Gottes Leben

Gottes Kindheit begann in der Nacht des 24. Dezember. In einem Stall in der Flur von Bethlehem. Als Sohn zweier unverheirateter junger Menschen. Angebetet von Hirten. Gewärmt durch die Atemluft von Tieren. Gesucht von Königen. Gefunden von Weisen.

Sie begann unter einem guten Stern. Er hatte zwei Menschen zusammengeführt. Die Frau war schwanger und wusste nicht wie. Der Mann ließ sich überzeugen. Er glaubte an sie, wie sie an das Gute in sich selbst glaubte. Der Glaube trug ihr Kind, das anderen Menschen schon früh Freude machte, wie Maria bei Elisabeth erlebte.

Gott wurde beschnitten am achten Tag nach seiner Geburt. Er wuchs auf wie andere Kinder. Im Alter von zwölf Jahren, gerade zum Mann erklärt, belehrte er die Glaubensfachleute eines Besseren. Nicht Mose und die Propheten, er selbst sprach das Reich aus wie Gott. Er ruhte nicht, bis er – getauft durch Johannes –  als Gottes Sohn anerkannt und öffentlich bestätigt wurde.

In Kana dann, als Freunde der Familie heirateten, begann auch Gottes Hochzeit. Er ging seinen eigenen Weg. Der nahm kein gutes Ende. Doch ihm genügte, um Gott für alle Menschen zu sein, an seinem Anfang ein Stall, an seinem Ende ein Kreuz. Selbst das Felsengrab war zu jung für ihn. Er sprengte mit seinem Leben alles, was bisher da war. Weil er die Macht der Liebe lebte.

Ich wünsche Ihnen ein festliches Weihnachten!

Die Rose

In einem Adventslied aus dem 15. Jahrhundert heißt es:

Maria durch ein Dornwald ging … Da haben die Dornen Rosen getrag‘n.

Die rote Rose gehört zu den lang bekannten Symbolen der Adventszeit. Ihre Schönheit, ihr Duft, ihre ausdrucksvolle Gestalt verleihen der Rose etwas Einzigartiges, sie von anderen Blumen Unterscheidendes.

Rosen haben Dornen. Ihre Schönheit ist nicht einfach so zu haben. Wer sich auf die Schönheit der Rose einlässt, der muss auch mit ihren Dornen rechnen. Die Rose will erobert werden. Mit ihr geht, wer sie besitzt, vorsichtig um, damit er sich nicht verletzt und die kostbare Blüte nicht beschädigt.

Wer eine rote Rose verschenkt, sagt dem Beschenkten, wie sehr er ihn schätzt. Der Schenkende drückt mit der roten Rose dem Beschenkten seine Liebe aus. Der Rosenduft erinnert an die sanfte Gegenwart des Liebenden. Die rote Farbe erzählt von der Leidenschaft der Liebe. Der edle Blütenkelch der Rose drückt die Ehrfurcht vor der geheimnisvollen Andersheit des geliebten Menschen aus. Die Dornen mahnen dazu, die Grenzen der Liebe ernst zu nehmen, um einander nicht zu verletzen.

Die christlichen Legenden verbinden Maria und Jesus mit dem Symbol der Rose. In Colmar findet sich in der Dominikanerkirche das berühmte Bild Martin Schongauers: Maria im Rosenhag. Es entstand 1473. Maria, die das Jesuskind im Arm hält, ruht vor einem Rosenspalier. 

„Ich bin übers Gebirge zu Elisabeth gegangen, und wir haben uns angesehen und umarmt und einander gesagt, was wir wußten. Wir vertrauten uns unsere Geheimnisse an. … Wo wir gingen, erblühten die Blumen, Hibiskus, Jasmin, Rosen und Mohn.“

Jesus, der andere Mensch, bringt die Blumen zum Blühen. Wo Jesus dem Leben begegnet, erschließt sich dessen bereichernde Seite. Das ist von Anfang an so, wie das alte Adventslied weiß. Wo Jesus hinkommt, blühen die Rosen auf. Die Rose, die edle Blume, erzählt vom Reichtum des Lebens. Die Rosenseiten des Lebens, auf sie gehen Menschen zu, wenn sie sich auf das Leben einlassen, nicht entfremdet und nur mir den persönlichen Interessen beschäftigt, auch nicht anhaftend am Leben, so dass sie die persönliche Freiheit aufgeben. Sie werden sich bewusst, wie wertvoll des Leben ist, wie schützenswert und wie bereichernd.

