Momo

„Wirklich zuhören können nur wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.“ (S. 16) Michael Ende beschrieb vor 50 Jahren damit, was Momo, die Protagonistin seines berühmten Märchen-Romans, jedem gewährte, der sich auf die Begegnung mit ihr einließ: „sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Dabei schaute sie den andern mit ihren großen, dunklen Augen an und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm stecken.“ (S. 17) Zuhören, sich dem anderen zuwenden, ungeteilt und aufmerksam, das Thema zieht sich durch die gesamte Erzählung Michael Endes.

Nach vielen Jahren las ich das Buch jetzt wieder. Ich lauschte den vielen Erzählungen, denen Momo zuhörte. Ich lauschte Momo beim Zuhören. Ich lauschte dem bedachten Sprechen des alten Beppo Straßenkehrer, einem der engen Freunde Momos. Beppo hat die Muße, die Worte sich im Wiedererkennen bilden zu lassen. Langsam spricht er, bedächtig, weil er bedenkt, was er wiedererkennt. „Ich hab uns wiedererkannt. Das gibt es manchmal – am Mittag, wenn alles in der Hitze schläft. – Dann wird die Welt durchsichtig. – Wie ein Fluss, verstehst du? – Man kann auf den Grund sehen. … Da liegen andere Zeiten, da unten auf dem Grund.“ (S. 41) Dem anderen besten, jungen Freund Momos fließen die Worte von der Zunge. Es ist Gigi Fremdenführer. Er findet Geschichten, die er begeistert erzählt. Seitdem Momo seine zuhörende Freundin ist, blühen die Geschichten auf und werden unerschöpflich. 

Worte, Geschichten und Zeit verbinden sich miteinander, wenn jemand wie Momo zuhört. „Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“ (S. 63) Zuhören erschließt die Zeit, in der sich das Leben in Geschichten entfaltet. Lebensgeschichten sind mit der Zeit auf’s engste verbunden und verkümmern, wenn es niemand gibt, der ihnen zuhört, lauscht. Zugewandt, unteilbar, aufmerksam, so dass die Zeit sich im Raum dehnt. 

Nun treten die „grauen Herren“ ins Geschehen des Märchen-Romans hinein. Sie leben vom Optimieren der Menschenzeit. „Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse.“ (S. 66) So stellt sich ein Agent ohne Namen, aber mit Nummer im Friseursalon von Herrn Fusi vor. Zeit, wie sie Momo und ihre viele Freundinnen und Freunde erleben, wird durch die grauen Herren gemessen, zum bezifferbaren Vermögen, das bilanziert werden kann. Ab sofort ist Zeit eine Sache, mit der die Menschen so umgehen lernen, dass immer mehr Zeit für die grauen Herren der Sparkasse übrigbleibt. Zeit vertun, kann sich auf einmal keiner mehr leisten. Um die Schlupflöcher, durch die Zeitvermögen rinnt, zu stopfen, wird das Leben strukturiert und der Alltag optimiert. Unerkannt vermarkten die grauen Herrn die Zeit der Menschen für sich selbst.

Einer der grauen Herren besucht Momo. Sie fand eines Tages im Amphitheater vor der Stadt, wo sie wohnte, eine Puppe. „Guten Tag. Ich bin Bibigirl, die vollkommene Puppe. Ich gehöre dir. Alle beneiden dich um mich.“ Momo nimmt die Puppe. „Ich möchte noch mehr Sachen haben.“ (S. 97 f.) Momo versucht mit der Puppe zu spielen und entdeckt dabei ein ihr fremdes Gefühl, Langeweile.  So fällt ihr Blick auf den grauen Herren, in dessen kalter Nähe Momo im Sommer friert. Er lehrt sie mit der Puppe zu spielen, indem er ihr immer neue Spielsachen für die Puppe schenkt. Irritiert durch die vielen Sachen gelingt Momo zum ersten Mal das Zuhören nicht. „Sie hörte eine Stimme, die redete, sie hörte Worte, aber sie hörte nicht den, der sprach. Sie schüttelte den Kopf.“ (S. 104) Sie weist die Puppe samt der Spielsachen zurück und richtet nach einiger Zeit eine Frage an den grauen Herren: „Hat dich denn niemand lieb?“ Jetzt wendet Momo sich dem Agenten der Zeitsparkasse zu und der erzählt, ohne dass er es wirklich will, den Plan der Agenten und flieht erschrocken vor Momo.

Zeiträuber nisten sich oft unerkannt im Leben ein. Wie die grauen Herren unerkannt sich unter den Menschen bewegen. Sie versprechen uns Entlastung, weil wir Zeit einsparen. Wofür nutzen wir das Zeitkonto? Oft dafür, den Alltag noch enger zu takten, Tätigkeiten und Erledigungen miteinander zu verbinden, verschiedene Ebenen unseres Tuns zu parallelisieren. So machen wir uns vor, noch mehr zu Zeit einzusparen, die wir dann wenig sinnvoll wieder verausgaben. Es ist erschreckend, wie lang wir durch Social-Media-Accounts pflügen, immer rasch ablenkbar durch den unterschobenen nächsten Link, der uns eingesparte Zeit nimmt. Dabei planen wir, um jede erdenklich freie Sekunde gut zu nützen. Auch die Regenerationsphasen werden geplant: die Workout-Session, der Yogakurs, die Wellnesseinheit, eingespannt in die strikte, stetig sich füllende Tagesstruktur. Soziale Kontakte werden neben der Autofahrt zum Einkauf telefonisch abgearbeitet. Die Folgen des Zeitsparens selbst der Kinder beschreibt der Roman mit Kälte, Verdrossenheit, Langeweile und Feindseligkeit. 

Momo findet sich nicht mit der Lage ab. Sie taucht unter Führung der Schildkröte Kassiopeia ein in die Welt des Meisters Secundus Minutius Hora, in der die Lebenszeit jedem Menschen in wundervollen, klingenden Stundenblumen zugeteilt wird. Die Menschen entscheiden dann, lernt Momo, wie sie über die Zeit verfügen. Wir Menschen müssen auf das Herz hören, „um damit die Zeit wahrzunehmen“ (S. 178). Herz und Zeit jedes Menschen, so lehrt Meister Hora Momo, sind miteinander verbunden. „Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?“, fragt sie den Meister der Stunden. „Dann hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind.“, antwortet er. Momo kommt nun ein Gedanke: „Bist du der Tod?“ Hora schweigt eine Weile. „Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr von ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.“ (S. 179)

Momo kehrt aus der Geburtswelt der Zeit zurück in die Lebenswelt, die sich inzwischen für ihre alten Freunde und für die Kinder sehr verändert hatte. Deren Zeit war ebenso getaktet wie die Welt aller anderen. Auf der Suche nach ihren alten Freunden erfährt Momo, was die grauen Herren von ihr erwarten: Sie solle sie zu Meister Hora führen. Der Kampf um die Zeit zwischen Momo und den grauen Herren beginnt. Um den Preis einer Stunde, in der Meister Hora schläft, die Zeit stillsteht und nur Momo über eine Stunde Zeit verfügt, gelingt es die grauen Herrn auflösen, die Zeit wieder befreien.

Wie war es für mich, den Märchen-Roman nach 45 Jahren wieder zu lesen? Zuerst umfing mich wie bei der ersten Lektüre der Zauber des Märchens. Im Unterschied zur ersten Lektüre, in der mich die Zeitvorstellung vor allem anregte, steht mir heute ein anderer Gedanke auf: Wie verhalten sich Momo, ihre Freunde und die Menschen zu einander? Welche Bedeutung hat die Zeit dabei? Momo ist eine Zuhörerin. Im Zuhören ist sie lebendig. Oder philosophisch: Im Zuhören ist Momo. Darin unterscheidet sie sich essentiell von den grauen Herren. Jene fühlen sich als einzelne und als Kollektiv bedroht, weil sie die geraubte Zeit brauchen. Sie machen sich durch die fremde Zeit. Momo ist einfach. Sie ist nicht berechenbar. Wer Momo begegnet, für den hebt sich die Zählbarkeit, die Messbarkeit, die Quantifizierbarkeit, die Statistik auf. M. Ende formuliert das in den Anmerkungen zu seinem Roman so: „Wenn ich das berühmte ‚wertfreie Denken‘ auf die Tatsachen des menschlichen Lebens übertrage, mache ich aus dem Individuum eine Sache.“ (S. 327) Die Versachlichung neutralisiert auf künstliche Weise die Wertbeziehungen. Sie entkoppelt gewissermaßen das linke, planende Stirnhirn, vom rechten, wertbezogenen. Dadurch entsteht ein Einerlei. Weltbeschreibung beruht dann auf quantifizierbarem Unterscheiden, für das es keinen essentiellen Wert, nur die numerische, statistische, ökonomische Relevanz der Welt gibt. Welt wird das, was Umfragen über sie wiedergeben. „Kein Augenblick kann mehr erfahren oder erlebt werden … Es handelt sich um die totale Entfremdung des Menschen von seiner Lebenswirklichkeit.“  (S. 327) So resümiert M. Ende.

