schwindelgefühle bei raschen Bewegungen, fast keine Ausdauer, aber auch Schwierigkeiten mit der Konzentration, mit der Merkfähigkeit, erschwerte Wortfindung, Flüchtigkeit im Zuhören und eine wahrnehmbar reduzierte Fähigkeit der Selbststeuerung, damit lebe ich, seit das Virus in mich eingedrungen ist. Das sog. „Freitesten“ ist ein Euphemismus, der suggeriert: Wenn keine bedeutsame Virenlast mehr nachweisbar ist, dann bist du gesund. Das erweist sich als Irrtum. Die Lebensfähigkeit erscheint mir erheblich eingeschränkt. Das Leben ist gerade durch den Eindringling, den Fremden, das Virus, mühsam geworden. 

In seinem grandiosen Essay „Der Eindringling. Das fremde Herz“ reflektiert der französische Philosoph Jean Luc Nancy (2000) seine Selbst- und Weltbeziehung nach einer Herztransplantation. Da ich derzeit nicht über die Energie zu einer originären Reflexion meines Zustandes nach der Infektion mit Sars-Cov-II verfüge, adaptiere ich einige wenige von Nancys Gedanken auf meine Lage. 

Das Virus ist ein Eindringling. Es kommt ungefragt, ungebeten, nicht eingeladen. Es ist ein Fremder und bleibt, auch wenn es sich einzelner Teile meiner DNA bemächtigt, ein Fremder. Das Virus wird nicht „heimisch“ (Nancy 2000, S. 7). „Sein Ankommen ist in jeder Beziehung immer noch ein Eindringen. Es kann sich auf kein Recht, keine Vertrautheit, keine Gewöhnung berufen, im Gegenteil: es ist eine Störung, ein Aufruhr im Innersten.“ (Nancy 2000, S. 7) Was Nancy über das neue, ihm fremde Herz, das in ihm schlägt, schreibt, lässt sich in anderer Tonart auch auf das Corona-Virus modulieren. Das Virus begegnet mir und ich erkenne es nicht. Ich will es nicht aufnehmen. Ich schütze mich durch Abstand, Maske und Hygiene. Es dringt trotzdem in mich ein. Es besiedelt die Schleimhut meiner Atemwege. Es benützt meinen Organismus als Lebensort, an dem es sich vermehren kann. Es macht mich zum Wirt und damit zum Handlanger, um das Eindringen in andere Menschen vorzubereiten. Zunächst stehe ich dem Geschehen ohnmächtig gegenüber.

Die Vorhandenheit der Viren ist fremdes Leben in mir. Sie löst Prozesse des eigenen Widerstands aus. Eines meiner lebenswichtigen Organe, das Immunsystem, wird aktiv, wehrt den Eindringling ab. Es lässt das Virus den Fremdkörper bleiben, der es ist. Fieber, Schmerzen, Schwäche, das ganze Elend meines Menschseins muss ich erleben. Auf einmal werde ich in den Prozess des biologischen Lebens aufgehoben mit dem Ziel, zu überleben. Und: ich werde nicht gefragt. Es geschieht. Mein Körper organisiert, abseits meines Wollens, ein Überleben, das ich dann zu führen habe. Ich fühle mich elend.

Was heißt „elend“? Das aus dem Althochdeutschen stammende Wort „elilenti“, im Mittelhochdeutschen dann „ellende“, ist verwandt mit dem griechischen Wort allos und dem lateinischen alius, anders, fremd. Der „Elende“ ist der Fremdling, der an dem Ort, wo er sich gerade befindet, keine Heimat hat und damit keinen Schutz (Etymologisches Wörterbuch. Band 1, 1989, S. 349 f.). Wer sich in seinem Elend wahrnimmt, ist sich selber fremd geworden. Er fühlt sich aus sich selber „ausgesetzt“ (Nancy 2000, S. 47). Das erlebe ich in jedem Corona-Test: Ich teste mich, um zu erfahren, wie sich der Eindringling in mir verhält, ob er mich noch in vollem Umfang nützt oder ob meine Immunabwehr ihn bereits zu kontrollieren beginnt. Ich setze mich dem objektiven Messen aus, um den immunologischen Abwehrerfolg zu verobjektivieren. Die Zeit zwischen Eindringen und Abwehr aber erleide ich. „Das Leiden ist das Verhältnis zwischen einem Eindringen und seiner Abwehr.“ (Nancy 2000, S. 41)  

Dieses Leiden ist mein Leben mit dem Prozess von Eindringen und Abwehr. Ich bin es, der dieses Leid spürt, erträgt, aushält. Bin ich es wirklich, frage ich mich immer wieder, oder hat mich das Virus meiner selbst entfremdet, mich ins Elend vertrieben? Mir scheint, dass hier die existenzielle Frage aufbricht, in der der Infizierte sich als Kranker erlebt. Ich leide an dem fremden Virus und zugleich an dem Prozess der Abwehr: Ich erlebe Schmerzen. Ich habe keinen Appetit mehr. Ich fühle mich erschöpft, matt und müde. Ich bin für mich selbst verändert durch den Eindringling. Ich bin zum Wirt geworden für das fremde Virus. Deshalb gehört es zu meiner Verantwortung, andere vor mir zu schützen. Ich gehe in Quarantäne, unterbreche den Alltag, verändere mein Weltverhältnis. Das wirkt sich auch auf mein Selbstverständnis aus. Ich bin mit mir und einer reduzierten Lebenswelt allein. Kann meine Immunabwehr mein Leben schützen? Welches Leben? Solche Fragen erschließen mir Freiräume.

Ein Freiraum besteht in meinem verantwortlichen Leben mit dem Fremden in mir. Ich biete meine Selbstwirksamkeit auf, um meiner Verantwortung gerecht zu sein, andere vor der Wirkung des ungewollten Eindringling zu schützen. Meine Freiheit besteht in der Selbstbeschränkung durch Quarantäne. Es ist ein psychisch anspruchsvoller Prozess, in meiner Schwäche Verantwortung dafür zu übernehmen, was mir ungefragt widerfahren ist. Den persönlichen Freiraum einschränken zu sollen, um andere nicht in dieselbe Lage zu bringen, in der ich bin. Es geht in meinem Abwehrprozess um den Schutz des Lebens anderer und mein Überleben. Es geht um einen verantwortlichen Verzicht, der dem Leben dient, indem ich mein Leben beschränke.

Längst ist deutlich, dass das Infektionsgeschehen nur ein Teil des Krankseins ist, das das Leben bestimmt. Ist die Infektion abgewehrt, verändern sich die Symptome. Der Eindringling wird kontrolliert. Ich darf mich wieder einmischen in die Außenwelt. Doch kehrt allein damit die Vertrautheit mit mir und meinem Leben zurück? 

Der Körper braucht seine eigene Zeit, um aus der Abwehr des Fremden wieder zum organismischen Alltag zurückzukehren. Es bedarf wohl einer eigenen körperlichen Sicherheit, damit leben zu lernen, dass die Antikörper, das immunologische Gedächtnis an den Eindringling ab jetzt für lange Zeit dableiben. Ich werde mich inzwischen daran gewöhnen, dass der Eindringling eine Weile von meinen Kräften lebte. Es ist auch meine Energie, mit der ich das Virus abwehrte, unter Kontrolle brachte. Das Überleben ist gelungen. Ist der, der überlebte, derselbe, der vorher einfach lebte? Worin habe ich mich verändert?

 „Von Schmerz zu Schmerz, von Fremdheit zu Fremdheit ist – bin „ich“ am Ende nichts als ein dünner Faden.“ (Nancy 2000, S. 45) Am einen Ende ist er angebunden an die Erinnerungen, die Vergangenheit, an den, der ich einmal gewesen bin und immer noch bin. Das andere Ende ist offen. Darin besteht die Freiheit meiner Existenz. Ich kann es an jeden gegenwärtigen Augenblick binden, den ich so in meinen Lebensfaden einbinde. So werden die vielen Gegenwärtigkeiten zur Wirklichkeit des Lebens. Etwas an der Fremdheit des Eindringlings nehme ich in mich auf: die Antikörper, die Erinnerung an den Schmerz, das Gedenken an mich während der Zeit des Elends.

Ich lebe mit Covid. Das ist der Unterschied zum rein philosophischen Versuch, wie ihn z.B. Giorgio Agamben (2021) vorlegte. Er warnt vor der biopolitischen Macht des Ausnahmezustandes der verschiedenen pandemischen Gesetzgebungen, die unbemerkt zur Regel werden können (2021, S. 38 ff.) Durch die Infektion und das daran sich anschließende Kranksein ist das Coronavirus nicht nur eine abstrakte Möglichkeit, sondern ein „Teil meines In-der-Welt-seins“ (Agamben 2021, S. 150) geworden. Es ist mir nicht ganz gelungen, während der Quarantäne „angemessene Vorkehrung zu treffen, ohne mich jedoch in Panik zu versetzen“ (Agamben 2021, S. 151), da ich meine Kräfte, auch die Kraft zum Denken, meine Konzentration und die Selbstverständlichkeit der Worte schwinden sehe – nicht wissend, wie vollständig ich mich erholen werde. Die Furcht davor, dass ich nach den ersten Altersschüben in einer nächsten Schwundstufe meiner selbst zu leben habe, hat nichts gemein mit dem „Ohnmächtig-sein-Wollen gegenüber dem Ding, das Furcht einflößt“ (Agamben 2021, S. 148). Ich erlebe es auch nicht als „Gegenteil vom Willen zur Macht“, wie Agamben an der Stelle weiter raisoniert. Die Ohnmacht kann ich nicht wollen. Sie stellt sich ein, wenn das Fremde ungefragt in mich eindringt und dort Prozesse auslöst, die zunächst durch den Körper zum Überleben hin gesteuert werden, das ich als Möglichkeit ergreifen kann – ebenso wie das Ableben, wenn die Abwehr versagt. Das ist meine Freiheit und meine Verantwortung, ein human verstandener Wille zur Macht: leben oder sterben.

Quellen:

Agamben, G. (2021): An welchem Punkt stehen wir? Die Epidemie als Politik. Wien (Turia+Kant)

Nancy, J.L. (2000): Der Eindringling. Das fremde Herz. Berlin (Merve)

Etymologisches Wörterbuch des Deutschen ( 1989; ed. Pfeifer, W.). Band 1. Berlin (Akademie Verlag)

Mein Altern

Es sind die Körperweiser (Riedel & Bögner 2021), in denen sich mitteilt, was wir gerne überhören, übersehen, übergehen. Auch mein Körper setzte für mich so ein Ausrufezeichen. Ich war nämlich drauf und dran, meinen Ruhestand wieder in Berufszeit umzuwandeln. Der Selbsttäuschung gab ich den Namen „aktiver Ruhestand“. Nein, es sollte nicht der „Unruhestand“ anderer Rentner sein, immer mit etwas beschäftigt, ohne Zeit und Ruhe für die Unterbrechung zu haben und dann doch im Fitnessstudio sich stundenlang von Mitschwitzender zu Mitschwitzendem durch zu plaudern. Es sollte ein strukturierter, Forschungsziele verfolgender Ruhestand sein, in dem disziplinierte Recherche und Lektüre sich mit produktiven Schreibphasen und wiederkehrender Dozenten- und Referententätigkeit abwechselte. Aktivitäten eben, die sich an meine beruflichen Tätigkeiten anschlossen – jetzt mit anderem Schwerpunkt und in selbstgesetztem Rahmen. Die Pandemie lud geradezu zu solchem Rückzug in die intellektuelle Innerlichkeit ein. 

