„Wirklich zuhören können nur wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.“ (S. 16) Michael Ende beschrieb vor 50 Jahren damit, was Momo, die Protagonistin seines berühmten Märchen-Romans, jedem gewährte, der sich auf die Begegnung mit ihr einließ: „sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Dabei schaute sie den andern mit ihren großen, dunklen Augen an und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm stecken.“ (S. 17) Zuhören, sich dem anderen zuwenden, ungeteilt und aufmerksam, das Thema zieht sich durch die gesamte Erzählung Michael Endes.
Nach vielen Jahren las ich das Buch jetzt wieder. Ich lauschte den vielen Erzählungen, denen Momo zuhörte. Ich lauschte Momo beim Zuhören. Ich lauschte dem bedachten Sprechen des alten Beppo Straßenkehrer, einem der engen Freunde Momos. Beppo hat die Muße, die Worte sich im Wiedererkennen bilden zu lassen. Langsam spricht er, bedächtig, weil er bedenkt, was er wiedererkennt. „Ich hab uns wiedererkannt. Das gibt es manchmal – am Mittag, wenn alles in der Hitze schläft. – Dann wird die Welt durchsichtig. – Wie ein Fluss, verstehst du? – Man kann auf den Grund sehen. … Da liegen andere Zeiten, da unten auf dem Grund.“ (S. 41) Dem anderen besten, jungen Freund Momos fließen die Worte von der Zunge. Es ist Gigi Fremdenführer. Er findet Geschichten, die er begeistert erzählt. Seitdem Momo seine zuhörende Freundin ist, blühen die Geschichten auf und werden unerschöpflich.
Worte, Geschichten und Zeit verbinden sich miteinander, wenn jemand wie Momo zuhört. „Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“ (S. 63) Zuhören erschließt die Zeit, in der sich das Leben in Geschichten entfaltet. Lebensgeschichten sind mit der Zeit auf’s engste verbunden und verkümmern, wenn es niemand gibt, der ihnen zuhört, lauscht. Zugewandt, unteilbar, aufmerksam, so dass die Zeit sich im Raum dehnt.
Nun treten die „grauen Herren“ ins Geschehen des Märchen-Romans hinein. Sie leben vom Optimieren der Menschenzeit. „Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse.“ (S. 66) So stellt sich ein Agent ohne Namen, aber mit Nummer im Friseursalon von Herrn Fusi vor. Zeit, wie sie Momo und ihre viele Freundinnen und Freunde erleben, wird durch die grauen Herren gemessen, zum bezifferbaren Vermögen, das bilanziert werden kann. Ab sofort ist Zeit eine Sache, mit der die Menschen so umgehen lernen, dass immer mehr Zeit für die grauen Herren der Sparkasse übrigbleibt. Zeit vertun, kann sich auf einmal keiner mehr leisten. Um die Schlupflöcher, durch die Zeitvermögen rinnt, zu stopfen, wird das Leben strukturiert und der Alltag optimiert. Unerkannt vermarkten die grauen Herrn die Zeit der Menschen für sich selbst.
Einer der grauen Herren besucht Momo. Sie fand eines Tages im Amphitheater vor der Stadt, wo sie wohnte, eine Puppe. „Guten Tag. Ich bin Bibigirl, die vollkommene Puppe. Ich gehöre dir. Alle beneiden dich um mich.“ Momo nimmt die Puppe. „Ich möchte noch mehr Sachen haben.“ (S. 97 f.) Momo versucht mit der Puppe zu spielen und entdeckt dabei ein ihr fremdes Gefühl, Langeweile. So fällt ihr Blick auf den grauen Herren, in dessen kalter Nähe Momo im Sommer friert. Er lehrt sie mit der Puppe zu spielen, indem er ihr immer neue Spielsachen für die Puppe schenkt. Irritiert durch die vielen Sachen gelingt Momo zum ersten Mal das Zuhören nicht. „Sie hörte eine Stimme, die redete, sie hörte Worte, aber sie hörte nicht den, der sprach. Sie schüttelte den Kopf.“ (S. 104) Sie weist die Puppe samt der Spielsachen zurück und richtet nach einiger Zeit eine Frage an den grauen Herren: „Hat dich denn niemand lieb?“ Jetzt wendet Momo sich dem Agenten der Zeitsparkasse zu und der erzählt, ohne dass er es wirklich will, den Plan der Agenten und flieht erschrocken vor Momo.
Zeiträuber nisten sich oft unerkannt im Leben ein. Wie die grauen Herren unerkannt sich unter den Menschen bewegen. Sie versprechen uns Entlastung, weil wir Zeit einsparen. Wofür nutzen wir das Zeitkonto? Oft dafür, den Alltag noch enger zu takten, Tätigkeiten und Erledigungen miteinander zu verbinden, verschiedene Ebenen unseres Tuns zu parallelisieren. So machen wir uns vor, noch mehr zu Zeit einzusparen, die wir dann wenig sinnvoll wieder verausgaben. Es ist erschreckend, wie lang wir durch Social-Media-Accounts pflügen, immer rasch ablenkbar durch den unterschobenen nächsten Link, der uns eingesparte Zeit nimmt. Dabei planen wir, um jede erdenklich freie Sekunde gut zu nützen. Auch die Regenerationsphasen werden geplant: die Workout-Session, der Yogakurs, die Wellnesseinheit, eingespannt in die strikte, stetig sich füllende Tagesstruktur. Soziale Kontakte werden neben der Autofahrt zum Einkauf telefonisch abgearbeitet. Die Folgen des Zeitsparens selbst der Kinder beschreibt der Roman mit Kälte, Verdrossenheit, Langeweile und Feindseligkeit.