Welche Folge hat die Kältewelt der grauen Herren? Die Zeit wird eliminiert. Sie wird, im Bild des Romans gesprochen, in gesicherten Vorratsspeichern tiefgefroren. Kälte statt Leben. Wo Zeit fehlt, kann sich auch kein Raum mehr entfalten. Erleben ist nicht mehr möglich. An die Stelle des Erlebens treten Ereignisse, die abgrenzbar, strukturierbar, provozierbar, stimulierbar, virtualisierbar und speicherbar sind. Bildet sich aus diesen Ereignissen ein Erlebniszusammenhang? Für jenen ist der Zeitpunkt unerheblich. Erleben stellt sich in der Zeit als Weile, im Raum als Erfahrung ein. Erleben ist essentiell, wertgebunden, emotional, sinnvoll und erinnerbar.

Endes Märchen-Roman kann gesellschaftskritisch gelesen werden. Die Kritik fällt dann wahrscheinlich auf den surrealen Mythos des Meister Hora zurück, der wie alle Mythen für Hörende erzählt wird. Momo ist eine Hörende. Hören vermittelt Raum, seine Dimensionen und seine Grenzen. Hören dehnt die Zeit zur Weile. Hören ist der erste und der letzte Sinn des Menschen. Menschen, die hören und zuhören, sind. Menschen, die nicht mehr hören, sind tot. Der Märchen-Roman regt folgerichtig zu einer Lesehaltung an, die eher dem Hören als dem Sehen entspricht. „Die Momo tut nichts, sie macht einmal eine Tür auf, macht einmal eine Tür zu. Das ist alles, was sie tut. Normalerweise hört sie zu. Sie gibt dem anderen diesen Freiraum, und dadurch entsteht bei ihren Gesprächspartnern etwas.“ (S. 314 f.)   

Ende, M. (2023): Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeitdieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Thienemann

Sämtliche Zitate entstammen der  Ausgabe 2023 zum fünfzigjährigen Jubiläum des Buches.

Der Tod schont mich nicht.

Der Tod ist das factum brutum in unserem Leben. Er verschont keinen Lebenden. Menschen sterben, denen wir verbunden sind. Der nahe Tod. 

Menschen sterben, die uns unbekannt sind. Sie sterben durch Hunger, bei Unfällen, in Naturkatastrophen, wegen Erkrankungen, durch Fahrlässigkeit, durch Mord, im Krieg. Der namenlose Tod.

Im Strom der Zeit sind wir mit anderen Menschen verbunden. Jede, jeder taucht mit einem Mal im Strom der Zeit auf. Keine weiß, woher sie kommt. Mit der Zeit lernen die meisten ihre Herkunft kennen. Er lebt unter Menschen, die schon da waren. Sie haben ihn gezeugt. Sie lebt nach Menschen, die nicht mehr da sind. Menschen sterben, weil sie Menschen in der Zeit sind. Der geahnte Tod. 

Menschen haben ein Gesicht. Sie schauen sich um. Sie entdecken sich als in die Welt gestellt. Mit der Zeit lernen sie unterscheiden, sich und die Welt, sich und die anderen, sich selbst von dem, der einer einmal war, sich von den eigenen Vorstellungen von sich selbst, sich vom Bild, das andere von einem haben. Unterscheiden und erkennen, unterscheiden und sich identifizieren, unterscheiden und Bilder von sich entwerfen, unterscheiden und sich entscheiden, unterscheiden und verlieren, wofür jemand sich entschieden hat, heißt entdecken, dass das Leben ein Leben in der Zeit ist, mit Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Der Strom der Zeit wird überschaubar. Denn ich kann in ihm stehen. Mein Stehen erlebe ich als Widerstand gegen die Strömung. Ich spüre, dass die Zeit auf mich zufließt, mich umspült, an mir vorbei und in meinem Rücken weiter fließt. Dabei nimmt die Zeit mit in die Vergangenheit, was mir gerade gegenwärtig wurde. Der Tod als Modell.

Ich frage danach, ob ich immer an derselben Stelle im Strom der Zeit stehe, oder ob ich es bin, der sich weiterbewegt, vorangeht und zurücklässt. Wer, was ist in Bewegung? Bin ich es und die Zeit ist kein Strom, sondern ein uferlos scheinendes Meer, in dem ich auftauche, losziehe und nach einer bewegenden Strecke Weges wieder untergehe? Oder bewegt sich die Zeit und ich, einmal aufgetaucht, bleib an meinem Ort und gehe dort nach einiger Zeit wieder unter? Oder sind es zwei Bewegungen, die sich zueinander verhalten? Meine Bewegung, einmal aufgetaucht, in der Zeit, manchmal mit deren Strömung, manchmal gegen deren Strömung? Komme ich wirklich voran oder drehe ich mich solange im Kreis, bis ich wieder untergehe? Fließt die Zeit dabei weiter, nimmt sich mich mit und lässt mich wieder fallen? Der Tod als Spekulation.

Während ich lebe, wird mir klar: Ich bin einmal aufgetaucht, in die Zeit gekommen. Wie andere Menschen auch, die geboren werden, bei mir auftauchen, eine Weile bleiben, sich entfernen, verschwinden. Bei manchen erlebe ich, wie sie sterben, ohne weitere Zukunft vergehen, aus der Gegenwart weg sind und vergangen. Tot. Der nahe Tod als der erlebte Tod derer, die mir wichtig waren. Sie waren in meinem und ich in ihrem Gesichtsfeld. Wir begegneten uns, wir teilten Gegenwart, in dem wir sie zusammen verbrachten. Ich bleibe. Sie starben. Tot sein als vergangen sein. Tod als trauernde Erinnerung.

Allmählich wage ich es zu denken, dass auch ich eines Tages tot sein werde. Der Tod schont mich nicht. Es wird eine Zeit sein, in der ich nicht mehr bin. Eine Zeit, die nicht mehr meine Zeit ist. Das erfahre ich bereits im Leben, dass Zeit nicht mehr meine Zeit ist, wenn meine Gegenwart kaum noch von der Zukunft, viel mehr aus der Vergangenheit lebt. Tod als Altern.

Zurecht denken wir den Tod als den wahrhaftigen Bezugspunkt unseres Lebens. Zuweilen beunruhigt das, wenn ich Zukunft zu sehr als Aufgabe verstehe oder als Genuss und zu wenig als Möglichkeit, die ich dankend annehmen oder dankend ablehnen kann. Zuweilen beruhigt das, weil ein Ende des Entscheidens absehbar wird. Mit dem Tod endet die Freiheit und damit auch die Verantwortlichkeit. Das macht dann Angst: Wer bin ich ohne Freiheit und Verantwortlichkeit? Wer bin ich ohne Entscheidungen? Nichts mehr. Nicht mehr. Tot. Ich werde einmal tot sein. Es gibt mich dann nicht mehr. Der Tod verschont mich nicht – und er hat mich noch nie in meinem Leben geschont. Zorn auf den Tod entsteht. Und Zorn auf die, die den Tod verharmlosen, dessen Wahrhaftigkeit nicht ernst nehmen. Mir die Möglichkeit nehmen wollen, selbst zu entscheiden, wann und wie ich sterbe. Weil der Schmerz am Leben für mich unerträglich wird und mir damit unerträglich, dass ich lebe. Der Tod als schmerzende Wahrhaftigkeit.

Die Schonungslosigkeit des Todes, das lerne ich, ist zweideutig. Der Tod schont mich nicht. Ich muss mit dem Tod von Menschen leben, die ich liebe. Der nahe Tod schmerzt mich immer wieder, wenn er wahr geworden ist. Der Tod verschont auch mich nicht. Er ist meine Zukunft. Ich werde sterben und tot sein. Mein Tod.

Zuweilen als der nahe, schmerzende, trauernde Tod. Einstweilen als der alternde Tod. Zur rechten Zeit als mein Tod.

Die Gedanken begleiten meine Trauer um meinen vor kurzem verstorbenen und sehr geliebten Onkel, Arthur Riedel, meinen lebenslangen väterlichen Freund.

Acht Beine in der Badewanne

Acht Beine in der Badewanne, am Abend und am Morgen. Zuweilen auch während des Tages. Sehr schlanke, feingliedrige, lange Beine. Meist ruhen sie in ihrer naturgemäßen Ordnung. Manchmal heben sich zwei, als ob sie Fühler wären, tastend über dem Badewannenboden. Selten sind sie alle in Bewegung. Im Schrecken oder auf der Jagd werden sie sehr schnell und behalten doch ihre Ordnung. Sie verknoten nicht, die acht Beine in der Badewanne.