Und dann streikten Ende März diesen Jahres mein Herz und meine Lunge. Die Sprache meiner Körperweiser wurde unüberhörbar: Es ist zu viel. Es dauerte mehrere Wochen, bis ich mich langsam und zögerlich auf den von meiner Schwäche, Mattigkeit, Ermüdbarkeit, Erschöpfung gewiesenen Weg der Selbstaufmerksamkeit begab. Ich kenne die Beschwerden aus meinem Beruf, als Therapeut und als Betroffener. Doch jetzt? Im Ruhestand, nach einem guten Jahr des Rückzugs aus jeglicher Behandlungs- und Beratungstätigkeit. nach dem Ende der Lehrtätigkeit an der Hochschule? Es dauerte, bis ich einsah, dass ich es auch ohne stetige berufliche Verpflichtungen schaffte, Arbeitsstrukturen aufzubauen, durch die ich mir mehr abverlangte, als gut ist für mich. Keiner verlangt von mir, ein 900 Seiten dickes, schwieriges philosophisches Werk innerhalb einer bestimmten Zeit durchzuarbeiten, also wichtige Quellenangaben zu verifizieren, mich in Quellentexten der argumentativen Kontexte des Autors zu versichern, zu exzerpieren und gleich kritisch zu kommentieren. Wissenschaftlich-forschende Lektüre eben. Keiner verlangt von mir, täglich eine bestimmte Anzahl von Textseiten zu produzieren, nicht als Entwürfe, sondern möglichst nah an der Druckreife. Daneben verfasste ich noch eilig den einen oder anderen Fachartikel, optimierte meine Kursunterlagen oder erstellte neue Workshops. 

Es war einfach zu viel für mich. Denn in den Ruhestand einzutreten, dafür gab es ja gute Gründe, die mit mir persönlich zu tun hatten. Längst verlangten intensive Arbeitsphasen deutlich verlängerte Regenerationszeiten. Längst sah ich es nicht mehr ein, mich in den beruflichen Arbeiten an widersinnige Bedingungen von Auftraggebern anzupassen – oder mich für undurchdachten Schwachsinn eines Arbeitgebers einzusetzen. Ich wollte die Ruhe, die Unbeschwertheit und die Zeit haben, mich dem zu widmen, was ich für sinnvoll hielt. Ich wollte meine Fähigkeiten und meine Energie für meine persönlichen Projekte einsetzen, ausschließlich und ohne Verhandlungen. So hatte ich mir meinen Ruhestand vorgestellt: in Maßen wissenschaftlich aktiv, in mein Klavierspiel investieren, mich lustvoll fit zu halten, immer wieder einigen Referentenverpflichtungen nachzugehen  und für die wenigen wichtigen Menschen im Leben erreichbar zu sein. Die Pandemie brachte einiges durch einander. Und ich selbst auch, wie meine Körperweiser erzählen. Eines hatte ich nämlich bei alldem übersehen: mein Altern. 

Der Ruhestand bezieht ja seinen ureigenen Wert daraus, das Leben so zu gestalten, dass dessen Grundspannung den faktischen Kräften angepasst ist. Das ist leicht geschrieben und doziert, verlangt in der persönlichen Verwirklichung einige Aufmerksamkeit für jemand, der einem der nächste ist, den man jedoch gerne übersieht: Aufmerksamkeit für mich selbst. Wie verändere ich mich? Wie verändert sich mein „Wertgesichtsfeld“ (Böschemeyer o.J., S. 155)? Wie verändern sich mein Energiehaushalt und meine Kräfte? Was in mir und an mir braucht sorgsame Zuwendung, Pflege? Welches Verständnis bringe ich mir entgegen, vor allem für das, was ich anders erlebe, als ich es gewohnt bin? Welche neue Gewohnheiten darf ich einfach gut heißen? Wie heißen meine „zweiten Pfeile“ der Selbstabwertung (Hanson & Mendius 2012, S. 68 f.), weil ich nicht mehr so bin, wie ich mich sehe?

Altern hat nichts mit Verschlechterung zu tun. Es bedeutet, dass sich einiges und immer mehr Gewohntes verändert. Manchmal nehme ich auch Schaden: das Herz, die Lunge. Das können dann Körperweiser sein für das, was ich ändern sollte – nicht dringend oder schnell, sondern in der meinem Zustand angemessenen Zeit. Lernen eben, allmähliche Einübung von neuen Anpassungen, die zu veränderten Passungen führen: Es gelingt mir – noch nicht oft genug, aber immer häufiger – auch „faule“ Tage einzulegen. Ich nehme dazu den sanften Druck meines Körpers wahr, der signalisiert: Eine Pause tut dir gut. Nicht beschäftigt beschäftige mich dann mit dem, was ich auch gern mag: Zeitung lesen, meine Fotoamera in die Hand nehmen, in aller Ruhe Brot zu backen oder auch im Internet zu surfen, einfach so, ohne Rechercheabsicht. Und beim Radfahren nicht nur Kilometer zu fressen, sondern auch schöne Ecken zu sehen und in mich aufzunehmen. Es ist fein, mir Zeit für ein ausgiebiges Telefonat für einen der wichtigen Menschen in meinem Leben zu nehmen. Und manchmal gelingt es mir, mir etwas zu gönnen, was ich als junger Mensch gut konnte: einfach in meinem Lieblingsstuhl sitzen und nur da zu sein. Das ist es, was ich mir wünsche, wieder besser zu können, weil es einfach und gut ist. Darum gönne ich es mir, nur da zu sein. Immer wieder einmal.

Böschemeyer, U. (o.J.): Herausforderung zum Leben. Lebenskrisen und ihre Überwindung. Hamburg (Books on Demand)

Hanson, R. & Mendius, R. (4. Aufl. 2012): Das Gehirn eines Buddha. Die angewndte Neurowissenschfat von Glück, Liebe und Weisheit. Freiburg (Arbor)

Riedel, C. & Bögner, F. (2021): Embodied Care. Teil 1 u. 2, in: Praxis Palliative Care Nr. 52 und 53 (Praxisbeilagen)

Und sie trinkt grünen Tee.

Bisher trinkt sie vorwiegend italienischen Kaffee. Die Anlässe sind unterschiedlich. Der Cappuccino zum Frühstück. Untertags, in den Arbeitspausen oder nach dem gemeinsamen Essen Macchiato oder Espresso. Und jetzt: grüner Tee, wenn sie zur Arbeit geht.

Aus der Perspektive des Ruheständlers schwer nachvollziehbar. Denn ich kann mir zu Hause einen Macchiato oder einen Espresso machen, um mich bei der Lektüre oder beim Schreiben zu unterbrechen. Ein Ritual, das wir beide genießen: das Aufheizgeräusch der Kaffeemaschine, der leicht heisere Klang der Kaffeemühle, der Duft des frisch gemahlenen Kaffees, das Einspannen des Siebträgers und das leise Rattern der Maschine, während die ersten Tropfen Espresso in die Tasse rinnen. Schließlich zischt die Dampfdüse beim Schäumen der Milch. Weg vom Schreibtisch, im Sessel oder draußen im Innenhof der kleine Genuss. Die Pause. Das kurze Gespräch, bevor wir wieder zur Arbeit zurückkehren. 

Und jetzt trinkt sie grünen Tee. Er bekommt ihr besser als der fremde Kaffee – und er passt wohl auch besser zu den Arbeitsabläufen im neuen Beruf. Vielleicht lässt sich die jeweilige Berufsumgebung auch dadurch kennzeichnen, was während des Arbeitstages getrunken wird. Während der wenigen Jahre als Mitarbeiter in der Führungskräfteentwicklung erlebte ich, wie kreative, teamorientierte mittelständische Unternehmen ihre MitarbeiterInnen motivieren. Eine wichtige Funktion übernimmt dabei die luxuriöse Kaffeemaschine, feines Kaffegeschirr und eine einladende, zur Kommunikation anregende Launch. Die Gespräche während der Kaffeepausen beginnen oft schon, während die Maschine den Kaffee zubereitet. Die gepflegte Atmosphäre lässt jedes Thema zu, private, teamorientierte und sach- und fachbezogene. Es ist eine Kunst, einen solchermaßen einladenden Raum im Betrieb zu schaffen, der als Oase in der Hektik Beruhigung ermöglicht, als Raum für die kreative Auszeit oder einfach als Ort, einander zu begegnen, dient. 

Wie anders sieht dies im sozialen, pflegerischen oder therapeutischen Berufsumfeld aus. Der neben der Besenkammer kleinste verfügbare Raum oder eine Ecke im Dienst- oder Stationszimmer, eine einfache Kaffeemaschine, die fauchend ein schauriges Getränk fabriziert, das ist eigenartigerweise gerade in beruflichen Umfeldern, die von der Kommunikation leben, die Umgebung für die Auszeit. Nicht viel anders sieht es in vielen LehrerInnenzimmern an Schulen aus oder in Behörden, wo die oft lieblose Kantine auch der Arbeitspause dient. Das Ergebnis ist, dass viele MitarbeiterInnen in solchen Berufsumgebungen das Pausengetränk arbeitsbegleitend zu sich nehmen. Meist wird es von zu Hause mitgebracht. Der grüne Tee eben …

Es ist kulturlos, was in den eben beschriebenen Unternehmenssparten geschieht. Denn die Pause muss gepflegt werden. Sonst verfällt sie und wird sinnlos. Das gilt im Homeoffice genauso wie im Betrieb. Viele haben gerade im Homeoffice der letzten beiden Jahre gelernt, wie notwendig die Pausenpflege ist. Die Pause lebt von Definition und Disziplin. Sie hat einen klaren Anfang und ein klares Ende. Wer die Pause zu sehr dehnt, der bringt sich selbst aus seinem Arbeitsrhythmus. Wer die Pausen vergisst, der bringt sich um den Arbeitsrhythmus. Denn er Arbeitsfluss reißt dann einfach mit, bestimmt den Arbeitenden – und nicht umgekehrt. Insofern ist Pausen machen und einhalten auch Ausdruck der Souveränität der Arbeitenden gegenüber der Arbeit. 

Die Arbeitspausen sind eng mit der Arbeitskultur eines Unternehmens oder des individuell Arbeitenden verbunden. Kultur leitet sich vom lateinischen Verb colere ab. Übersetzt wird es mit pflegen und hegen. Das Ergebnis des Pflegens und Hegens ist der cultus, die Lebensweise und die Bildung. Wer seine Pausen pflegt, der hegt durch die Pausen seine Arbeitszeit ein. Er gibt sich dadurch ein Feedback zu seiner Souveränität. Er nimmt sich die Freiheit zur Pause und verantwortet, wie er sie gestaltet. Deshalb ist die Pause auch Kultur: sie muss auch durch Ort und Rahmen ihren Wert für den arbeitenden Menschen ausdrücken. 