Wenn wir anderen Menschen eine Rose schenken, so wissen wir uns mit ihm im Reich des wertvollen Lebens. Die verschenkte Rose erzählt vom Überfluss, mit dem jede und jeder den Mitmenschen bereichern kann. Ohne dass jener das erwartet oder einfordert.

Das macht die rote Rose zu einem Symbol des Advent:

Sie weist auf das unerwartet Andere, das Bereichernde hin, das immer auch in unserem Leben ankommen will, das uns losreißt aus dem ewig Gleichen, das uns aufbricht für den Reichtum des Lebens, das uns an unseren eignen Wert erinnert.

Wo das unerwartet Andere im Leben ankommt, dort öffnet sich der Advent der Weihnacht, jener geheimnisvollen Stunde, in der wir unser Leben dem jeweils Wertvolleren weihen.

Brückner, Chr. (11. Aufl. 1985): Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen. Hamburg (Hoffmann und Campe), S. 141 f.

Wächter an der Schwelle

Vor vielen Jahren begegnete mir in einer Adventspredigt ein faszinierendes Bild: der Wächter. Ihm begegnet man am Tor oder an der Tür. Sein Platz ist die Schwelle. Hinter seinem Rücken liegt das Haus, die Stadt, das Land. Seinen Blick richtet der Wächter nach draußen. Seine Augen halten Ausschau in das, was außerhalb des Hauses, der Stadt oder des Landes liegt, das er bewacht.

Er ist kein Späher. Seine Aufgabe ist es nicht zu erkunden, was weit draußen vor sich geht. Er bleibt auf der Schwelle. Denn er wacht über das, was hinter der Schwelle liegt. Er achtet auf die, die sich der Schwelle nähern. Wach soll er sein und achtsam. Aufmerksam hält er seinen Blick dem entgegen, der auf ihn zukommt. Du fühlst dich erfasst durch den Blick des Wächters. Sein Blick ruht auf dir. – Du fühlst, wie er dich erspürt. Du fühlst das Prüfende, das Abwägende in diesem Blick. Auf einmal machst du dir Gedanken über dich. Wer bin ich? Wen sieht der Wächter da, wenn er mich anblickt? Du beginnst dich selber anzuschauen mit dem achtsamen Blick des Wächters.

Es scheint dir ein fragliches Ansehen, das du in den Augen des Wächters gewinnst. Und doch: Da sieht dich einer an. Er achtet auf dich. Er versucht, das an dir wahr zu nehmen, was für ihn, den Wächter wichtig ist. Du fühlst dich angesehen. Du fühlst dich beachtet. Du fühlst dich für wahr genommen. 

Der Wächter ist auf die Wahrnehmung angewiesen. Er muss etwas erfassen von der Wahrheit des Menschen, der da auf die Schwelle zukommt, an er als Wächter steht. Denn er entscheidet darüber, wer die Schwelle übertritt und wer vor der Tür bleibt. Dafür trägt er Verantwortung. 

Das Wachen ist seine Aufgabe. Wach ist er, der Wächter. Er wacht mit allen Sinnen darüber, was sich an der Schwelle ereignet. Er hütet die Schwelle. Wer an ihm vorbei in das Haus oder die Stadt kommen will, der muss es wert sein, über die Schwelle zu gehen. – Wenn du dich dem Wächter näherst, dann prüfe deine Absichten und frage nach den Motiven dafür, über die Schwelle einzutreten. Denke darüber nach, woher du kommst und wohin du willst. Ist der Übergang sinnvoll für dich? Was willst du damit erreichen? Oder tut es not, die Schwelle zu überschreiten? Musst du dich sogar überwinden?