Momo findet sich nicht mit der Lage ab. Sie taucht unter Führung der Schildkröte Kassiopeia ein in die Welt des Meisters Secundus Minutius Hora, in der die Lebenszeit jedem Menschen in wundervollen, klingenden Stundenblumen zugeteilt wird. Die Menschen entscheiden dann, lernt Momo, wie sie über die Zeit verfügen. Wir Menschen müssen auf das Herz hören, „um damit die Zeit wahrzunehmen“ (S. 178). Herz und Zeit jedes Menschen, so lehrt Meister Hora Momo, sind miteinander verbunden. „Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?“, fragt sie den Meister der Stunden. „Dann hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind.“, antwortet er. Momo kommt nun ein Gedanke: „Bist du der Tod?“ Hora schweigt eine Weile. „Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr von ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.“ (S. 179)
Momo kehrt aus der Geburtswelt der Zeit zurück in die Lebenswelt, die sich inzwischen für ihre alten Freunde und für die Kinder sehr verändert hatte. Deren Zeit war ebenso getaktet wie die Welt aller anderen. Auf der Suche nach ihren alten Freunden erfährt Momo, was die grauen Herren von ihr erwarten: Sie solle sie zu Meister Hora führen. Der Kampf um die Zeit zwischen Momo und den grauen Herren beginnt. Um den Preis einer Stunde, in der Meister Hora schläft, die Zeit stillsteht und nur Momo über eine Stunde Zeit verfügt, gelingt es die grauen Herrn auflösen, die Zeit wieder befreien.
Wie war es für mich, den Märchen-Roman nach 45 Jahren wieder zu lesen? Zuerst umfing mich wie bei der ersten Lektüre der Zauber des Märchens. Im Unterschied zur ersten Lektüre, in der mich die Zeitvorstellung vor allem anregte, steht mir heute ein anderer Gedanke auf: Wie verhalten sich Momo, ihre Freunde und die Menschen zu einander? Welche Bedeutung hat die Zeit dabei? Momo ist eine Zuhörerin. Im Zuhören ist sie lebendig. Oder philosophisch: Im Zuhören ist Momo. Darin unterscheidet sie sich essentiell von den grauen Herren. Jene fühlen sich als einzelne und als Kollektiv bedroht, weil sie die geraubte Zeit brauchen. Sie machen sich durch die fremde Zeit. Momo ist einfach. Sie ist nicht berechenbar. Wer Momo begegnet, für den hebt sich die Zählbarkeit, die Messbarkeit, die Quantifizierbarkeit, die Statistik auf. M. Ende formuliert das in den Anmerkungen zu seinem Roman so: „Wenn ich das berühmte ‚wertfreie Denken‘ auf die Tatsachen des menschlichen Lebens übertrage, mache ich aus dem Individuum eine Sache.“ (S. 327) Die Versachlichung neutralisiert auf künstliche Weise die Wertbeziehungen. Sie entkoppelt gewissermaßen das linke, planende Stirnhirn, vom rechten, wertbezogenen. Dadurch entsteht ein Einerlei. Weltbeschreibung beruht dann auf quantifizierbarem Unterscheiden, für das es keinen essentiellen Wert, nur die numerische, statistische, ökonomische Relevanz der Welt gibt. Welt wird das, was Umfragen über sie wiedergeben. „Kein Augenblick kann mehr erfahren oder erlebt werden … Es handelt sich um die totale Entfremdung des Menschen von seiner Lebenswirklichkeit.“ (S. 327) So resümiert M. Ende.
Welche Folge hat die Kältewelt der grauen Herren? Die Zeit wird eliminiert. Sie wird, im Bild des Romans gesprochen, in gesicherten Vorratsspeichern tiefgefroren. Kälte statt Leben. Wo Zeit fehlt, kann sich auch kein Raum mehr entfalten. Erleben ist nicht mehr möglich. An die Stelle des Erlebens treten Ereignisse, die abgrenzbar, strukturierbar, provozierbar, stimulierbar, virtualisierbar und speicherbar sind. Bildet sich aus diesen Ereignissen ein Erlebniszusammenhang? Für jenen ist der Zeitpunkt unerheblich. Erleben stellt sich in der Zeit als Weile, im Raum als Erfahrung ein. Erleben ist essentiell, wertgebunden, emotional, sinnvoll und erinnerbar.
Endes Märchen-Roman kann gesellschaftskritisch gelesen werden. Die Kritik fällt dann wahrscheinlich auf den surrealen Mythos des Meister Hora zurück, der wie alle Mythen für Hörende erzählt wird. Momo ist eine Hörende. Hören vermittelt Raum, seine Dimensionen und seine Grenzen. Hören dehnt die Zeit zur Weile. Hören ist der erste und der letzte Sinn des Menschen. Menschen, die hören und zuhören, sind. Menschen, die nicht mehr hören, sind tot. Der Märchen-Roman regt folgerichtig zu einer Lesehaltung an, die eher dem Hören als dem Sehen entspricht. „Die Momo tut nichts, sie macht einmal eine Tür auf, macht einmal eine Tür zu. Das ist alles, was sie tut. Normalerweise hört sie zu. Sie gibt dem anderen diesen Freiraum, und dadurch entsteht bei ihren Gesprächspartnern etwas.“ (S. 314 f.)
Ende, M. (2023): Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeitdieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Thienemann
Sämtliche Zitate entstammen der Ausgabe 2023 zum fünfzigjährigen Jubiläum des Buches.