Die Eigenart der Kultur besteht gerade in der Gestaltung des Gewöhnlichen durch den Menschen. Eine Gestaltungsmöglichkeit ist die Interpunktion des Gewöhnlichen. Es wird dadurch unterbrochen, gegliedert und auf eine Ordnung bezogen. Die Pause im Arbeitsfluss interpunktiert ihn, schafft Arbeitseinheiten, fördert Kreativität für das folgende Arbeitspaket und ermöglicht die Reorientierung auf das Arbeitsziel. Durch Pausen gestaltet die/der Arbeitende den Arbeitsfluss zum Arbeitsprozess. Erst als Prozess wird Arbeit beschreibbar, dadurch erklärbar und im besten Fall verstehend nachvollziehbar. Das Unstrukturierte des Arbeitsflusses wird durch die Pause eingehegt. Die Pause stiftet Überschaubarkeit, weil sie die/der Arbeitende souverän setzt, indem er aus dem Fluss heraustritt. Deshalb bedarf Pause eines gestalteten Raumes, des guten Kaffees, der zur beruhigenden Distanz oder zum angeregt-anregenden Austausch einladenden Atmosphäre. Dann wird Pause cultus, eine Lebensweise, eine Bedingung von Bildung. Die Pause verbindet Arbeitsformen und Lebensweisen miteinander, so dass nicht nur produziert wird, sondern Bildung entsteht: cultus und cultura. Pause darf Kult sein, auch mit grünem Tee.

Hintergrundliteratur:

  • Buber, M. (1955): Der Mensch und sein Gebild. Heidelberg (Lambert Schneider)
  • Geyer, C.-F. (1994): Einführung in die Philosophie der Kultur. Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft)
  • Henrich, D. (2006): Die Philosophie im Prozeß der Kultur. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Liessmann, K. (2017): Bildung als Provokation. Wien (Zsolnay)

Der Schmerz

„Der größte Wunsch der Menschen sei es, der Welt deutlich zu machen, welche Verbrechen passiert seien und wie groß der Schmerz sei.“ So greift die Süddeutsche Zeitung eine Äußerung der Außenministerin A. Baerbock während des Besuches am 10. Mai 2022 auf. (https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/baerbock-in-der-ukraine-die-bilder-e877423/) „Wie groß der Schmerz sei“, diese Worte wiegen schwer; denn sie leiten die Aufmerksamkeit auf das, was wir gerne übersehen: den Schmerz der Menschen in der Ukraine. 

Es kommt nicht von ungefähr, dass wir den Schmerz ignorieren. Byung-Chul Han geht in seinem Essay „Palliativgesellschaft. Schmerz heute“ (1. Auf. 2020) der in unserer Gesellschaft verbreiteten „Algophobie“ nach, die er als „eine generalisierte Angst vor Schmerzen“ definiert (Han 2021, S. 7). Abgesehen davon, dass eine generalisierte Angst in klinisch-psychologischer Sicht gerade keine Phobie darstellt (ICD 10 F 40 (Phobische Störungen) und F 41.1 (generalisierte Angststörung)), sprechen die Analysen der Einstellung zum Schmerz durchaus für die These, dass in der europäisch-westlich geprägten Gesellschaft die „Passivität des Leidens  … keinen Platz in der vom Können beherrschten Aktivgesellschaft“ (Han 2021, S. 10) hat. Die „Negativität des Bruchs, die schmerzt“ (Han 2021, S. 13) wird vermieden. „Konflikten und Kontroversen, die zu schmerzhaften Auseinandersetzungen führen könnten, wird immer weniger Raum gegeben.“ (Han 2021, S. 7). Letztlich setzen wir uns durch das Ignorieren des Schmerzes in der „Hölle des Gleichen“ gefangen (Han 2021, S. 13). Widerspruch, Reibung, Schwäche, Erschöpfung werden auf vielfältige Weise, oft in digitaler Form (Han 2021, S. 64 f.) ummantelt, immer mit dem Ziel, das Leben schmerzlos zu machen. Die Abwesenheit des Schmerzes ist vermeintlich das Glück der Behaglichkeit (Han 2021, S. 81). „Die Hölle des Gleichen ist eine palliative Wohlfühlzone.“ (Han 2021, S. 52)

Nun bricht in diese gesellschaftliche Gesamtlage der schonungslose und brutale Krieg des russischen Regimes gegen die Ukraine ein. Er schafft Unsicherheit, Zerstörung und Leid. Menschen sterben. Viele erleben den Verletzungstod nächster Menschen, Verstümmelung und Vergewaltigung, die Vernichtung der Lebensgrundlagen und die Verwüstung des Lebensortes. Viele fliehen, um zu überleben. Die Menschen in der Ukraine leiden gewaltigen Schmerz. Wie gehen wir politisch und gesellschaftlich damit um? 

Einerseits machen wir den Krieg informell unmittelbar verfügbar. Wir können die Medienbilder und Kommentare auf allen Kanälen immer und immer wieder betrachten und anhören. Die Tatsachen wandeln sich dadurch langsam und unmerklich in Information über Tatsachen um. Durch die medialen Wiederholungsschleifen wird Information zum Kommentar und letztlich zu Talkinhalten. Der Schmerz, den die facta bruta auslösen, löst sich in der Talkrunde auf – und die menschliche Reaktion auf den Schmerz unterbleibt. 

Walter Benjamin (1892 – 1940), der kulturkritischer Denker, beschrieb in einem kurzen Text „Erzählung und Heilung“, wie Menschen mit dem Schmerz anderer umgehen: Die Mutter setzt sich ans Bett und erzählt dem kranken Kind Geschichten. Ein Bekannter erzählt Benjamin von der „sonderbaren Heilkraft, die in den Händen seiner Frau gelegen habe. Von diesem Händen aber sagte er: … Es war, als ob sie eine Geschichte erzählten.“ (2011, S. 469) Sprechen und Berühren, das sind menschliche Verhaltensweisen zum Schmerz anderer. Benjamin reflektiert dazu: „Bedenkt man, wie der Schmerz ein Staudamm ist, der Erzählströmung widersteht, so sieht man klar, daß er durchbrochen wird, wo ihr Gefälle stark genug wird, alles, was sie auf diesem Weg trifft, ins Meer glücklicher Vergessenheit zu schwemmen. Das Streicheln zeichnet diesem Strom ein Bett.“ (Benjamin 2011, S. 469) Flüchtige aus dem Kriegsgebiet werden bei ihrer Ankunft umarmt und sie werden angesprochen. Die Hilfsbereitschaft ist enorm, wenn der Schmerz der Menschen unmittelbar begegnet. Was aber ist mit dem Schmerz derer, die in der Ukraine bleiben?

Einerseits machen wir den Krieg informell unmittelbar verfügbar. Das fördert die Solidarität mit den Menschen, die in ihrer Not auf uns zukommen und sich uns anvertrauen. Andererseits stellt sich die Frage: Wie begegnen wir dem Schmerz der Geflüchteten? Wie begegnen wir dem Schmerz derer, die in der Ukraine bleiben? 

Was auffällt, ist ein unglaublicher politischer Rüstungsaktivismus. Es irritiert schon, wie plötzlich auch politisch Verantwortliche der Parteien, die sich bisher mindestens friedensorientiert gaben, ungeheure Beträge für Rüstungsgüter mobilisieren. Noch mehr irritiert, dass das Thema der Waffenlieferungen und der militärischen Unterstützung zu affektiv aufgeladener Getriebenheit führt, vor allem bei PolitikerInnen, die die Kriegsorte der Ukraine besuchten. Aktivismus ist auch eine Form der Schmerzignoranz, wenn er vorwiegend durch die Bewältigung der subjektiven Betroffenheit motiviert ist. Aktivismus verdeutlicht unser mangelndes Vermögen, uns dem Schmerz zu stellen. Aktiv glauben wir, über den „Staudamm des Schmerzes“ (W. Benjamin) hinweg zu kommen. In all den kommentierten Aufregungen jedoch fehlt die Erzählung dessen, was die vielen Menschen im Krieg wirklich betrifft. Der Schmerz am Leben, den die vielen physischen, mitmenschlichen und sicher auch ideellen Wunden wachrufen und aufrecht erhalten, ist in allem Gerede nicht hörbar. Es entsteht keine lindernde Erzählströmung, die den Staudamm Schmerz durchbricht, weil kaum jemand zu diesen Erzählungen bereit ist. Dann für den Erzählenden wäre die entschiedene Wahrnehmung des Schmerzes, das Sich-dem-Schmerz-Stellen, der Ausgangspunkt seines Erzählens.

Was also ist der Schmerz, dass wir ihn ignorieren?

Schmerz tritt bei körperlichen, psychischen und sozialen Verletzungen auf. Er macht auf sie aufmerksam. Zuerst wird verspürt, dass eine Verletzung eingetreten ist. Dann wird die Aufmerksamkeit auf das am Menschen gelenkt, was verwundet ist. Der Schmerz aktiviert also die Selbstwahrnehmung. Wer Schmerz erlebt, ist in seiner ganzen Person davon betroffen. Er fühlt sich geschmerzt. (Kuhl 2010, S. 476 f.) Häufig tritt der Schmerz gemischt mit Angst auf (Aulbert 2007, S. 250). Die Angst warnt vor Bedrohung. Der Schmerz macht auf die erfolgte Verletzung aufmerksam. Er wird durch Angst verstärkt, wenn von der Verletzung eine innere Bedrohung für den Betroffenen ausgeht. Es geht jetzt um Schutz des verletzten Menschen.

Die äußerst verknappte Beschreibung des Schmerzes darf nicht darin täuschen, dass die Schmerzforschung bis heute das Phänomen Schmerz nicht definieren kann. Vor allem die existenzielle Dimension des Schmerzes erscheint allein mit biologischer und psychologischer Forschung kaum zugänglich zu sein. „Der Schmerz ist offenbar mehr als nur ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis. Als Gegenpol zum Wohlbefinden und als verbindendes Gefühl mit anderen führt er uns durch die Welt. Unser Umgang mit dem Schmerz erzählt etwas darüber, wie wir zur Welt stehen, welche Werte wir leben, wie es um uns bestellt ist. Jedes weitere Schmerzerlebnis verändert dieses Bild.“ (Albrecht 2016, S.45) Schmerz ist veränderbar. Er ist dynamisch.

Menschen aus dem Kriegsgebiet sprechen kaum über ihren Schmerz. Schon gar nicht vor der Kamera und ins Mikrophon. Sie erzählen von den Toten in der Familie, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft. Der Lebensort hat sich zum Sterbeort verändert. Sie erzählen vom Verlust des Zuhause, das von Bomben, Brand oder Soldaten verwüstet wurde. Der Lebensraum wurde zerstört, während das Leben im Bunker oder durch Flucht bewahrt wurde. Sie erzählen von Durst und Hunger, vom Wegbrechen medizinischer Behandlung, von notdürftig behandelten Verletzungen. Der vertraute Leib als das Eigene (Blumenberg 2020, S. 770 ff.) wird entstellt und fremd, auch für den Fremden verfügbar gemacht. Es zieht sich, achten wir auf die Erzählungen, mehr als Unterbrechung, es zieht sich ein Riss durch das Leben und die Lebenswelt der Betroffenen. So sehr das Leben lieb ist, so fremd wird es im Krieg vor sich selbst. Das ist Schmerz.