Vielleicht bist du vielleicht ungeduldig. Du fühlst dich in deiner Freiheit eingeschränkt. Mag sein, dass du es nur schwer einsiehst, dass der Wächter dich einfach durch seine Anwesenheit zur Rechenschaft fordert. Andererseits wirst du dir klar darüber, was du hinter der Tür oder dem Tor suchst und erwartest: Heimat oder ein neues Land, Schutz und Geborgenheit oder neue Chancen, das Vertraute oder die neue Begegnung, Heimkehr in die Vergangenheit oder Aufbruch in die Zukunft …

Jedenfalls: Du kommst an der Schwelle an und begegnest dem Wächter, der sie hütet. Hinter ihm ahnst du das künftige Leben. Hinter dir liegt ein Leben, das du bereits gelebt hast. Du bist an der Schwelle angekommen. 

Advent ist eine Schwellenzeit. In ihm ist Ankunft. Ankunft des Menschen an der Schwelle zur Zukunft. Beide, Herkunft und Zukunft des Menschen, begegnen sich an der Schwelle der Gegenwart. Dadurch beginnt eine neue Zeit. Du gehst aus der Vergangenheit heraus. Und bist dabei, das Gelebte und Erlebte in einen neue Zeit hinein zu überschreiten. An der Schwelle begegnest du den Wächtergestalten. Sie prägen das Bild des Advents.

Frage dich, wie der Wächter vor der neuen Lebenszeit aussieht?

Die Wächter sind Menschen, an denen sich abzeichnet, worauf zu du gehst. Die Propheten des alten Judentums sind solche Wächter, die mit ihrem achtsamen, wachen Blick das Leben des Menschen durchschauen. Sie haben Gott im Rücken. Er sendet sie, damit sie ein Segen sind für die Menschenwelt. Ihr Durchblick klärt uns Menschen auf: Das Volk im Dunkeln ersieht ein Licht. Der Wurzelstock Isais treibt einen neuen Spross. Golden erscheint das Neue, zu dem aus aller Welt die Menschen aufbrechen. Und Frieden waltet, der die Feinde einander voller Respekt, ja im Spiel begegnen lässt … Im Wort und Leben der Propheten zeichnet sich ab, was noch auf den Menschen zukommt. Zuweilen sind es auch die inneren Weiser des persönlichen Lebens. In ihnen verbindet sich die Weisheit des Leibes mit der Klugheit der Seele. Das lässt die Werte wieder erstrahlen, die zum Leben auch am morgigen Tag bewegen.

Wir sollten uns den Wächtern, Propheten und Weisern stellen. Ihren Durchblick aushalten und ihre Orientierung aufnehmen. Was sich uns zeigt, sind Lebensschwellen, über die wir im Leben gehen werden, damit es unser persönliches Leben wird. Das ist Advent.

Nikolaus, das Väterliche in mir

Nikolaus war Bischof in Myra, dem heutigen Demre, einer Mittelmeer-Stadt nahe Antalya. Die Legenden um den Heiligen heben vor allem seine Hilfsbereitschaft hervor. Nikolaus half Menschen in ihr Leben zurück. Er vermittelte ihnen, dass sie etwas wert sind. Wenn wir am 06. Dezember, dem Nikolaustag, einander kleine Geschenke machen, zeigen wir einander: Du bist wertvoll.

A. Grün (2002, S. 139 – 141) entdeckte in den Legenden über den Bischof Nikolaus einen interessanten Erzählzug: Nikolaus tritt dort ein, wo Menschen mit ihrer Weisheit am Ende sind. Dabei zeigt er sich als der väterliche Mensch, der sich unerschrocken für andere einsetzt und ihnen den Rücken stärkt. Wer wünschte sich nicht, dass es jemand an seiner Seite gibt, der einfach da ist, wenn das Leben schwer wird. Wer wünschte sich den Menschen nicht, an den er sich lehnen kann und der ihn auffängt, der einen unterstützt und den Rücken freihält.

Wenn wir uns nach solchen Menschen sehnen, fällt uns der Vater ein. Der Vater, der da war, stark und voller Überblick, ermutigend und zuversichtlich. Oder auch der Vater, den wir uns immer gewünscht hätten, nach dem wir uns sehnten, weil der eigene Vater anders war.