Ich betrachte sie mindestens einmal am Tag, meist am Morgen. Mein Blick bleibt auf ihnen ruhen, während in der Hand der Putzschwamm wartet. Ich will sie nicht vertreiben in der Meinung, Hygiene und Sauberkeit zu schaffen. Dabei benutze ich die Badewanne sehr selten. Ein Wannenbad ist Wasser- und Energieverschwendung. Mir fällt dieser Verzicht nicht schwer. Baden gehört seit langem nicht mehr zu meinen Gewohnheiten. In meiner Kindheit und Jugend war das wöchentliche Bad ein festes Ritual. Mit dem Umzug an den ersten Studienort und der zeitsparenden, dafür häufigeren Dusche dort fehlte mir das Baden bald nicht mehr. Als ich meine erste eigene Wohnung bezog, wurde die tägliche Dusche zur Gewohnheit. Die Badewanne ist also kaum benutzt.

Für die achtbeinigen Spinnentiere besitzt sie eine mir unerklärliche Attraktivität. Da meine wichtigste Beschäftigung mit der Badewanne deren Reinigung ist, frage ich mich, was Spinnen, häufig sind es die langbeinigen, in der glatt polierten, weißen Badewanne tun. Zuerst glaubte ich, dass sie für die Spinnen eine Falle sind. Einmal hineingeraten kommen sie nicht mehr heraus. Nachdem sie die Wanne nach Belieben zu verlassen scheinen und auch mal an der Zimmerdecke des Bades zu finden sind, gab ich diese Vermutung auf. 

Mit dem frühen Sommer sind eben acht Beine in der Badewanne. Sollten es einmal sechzehn sein, währt das nicht lang und es sind wieder acht koordinierte, grazile Beine. Die anderen liegen dann verstreut und zerteilt in der Badewanne herum und fordern mich zu deren Reinigung auf. Ein Netz finde ich dabei in der Wanne nie. Was ich persönlich für schade halte.

Ein Spinnennetz regte mich eher zum Philosophieren an als die Spinne selbst. Andererseits: Die acht Beine in meiner Badewanne gewinnen soviel Aufmerksamkeit, dass ich diesen Beitrag darüber schreibe. Wobei diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entspricht. Der Anlass für den Beitrag war der Einfall Bettinas, meiner Partnerin, zum Titel: Acht Beine in der Badewanne. – Dazu werde ich nichts schreiben. Mit fällt nichts dazu ein, war meine erste Reaktion. Dann tauchten die „Acht Beine“ in den letzten Tagen immer wieder einmal auf, in Gedanken und ganz real, beim Blick in die Wanne. Jetzt erstaunt mich, dass ich zumindest einige Beobachtungen und eine verworfene Vermutung dazu niederschreiben kann. Mich erstaunt auch, dass ich mich sogar über die Veränderung meines Hygieneverhaltens mitteilte: Aus der Wanne unter die Dusche.

Dabei steht sogar noch eine philosophische Frage auf: Ist es nicht erstaunlich, das Staunen wurde immer wieder als Anfang des Philosophierens beschrieben, dass mich das Produkt einiger Spinnenarten, das Netz, mehr zum Nachdenken anregt als die Spinne, die Urheberin, selbst? Immerhin hat sie acht sehr schlanke, feingliedrige, lange Beine. Zumindest die in der Badewanne.

Todholz

Wir gingen zum Donauufer hinunter, dorthin, wo der Fluss ein Altwasser zurücklässt. Bilder lassen sich dort leicht finden. Vor Jahren sahen wir vom Ufer aus einem Eisvogel beim Fischen zu. Zuweilen ruht die Wasseroberfläche, blank wie ein Spiegel, ein dunkler Hintergrund für einige wenige, helle Reflexionen des durch die Bäume gebrochenen Sonnenlichts. Nicht immer ist es still. Enten und Blässhühner quaken um die Wette.

Heute war es still. Das Altwasser wurde vom Wind leicht gedühnt. Rasch und voller Energie zog der Fluss vorbei. Er hinterließ im Frühjahr einiges Totholz. Ganze Baumskelette, wild geästet, lagen an der Uferböschung. Auch einzelne, einmal mächtige Äste auf sich selbst reduziert, ohne Gezweig, sind zu sehen. Ein Bruchstück eines Stammes ruhte im immer noch strahlenden, jedoch langsam abendliche Milde andeutenden Licht am Fuß der aufsteigenden Böschung. Ein einziger, starker Ast, gesplittert am Ende, ragte aus dem sonnenweißen Stamm nach oben. Sein verstümmeltes Ende leuchtete, in seiner Verstümmelung vergoldetes Totholz.

Der Versuch, das tote Holz zu fotografieren, misslang. Zwar näherten verschiedene Kameraeinstellungen das Abbild dem gesichteten Bild an. Doch alles Abgelichtete blieb Abbild der vergoldeten Verstümmelung, in der der starke Ast in die Sonne ragte. Das Licht veredelte den gesplitterten Bruch, an dem der größere Teil des Astes abgetrennt worden war. Zumindest legte das die Stärke des verbliebenen Stumpfs nahe. Längst war der einmal schroffe Bruch auf seinem Wasserweg abgeschmirgelt, fast blank, so dass das Licht um ihn in Facetten von Hell und Schatten spielen konnte, bevor die Strömung ihn, durch einen Gewitterregen mächtig genug, wieder mit sich reißen würde. Weg vom Ufer, hinein in ein, wie mir schien, zielloses Vorwärtsdrängen.

Was ich sah, berührte mich in meiner Trauer, dem dunklen, dumpfen Fluss, an dessen Ufern ich seit Freitag, dem 9. Juni lebe, dem Tag, an dem mein Onkel Arthur starb. Träge, fast ununterscheidbar zum Altwasser der Erinnerungen, fließt der Fluss dahin. Manchmal entferne ich mich von ihm, nehme den Weg hinauf in das lebendige Leben. Immer wieder finde ich mich mit einem Mal an seinem Ufer wieder. Mich zieht es gegen den Strom zum Altwasser, dorthin, wo kein Fließen mehr ist, sondern Stillstand. Da stehe ich in der Stille und erinnere ihn und mein Leben mit ihm. Die Stille ruht in sich. Wird sie durch plötzlich eindringende Geräusche zerrissen, schmerzt es. Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen den Aufgaben des weiterziehenden Lebens und der Schwermut, mich niederzulassen, zu bleiben, meine Augen am Totholz hängend, am verstümmelten Ast, der einmal Leben war.

Das Totholz beunruhigt mich. Wenn es liegen bleibt, verwest es im Spiel der Kräfte, die an ihm nagen. Dadurch verstofflicht es sich und trägt zum Quellgrund neuen Lebens bei. Ist nicht einmal im Totsein Ruhe? Ende aller Bewegungen, alles Werdens? Muss die Hoffnung auch im Totholz keimen? 

Ich habe meinen Onkel in den letzten Wochen erlebt, so gesättigt vom Leben, dass er das Leben satt hatte. Das Leben nährte ihn nicht mehr. Er gab es ab, wo immer er konnte. Er hätte es so gerne in einem entschiedenen und souveränen Akt selbst beendet. So müde war er vom Leben geworden. Zu müde, um noch weiter zu leben, zu hoffen. Nicht zu müde, um mit einer sanft bestimmten Zärtlichkeit zu lieben. Bis er tot sein durfte, endlich gestorben, übermannte ihn oft und oft Ungeduld, die seine Zärtlichkeit fast erdrückte. Seine letzte Hoffnung war, endlich zu sterben. Wahrscheinlich wollte er nicht einmal Totholz sein, aus dem wieder Leben und Hoffnung keimt.

Das beruhigt mich: Einmal werde auch ich tot sein wie er. Todholz. Ohne Hoffnung, die immer mit dem Leben zu tun hat, voller Liebe, voller Energie, voller Ideen, voller Aufgaben, voller Last und Anstrengung. Erst wenn die Hoffnung tot ist, dann ist Tod. Tod ist Hoffnungslosigkeit, die keine Zukunft mehr ahnen lässt. Todholz am Ufer des Lebensflusses, ohne Sein und hoffnungslos. Nur in Ruhe und Stille am Altwasser liegen.

Zukunftsfähigkeit durch Regression oder Sorge?