Martin Heidegger (1889 – 1976) fand dafür die Sprache: „Doch was ist der Schmerz? Der Schmerz reißt. Er ist der Riß. … Der Schmerz ist der Unter-Schied selber.“ (Heidegger 1979, S. 27) Im Schmerz erlebt der Einzelne den Unterschied, das, was sein Leben bis zum Schmerzanlass vom Leben im Schmerz unterscheidet. Er erlebt, dass sein Erleben des Schmerzes, so fremd er sich im Schmerz auch werden mag, nicht mit dem Schmerz des anderen austauschbar ist. Der Anlass für den Schmerz mag vergleichbar sein, der Verlust lebenswichtiger Menschen, des Zuhauses, der Sicherheit, der Perspektive. Der Schmerz darüber ist höchstpersönlich. Insofern unterscheidet der Schmerz die Menschen und verbindet sie zugleich: „Der Schmerz umgreift gleichsam unser Leben und fordert uns beständig neu heraus. Es ist viel, was der Schmerz von uns verlangt.“, sagte der hochbetagte und sehr lange mit Schmerzen lebende Philosoph Hans G. Gadamer (1900 – 2002) in einer Vorlesung zwei Jahre vor seinem Tod (Gadamer 2010, S. 27).

Die Herausforderung des Schmerzes ist zunächst eine persönliche: „Unbedingt erforderlich ist es, den Mut nicht aufzugeben, ganz egal wie groß der Schmerz sein mag.“ (Gadamer 2010, S. 27) Schmerz appelliert aber auch an den Mitmenschen, dem Geschmerzten mit Mitgefühl und helfend zu begegnen. Beider bedürfen Menschen im Schmerz, des Lebensmutes, der zuweilen auch die Schwermut sein kann, der dem Geschmerzten Stand verleiht (Heidegger 1979, S. 235), und des Mitgefühls der anderen, die darin zu Mitmenschen werden. 

Um zu erfassen, „wie groß der Schmerz sei“, wie A. Baerbock es sagte, müssen wir uns dem Schmerz stellen. Der Schmerz braucht, zu Sterben und Tod gehörig, wieder Raum in unserem Leben und in unserer Gesellschaft. Auch das gehört zu einem kritischem Pazifismus: Wenn wir uns dem Schmerz der Ukrainer verschließen, werden sie nur als militärisch gerettete „Untote“ überleben (Han 2021, S. 81), nicht als Individuen mit einer höchstpersönlichen Leidensgeschichte. Wir entwickeln nicht das Gefühl einer achtsamen Verbundenheit mit ihnen, das jedem Ukrainer fühlbar macht, dass sein Schmerz von uns ernst genommen wird. Dass das heroische Verhalten sich gelohnt hat, weil auch der Schmerz sein darf. Der Schmerz, mit dem das frische Grab ausgehoben und das neue Haus zum Leben gebaut wird. Der Schmerz, der das Feiern begleitet und in dem die Trauer lebt.

Wir müssen uns auch unserem eigenen Schmerz stellen, damit wir verstehen, dass sich aus der Rolle des Beteiligten am Krieg rasch die Betroffenheit durch den Krieg entwickeln kann. Was schmerzt mich an dem, was Menschen in der Ukraine durch den Krieg erleben? Wozu fordert mich mein Schmerz auf? Halte ich ihm stand, auch wenn es noch lange dauert, bis die Waffen schweigen? Wir werden festen Stand brauchen, die Schwermut, um den Schmerz dieses Krieges mit zu tragen. Wir werden viel Mut brauchen, um den Schmerz wieder mit dem Leben „zu verwinden“. „Nichts läßt den Schmerz am ehesten erträglich werden als das Gefühl, es geht mir etwas auf, mir fällt etwas ein. Es gibt ja immer ein ganzes Arsenal Unerledigtes, das wir zu verwinden trachten. In diesem Sinne ist der Schmerz eine große Chance, vielleicht die größte Chance, endlich mit dem ‚fertig zu werden‘, was uns aufgegeben ist.“ (Gadamer 2010, S. 27)

  • Aulbert, E.  (2017): Psychische Grundlagen von Schmerzempfinden, Schmerzäußerung und Schmerztherapie, in: Aulbert, E., F. Nuack, L. Radbruch (Hg., 2. Aufl. 2007): Lehrbuch der Palliativmedizin. Stuttgart (Schattauer), S. 250 – 258
  • Albrecht, H. (2016): Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte. München (Droemer)
  • Benjamin, W. (2011): Gesammelte Werke II. Frankfurt (Zweitausendeins)
  • Blumenberg (2. Aufl. 2020): Beschreibung des Menschen. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M. (Hg., 10. Aufl. 2018): ICD 10. Internationale Klassifizierung psychischer Störungen. Kapitel V (F). Bern (Hogrefe)
  • Gadamer, H.G. (2. Aufl. 2010): Schmerz. Heidelberg (Winter)
  • Han, B.-C. (3. Aufl. 2021): Palliativgesellschaft. Schmerz heute. Berlin (Matthes & Seitz)
  • Heidegger, M. (6. Aufl. 1979): Unterwegs zur Sprache. Pfullingen (Neske)
  • Kuhl, J. (2010): Lehrbuch der Persönlichkeitspspychologie. Göttingen u.a. (Hogrefe) 

Bitte, geben Sie den Paternalismus auf!

Sehr geehrter Herr Außenminister Kuleba,

„Manchmal ist es günstiger, einem anderen zu helfen und eine kurze Zeit der Entbehrung auszuhalten, anstatt zuhause zu sitzen, Fernsehen zu gucken und nichts zu machen, einfach zuzulassen, dass das Problem letztendlich an die eigene Türe klopft.“(1) Das sagten Sie an die Adresse der Deutschen bei Bild TV, wie heute die Süddeutsche Zeitung zu einer dpa-Meldung berichtet.

Den Stil, in dem Sie und leider auch andere Mitglieder der ukrainischen Regierung, in Ihren Äußerungen gegenüber Europa, dessen Regierenden und der europäischen Bevölkerung pflegen, kann ich nur schwer akzeptieren. Er wird zunehmend unerträglich. 

Ich bleibe zur Veranschaulichung bei Ihrem jüngsten Satz. Er klingt wie aus dem Mund eines Vaters. Sie verkleiden, wie es Väter gerne tun, in Ihrer Abwägung („günstiger anderen zu helfen als zuhause zu sitzen“) einen inhaltlichen Vorwurf in sachliche Sprache. Die Vergleichsform (günstiger als) eröffnet einen scheinbaren Abwägungsspielraum. Den sachlichen Schein daran entlarvt der Inhalt des Vergleiches: Moralisch erwünschtes Verhalten (einem anderen helfen und Entbehrung auszuhalten) wird gegen die bürgerliche Bequemlichkeit (zuhause sitzen, Fernsehen, nichts machen) gestellt. Damit die Kinder die Dringlichkeit des Appells einordnen können, weisen Sie im Folgesatz auf die bedrohliche Folge der Bequemlichkeit hin. 

Der Hinweis auf die Folge, nämlich dass das Problem an die Türe klopft, weil die Kinder „nichts machen, einfach zulassen“, moduliert den Vorwurf in eine moralische Wertung. Sie zeigen uns Nichtentscheidungsträgern, die aus ihrer Sicht zu wenig bereit sind, für die Ukraine aktiv zu werden, wie wir aktiv werden können. Sie verbinden dabei das Helfen, wofür sich Ihr Präsident erst kürzlich wieder ausdrücklich bedankte, mit etwas moralisch Anstrengendem, Entbehrungen aushalten. Das ist eher nicht beliebt, eben weil es um „aushalten“ geht, nicht um „machen“. Flüchtige zu versorgen und Waffen zu liefern ist eben spektakulärer als Preissteigerungen und Verknappungen in einigen Lebensbereichen hinzunehmen. Sie spielen in Ihrer Aussage nicht nur mit dem öffentlichen Ansehen von Tatkraft, sondern vor allem mit der Rangordnung der Wertebreiche. Aushalten im Sinne des entschiedenen, weil sinnmotivierten Leidens an etwas ist ein ranghöherer Wert als die Leistung des Machens und der Tat. Diesen Gedanken trauen Sie, in Ihrer väterlichen – oder eher paternalistischen – Art zu kommunizieren, uns verwöhnten Kindern gar nicht zu. Sie liefern deshalb die moralische Skala in Ihrer oben zitierten Aussage als impliziten Impuls mit. Das erzeugt bei den Kindern Beschämungsgefühle und ein schlechtes Gewissen. 

Ich übersetze Ihre Aussage in die Eltern-Sprache: Ihr Kinder sitzt zu Hause rum, hängt am Fernsehen. Ihr macht nichts und lasst zu, dass das Böse sich in Nachbars Garten breit macht. Ihr solltet endlich aktiv werden, helfen und auch mal aushalten, dass ihr euch einschränken oder anstrengen müsst. Letzteres ist, sehr geehrter Herr Kuleba, nicht – wie Sie euphemistisch sagen- „günstiger“. Es ist das moralisch Erwünschte, auf das Sie hinstoßen wollen. Wenn da nicht der von Ihnen angebotene „faire Deal“ nachgeschoben worden wäre: „Gebt uns alles, was wir brauchen, und wir werden Russland einhegen und in der Ukraine besiegen, damit sie niemals bei euch an die Tür klopfen.“ (Quelle: siehe Fußnote 1) 

Fairness besteht darin, dass das Angebot für beide Seiten realisierbar ist. Fairness setzt nicht nur eine organisierbare Vereinbarung, sondern eine vertrauensvolle Beziehung voraus. Und dann ist das kein Deal mehr. Oder es ist eben nur ein Deal, aus dem man sich bei Gelegenheit wieder herauswinden kann. Ihre Seite des Deals ist „nur“ ein Versprechen. Was an diesem Versprechen aufhorchen lässt, ist das Besiegen Russlands in der Ukraine. Haben Sie also die Überzeugung der Verhandelbarkeit eines Waffenstillstandes, der zu einem Frieden führen kann, aufgegeben? Sind Sie wirklich der Meinung, dass sich ein von Herrn Putin geführtes Russland durch einen Sieg der Ukraine „einhegen“ lässt?

Die Folge dieses „Einhegens“ wird kein Friede sein. Die Folge wäre die angstbasierte Kontrolle Russlands durch militärische und ökonomische Überlegenheit Europas. Abwesenheit von Krieg und Feindseligkeit ist nicht schon Friede, wie I. Kant überzeugend darlegte (2). Friede beruht auf einem komplexen Stiftungsakt, der verbindliches Recht schafft, innerhalb der beteiligten Staaten, zwischen den Völkern und für die gesamte Weltgemeinschaft. Friede setzt also Vertrauen voraus, das sich in Recht ausdrücken lässt. Vielleicht sind mit dem Russland Putins auch nur Deals möglich. Die Europäer jedoch sollten, um an politischem Gewicht zuzulegen, unter einander Vertrauen schaffen.