So berichtet eine Legende, dass Nikolaus nachts drei jungen Frauen Gold für die Aussteuer durch das Fenster in das Schlafzimmer warf. Der verarmte Vater hatte seine Töchter zur Prostitution gezwungen, damit er samt seiner Familie überleben konnte.

Nikolaus, der väterliche Mensch, trat für den hilflosen Vater ein – und gab den jungen Frauen mit dem Gold die Chance, ihre Würde wieder zu finden.

Manchmal haben wir das das Glück, einem Mann zu begegnen, der väterlich ist. Väterliche Menschen sind auf eine ganz eigene Weise liebevoll: Wer ihnen begegnet, erlebt beides, die Forderung und die Hingabe. Väterliche Menschen fordern auf, die Verantwortung für das eigene Leben selbst zu übernehmen. Sie machen das liebevoll und ermutigend. Wenn sie sich hingeben, dann eröffnen sie dadurch den Freiraum, Verantwortung zu leben.

Jede der jungen Frauen in der Legende erhält eben genau so viel Gold, wie sie braucht, um sich unabhängig zu machen. Väterliche Menschen entlasten von dem, was ich selbst nicht bewältigen kann. Sie  unterstützen in dem, was jemand gerade nicht selber schafft. Sie ermutigen dazu, das Leben ohne Zögerlichkeit anzupacken. Väterliche Menschen fördern die Neugier auf das, was noch nicht gelebt wird. Wer den Mut entwickelt, das persönliche Leben verantwortungsvoll zu gestalten, der entdeckt, wie frei er ist. Er verbohrt sich nicht mehr in seine Aufgaben oder sein Leben.

Eine andere Nikolauslegende berichtet, dass er einer Frau ihr kleines Kind wohlbehalten und lebendig wieder zurück schenkte. Sie hatte es baden wollen. Weil sie an der Bischofsweihe des Nikolaus von Myra teilnahm, hatte sie es auf der Feuerstelle im inzwischen siedenden Wasser sitzend vergessen.

In der Nähe väterlicher Menschen fühlt man sich geborgen und geschützt. Aber nie festgehalten und eingesperrt. Väterliche Menschen ermöglichen das Leben, aber sie übernehmen das Leben des anderen nicht. Väterliche Menschen sind für einen da, aber sie bleiben sich selbst treu und sind für einen da. Sie lassen sich bei aller ihnen eigenen Verlässlichkeit nicht besitzen.

Die Mutter in der Legende war zu sehr mit dem eigenen Leben beschäftigt. Sie dachte nicht mehr an das, was sie eigentlich wollte, ihr Kind baden. Mit dem Lebensgeschenk ihres Kindes erhielt sie auch den Glauben an das zurück, was ihr wirklich wertvoll ist.  

Wie wäre es, wenn wir dem Väterlichen nachspüren, das jede und jeder in uns hat?

Wie vieles mehr würden wir uns zutrauen?

Wie vieles mehr würden wir wagen?

Wie viel mehr würde das Leben – unser Leben werden?

Wie viel mehr wäre uns das Leben wert?

Grün, A. (2002): Fünfzig Helfer in der Not. Die Heiligen fürs Leben entdecken. Freiburg, Basel, Wien (Herder), S. 139 – 141

Gesucht: Meisterdenker!

Frank Plasberg hatte in seine Sendung „Hart aber fair“ (Mo., 15.11.2021) neben zwei MedizinerInnen, einem Journalisten, einem Ministerpräsidenten auch eine Philosophin eingeladen. Als Thema war die Frage gestellt: „Nur ja keinen Zwang – ist unsere Politik beim Impfen zu feige?“ Welche Aufgabe übernimmt eine Philosophin, ein Philosoph in einer solchen Runde?

Die Expertise der Philosophie besteht in der methodischen Art und Weise des kritischen Fragens, wodurch Argumente und Hypothesen rational nachvollziehbar analysiert werden. Sie besteht des Weiteren darin, die durch die Analyse freigelegten Elemente und Strukturen der Diskursinhalte auf Prinzipien zu beziehen und dadurch Zusammenhänge zu verdeutlichen oder zu generieren, die die Wahrheitsnähe der Argumente und Hypothesen zeigen. Sie schafft damit begriffliche Klarheit und begründende Plausibilität im Diskurs. sKurz: Sie denkt das Denken durch die methodische Rekonstruktion des Denkaktes.