Die SZ vom Samstag (Nr. 99 vom 29./30.04/01.05.2023, S. 1) titelte: „Die Grünen in der Falle: Die Partei des Wirtschaftsministers Habeck ist in der Ampel zunehmend isoliert.“ SPD und FDP bremsen die Grünen aus. Sie stempeln die Grünen als „Verbotsorganisation“ ab. Bundeskanzler Scholz und Finanzminister Lindner rücken angesichts zunehmend schwerer zu vermittelnder grüner Projekte wie Klimaschutz, Heizungsreform, Kindergrundsicherung, Finanzierung der Migrationsfolgen enger zusammen. Die Stichworte apostrophieren zukunftsorientierte Projekte. Sie drücken das Interesse am Überleben unserer Erde, Europas und unserer Gesellschaft aus. Welche politischen Agenden sind tatsächlich zukunftsoffen? 

Statt dessen gerät derzeit grüne Zukunftsverantwortung unter Ideologieverdacht. Statt dessen wird das „Weiter so“ als „Technologieoffenheit“ verkauft. Zukunftsfähigkeit wird auf die technologische Frage verkürzt, die den alterhergebrachten Machbarkeitswahn einer früher einmal erfolgreichen Industrialisierung codiert, der neben dem unablässigen Fortschritt auch die Reparatur aller Folgeschäden zugetraut wird. Dabei ist gerade in Deutschland Ressentiment gegenüber Digitalisierung und KI zu beobachten – ein Widerspruch zum Vertrauen in die Technologie? Oder entlarvt „Technologieoffenheit“ das konservative Bekenntnis zu den bewährten Industrieformen, Auto, Werkzeugbau, Chemie?

Die protechnologische Argumentation weiter Teile der FDP und der CDU/CSU wird mit dem Ideologieverdacht gegenüber grünen Projekten verbunden, um von der eigenen Ideologie einer marktliberalen Konservativität abzulenken. Dabei hat der neoliberale Politikwechsel die westlichen Demokratien innerlich zunehmend destabilisiert (Habermas, 2022, S. 36 f.). Nicht zuletzt dadurch, dass neoliberal geprägte Demokratie erlaubt, „eine verkehrte Welt innerhalb des Systems zu installieren“ (Sasse, 2023, S. 33). Denken wir an zunehmend autokratische Anmaßungen, wie wir sie in der Präsidentschaft Trumps oder im „Querdenken“ während der Pandemie erlebten. Silvia Sasse (2023) weist darauf hin, dass demokratisch verfasste Gesellschaften vor der Entstehung autokratischer Dominanz- und Machtstrukturen in ihrer Mitte nicht sicher sind. Was als Umcodierung von Begriffen beginnt (Technologieoffenheit als Code für neoliberal-konservative Regression angesichts der Klimaveränderung), führt zu Verkehrungen der Interpretation der Absichten (Klimaschutz als ideologisches Kontrollbedürfnis der Grünen) und letztlich zum „Zwiedenken“, wie es G. Orwell in seinem Roman „1984“ beschreibt. Jenes „spekuliert auf die Fähigkeit des Menschen, mit und in Antinomien leben zu können“ (Sasse, 2023, S. 113). Wir sehen uns Klimaphänomenen konfrontiert, die zunehmend irritierend wirken, im überfluteten Ahrtal 2021 für 133 Menschen tödlich waren  (Quelle: https://reportage.wdr.de/chronik-ahrtal-hochwasser-katastrophe). Dennoch verhalten wir uns kaum anders. Wir halten den Widerspruch zwischen der erlebbaren Realität des Klimawandels und den Versprechungen, mit ausreichender Technologieoffenheit bekommen wir das alles geregelt, aus. Wir stöhnen unter den ohnehin zusammengestutzten grünen Projekten zum fraglichen Erreichen der Klimaziele. Wir neigen dazu, den Ideologieverdacht dagegen zu übernehmen und den Politikern zu glauben, die uns ein geringfügig modifiziertes „Weiter so“ auf der Grundlage bewährter Technologie suggerieren. 

Demokratische Verantwortung in der politischen Diskussion sieht anders aus: Was wir brauchen, sind nicht bequeme Versicherungen. Was wir lernen sollen, ist, uns den unbequemen Verunsicherungen zu stellen. Nicht nur in der Klimapolitik, sondern auch in der Wirtschafts-, Sozial-, Bildungspolitik. Außenpolitisch zwingt uns der andauernde und brutale Krieg Russlands gegen die Ukraine das Umdenken und Umsteuern in einen kritischen Pazifismus auf, der für politisch grün-orientierte Bürger:innen den Bruch mit dem vertrauten Friedensdenken bedeutet. Ähnliche Änderungsbereitschaft der Perspektive, der Einstellung und des Verhaltens wird in den anderen Politikbereichen auch notwendig sein. 

Was tut not? Nicht eine Ideologisierungsdebatte, um das konservative Projekt zu retten und dabei die Zukunft zu verspielen. Vielmehr: Sicherheit als größtmögliche Wahrscheinlichkeit verstehen zu lernen, Denken in offenen Prozessen einüben; „Betrauerbarkeit“ (Butler, 2021, S. 99) als Kriterium für das Wertvolle, das durch selbstgewählte Blindheit verloren geht, ernstnehmen; statt das unbequeme, Sorgen und Befürchtungen auslösende Denken ab zu tun, uns auf die Endlichkeit des Lebens und des Lebendigen einzulassen. Weil die Lebensprozesse endlich sind und wir Menschen mutmaßlich die einzigen Lebenden sind, die ein ausdrückliches Wissen davon entwickeln können, ist es unsere ethische Pflicht, die Zeit, die wir haben, als Möglichkeitsraum, sinnvoll zu sein und zu handeln, nutzen. Etwas mehr öffentliche Reflexion und weniger quotengenerierender Talk ist dabei ein Schritt unter vielen anderen. 

Robert Habeck zeigte in den ersten Monaten der Ampel, wie öffentliche Reflexion kommunikativ gestaltet werden könnte. In der Dauerdefensive, in der sich die Grünen derzeit befinden, ist der Raum und die Energie dafür eng geworden. Es fehlen die Hörbereitschaft für die leisen Töne, die Ruheräume für die Reflexion, die Kommunikationshoheit der politischen Institutionen gegenüber den ausufernden Polittalks und den „disrupted public spheres“ der Social Media (Habermas, 2022, S. 64). Wir dürfen uns – und das ist eine der Intentionen des Aufrufens eines „postfaktischen Zeitalters“ – nicht an „die Gleichzeitigkeit von Lüge und Wahrheit“  (Sasse, 2023, S. 114) gewöhnen. Wir sollten uns bewusst machen, das die Behauptung eines „postfaktischen Zeitalters“, das mit eben dieser Gleichzeitigkeit spielt, eine „bewusst gewählte Machtstrategie“  für eine „Subversion von oben“ sein kann (Sasse, 2023, S. 148). Jeder kann ihr widersprechen, sich ihr entziehen, wenn wir lernen, mit unserer Endlichkeit und damit auch mit der Sorge darum, wie es weiter geht, entschieden zu leben: Zur Grundverfassung des Menschen gehört ebendiese Sorge (Riedel, 2023, S. 25). Die Freiheit, sich von der Macht subjektiv zu emanzipieren, befindet sich ganz in deren Nähe (Foucault, 2009). Und die Verantwortung? Sie liegt direkt bei uns.

Quellen:

  • Butler, J. (2. Aufl. 2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit. Über das Ethische im Politischen. Suhrkamp
  • Foucault, M. (2009): Hermeneutik des Subjekts. Vorlesungen am Collège de France 1981/82. Suhrkamp
  • Habermas, J. (2022): Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Suhrkamp
  • Orwell, G. (22. Aufl. 1974): 1984. Ein utopischer Roman. Diana-Verlag
  • Riedel, C. (2023): Dasein als Sorge. Die Cura-Fabel bei Heidegger und die antike Sorgekultur (epimeleia), in: Praxis Palliative Care Nr. 58/2023, S. 22 – 25
  • Sasse, S. (2023): Verkehrungen ins Gegenteil. Über Subversion als Machtttechnik. Matthes & Seitz

Philosophie: die „Lücken im Verhau“

„Es wird viel geredet, aber nur selten ernst gemacht. Nur so kann viel geredet werden. Denn der Ernst verschlägt einem die Sprache.“ Hannes Böhringer macht in seinem Buch „Lücken im Verhau“ (2023, S. 7 / Seitenangabe im Blog dito) Ernst mit der Philosophie. Wie gut, dass der Denker Böhringer in seinem Text die Lücke findet, die seine Eingangsthese lässt: Er redet nicht viel. Er macht Ernst. Sein Denken vollzieht er so, dass er uns Lesende in die Bewegung des Denkens mit aufnimmt. Wir denken uns bei allem Verhau in die Lücken. Das Denken zeigt sich darin als menschlich. Darum geht es ihm. Darum geht es uns. Wer sind wir?