Paternalistische Einlassungen wie die Ihre, die auf sublime Weise schlechtes Gewissen erzeugen wollen, die das Gegenüber wie Menschen behandelt, die ihre Rationalität und ihren moralischen Sinn dem Wohlleben geopfert haben, sind unangemessen. Auch ich sitze zu Hause und verbringe dort seit dem ungerechten und unverantwortlichen, dem sinnwidrigen und grausamen Angriff Russlands auf die Ukraine, sehr viel Zeit mit Zeitungslektüre, Internetrecherche und Fernsehen zu diesem Krieg. Ich begann mich mit philosophischen Texten zum Frieden zu beschäftigen. Ich versuche, meinen naiven Pazifismus in einen kritischen Pazifismus umzudenken. Ich lese mich gerade wieder einmal in das Thema „Schmerz“ ein, angeregt durch eine Äußerung der deutschen Außenministerin am Dienstag, den 10.05., in der Ukraine: Frau Baerbock wies auf die Notwendigkeit hin, vor allem auch den Schmerz der Menschen im Krieg, ebenso wie die Kriegsverbrechen festzuhalten. Ich weiß, dass Entbehrungen notwendig sind, um nicht nur von militärischer Gewalt gegenüber Russland abhängig zu sein. Ich sehe in den Einschränkungen des Wohlstands eine sinnvolle Form von Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Aber ich mochte es noch nie, paternalistisch behandelt zu werden. Ich lasse mich durch Nachdenklichkeit, die rationale Debatte und auch den direkten moralischen Impuls anregen, wenn mich jemand mit Autorität, menschlicher, rationaler, moralischer, anspricht. Für mich sind Sie mit der – und jetzt bewerte ich bewusst – zuweilen perfiden Hemdsärmlichkeit Ihrer Äußerungen dabei, diese Autorität durch einen nur vermeintlich moralisch autorisierenden Heroismus zu verspielen.

Christoph Riedel

(1) https://www.sueddeutsche.de/politik/konflikte-krieg-gegen-die-ukraine-so-ist-die-lage-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220515-99-292553 [Zugriff am 15.05.2022]

(2) Kant, I. (1984): Zum ewigen Frieden (ed. Buhr, M. & Dietzsch, S., Leipzig (Reclam), S. 14)

Heiligt der Zweck die Mittel?

Viele Waffen. Schwere Waffen. Alle in die Ukraine. Alle gegen Putin. Das scheint die neue Überzeugung vieler deutscher PolitikerInnen zu sein. Die Möglichkeit, den schleppend grausamen Krieg des russischen Regimes in der Ukraine zu beenden, wird als „eine Frage der Verpanzerung“ (Hilmar Klute, SZ Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11) gesehen. Der grüne Politiker Anton Hofreiter kann nicht schnell genug schwere Waffen in die Ukraine bringen. Für Robert Habeck, den grünen Wirtschaftsminister, ist der Pazifismus zu einem „fernen Traum“ geworden (https://www.n-tv.de/politik, am 16.04.2022, 7:05 h, [letzter Zugriff: 16.04.22]). Die Friedensforscherin Claudia Baumgart-Ochse bezeichnet das einstige Motto der Friedensbewegung „Frieden schaffen ohne Waffen“ als „akut naiv“ ((https://www.n-tv.de/politik, am 16.04.2022, 13:02 h [letzter Zugriff: 18.04.2022]). Das Motto spreche der Ukraine schlicht das Recht ab, sich militärisch zu verteidigen.

Die friedenspolitische Idee des Pazifismus kann ideologisch eng geführt werden, indem das Prinzip des vollständigen Verzichts auf Waffen absolut gesetzt wird. Ein naiver Einfluss auf das politische Verhalten der Bundesrepublik im Blick auf Waffen und militärische Einsätze darf jedoch nicht mehr unterstellt werden. Deutschland gehört zu den größten Waffenexporteuren weltweit. Seit dem Engagement in den Balkankriegen 1999 im Kosovokrieg nehmen deutsche Truppenkontigente, zuweilen auch mit robustem Mandat, an sog. Friedenseinsätzen teil. Es war der grüne Außenminister Joschka Fischer, der in heftigen innerparteilichen Diskussionen den Pazifismus einer pragmatischen Reflexion unterzog. Deutschland beruhigte sich damit, seine Parlamentsarmee vorwiegend humanitär zu beauftragen. Das ökonomische Interesse und der damit verbundene Wohlstand, von dem wir in unserem Land profitieren, sollte so auch am Hindukusch verteidigt werden. 

Der Angriffskrieg des russischen Regimes auf die Ukraine „hat in Deutschland eine Gesellschaft überrascht, die sich seit Langem in oft öden privatistischen Debatten verloren hat“ (Hilmar Klute, SZ Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11). Man denke an die jüngst heftige Erregung angesichts gendergerechter Sprachfindungen zurück oder die querdenkende Empörung über die pandemiebedingten Freiheitseinschränkungen. Der Debattenkern erschien berechtigt, die affektiven Tumulte um ihn herum hingegen äußerst fragwürdig. 

Und jetzt, seit dem 27. Februar: die „Zeitenwende“: „Das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“ (https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw08-sondersitzung-882198, [letzter Zugriff: 23.04.22]) Hat der Bundeskanzler damit nur eine radikal andere Haltung zu Rüstung und damit zur Wehrhaftigkeit der Bundesrepublik gemeint? Dann drückten die gewaltigen Milliardenbeträge, die in Ausrüstung und konkrete Unterstützung der Ukraine fließen, eine Abkehr vom pazifistisch-humanitären Grundton unseres Landes, hin zum wehrpolitischen Militarismus als der naheliegenden Doktrin der Wehrhaftigkeit aus. In diesem Fall hat R. Habeck recht: Dann ist Pazifismus wirklich ein ferner, möglicherweise verkümmernder Traum.

Ja, die Ukraine muss unterstützt werden, militärisch, humanitär, demokratisch. Der Krieg des russischen Regimes ist ein unberechtigter Angriffskrieg, in dem völkerrechtswidrige Verbrechen an der zivilen Bevölkerung in unerträglichem Ausmaß begangen werden. Er dient der zerstörerisch sinnlosen und widerrechtlichen Annexion von Land, das zum Hoheitsgebiet der ukrainischen Nation gehört. Der Krieg ist dennoch auch ein Krieg, in dem Aggressoren und Verteidiger sich destruktiver Waffen bedienen. Es geht aus unterschiedlichen Motiven darum, den anderen zu beschädigen, notfalls zu töten. Immer trifft der Krieg Soldaten, die ermordet, verwundet und gefangen gesetzt werden. Er zerstört den Lebensraum und die Lebenswelt vieler Menschen in der Ukraine. Er bedroht plötzlich unsere europäische Demokratie von außen, nachdem sie in den letzten Jahren leichtfertig, desinteressiert und immer wieder auch gewaltsam von innen ausgehöhlt wird. Er bedroht die Prosperität Europas, die sich in ihrer zweifelhaften Dialektik zeigt, Lebensnerv und Lebensbedrohung gleichzeitig zu sein.

Die Feststellung von Bundeskanzler Scholz zum Krieg in der Ukraine „Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“, enthält ein oft übersehenes kritisches, pazifistisches Potenzial: Wir lernen gerade, dass uns jedes Mittel recht ist, wenn es um unsere Sicherheit, d.h. die Planbarkeit, die Prognostizierbarkeit, die weitestgehende Eliminierung des Zufälligen geht. „Im Vertrauen darauf, dass wir das Gute wollen – den Wohlstand, den Fortschritt, das Wachstum, die Gerechtigkeit, die Gleichheit, den Gewinn und die Unsterblichkeit-, riskieren wir die Zukunft dieser Erde.“ (Köhlmeier & Liessmann, 2019, S. 169) Gerade riskieren wir mit dem militnaten Ruf nach militärisch schweren Waffeneinsätzen, aller neuer Bündnismoral zum Trotz, mindestens die Zukunft Europas. Wenn man den politischen Mitteln und den rationalen Diskursen nicht mehr traut, denn müssen eben Waffen entscheiden. Und rasch sind einmal wertvolle Ideen, wie der Pazifismus, zum „fernen Traum“ und als „akut naiv“ erklärt. Am Ende heiligt eben doch der Zweck die Mittel. 

Das Dilemma, in dem wir uns befinden, kann ethisch in folgender Frage beschrieben werden: „Was ist verdammenswerter: Jemanden zu unterwerfen oder sich jemandem zu unterwerfen?“ ((Köhlmeier & Liessmann, 2019, S. 73) Es geht in der Frage um eine „moralische Beurteilung von Machtverhältnissen“ (Köhlmeier & Liessmann, 2019, S. 73), zu der uns plötzlich und lebensnah der widerrechtliche Gewalteinsatz W. Putins in der Ukraine zwingt. Was der derzeitige Trend zur Militarisierung als Machtmittel nach der Politik zeigt, ist die – hier wirklich naive! – Bereitschaft, sich der Gewaltanwendung des russischen Regimes zu unterwerfen und mit den gleichen Mitteln zurück zahlen. Dann entscheiden nicht mehr Politiker, sondern Militärs über unsere Zukunft.

Den Differenzpunkt bei aller Notwendigkeit zu entschlossenem militärischem Widerstand setzt ein kritisch verstandener Pazifismus, den ein besonnener General a.d. wie Erich Vad setzt, wenn er warnt, „die Lieferung schwerer Waffen käme einem Kriegseintritt Deutschlands extrem nahe“ (Hilmar Klute, SZ Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11). Es sind führende Kräfte der Bundeswehr, die befinden, „dass es gerade nicht die Stunde der Bundeswehr ist, die schlägt“ (Hilmar Klute, SZ Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11). Vielleicht ist darin auch die vermeintliche Zögerlichkeit von O. Scholz begründet.

Kritischer Pazifimus beruht auf Mitgefühl. Mitgefühl, achtsamkeitspsychologisch gesehen, verbündet sich mit den betroffenen Menschen und schafft mit ihnen zusammen eine reflexionsfördernde Distanz zu deren Lage. Das ist etwas anderes als Mitleid, das sich mit der Lage des Betroffenen identifiziert und damit jede kritische Distanz unmöglich macht. Betroffenheit durch die im europäischen Kontext unvorstellbaren Gräueltaten Russlands in diesem Krieg, die möglicherweise auch Gräueltaten der verteidigenden Ukraine provozieren, kann ein starkes Motiv für eine neue Sicht der Dinge sein. Sie darf nie zur Denk- und Handlungsform werden, mit der Lage umzugehen. Es ist überaus beruhigend, dass in unserem Land gerade Militärs einen kritischen Pazifismus ins Spiel bringen, wo Politiker betroffenheitsgetrieben agieren. Es ist auch an der Zeit, naive Friedensbewegtheit durch einen kritischen Pazifismus abzulösen. Wo kritische Rationalität ihren Platz behält – und damit ist nicht das neoliberale Denkmuster der unbedingten Wahrung ökonomischer Interessen gemeint -, kann „zentralen Mechanismen kollektiver Unterwerfungsbereitschaft, die auch unter gesellschaftlichen Bedingungen Gültigkeit haben, die weit entfernt scheinen von der historisch kontingenten und überholten Form des Stalinismus“ (Köhlmeier & Liessmann, 2019, S. 75), gegengesteuert werden. Der Zweck, Frieden wieder her zu stellen, heiligt nicht unbedingt jedes Mittel der Kriegsführung. Die Mittel können den Zweck entwerten. Das in rationalen Diskursen auch während der Kriegszeiten zu bedenken, erhält dem Frieden eine realistische Chance. Im Frieden wollen wir doch alle nach diesem ungerechtfertigten Krieg leben. Mit dem Wissen, dass er nicht selbstverständlich ist.