Diese Expertise war für mich in der Art und Weise, wie Frau Flaßpöhler angesichts der Frage nach der Notwendigkeit des Impfzwangs agierte, nicht zu entdecken. Sie verschanzte sich hinter teilweise bewertenden Behauptungen. Sie habe einen völlig anderen Demokratiebegriff wie die anderen TeilnehmerInnen der Diskussionsrunde. Sie sehe die Freiheit des Arguments in der Frage nach der Notwendigkeit eines politisch verordneten, weil durch die neue Faktenlage der Pandemieentwicklung notwendig gewordenen Impfzwanges, in den öffentlichen Argumentationsräumen (Medien, Journalismus) durch Unausgewogenheit gefährdet. Sie fragte, ob man den demokratischen Diskurs durch eine „Expertokratie“ ersetzt haben wolle. Die Argumentation der Philosophin beruhte ihrerseits auf derselben Grundlage wie die der medizinischen ExpertInnen, des Politikers und des Journalisten: Zahlen, die als Fakten bewertet werden, und eine wissenschaftliche Evidenz, die neben Studien immer wieder auf die Erfahrung der derzeitigen medizinischen Praxis und gesundheitspolitischen Lage Bezug nahm. Nun ist empirischer Faktencheck nicht die Hauptaufgabe und vorwiegende Expertise philosophischen Denkens. 

Eher sind es die derzeit notwendigen rationalen Differenzierungen, um die Spreu des Querdenkens oder der naiven, unkritischen Übernahme von Abwehrhaltungen gegenüber der Wirkung einer Coronainfektion und der davor weitestgehenden schützenden Impfung von den psychologisch nachvollziehbaren Befürchtungen einzelner Menschen zu trennen. Dazu gehört für mein philosophisches Verständnis eine Klärung der Dialektik von Freiheit und Verantwortlichkeit. Die Position der MedizinerInnen ist deutlich: Alle ungeimpften BürgerInnen und Bürger in Deutschland tragen Verantwortung dafür, wenn durch das „Volllaufen“ der Intensivstationen dort andere lebensbedrohliche Erkrankungen nicht mehr behandelt werden können. Welche Verantwortung haben nun MedizinerInnen (nicht das Gesundheitswesen!) in den Intensivstationen? Stellen Sie an ihre schwersterkrankten HochrisikopatientInnen die Frage, ob sie sich den physisch und psychisch extrem belastenden Behandlungen unterziehen wollen? Ob sie ein Leben mit dem zusätzlichen Risiko drohender Long-Covid-Symptome führen wollen? Öffnen ÄrztInnen den existenziellen und ethischen Entscheidungsraum für diese HochrisikopatientInnen, sich in Freiheit auch gegen die curative Behandlung und für eine palliative Versorgung zu entscheiden? Da kommt durch die Wahrnehmung der Verantwortlichkeit anstelle des Durchvollzuges einer pragmatischen Behandlungsdoktrin die Freiheit als Möglichkeit der Selbstbestimmung ins Spiel. Philosophisch gesehen darf die individuelle Selbstbestimmung übrigens nicht allein oder vorwiegend unter dem Aspekt der Freiheit gesehen werden, sondern ist dialektisch auch in der Perspektive der persönlichen Verantwortung für die Wirkungen und Folgen der freien Bestimmung des Selbst zu denken.