„Sokrates kommt zu spät.“ (S. 33). Vielleicht hatte er jemand getroffen, der frag-würdig war, des Fragens würdig. Vielleicht begab sich vor der Tür Wichtiges. Etwa so, wie es Diotima in Platons Gastmahl (Symposion) in ihrer Rede erzählt. Sokrates hatte in seiner eigenen Rede Philosophie als erotisches Verlangen nach Weisheit charakterisiert. Das erscheint fragwürdig. Die Frage ist: „Wer ist Eros?“ Diotima, die Priesterin, antwortet, Eros Eltern seien dem Mythos zufolge Poros und Penia. „Poros: Durchgang, Öffnung, Weg, und Penia: Armut, Mangel“ (S. 24) Denken ist zuweilen kryptisch. Vor allem wenn es um Bestimmung, um Definition, um die Abgrenzung eines Begriffs geht, arbeitet sich Denken nach den „Lücken im Verhau“ ab. Dabei gewinnt das Denken durch die mythologische Erzählung Aufschub. „Der Aufschub vom Ernst des Lebens verschafft Erleichterung, Freiheit.“ (S. 10)

Dazu passt das Gastmahl, währenddessen Diotima den Mythos von der Geburt des Eros erzählt, um zu einer Antwort durchzufinden, wer er sei. Die Götter, so hebt der Mythos an, feiern die Geburt der Aphrodite. An der Tür bettelt Penia. Sie wird nicht eingelassen. Da kommt Poros betrunken heraus und Penia legt sich zu ihm, empfängt Eros. Als Sohn des göttlichen Poros kommt Eros über die Schwelle zu den Göttern. „Eros findet den Durchgang, aber er macht aus ihm keinen befestigten Weg, keine Methode. Was Eros zu Wege bringt, entgleitet ihm immer wieder, ‚fließt weg‘“. Das Wissen wird ihm kein Besitz. … In der erotischen Spannung von Mangel und Weg, Poros und Aporia (Weglosigkeit), geschieht nach Platon das Philosophieren, zwischen Unverstand und Wissen.“ (S. 25)

Böhringer lädt seine Leser:innen zum philosophischen Denken ein. Er bringt uns an die Tür, vor der wir betteln, bis wir erotisiert den Weg über die „Türschwelle zwischen Begrenztem und Unbegrenztem“  (S. 29) nehmen. „Die Tür öffnet und schließt ähnlich wie die Erkenntnis einen begrenzten Raum. Doch anders als die Tür kann die Erkenntnis den Raum öffnen, indem sie ihn begrenzt.“ (S. 29) Erkenntnis grenzt das Unübersichtliche mit den „Lücken im Verhau“ ein. Die Lücken können so auch Orientierungspunkte sein. Philosophie führt zur „Bescheidenheit des selbstbewussten Nichtwissens“ (S. 55). 

Die Bescheidenheit wird durch die gegenwärtig veränderten Bedingungen des Philosophierens, die „neue Unübersichtlichkeit“ (J. Habermas), bestätigt. „Wir reden immer noch von Tür, Haus und Stadt und leben längst in Ballungsräumen, Agglomerationen. Glomus, eng verwandt mit Globus, ist ein klebriger Klumpen, Kloß, ein kaum zu entwirrendes Knäuel. Die Agglomeration, Rückseite der Globalisierung, verkleistert nicht nur Stadt und Land, sondern auch Politik und Ökonomie, Frieden und Krieg, das Private und Öffentliche, das Eigene und Fremde, das Provinzielle und Internationale, Freiheit und Knechtschaft, Kritik und Affirmation, Stimmungen und Entscheidungen, Täuschungen und Erkenntnisse. Sie erneuert das philosophische Bewusstsein der Schwäche, der Unfähigkeit, klare Unterscheidungen zu treffen.“ (S. 31) Werden wir je wissen, wer wir sind?

Wir wissen ja kaum mit Entschiedenheit, wer wir waren. Das zeigt der Blick Böhringers, immer auf der Suche nach „Lücken im Verhau“, auf die „schaukelnde Wiege“ (S. 97) der Anthropologie. Wer sind wir?  Affen aus Europa? „Ich äffe Vorbilder nach, die Alten aus Griechenland und Rom.“ (S. 96) Oder ist es das: Beharrlichkeit im „Verfolgen selbstgesetzter Ziele“ (S. 97)? „Die Menschen scheinen immer wieder einholen zu müssen, was sie glauben, überholt und hinter sich gelassen zu haben. Darum Geschichte.“ (S. 94) Denn: „In der Natur ist der Mensch nichts Besonderes. Ist es seine Besonderheit, sich bewusst werden zu können, nichts Besonderes zu sein?“ (S. 84) Die Anthropologie orientiert, was die Antworten auf die Fragwürdigkeit des Menschen angeht, nur mühsam im „Verhau“. Vielleicht hilft die Musik weiter, die wohl seit Menschengedenken zum Menschen gehört.

Hier lauscht der Philosoph mit Verweis auf  G. Deleuze und F. Guattari auf das „Ritornell“ (S. 108 ff.), die kleine Rückkehr, mit der sich der Kreis schließt. „Man ist wieder angekommen, von wo man aufgebrochen war. Aber inzwischen ist viel passiert. Darum ist das Ende anders als der Anfang.“ (S. 108) Ritornelle sind Zwischenspiele, in der Dichtung wie in der Musik. Sie „spielen zwischen Durcheinander und Ordnung, Zwischenspiele zwischen Chaos und Kosmos“ (S. 109) Sie gliedern durch die rituelle Wiederholung. Der Ritus schafft Vertrauen im Unklaren, Unsicheren. Das Ritornell wird bei Böhringer zur Form der Erinnerung, weil es „sich neuen Ereignissen öffnet und die Wiederholung aus ihrem Kreis entlässt“ (S. 113). Bei aller Verpackung, Etikettierung und allem Containering für das Verpackte (S. 115 ff.) ist es sinnvoll, sich der Musik zuzuwenden, den Ritornellen zu lauschen. Sie ist ebenso menschlich wie das Ordnen im Container und durch das Etikett, „doch öffnet die Musik den Kreis über die Menschheit hinaus“ (S.114). Sie vermittelt zwischen dem Dativ, dem sich Gegebenen, der Nähe, dem Subjektiven, und dem Akkusativ, dem Verweisenden und Wertenden, der Distanz, dem Kosmischen. Vielleicht macht das uns Menschen aus: die Fälle von einander unterscheiden zu können, bewusst die Nähe und die Distanz zu suchen – und so die zu sein, die immer wieder wissen, dass etwas fehlt, und auf der Suche sind nach dem, „was wirklich fehlt“ (S. 74).

Da sind sie wieder: Penia, der Mangel und die Armut, Poros, der Durchgang und der Weg, und Eros, der über die Schwelle kommt, ohne bei dem zu bleiben, was er weiß. Welch ein Verhau um uns und in uns! Welch‘ ein philosophisches Buch, das den „Lücken im Verhau“ mit Witz und im Ernst nachgeht.

Böhringer, H. (2023): Lücken im Verhau. Berling (Matthes & Seitz)

Helga Schubert: Der heutige Tag

„Jahrelang hat Derden nachts in die Sterne gesehen, hat die Unendlichkeit ausgehalten. Ich bin ihm dorthin nie gefolgt. Es war mir unheimlich, ich konnte mich als Staubkorn unter dem weiten Sternenhimmel nicht begrenzen, wurde eins mit dieser Schwärze. Kaum ein Unterschied, so muss es im Tod sein, dachte ich.“ (S. 240)

Es ist ein Buch der Sätze geworden. Einzelne ragen heraus wie Monolithe im Erzählfluss einer liebenden Zweisamkeit. „Jede Sekunde mit dir ist ein Diamant, sagt Derden zu mir und umarmt mich, als ich morgens in sein Zimmer und an sein Pflegebett komme. Wir sind seit 58 Jahren zusammen. Zwei alte Liebesleute. Ich liebe ihn sehr.“ (S. 7 f.) Das Meiste ist damit schon gesagt. 