Quellen:

Klute, H.: Eine Frage der Verpanzerung, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11

www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw08-sondersitzung-882198

https://www.n-tv.de/politik vom 16.04.2022

Köhlmeier, M., Liessmann, K.P. (2019): Der werfe den ersten Stein. Mythologisch-philosophische Verdammung. München

Ecce homo

Frauen: Friedensgestalten im Krieg

Es sind die Frauen im Verteidigungskrieg der Ukraine, die inmitten des mörderischen Geschehens das Gesicht des Menschlichen zeigen: Ecce homo! Sie sind der gequälte, misshandelte und missbrauchte Mensch, das Opfer schlechthin. Sie sind die einsamen Fliehenden, in deren Schutz die Kinder über die Grenzen und in ihnen fremde Länder gelangen. Sie sind die mutigen für den Frieden eintretenden Politikerinnen und Bürgermeisterinnen der Ukraine. Sie kämpfen als Soldatinnen. Wie verhärmt, erstarrt und unbeweglich unbewegt, fast leblos wirken die alten Männer des russischen Regimes gegenüber diesen Frauen der Ukraine.

Die medialen Bilder zeigen viele dieser Frauen auch unter den entwürdigenden Umständen des Krieges in ihrer Würde: als Großmütter und Mütter auf der Flucht, als junge Frauen, die ihre besorgte Angst in die Mikrofone sprechen, die in ihren Städten bleiben oder auf dem Weg außer Landes sind. Sie zeigen und sagen, was sie sich wert sind. Es beeindruckt, über wieviele Politikerinnen auf allen Ebenen des Staates die Ukraine offensichtlich verfügt. Und es beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie in diesen Zeiten ihre Aufgaben wahrnehmen.

Der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco publizierte 2004 eine Nacherzählung der Ilias Homers. Sie erschien unter dem Titel „So sprach Achill“ in deutscher Übersetzung. Fünf Frauen erhalten darin ihr eigenes, dem homerischen Epos über den Krieg um Troja abgelauschtes Wort: Hekuba, die Frau des Priamos, des Königs von Troja; Helena, die von Paris ihrem griechischen Gemahl Menelaos entführt wurde, was zum Anlass des Krieg der Griechen gegen Troja wurde. Andromache ist die Frau des Hektor, des heldenhaften Sohns des Priamos und Gegenspielers zu Achilles auf der Seite der Griechen. Die Amme, die am Hof die Töchter und Söhne des Königspaars betreute, verfügt über ein intimes Wissen über die Beziehungen am Hof. Und Kassandra, die Seherin, auch eine Tochter des Priamos, die den König vor dem Holzpferd der Griechen vergebens warnte, das als „Trojanisches Pferd“ die Eroberung Trojas einleitete. Diese Frauen geben der Ilias, dem großen Kriegsepos, eine „weibliche Seite“, wie Baricco im Nachwort zur Dichtung schreibt (S. 185). „Oft sind es die Frauen, die den Wunsch nach Frieden direkt äußern. Sie verkörpern, an den Rand der Kämpfe verbannt, die beharrliche und beinahe unerlaubte Hypothese einer alternativen Kultur, die von der Pflicht des Krieges nichts weiß. Sie sind überzeugt, dass man anders leben könnte, und sie sagen es.“ (S. 185)

Andromache, die Frau Hektors, nähert sich ihrem kriegsbereiten Mann und hindert seinen Weg auf das Schlachtfeld. Mit dem gemeinsamen Sohn, „schön wie ein Stern“ (S. 60), stellt sie sich Hektor in den Weg, ergreift seine Hand – und der Krieger bleibt stehen. „Und lächelte. … Hektor lächelte.“ (S. 60), wie die Amme als Augenzeugin berichtet. Andromache ergreift die Hand ihres Mannes. Sie kennt die Grausamkeit des Feindes; denn Achilles ermordete ihre Familie in der Schlacht um Theben: „Hektor, du bist mein Vater, meine Mutter und mein Bruder, und du bist mein junger Gemahl: hab Mitleid mit mir, bleib hier auf dem Turm. Kämpfe nicht auf freiem Feld …“ (S. 60 f.). Hektor legt seinen Helm ab und nimmt seinen Sohn in die Arme, küsst ihn – und geht zur Schlacht. Er stirbt durch die Lanze des Achilles.

„Dein Antlitz war so schön. Und jetzt schleift es im Schmutz mit den schönen braunen Haaren, die jetzt ausgerissen im Staub fliegen.“ (S. 160) Inmitten des jähesten Schmerzes, den Partner für das Leben, den Vater des gemeinsamen Sohnes verloren zu haben, holt sie, die Frau des Getöteten, den Krieger ins Menschsein zurück: „Unter den schwarzen Schiffen bist du jetzt Beute der Würmer, und dein nackter Körper, den ich so liebte, wird zum Fraß der Hunde.“ (S. 160) Andromache klagt von ihrer Liebe, von der Schönheit ihres Mannes und ihrem Begehren nach ihm. Sie klagt von den braunen Haaren, die „ausgerissen im Staub fliegen“. Sie klagt von seinem „nackten Körper, den ich so liebte“. Es ist die menschliche Klage einer liebenden Frau, die ihrem Mann eine andere, strategische Rolle im Krieg angeboten hatte. Sie ist Witwe, in Hektors Haus zurückgelassen im Schmerz. 

Die Ilias unterbricht mit der Klage Andromaches die Gewalt des Kampfes mit der grausamen Rollenverteilung von Verlierer und Sieger. Es sind Menschen, Einzelne mit ihrer erzählbaren Geschichte, mit ihrer greifbaren Schönheit und ihrem persönlichen Wert, die im Staub und Schmutz, in der Verwüstung des Schlachtfelds einen namenlosen Tod sterben. Es sind die zurückbleibenden Frauen, die klagend und auch anklagend von der Schönheit und der Liebe, von der intimen Bedeutung der Getöteten erzählen. Diese Erzählungen entbergen das Menschliche im Krieg, dem getraut und auf das vertraut werden kann. Das zu seinem Recht kommen muss. Ohne das ein künftiger Frieden nicht möglich ist.

Weil die Kriegsführenden Menschen sind, grundsätzlich befähigt, zwischen sich und ihrer Pflicht zu unterscheiden, sind sie offen für die weibliche Sicht des Lebens. Baricco nimmt jene Sicht „in den zahllosen Passagen der Ilias [wahr], wo die Helden sprechen, anstatt zu kämpfen.“ (S. 185) Dies verdichtet sich in der berührenden Begegnung von Priamos, dem trauernden König Trojas, und Achilles, dem „höchste[n] Priester der Religion des Krieges“ (S. 187). Priamos macht sich gegen den Rat und die Bitten seiner Frau Hekuba – „Mein Gott, was ist mit deiner Weisheit, für die du so berühmt warst?“ (S. 163) – ins Heerlager der Griechen auf. Er will von Achilles den Leichnam seines gemordeten Sohnes Hektor erbitten. Unbemerkt gelangt er zu Achilles. „Er fiel ihm zu Füßen und umschlang seine Knie. Achill war von Staunen ergriffen, wie versteinert vor Überraschung.“ (S. 167) Die beiden sprechen miteinander, nicht als Sieger und Verlierer, sondern wie die beiden Menschen, die sie jetzt gerade für einander sein können. Sie sehen sich an, weinen mit einander und gewähren sich gegenseitiges Ansehen. „Du hast ein starkes Herz, Priamos. Setz dich hier nieder auf meinen Sitz. Vergessen wir zusammen die Bange, denn das Weinen nützt nichts. Es ist das Geschick der Menschen, im Schmerz zu leben …“ (S. 168). Priamos weigert sich, sich zu setzen: „er wolle den Leichnam seines Sohnes mit seinen eigenen Augen sehen, nur das wolle er, er wolle sich nicht setzen, er wolle seinen Sohn.“ (S. 168) Kurz kippt die Situation in Aggression. Letztlich lässt Achilles aus den Geschenken des Priamos Leinentücher und eine Tunika auf dem Wagen für den Leichnam des Feindes, der für Priamos dessen Sohn Hektor ist. Achilles hebt persönlich den toten Hektor auf den Wagen. Nach dem gemeinsamen Mahl verspricht Achilles Priamos die Unterbrechung des Krieges für die Bestattung und die Ehrung Hektors. „Und dann nahm er meine Hand und drückte sie, und ich hatte keine Angst mehr“, berichtet Priamos (S. 169). 

Inmitten des Krieges ist Unterbrechung möglich, um der Ehre, der Würde des Menschen Raum zu geben. Das wird dann möglich, so sehen wir exemplarisch an der geschilderten Begegnung von Priamos und Achilles, wenn die Kriegsführenden sich für einen Moment als konkrete Menschen sehen, im Schmerz, in der Liebe und im Ruhm. Den Ausgangspunkt bilden oft die Interventionen der Frauen, die den verheerenden existenziellen Folgen kriegerischer Gewalt unmittelbar und in allen destruktiven Dimensionen konfrontiert sind. Sie verlieren nicht nur Männer und Söhne, Familienangehörige, Freundinnen und Freunde. Sie finden sich inmitten der Verwüstungen als letzter Schutz für die Kinder und andere Bedürftige. Sie stehen in den Trümmern der bisherigen Existenz, während die Männer kämpfen. Frauen nehmen am Krieg auf andere Weise teil. Sie schultern die Lebenslast, die der Kampf ihnen als Aufgabe stellt: die Trauer, den Schmerz angesichts der menschlichen, materiellen Verluste. Sie werden missbraucht, gequält, gedemütigt, in der höchstpersönlichen Würde angegriffen. Bei ihnen geht es nie um Glanz und Ruhm. Die Frauen stehen für die Würde des Überlebens. Sie trauen dem Leben mehr zu als nur Krieg, Verwüstung und Tod. Deshalb entscheidet sich daran, wie die Frauen mit dem Schmerz des Krieges umgehen, ob der Frieden eine Chance hat.

Ernst Jünger (1895 – 1998) leitet seinen Essay „Über den Schmerz“ (1934) mit folgenden Erwägungen ein: „Der Schmerz gehört zu jenen Schlüsseln, mit denen man nicht nur das Innerste, sondern zugleich die Welt erschließt. Wenn man sich den Punkten nähert, an denen der Mensch sich dem Schmerze gewachsen oder überlegen zeigt, so gewinnt man Zutritt zu den Quellen seiner Macht und zu dem Geheimnis, das sich hinter seiner Herrschaft verbirgt. Nenne mir dein Verhältnis zum Schmerz, und ich will dir sagen, wer Du bist!“ (Jünger, 2015, S. 145) Hekuba, Andromache, Priamos und Achilles erschließen im Epos der Ilias, das von A. Baricco so kunstvoll nacherzählt wird, dem Hörer und Leser ihr Verhältnis zum Schmerz. Dadurch entsteht für wenige Augenblicke Frieden. Es entsteht diese „andere Schönheit“, die Baricco die des Handwerklichen nennt, in seiner Erzählung. Jene ist die, vielleicht utopische, Alternative zum Krieg (Vgl. S. 191).