Für die Frage nach der Verpflichtung zur Impfung gegen die Wirkungen des Coronavirus ist die Verantwortungskomponente in der Selbstbestimmung ein zentrales Thema. Erst die Dialektik von Freiheit und Verantwortung im Begriff der Selbstbestimmung ermöglicht es, zwischen Zwang und Verpflichtung zu unterscheiden. Impfzwang herrscht dann, wenn durch Gesetzgebung oder auf dem Verordnungsweg eine die Existenz des Einzelnen in ihrer Grundlage betreffende strafbewehrte Auflage zur Impfung gemacht würde, der der Einzelne sich nicht entziehen kann. Die Impfung würde dann mit exekutiver Gewalt durchgesetzt werden: z.B. Massenimpfungen unter Anwendung exekutiver Maßnahmen. Der einzelne Bürger und die einzelne Bürgerin würde unter die Doktrin einer Impfexekutive gezwungen – oder es würden den Verweigernden weitestgehende Freiheitsrechte entzogen, bis hin zur Isolation. Zwang bedeutet – auf den Punkt gebracht – die Aufhebung von Freiheit und Verantwortlichkeit.

Anders die Impfverpflichtung, die auf einer gesetzlichen, parlamentarisch abgestimmten Anordnung mit Aufforderungscharakter beruht, die individuelle Freiheit für diesen einen Fall der Coronaimpfung der sozialen gesellschaftlichen Verantwortung unterzuordnen. Keiner wird zur Impfung gezwungen, sondern jeder, der sich gegen die Impfung aufgrund einer Güterabwägung oder auch naiv entscheidet, akzeptiert die zumutbaren Folgen seiner Entscheidung dagegen. Sie bestehen in der passageren Einschränkung bestimmter Freiräume, solange die pandemische Lage gefährdet. Hier sind Freiheit und Verantwortlichkeit die Grundlage für die Entscheidung.

Derartige klärende Differenzierungen, zu denen die Diskussion in der Sendung viele Gelegenheiten gab, wären Aufgabe der anwesenden Philosophin gewesen. Philosophische Publizistik unterscheidet sich eben von philosophischer Expertise. Der Verzicht auf eine kompetente philosophische Argumentation spielt dem pragmatischen Regime von MedizinerInnen in die Hände, die in einer unreflektierten Melange studienbasierte Zahlen als Fakten, evidenzbasierte Prozesse als wissenschaftliche Notwendigkeiten, und die unhinterfragte Doktrin der Lebenserhaltung um jeden Preis als ethische Verpflichtung zur Rechtfertigung für das eigene Tun präsentieren. 

Es bräuchte philosophische Meisterdenker, um das zu entwirren, um durch die Klärung zu veränderten Haltungen zu gelangen. Freiheit und Verantwortlichkeit sind keine starren Strukturen unseres Hirns, sondern ein dialektisches Gefüge unseres Denkens, das situativ priorisiert werden kann. Es gibt Situationen, in denen die Freiheit in einsichtiger Verantwortung eingeschränkt werden muss, um einen vorrangigen Wert zu verwirklichen, wie den des solidarischen Schutzes von Menschen vor einer durch Forschung immer besser eingrenzbaren lebensbedrohenden Infektionsgefahr durch ein Virus. Und es gibt Zeiten, in denen die Verantwortung der sich ausweitenden Freiheit einfach zur Orientierung dient, um Grenzen nicht zu übersehen. Es ist die Philosophie, die solche komplexen Prozesse in methodischer Rationalität durchklärt und die Komplexität des Themas in vielschichtigen, aber nachvollziehbaren Diskursen abbildet. 

Tod, wie er erzählt werden kann

Wie kann der Tod erzählt werden?

Um etwas zu erzählen, was keiner weiß, bediene ich mich apophatischer Sätze. So erzählen die Dichtungen des alten Babylon und Sumer über das, was keiner wissen kann. Auch der ältere der beiden Schöpfungstexte des Alten Testaments (Gen 2, 4 – 25) verwendet sie. Die Strategie ist einfach: Was vor aller Augen liegt, wird aufgehoben. Die Sprache verneint, was wahrgenommen ist.