Derden, Helga Schuberts zweiter Mann, ist schwer krank und pflegebedürftig. Sie gab ihm für das Buch diesen Namen, den es wie ihre Google Recherche zeigt, noch nicht gibt. Einmalig sollte er sein. Einmalig und unvergleichbar wie dieser Mann, mit dem sie seit 58 Jahren zusammen ist. Sie lässt als Ich-Erzählerin uns Leser:innen am Leben mit Derden teilhaben. Sie als Studierende, er als Dozent für Psychologie lernen sich an der Universität kennen. „Wortlos ohne Zudringlichkeit“, so beschreibt H. Schubert eine der Begegnungen (S. 16). Sie schildert, wie sie beide ihre Ehen, Familien verlassen, um zusammen zu leben. Sie lässt uns Leser:innen die Veränderung des Professors für Psychologie, der Derden inzwischen geworden ist, sehen: Er wurde zum Maler und Grafiker. Derden erleidet einen Hinterwandinfarkt, der ihn zum palliativ betreuten Patienten werden lässt. Die Aufnahme in ein Hospiz lehnt er ab, weil er dort zwar malen kann, aber auch übernachten muss. „Seitdem sind Jahre vergangen. Und er hat zuhause mehr als dreißig Ölbilder gemalt.“ (S. 33)

„Bald wird er sie nicht mehr erkennen“, sagt eine Palliativärztin zu ihr, die ihren Mann unbedingt pflegen will. Sie beantwortet die Information der Ärztin, spät im Text, auf eigene Weise: „Ich fühlte so ein Verlangen, mich nicht abzufinden, ihn in der Welt zu halten.“ (S. 257) Das Leben mit dem Geliebten verlangt ihr viel ab. Es ist nicht nur die Liebe, das gemeinsame Beginnen des Tages. Es sind nicht nur die wachen, auch einmal kritischen Dialoge, die mit Derden immer einmal gelingen. Es ist auch das Andere, Zehrende, Enttäuschende, was sie erzählt. „Manchmal trauere ich nur um mich, die Traurigkeit ist einsam und kalt. Sie ist voll Vorwurf und Bitterkeit. Manchmal suche ich Trost im Bett, im Dunklen, kaue eine Tafel weiße Schokolade wie ein Stück Brot, denke an unsere weichen Körper, wie sie zusammenpassten, so verschlungen, so vertraut, die Bettdecke ist wie seine streichelnde Hand …“ (S. 56 f.). Es fällt schwer, in der Gegenwart zu bleiben. „Die Amsel sang wieder einmal so schön, Derden hörte sie, und ich dachte an die Ärztin, die mir kürzlich sagte, nun müssen Sie aber auch seinem Köper die Möglichkeit geben zu sterben!“ (S. 93)

Der Widerspruch zwischen der Unvorstellbarkeit, dass Derden nicht mehr sein wird, und dem Wissen und Erleben seines Sterbens inmitten eines langen und erfüllten Lebens, das ihn immer öfter zu quälen scheint, nimmt uns Leser:innen mit durch die Gezeiten, in denen die beiden leben. Dieses Leben ruft auch Widerstand hervor, Trotz zuweilen. „Das Absurde, das Erbarmungswürdige, das Rührende, das Furchterregende, das Komische, das Egoistische, das unmaskiert in mein Leben einbrach. Es wechselt in einer Minute.“ (S. 238) Es erschöpft auch und ermüdet. „Manchmal möchte ich tot sein, endlich ohne Verantwortung und Pflichten“, schreibt die Ich-Erzählerin (S. 189). Zu allem schwer Erträglichen gehört genauso das Zusammensein, das den Raum für sie selbst aufschließt: „Als ich den Laptop hochfuhr, war ich vollkommen glücklich. Draußen stürmte es. Und es war dunkel. Das Babyphone blinkte neben mir, ich hatte den Eco-Modus eingestellt, der Bildschirm war meist dunkel, so ruhig schlief er. Und ich war ganz in meiner Welt.“ (S. 254)

Helga Schubert gelingt es, das Zusammenleben mit dem hochbetagten, schwerkranken, geliebten Mann zu beschreiben. Sie erreicht dabei die vielen Dimensionen dieses gemeinsamen Lebens, das sich gerade nicht in der Pflege erschöpft. Deutlich wird, was das zusammen Leben fordert und womit sich die beiden Liebenden beschenken. Die Autorin weicht der Beschwerlichkeit nicht aus. Sie berichtet von den Schwierigkeiten, Vertretungen zu finden, die Konflikte mit den Kindern aus der ersten Ehen. Sie erzählt von der Betroffenheit durch das Sterben Anderer aus Nachbarschaft, Beruf und engerem Bekanntenkreis bis hin zur Auseinandersetzung mit den palliativen Beratungen. Sie schildert ihre eigenen Konflikte, ihr Hadern mit dem egoistischen Anspruch auf den geliebten Partner, den sie nicht verlieren will. Sie erzählt die wunderbaren, zauberhaften Momente einer immerwährenden, zärtlichen, leidenschaftlichen Liebe. Anders als Annie Ernaux, der es gelingt, als Ich-Erzählerin die Dritte-Person-Perspektive auf ihr Leben einzuhalten, sieht Helga Schubert realistisch, unbeschönigt, immer aus dem Blick der Ersten-Person auf das Leben. Das war in der Erzählsammlung „Vom Aufstehen“ (2021) so; das gelingt ihr auch im sensiblen Sujet des vorliegenden, neuen Buches.

Ich las dieses Buch schon auch mit den Augen des hospizerfahrenen Therapeuten, Und manchmal dachte ich, genau das sind die ungewollten Grausamkeiten, die in häuslicher Pflege entstehen. Letztlich gehören sie ebenso zum Leben wie die überwältigenden Momente, die die beiden, Derden und sie, miteinander erleben. Wenn Sterben zum Leben gehört, dann fordert dieses Leben eben auch seinen Preis. Es ist ein wichtiges Buch – aus meiner Sicht endlich ein literarisch gelungenes – für alle, die im Kontext Hospice und Palliative Care arbeiten: Leben ist Leben, auch wenn es Sterbenden bindungsbedingte Herausforderungen zumutet. Es ist ein wichtiges Buch für uns alle, die wir mit dem Sterben, auch dem eigenen leben.

Schubert, H.: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe (2023), dtv-Verlag (Im Blog mit Seitenzahlen zitiert)

Schubert, H.: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten (2021), dtv-Verlag

Leben, wenn Gott tot ist

„O große Not, Gott selbst liegt todt“. So beginnt ein reformiertes Karfreitagslied von J. Rist. (Zit. nach: Moltmann, J. (2. Aufl. 1993: Der gekreuzigte Gott. München (Kaiser), S. 221) Am Karsamstag gibt die christliche Theologie dem Tod Gottes Raum. Es geht mir nicht darum, die theologischen Deutungen und Spekulationen dazu nach zu verfolgen. Mir geht es um einen anderen Gedanken, der um eine Lebenserfahrung kreist: Wie ist das Leben, wenn Gott tot ist?

Die Erfahrung begann als philosophisches Experiment. Nachdem ich mich entlang der verschiedenen Vorlesungsreihen Johann G. Fichtes zur Wissenschaftslehre aus den Jahren 1804/05 zum entscheidenden (wörtlich!) Disjunktionspunkt vorgearbeitet hatte, tat sich ein „Hiatus irrationalis“ auf. Im Blick auf den „Hiatus irrationalis“ ist alles (wörtlich!) möglich: Wahrheitsbegründung, absolute Philosophie, Theologie und vernünftige Argumente für einen religiösen Glauben, Agnostizismus, Relativismus, Nihilismus. Es hängt an der Entscheidung des Reflektierenden, welchen weiteren Weg er verfolgen will (wörtlich!). Ob er auf Wahrheit und Geltung verzichtet, ob er die Geltungserhebung der Wahrheit nachvollzieht, es ist die Entscheidung des Reflektierenden. Für die wissenschaftliche Arbeit musste ich der Wahrheit nachreflektieren, um die These meiner Dissertation zu erfüllen. Im Leben entschied ich mich für den Verzicht auf Wahrheit und Geltung. Ein unermessliches Freiheitsgefühl erfasste mich dabei: keine absolute Wahrheit, keine letzte Geltung, kein Gott.

Das ist jetzt 30 Jahre her. Am Anfang war das alles spannungsvoll. Schwer erkrankt ging es darum, die Hoffnung auf ein Weiterleben aus mir, meinem Leben, meinen Bindungen zu schöpfen. Ich suchte im Zusammenhang meines Lebens die sinnvollen Möglichkeiten für den Wiederaufbau meiner Gesundheit, die wertvollen Motive für die Entscheidungen über den weiteren Lebensweg, das Erleben, das das Leben wieder genussvoll macht. Als ich auf die vielen Jahre Rekonvaleszenz und Regeneration zurückblickte, erstaunte ich; denn ich hatte dies alles im Vertrauen auf meine tragenden Lebenszusammenhänge, durch konzentrierte Reflexion und zuweilen durch Neigungsentscheidungen bewältigt. Da war keine „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ (M. Horkheimer). Interessanterweise konnte ich, was berufsbedingt zu meinen Aufgaben gehörte, Religion unterrichten, theologisch argumentieren, Ratsuchende in deren Lebens- und Glaubensnot pastoral ernst nehmen, kirchliche Rituale mit gestalten. Natürlich standen Zweifel an meinem philosophischen Experiment auf. Denn eine Reihe meiner Lebensinhalte passten nicht mehr zu meiner Lebenshaltung. Neue Entscheidungen waren zu treffen.