Der Frieden wirft ein anderes Licht auf die Menschen und die Welt. Er unterschiedet sich wesentlich von der Übereinkunft, durch die wir Europäer in den letzten Jahrzehnten unser Leben sicher glaubten. „Man betrachtet den Krieg als Übel, das man vermeiden sollte, gewiss, aber man ist weit davon entfernt, ihn als absolutes Übel zu betrachten: Bei der erstbesten, in schöne Ideale eingewickelten Gelegenheit wird es wieder zu einer realisierbaren Option, in den Krieg zu ziehen. Man entscheidet sich manchmal sogar mit einem gewissen Stolz dafür.“ (S. 190) – Macht dieser Teil des Resumees A. Bariccos über die Ilias nicht nachdenklich, auch gegenüber dem Stolz der Verteidiger in der Ukraine? Auch sie führen ihren Krieg. Aus dem Verteidigungshandeln wird immer wieder und immer mehr Angriffshandeln. Das fordert die Pflicht zur Gewalt. Beschämen nicht zugleich die Frauen, die Kinder und Angehörige schützen, mit ihnen fliehen, die Trümmer des Lebens aufzuräumen und zu ordnen versuchen, die die Hoffnung auf das Überleben aufrecht erhalten und sich mutig den für uns kaum vorstellbaren Herausforderungen stellen, beschämen sie nicht alle die im Alter erstarrten russischen Männer des Putin-Regimes? Frauen stellen sich in ihrem schieren Menschsein den Kriegführenden in den Weg. Sie werfen ihre Liebe, ihr Vertrauen auf die Alternativen zum Krieg, ihren Glauben an die Würde des Menschen und ihren persönlichen Schmerz in die Waagschale. 

Wir sollten neben allen lauten Rüstungsforderungen neuerdings immer auch die weibliche Seite des Krieges ansehen. Die Frauen, gerade auch die in politischer Verantwortung, können diese weibliche Seite stark machen. Denn nur dadurch werden die Kriegführenden in eine Distanz zwischen ihrer Pflicht und ihrem Menschsein gebracht, die die Bedingung der Möglichkeit für den Frieden ist. Denn Frieden ist zuerst Waffenstillstand, dann „eine Aufgabe, die nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele (…) beständig näher kommt“ (Kant, 1984, S. 56). 

Der Weg dahin wird damit zu tun haben, was sich für Baricco darin manifestiert, „den Dingen einen starken Sinn zu geben, ohne sie in das blendende Licht des Todes rücken zu müssen. Sein eigenes Schicksal ändern zu können, ohne sich des Schicksals eines anderen bemächtigen zu müssen; es fertig zu bringen, Geld und Reichtum in Bewegung zu setzen, ohne auf die Gewalt zurückzugreifen; eine ethische, sogar sehr hohe Dimension zu finden, ohne sie am Rand des Todes suchen zu müssen; sich selbst zu begegnen, in der Tiefe von Augenblicken und Orten, die keine Schützengräben sind; Emotionen, selbst die ungeheuerlichsten, kennenzulernen ohne auf das Doping des Krieges oder das Methadon der kleinen alltäglichen Gewalttätigkeiten zurückgreifen zu müssen. Eine andere Schönheit, wenn ihr versteht, was ich meine.“ (S. 190) Vielleicht hat diese andere Schönheit sehr viel mit der weiblichen Dimension des Lebens zu tun. 

Quellen:

Zitate nur mit Seitenangabe entstammen

Baricco, A. (2018): So sprach Achill. Die Ilias nacherzählt. Hamburg (Hoffmann & Campe)

Jünger, E. (2015): Betrachtungen zur Zeit. Sämtliche Werke 9/Essays 1. Stuttgart (Klett-Cotta)

Kant, I. (1984, ed. Buhr, M. & Dietzsch, S.): Zum ewigen Frieden. Mit Texten zur Rezeption 1786 – 1800. Leipzig (Reclam)

Frieden und Krieg

Plädoyer für einen kritischen Pazifismus

Immer wieder gehen meine Gedanken zum Gesicht eines jungen Mannes in Mariupol zurück. Ein Pressebild zeigte ihn, wie er bleich, mit starren Augen, versteinert neben seinem Auto steht. Es ist voll beladen inmitten der Trümmer seines Wohnviertels. Es geht um das Leben. Um seines und wahrscheinlich das seiner Familie. Ob er weitergekommen ist? Ob ihm und vielleicht den Menschen, für die er sich verantwortlich fühlt, geholfen wurde? Ob sie den Angriffen des Krieges entkommen konnten? Ist er womöglich schon längst in den Kampf zurückgekehrt?

Im Unterschied zu ihm hatte ich einige Zeit, um nachzudenken. Ich verbrachte einige Tage im Krankenhaus mit der Sorge um mein Herz. Die Situation stellte sich weniger bedrohlich heraus, als es anfangs schien. Dennoch unterbrach sie mein Leben, die vermeintlich selbstverständliche Planbarkeit. Immer wieder sah ich, während ich auf Untersuchungen und Diagnosen wartete, das müde, erschöpfte Gesicht des jungen Mannes vor mir, wie zu einer Maske erstarrt. Der Krieg um ihn herum wird sich nicht als absehbar, die Schrecken, die sich in seinem Gesicht eingeschlossen haben, nicht als durch einige geeignete Maßnahmen linderbar herausstellen. Er muss begreifen, dass der grausame Griff des Krieges nach seinem bisherigen Leben andauern wird. Vielleicht lebt er schon nicht mehr. Getötet wie die Menschen in Butscha und in anderen Orten rund um Kiew, deren Hinrichtung uns alle entsetzt. Das Morden unbeteiligter Menschen, von denen jeder sein höchstpersönliches Leben hat, geht weiter. Putins Krieg verschärft die widermenschlichen Grausamkeiten. Und Selenskyis verzweifelter Friede lässt auf sich warten. Ist er überhaupt noch möglich?

Immanuel Kant (1724 – 1804) stellte im 6. „Präliminarartikel“ seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1796) als Bedingung der Möglichkeit für Frieden fest: „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem anderen solche Feinseligkeiten erlauben, welche das gegenseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen … Denn irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes muß mitten im Kriege noch übrigbleiben, weil sonst kein Friede abgeschlossen werden könnte und die Feindseligkeiten in einen Ausrottungskrieg (bellum interceninum) ausschlagen würde“ (Kant, 1984, S. 11). 

Die Nachrichten und Bilder, die uns aus der Ukraine erreichen, lassen zunehmend daran zweifeln, ob seitens Russlands „irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes“ bleibt. Die Verurteilung und Abwertungen der Politiker in der Ukraine, die wahllose Vernichtung der Bevölkerung und des Lebensraumes durch das kriegführende Regime Putins erschaffen durch verlogene Proganda ein Bild der „Denkungsart“ der ukrainischen Gesellschaft, das Vertrauen weitestgehend unterminiert. 

Die „Denkungsart“ der ukrainischen Gesellschaft und Politik wird demgegenüber von Präsident Selenski und seiner Regierung, von den BürgermeisterInnen der schwer getroffenen Städte als europäisch, demokratisch und auf Rechtsstaatlichkeit gegründet ausgewiesen. Deren Äußerungen zielen auf „irgendein Vertrauen“ gegenüber dem russischen Regime trotz der unglaublichen und grotesken Verstöße gegen das Menschsein und dessen Würde. Verteidigung des Landes und vor allem der Freiheit, die Gestaltung von Gesellschaft und Politik selbst zu bestimmen, stehen bei allem im Vordergrund. Doch auch hier werden getötete Soldaten aufaddiert, werden zuweilen Vernichtungsphantasien gegenüber den russischen Streitkräften laut – und wird der Tod von vielen Menschen in Kauf genommen und als Preis der Freiheit vermarktet.

Kant hält in der Vorüberlegung zu den „Definitivartikeln“ seiner Schrift fest: „Der Friedenszustand unter den Menschen, ist kein Naturzustand (status naturalis), der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d.i. wenngleich nicht immer ein Ausbruch von Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit denselben. Er [der Friede] muß also gestiftet werden“ (Kant, 1984, S. 13 f.). Friede ist demnach nicht einfach die Abwesenheit von Feindseligkeiten, ist auch nicht der Verzicht auf Bedrohungen. Friede ist ein Zustand als Kategorie sui generis. Friede verfügt über eine dem Zustand eigene Form, die im Staatsbürgerrecht der Menschen, im Völkerrecht der Staaten und im Weltbürgerrecht aller Menschen gefasst ist (Kant, 1984, S. 14 Anm.). Eine Bedingung wirklichen – oder in Kants Formulierung „ewigen“ Friedens – ist das Recht des Einzelnen als Bürger, das Recht verfasster Staaten und als Apriori das Recht jedes Menschen als Mitglied der verfassten Menschengemeinschaft. 

Kann Friede also gestiftet werden, wenn Russland fortwährend Recht bricht? In dem es den ukrainischen Staat als nichtexistent betrachtet, bricht es Völkerrecht. Indem es Zivilisten unmittelbar persönlich angreift und tötet, setzt sich das kriegführende Regime auch über das „Weltbürgerrecht“ des Menschen hinweg. Immer mehr weicht ein noch irgendwie geartetes Vertrauen gegenüber dem Regime, das ja auch das Staatsbürgerrecht der eigenen Bevölkerung mit Füßen tritt, einem bedrohlichem Zutrauen, nämlich des Schlimmstmöglichen. Insofern ist wohl eine Waffenstillstandsvereinbarung als Schwundstufe eines Friedensschlusses das derzeit sinnvoll Anzielbare.

Friede ist das noch längst keiner. Friede ist „shalom“. Dieser hebräische Begriff  ist im Alten Testament zentral und zunächst nicht metaphysisch aufgeladen. Frieden gründet im Bund, der als Rechtsverhältnis formal „die stärkste Garantie für ein menschliches Gemeinschaftsverhältnis“ (v. Rad, 1969, S. 144) beschreibt. „Shalom bezeichnet nämlich die Unversehrtheit, die Ganzheit eines Gemeinschaftsverhältnisses, also einen Zustand harmonischen Gleichgewichtes, der Ausgewogenheit aller Ansprüche und Bedürfnisse zweier Partner. So will ein Bundesschluss einen Zustand der Intaktkeit, der Geordnetheit und Rechtheit zweier Parteien erzielen, um auf dieser Rechtsgrundlage eine Lebensgemeinschaft zwischen zwei Partnern zu ermöglichen.“ (v. Rad, 1969, S. 144) Friede bedeutet zum einen das formale Rechtsverhältnis der Harmonie. Jene darf nicht mit Monotonie verwechselt werden, dem Einklang. Harmonie ist Zusammenklang zwischen unterschiedlichen Stimmen, die sich im Prozess aufeinander abstimmen. Zum anderen ist Friede ein zwischenmenschlicher Akt, der sich in unablässigen Abstimmungsdiskursen vollzieht, um „Rechtheit“ zu erzielen. Er ist das gelebte Verhältnis der „Intaktheit“ und „Geordnetheit“ einer Gemeinschaft, die laut Kant als „allgemeiner Menschenstaat“ (Kant, 1984, S. 14 Anm.) sich entfaltet. Dazu gehören auch Akte der wiederkehrenden Friedensstiftung, wenn Leiden die Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit im „allgemeinen Menschenstaat“ unterbricht. 