Heute, im Ruhestand, nach zwanzig Jahren psychotherapeutischer Praxis, nach zehn Jahren aktiver Hospizarbeit mit sterbenden und trauernden Menschen, der zweiten beruflichen Lebenshälfte, ist mir der menschliche, zugleich fachlich begründete Blick zur Haltung im Leben geworden. Menschen menschlich begegnen, das bedeutet mir, für Menschen da sein, mit allem, was ich philosophisch und psychotherapeutisch, zuweilen auch theologisch weiß. Menschen menschlich begegnen, bedeutet mir, nicht von einer einzigen Wahrheit ausgehen, sondern nach dem Wahrhaftigen suchen, das uns verbindet und auch unterscheidet. Was wahrhaftig zu sein beansprucht, prüfe ich auf Rationalität, Sinnhaftigkeit und Lebbarkeit im Rahmen von Freiheit und Verantwortlichkeit, achte dabei immer aufmerksamer auf die „Körperweiser“ dazu und fälle mutige Entscheidungen, zu denen ich auch stehen kann. Es sind nicht immer angenehme Folgen, die sich daraus ergeben. Wenn sie sinnvoll sind, dann lassen sie sich – zuweilen mit einiger Lebensmühe – ertragen. Vor allem machen mir die komplexen Prozesse der Prüfung und des Diskurses, in dem Wahrhaftiges bestehen soll, deutlich: Was für mich gilt, muss nicht für andere gelten. Solange die Anderen und ich uns in der gesellschaftlich-demokratisch vereinbarten Lebenswelt bewegen, ist respektvoller Austausch und kritisches Gespräch möglich. Es gibt, das lernte ich in der Fundamentalreflexion bei Fichte, die übrigens auch den Fundamentalzweifel an allem umfasst, viele Optionen, Geltung für das Leben zu begründen.

„O große Not, Gott selbst liegt todt“! Für manche Menschen mag die Not groß sein. Für andere ist sie es nicht. Für mich ist der Tod Gottes kein Problemfall. Das hat sich in meinem Leben gezeigt. Den Hauptunterschied zu meinem spirituell-religiösen Leben der ersten Lebenshälfte macht die Lebensmühe. Es gibt eben keine Lehrsätze, keine als endgültig ausgesprochenen Antworten, kein eindeutig begründetes Ethos, das nicht mehr hinterfragt zu werden braucht. Dafür lebe ich in der Freiheit, jede Frage an mein Leben und mich aufzugreifen, zu erwägen und abzuwägen und mich so in Verantwortung zu setzen. Ver-Antwortung enthält ja dann die Antwort, die mich an meine Entscheidung bindet. Deshalb berührt mich keine Definition des Menschen mehr als die von V. Frankl: „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist.“ (Frankl, V. (6. Aufl. 1994): … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München (Kösel), S. 139)

„Was ist ein Wort?“ (F. Nietzsche)

Zum Jahrestag des Krieges gegen die Ukraine

„Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten“, beantwortet Friedrich Nietzsche 1873 seine eigene Frage (1980, Bd. V, S. 312). Auf die deutschen Debatten über das Richtig und Falsch des Engagements für die Ukraine angewendet: Wenn Nietzsches Bestimmung zutrifft und Worte Abbildungen von Nervenreizen in Lauten sind, dann liegen die Nerven vieler Debattensprecher:innen ziemlich blank. Die einen flüchten sich in militärischen Aktionismus: So viel aggressive Waffen so schnell wie möglich für die Ukraine! Die anderen verhalten sich eher pessimistisch: Jede Waffenlieferung bedeutet mehr Engagement gegen Russland und eskaliert das Risiko eines Atomkrieges, der alle um alles bringt.

In der Perspektive eines kritischen Pazifismus trauen beide Debattenstandpunkte vor allem einem nicht: Verhandlungen und damit dem Wort. Auch wenn sich gerade 141 Staaten der UN-Resolution angeschlossen haben, die Russland zum Rückzug aus der Ukraine und den annektierten Gebieten auffordert, das Misstrauen des russischen Regimes und der westlichen Allianz zur Unterstützung der Ukraine gegeneinander, die Verachtung der russischen Regierung gegenüber der Ukraine ist ständig präsent. Festzuhalten ist: Den gewalt- und angstbesetzten Worten wird eher Glauben geschenkt als den versachlichenden und mitfühlenden.

Der bereits zitierte Text Nietzsches stellt neben die Frage nach dem Wort einen fragenden Appell: „Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst!“ (Nietzsche, 1980, Bd. V, S. 310). Möglicherweise findet sich in der Reflexion des Wissens des Menschen von sich selbst auch ein Hinweis darauf, warum gewalt- und angstbesetzte Worte glaubwürdiger erscheinen als versachlichende und mitfühlende.

In zwei aktuellen philosophischen Reflexionen versuche zwei Aspekte des Wissens des Menschen von sich selbst zu erarbeiten:

Den einen finde ich in einer philosophischen Untersuchung zur „Wirksamkeit des Wissens“ von Frieder Vogelmann (2022), dem Lehrstuhlinhaber für Epistemologie an der Universität Freiburg. Vogelmann beschreibt gegen Ende der Studie sein philosophisches Bild von Wahrheit und Wissen so: Wahrheit kann innerweltlich hergestellt werden. Sie ergibt sich aus  „prekären Konfigurationen von Akteuren und Objekten in sozialen Praktiken“ (Vogelmann, 2022, S. 519), ohne auf sie zurückführbar zu sein (Emergenz). Sie wirkt exklusiv, also ohne Zuhilfenahme weiterer und anderer Wirkursachen, auf Subjektivitäten (Einzelne und Vergemeinschaftungen) und stellt sich so als „schwache Kraft“ (Vogelmann, 2022, S. 427 f.) dar. Sie kann leicht von anderen Kräften wie „Affekten, rhetorischer Macht und physischer Gewalt“ (Vogelmann, 2022, S. 428) überlagert werden kann. Dennoch ist ihr Effekt enorm, weil sie historisch-faktische Zusammenhänge unterbrechen und aufbrechen (Disruptivität) kann (Vogelmann, 2022, S. 428 ff.). Sie polarisiert in wahr und falsch. Wahrheit kann mediatisiert (etwa im Wort, in Erzählungen, in wissenschaftlichen Texten) „als Wissen“ verbreitet werden (Vogelmann, 2022, S. 540). Anders herum ist „Wissen als mediatisierte Form der Kraft von Wahrheit zu verstehen“ (Vogelmann, 2022, S. 521). Wissen und Wahrheit sind immer auf konkrete Situationen bezogen und insofern politisch (Vogelmann, 2022, S. 365 f.).

Hier kommt der zweite Aspekt ins Spiel, den ich bei Judith Butler in deren Arbeit zur „Macht der Gewaltlosigkeit“ (2021) finde. Butler forscht und lehrt als Professorin für Kritische Theorie an der Universität of California in Berkeley. Sie konkretisiert die politische Dimension von Wahrheit und Wissen durch einen heuristischen Hinweis auf die Entstehung der Erzählung vom Naturzustand des Menschen, den „manche Vertreter des liberalen politischen Denkens“ (Butler, 2021, S. 44) als die Grundlage jeglicher sozialen Dynamik sehen. Ihr Hinweis für die Analyse der Naturzustandserzählung lautet: „Achten wir also darauf, dass diese Erzählung nicht am Ursprung beginnt, sondern inmitten einer Geschichte, die nicht erzählt wird: Mit dem ersten Moment der Erzählung, der auch den Anfang von allem bilden soll, ist beispielsweise über die Geschlechtszugehörigkeit schon entschieden. … Die primäre Grundfigur des Menschlichen ist maskulin.“ (Butler, 2021, S. 52 f.) Ein weitere Beobachtung ergibt sich aus dem von Butler gewählten Verfahren, das Narrativ des Naturzustandes im Kontext einer abgedunkelten Erzählung zu verstehen, nämlich „dass der Mensch von Anfang an erwachsen ist“ (Butler, 2021, S. 53). Der Mensch im Naturzustand „als Ausbruch des Menschlichen in der Welt“ (Butler, ebd.), wird so als Individuum gesetzt, „als wäre dieses Individuum nie Kind gewesen, als hätte nie jemand für es gesorgt“ (Butler, ebd.). Der Urmensch ist ein erwachsenes, männliches Individuum. In den abgedunkelten Kontexten für die Erzählung dürfte das Motiv liegen, weshalb angstbesetzte Worte glaubwürdiger erscheinen als versachlichende und mitfühlende.

Denn diese Entdeckung am liberalen politischen Narrativ vom Urzustand des Menschen ist folgenschwer. Sie blendet zwei existenzielle Bedingungen des Menschseins aus: die Abhängigkeit von anderen und die Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Der Urmensch im Naturzustand ist der Butler’schen Heuristik zufolge „keine Tabula rasa, sondern eine eigens leergewischte Tafel“ (Butler, 2021, S. 54).  Von ihr wurde die Verbundenheit des Menschen, die soziale und naturale, ausgetilgt. Braucht das solcher Art vorgestellte Individuum Worte, gar eine Sprache? Oder genügt, eine  Differenzierung G. Agambens (2018, S. 27) aufgreifend, nicht die Stimme allein, der laute Laut, um Stärke auszudrücken oder zu warnen? Wem Stärke anzuzeigen, wen zu warnen?

Das Wort als Abbildung eines Nervenreizes in Lauten, wie ich Nietzsche eingangs zitierte, soll es nicht „in irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls“ (Nietzsche, 1980, Bd. V, S. 309) verhallen, ist der Laut des Neugeborenen, das Wort des Kindes und die Sprache des Heranwachsenden und künftigen Erwachsenen. Es setzt ein soziales Band voraus, das andere Menschen impliziert. Es agiert in der menschlichen Gemeinschaft, in der es viele Stimmungen und Stimmen, gleichklingende, zusammenklingende und konkurrierende, gibt. Es entsteht die Sprache, mit der wir uns darüber verständigen, wie wir uns als Menschen und unsere Lebenswelt sehen, in der wir einander erzählen und durch Erzählung Vertrautheit gewinnen. So wird Verständigung auch im Konfliktfall möglich.

Wir verfügen über keine allumfassende Erzählung von uns als Menschen. Wir können uns zumindest darüber verständigen, dass der Mensch nicht grundsätzlich des Menschen Wolf ist. Einfach, weil wir für einander, wie Butler schreibt, „betrauerbar“ sind. „Dass ein Leben betrauerbar ist, bedeutet, … dass es Wert in Bezug auf die Sterblichkeit besitzt“ (Butler, 2021, S. 99). Wenn Politik also eine feministische Perspektive auszeichnet, dann ist es das Wissen um die „Betrauerbarkeit“ von Menschen, die die unbedingte Gleichwertigkeit aller Menschen umfasst. Sie wird sichtbar in zwei existenzialen Merkmalen des Menschen, der Verwiesenheit aneinander im sozialen Band und der Sterblichkeit. 

Wenn Wissen die mediatisierte Kraft der Wahrheit, also ein wirksames und selbstformendes Wissen ist (Vogelmann, 2022, S. 518 ff.), dann erscheint es ethisch geboten, die Narrative für den Krieg Russlands gegen die Ukraine aufzusuchen, sie in Textform zu bringen und den abgedunkelten Hintergrunderzählungen darin nachzugehen. Die Perspektive der Rekonstruktion sehe ich „feministisch“ grundiert: Es geht darum herauszuarbeiten, wozu, mit welchen Mitteln und an welchen Textstellen Betrauerbarkeit, Verwiesenheit aneinander und Sterblichkeit als Merkmale des Menschen getilgt wurden. Die Folgen dieser Tilgungen sind inzwischen nur zu bekannt. Das Ziel dabei ist – und hier komme ich auf die Defizitanmerkung aus der Sicht des kritischen Pazifismus zurück -, Möglichkeiten für vertrauensbildende Sprache herauszudestillieren. Sie können vielleicht zu einem aktuellen „Wörterbuch“ der Verhandlungssprache zwischen der Ukraine und Russlands gefügt werden können. Die Politik und die öffentliche Meinung haben die Chance, auf diesem mühsamen Weg zu entdecken, dass die Falschheitsvermutung nicht die Polarisierung in Waffenaktionismus oder in Eskalationspessimismus betrifft. Waffenaktionismus und Eskalationspessimismus sind zusammen der falsche Pol in einer Polarisierung, wie sie Wahrheit erzeugt (Vogelmann, 2022, S. 431 f.). Die Identifikation des falschen Pols befreit die Beteiligten zur rationalen Suche nach dem richtigen Pol, der die Möglichkeit eröffnet, den falschen Krieg endlich zu beenden. Eine nicht nur deklamierte, sondern eine begriffene feministische Perspektive der Politik legt die Spuren dafür aus: Betrauerbarkeit in Bezug auf die Sterblichkeit jedes einzelnen Menschen, die Sterblichkeit des Menschen überhaupt und die soziale Verwiesenheit aneinander.

Quellen:

Agamben, G. (2018): Was ist Philosophie?, Frankfurt (Fischer)

Butler, J. (2. Aufl. 2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit. Über das Ethische im Politischen. Frankfurt (Suhrkamp)

Nietzsche, F. (1980): Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, in: Werke (ed. Schlechta, K.) Band V, München-Wien (Hanser), S. 309 – 322

Vogelmann, F. (2022): Die Wirksamkeit des Wissens. Eine politische Epistemologie. Frankfurt (Suhrkamp)

Werkstattbericht 4

Längst ist es wieder Zeit für einen Blick in meine Blogwerkstatt. Inzwischen findet sich der 80. Beitrag auf meiner Seite. Es wurden weniger im letzten Jahr. Was nicht an einer etwaigen Schreibhemmung liegt. Manchmal lassen Gedanken länger auf sich warten. Zuweilen fordere ich mich selbst auf: Du solltest wieder einmal einen Blogbeitrag schreiben … und mir fällt nichts ein, was der Worte wert ist. Also schweige ich.

Das Schweigen wird mir in den letzten Zeiten wichtig. Ich beginne zu verstehen, was mein Kollege U. Böschemeyer damit meinte, dass es das Schweigen und die Stille brauche. Im Schweigen weitet sich der Raum, in der Stille vertieft sich er Raum, aus dem Worte zu einem kommen oder in dem ich Worte finden kann. In meiner früheren Arbeit im Hospiz schwiegen wir immer wieder, der Gast, den ich begleitete, und ich. Oft schwiegen wir uns zuerst an. Es waren Sätze ausgesprochen, die verstummen ließen. Es fielen Worte, auf die keine Antwort möglich war. Zuerst einmal, zumindest. Also schwiegen wir. Dabei entdeckten wir, das das Schweigen den Worten Raum gibt, in denen sie nachklingen können. Meist traf das nachklingende Wort dann auf einen Gedanken, der den Wiederklang weckte, Resonanz erzeugte, aus der sich neue Worte, Antworten ergaben. 

Ähnlich erging es mir mit Nachrichten vom Krieg in der Ukraine oder Texten, die ich gelesen hatte. Bücher, Zeitungstexte, Zeitschriftenartikel klangen nach. Oft lange, bis ich mich entschloss, auf sie einzugehen, zu resonieren und zu raisonnieren. Ein Blogbeitrag entstand.

Dabei erlebe ich mich immer wieder sehr ungeduldig. Am liebsten mag ich den Text einfach hinschreiben. Manchmal gewährt mir ein schwarz-weißer Traum einen fast publikationsfähigen Text, den ich aus dem Gedächtnis niederschreibe. Oft vertiefe ich mich, vor allem seit ich wieder viele philosophische Bücher lese, in Texte, finde zu einem Text einen nächsten, kommentierenden, widersprechenden, vertiefenden oder weiterführenden. Meine Ungeduld wächst. Schließlich schreibe ich, überarbeite noch einmal, korrigiere letztlich. Und dann stelle ich den Beitrag in den Blog. Im Rückblick scheint das Schreiben, das anfangs leicht und elegant ging, auch Arbeit geworden zu sein, Gedankenarbeit, Lesearbeit, Denkarbeit, Schreibarbeit. Auch deshalb werden die Beiträge weniger. 

Wenn ich einen Text verfasst habe, bin ich zufriedener Verfassung. Ich mag meine Texte auf vielfältige Art. Auf manche bin ich stolz. Auf andere blicke ich zufrieden. Einige empfinde ich als Wagnis. Selten zögere ich, einen Text in den Blog zu stellen. Es ist mein Blog, auch wenn er von der „Epimeleia“, von der Sorge um … spricht. Bei dem französischen Philosophen und Soziologen Michel Foucault lernte ich inzwischen, dass „Epimeleia“ in der antiken Kultur etwas Öffentliches war. Die Sorge um das Leben und einen selbst wurde mitgeteilt, zur Diskussion gestellt, auch einmal lehrend vorgetragen. In meinem Blog greife ich also eine antike Tradition auf, die über die neuzeitliche Essayistik bei Montaigne oder Voltaire, später dann von Kassner und Musil weitergeführt wurde. Meine Beiträge im Blog sind oft Essays zu einem Thema, die Sie, geschätzte Leser:innen, hoffentlich auch weiter goutieren werden.