Die „Kritische Theorie“ hat dafür eine philosophische Denkfigur entwickelt, die der Theologe Johann B. Metz (1928 – 2019) aufgreift: Er schreibt dem politischen Handeln das „Gedächtnis der Leidensgeschichte des Menschen“ (Metz, 1977, S. 92) ein. „Es verhindert ein rein technisches Verständnis von Freiheit und Frieden; es läßt keinen Frieden und keine Freiheit zu auf Kosten der verdrängten Leidensgeschichte anderer Völker und Gruppen.“ (Metz, 1977, S. 92) Das Leid ist immer das Leid einzelner Menschen und entwickelt sich zur Leidensgeschichte einer Gemeinschaft, in dem die unterschiedlichen Stimmen der Leidenden erhalten bleiben müssen. Die Erzählungen dieses Leides leben von den Erzählungen der Leidenden. Sie können „gefährlich-befreiende Geschichten“ (Metz, 1977, S. 96) werden, narrative Ermöglichungen des Friedensprozesses. 

Frieden beruht auf Stiftungshandeln aus der Erinnerung des Leides, so lassen sich Kant und die Kritische Theorie zusammendenken. Der Friedensprozess fordert ständige Abstimmungsdiskurse, in denen Menschen „Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit“ für die jeweilige Lage herstellen, wodurch sie ihr Gemeinschaftsverhältnis lebenswert erhalten. Frieden ist also auch im Sinne Kants ein kultureller Prozess, der von Unterbrechungen nicht verschont bleibt, in denen Leid erlebt wird. Die Erinnerung der Leiden schafft damit „Zukunftsgehalt“ (Metz, 1977, S. 94), die Ermöglichungsbedingung für Frieden. Das ist die wichtige Erweiterung, die die Kritische Philosophie des 20. Jhdts. vornimmt. 

Aus dieser Sicht heraus erscheint es mir falsch, den Pazifismus als Naivität abzuschreiben, wie das leider auch die Partei so eifrig tut, die sich auch als pazifistisches Projekt gegründet hat, die GRÜNEN. Vielleicht kann der andere Koalitionär, die SPD, aus ihrer Tradition der Solidarität mit den Leidenden heraus, daran erinnern, dass Friede kein Naturzustand ist und immer wieder durch Leid unterbrochen wird. Frieden ist zu stiften. Indem die Leidensgeschichten erinnert und die „Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit“ für die künftige Gesellschaft nach dem Krieg erarbeitet werden. Vielleicht gelingt es im politischen Handeln, das Notwendige in der Kriegssituation zu tun, um die Ukraine unbedingt und militärisch zu unterstützen, vor allem um der Menschen willen. Vielleicht gelingt es – im Sinne eines kritischen Pazifismus – schon jetzt, sorgsam die Erzählungen des Leides einzufangen und zu bewahren, um den Leidenden zu ihrem Recht und zum Vertrauen auf das Leben zu verhelfen, wenn Ruhe einkehrt. 

Ruhe ist wohl die poetische Bedingung für den Frieden, wie sie Nelly Sachs (1891 – 1970) verdichtet pointiert:

Frieden

du großes Augenlid

das alle Unruhe verschließt

mit deinem himmlischen Wimpernkranz

du leiseste aller Geburten

Quellen:

  • Kant, I. (1984; ed. Buhr, M., Dietzsch, S.): Zum ewigen Frieden. Mit Texten zur Rezeption 1796 – 1800. Leipzig (Reclam)
  • Metz, J.B. (1977): Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Mainz (Grünewald)
  • v. Rad, G. (1969): Theologie des Alten Testaments. Band 1. München (Kaiser)

Das Gedicht von N. Sachs findet sich im Nachwort zu:

  • Sachs, N. (17. Aufl. 2020, ed. Domin, H.): Gedichte. Frankfurt (Suhrkamp), S. 134

Zwei Fragen an Herrn Putin

Was bedeutet tot sein für Sie, Herr Putin?

Wie stellen Sie sich Ihr Sterben vor?

Sie muten vielen Menschen den Tod zu. Menschen, die in der Ukraine leben, werden von Soldaten auf Ihren Befehl hin beschossen und ausgebombt. Den Soldaten muten Sie den Tod zu. Den Soldaten der Ukraine, die das Land gegen den aufgezwungenen Krieg verteidigen müssen. Ihren Soldaten, die den Krieg Tag um Tag aufrechterhalten, um Ihre Ziele, Herr Putin, in der Ukraine durchzusetzen. Gehört die Zumutung des Todes an andere zu Ihrer persönlichen Erzählung, mit der Sie sich den Gedanken an Ihr eigenes Totsein erträglicher machen? Hängt die Zumutung des Todes anderer mit den persönlichen Vorstellungen von Ihrem Sterben zusammen?

Sie fragen sich, wie ich dazu komme, genau die zwei Fragen an Sie zu richten?

In meiner psychotherapeutischen Arbeit mit Sterbenden begegneten mir ganz unterschiedliche Erzählungen vom Leben und vom Sterben individueller Persönlichkeiten. Es waren nie einfach Menschen, die ich im Sterben begleitete. Es waren immer unverwechselbare Einzelne. Sie drückten in den Erzählungen eine mehr oder weniger deutliche Intuition ihrer individuellen Würde aus. Immer ging es dabei um das, was sie gerne gemocht oder gewollt hätten. Um das, was sie leben konnten und was nicht möglich war. Es ging auch um das, was sie sich selbst erlaubten und was sie sich nicht zutrauten. Oft ging es auch um das, wovon sie glaubten, sie müssten es leben, weil es sich so gehört. Manchmal vertrauten Sterbende mir eine wohlgehütete Idee an, von der sie intuitiv wussten, wie wertvoll sie für das Leben ist, die sie aber nicht zu verwirklichen wagten. Mit solchen Erzählungen beantworteten sterbende Menschen meine beiden Fragen an sie.

Was nun bedeutet tot sein für Sie, Herr Putin?

Zugegeben: ich kenne Sie nicht persönlich. Ich habe mich, offen gesagt, mit Ihnen und Ihrer Biografie, soweit sie zugänglich ist, bisher nicht beschäftigt. Jetzt werde ich wie viele andere Europäer sehr unmittelbar mit einem Aspekt Ihrer Lebenserzählung konfrontiert: dem Angriffsverhalten, das Sie wahrscheinlich anders umschreiben würden: nämlich als Staatsraison der erforderlichen Verteidigung russischer Interessen. Es ist für Sie wohl hohe Zeit, dieses Projekt an sein Ziel zu bringen. Damit erklären Sie sich persönlich die Notwendigkeit des Krieges in der Ukraine.

Ich stelle mir nun vor, ich säße bei Ihnen am Sterbebett. Ich stelle mir weiter vor, dass wir miteinander ein Mindestmaß an Vertrauen erarbeitet hätten, das eben durch diese Arbeit auch belastbar geworden wäre. So belastbar, dass Sie es wagten, mir die wohlgehütete Idee, den Beweggrund für Ihr Lebenswerk, anzuvertrauen. Wir würden das alles mit ihrem Einverständnis gemeinsam durchdenken, Sie in der Haltung der Begeisterung dafür, ich in kritischer Distanz. In unserer Dihairese der Gedanken und Motive könnte sich etwas auch für Sie Erstaunliches zeigen. Sie wollten ein wirkliches Lebenswerk hinterlassen. Eines, das ihr persönliches Dasein überlebt – oder vielleicht auch so: in dem Sie das persönliche Dasein überleben. Das erreichen Menschen nur, wenn es ihnen gelingt, die Vergänglichkeit durch Überdauerndes zu überwinden. Dafür finden wir in der griechischen Mythologie eine Gestalt: den Heros. Heroen sind Menschen, denen Unsterblichkeit gewährt wurde. Meist zeichnen sie sich wie Herakles oder Achilles durch eine Beziehung zu den Göttern aus. Sie bewirken Außerordentliches und bestätigen dadurch die Berechtigung zur Unsterblichkeit. Oft hat das Außerordentliche mit Kampf und Krieg zu tun, in dem sie erfolgreicher sind als Sterbliche. Ihr Leben wird heroisch.

Könnte es sein, dass die Gestalt des Heros eine Erzählung dafür ist, wie Sie sich Totsein vorstellen: Der Tod beendet mein Leben. Ich persönlich aber überlebe in meinem außerordentlichen Werk. Weil Sie Realist sind, erarbeiten Sie das persönliche, das Leben überdauernde Werk dort, wo Sie sich im Leben vorfinden: in der Politik für Russland. Das ist der greifbare historische Ort, an dem sie sich als unsterblicher Heros bestätigen. Wir würden in dieser Perspektive durchgehen, was Sie als das Lebenswerk ansehen. Sie würden auf Vieles treffen, was Sie sich als heroisches Verhalten oder heroisches Handeln zuschreiben. Sie könnten sich persönlich entlasten, indem Sie die moralischen Kosten der vielen Menschenleben dem heroischen Weg zuschrieben, als eine Art heroischer Notwendigkeit sähen. Das würde die Angst mildern, die Ihnen meine zweite Frage macht: Wie stellen Sie sich Ihr Sterben vor?

Weil Sie dialektisch geschult sind, wissen Sie, dass das Heroische leichter mit dem Tod als mit dem Weg dahin, dem Sterben, zu verbinden ist. Deshalb wehren Sie, wie andere Sterbende das auf ihre persönliche Weise auch tun, meine zweite Frage mit einer Gegenfrage ab: Möchten Sie so wie ich sterben? 

Ehrlicherweise antworte ich: Nein. 

Ich möchte nicht so sterben, wie Sie, Herr Putin. Denn mich trägt die Erzählung vom Heros und seinem Weg heroischer Notwendigkeit nicht. Für mich darf das Leben zu Ende gehen. Ich habe wenig Angst, mir vorzustellen, nicht mehr da zu sein. Mich treibt eine andere Erzählung um: die der möglichen Zufriedenheit mit dem, was mein Leben im Tod geworden ist. Dahin zu kommen, meinen Frieden mit dem Gelebten zu schließen, das beruhigte mich.

Deshalb möchte ich nicht so sterben wie Sie. Mit den Grausamkeiten der politischen Amtsführung, dem Zynismus der Gewalt, die wenig mit Macht zu tun hat, dem immerwährenden Streben nach Sicherung der eigenen Stellung, dem Argwohn und Misstrauen und der damit verbundenen Isolation als Preis dafür, sich die Geschichte des Heros zu erzählen.

Noch leben Sie. Noch bewegen Sie sich im Reich der Möglichkeiten. Noch könnten Sie sich wahrer Freiheit bewusst werden, die Ihnen keine heroische, aber die menschliche Verantwortung für die Welt, in der wir alle leben, zeigt. Vielleicht ist das Ihre eine wahrhaftig menschliche Entscheidung, in Freiheit und Verantwortung getroffen: Ich beende den Krieg gegen die Ukraine und auch die anderen, die ich führe.