Wie tot sein ist, erleben wir an Gestorbenen. Wir erleben es nie an uns selbst. Was wir an uns wahrnehmen, ist die Lebendigkeit der Gedanken, des Leibes, der Gefühle. Wir nehmen wahr, dass die Gedanken zuweilen träge sind, spröde und brüchig. Eher ein Rinnsal als ein Gedankenstrom.  Wir nehmen wahr, dass das Gedächtnis sich verändert. Namen entfallen, Zusammenhänge verblassen, Gesichter auch. Gerüche und Klänge bleiben. Gestimmtheit auch. Wir nehmen unsere Kraft wahr, auch wie sie abnimmt und mühsam wieder trainiert werden muss. Energie nehmen wir wahr. Sie lässt uns Lebendigkeit spüren, zuweilen in Muskelkater und Erschöpfung etwas länger. Wir nehmen Gefühle wahr, Begeisterung, Freude, Vertrauen und Liebe. Den Mut, sich dem zu stellen, was uns überfordern wird. Dann sind wir enttäuscht. Wir nehmen Ärger wahr, Resignation und Trauer, wenn wir Lebenswichtiges verloren haben. Wir nehmen uns als lebende Personen wahr, nicht nur als abstrakte Menschen. Als Einzelne mit, unter und neben anderen Einzelnen.

Das alles endet der Tod. Nicht spüren wir die Trauer um uns. Nicht, dass es gerade um einen selbst ging in der Bindung, in der Gemeinschaft. Wir spüren nicht mehr, was unsere Begeisterung und Liebe ist. Wir nehmen keine Energie mehr wahr, keine Stimmung, kein Gedächtnis und kein Gedenken. Gedanken nehmen wir nicht mehr wahr, nicht mehr unseren Leib und seine Regungen.

Totsein lässt sich als Abwesenheit, als Ende von Leben und individueller Lebendigkeit erzählen. Mein Leichnam trägt noch meine Züge. Kein Atem ist wahrzunehmen. Keine Stimme. Ich habe keinen Klang mehr. Ich lebe nicht mehr. So lässt sich Totsein erzählen. Als factum brutum, das sich jedem selbstbezüglichen Kommentar entzieht. Denn auch die Selbstbeziehung ist nicht mehr.

Wir haben uns – auch dank der emsigen Hospizbewegung – daran gewöhnt, den Tod als Ende eines palliativ versorgten, mitmenschlich begleiteten Prozesses zu sehen. Das Sterben scheint beherrschbar geworden. Schmerzen, Übelkeit, Luftnot werden therapeutisch gelindert. Zeiten des Alleineseins und die lange Weile werden durch Besuche ehrenamtlicher HospizbegleiterInnen vertrieben. Ich kann zu Hause sterben oder in einer dafür eingerichteten Umgebung. Der Tod verliert seinen Schrecken. Wir können „das Sterbenkönnen lernen“ (Landsberg, 2009, S. 71). Es gibt ganze Philosophien dafür. Die christliche Theologie hat die „Dialektik von Tod und Leben“ entschärft, wie Paul L. Landsberg in seinem Essay zur „Erfahrung des Todes“ (1935) beschreibt. Denn in der christlichen Theologie wird darin „die wirkliche Wandlung der Lage des Menschen durch das Erscheinen und das Beispiel des Christus ausgedrückt“ (Landsberg, 2009, S. 81). 

Woran dies alles nichts ändert, ist die Tatsache des Totseins. Dass ich nicht mehr lebe. Dass es mich als individuelle Person lebendig nicht mehr gibt. Körperhaft bleibe ich noch eine Weile, als Leichnam. Manche Idee, das eine oder andere Bonmot oder einige Anekdoten bleiben in Erinnerung. Auch das Haus, das ich baute, und das Buch, das ich schrieb. Vor allem die Kinder bleiben eine Weile, für die ich Verantwortung übernahm. Wenn sie am Grab von mir erzählen, erzählen sie von einem Toten.

Das ist die Ungeheuerlichkeit. Das ist die sichere Zumutung an mich, an den Menschen: Du wirst tot sein. Alle Narrative über dich und zu dir sind Erzählungen über einen Toten. Du selbst hast dazu nichts mehr zu sagen. Darüber helfen weder Hospizlichkeit, noch Glaube, noch Ideologie hinweg. Der Tod ist das factum brutum im Leben, der das Leben aufhebt. Der Tod ist das factum brutum, das zu denken gibt, ohne im Denken verwandelt, versöhnt oder aufgehoben zu werden. Es gibt keine Synthese von Leben und Tod. Es gibt nur das Lebendig sein. Es gibt nur das Totsein. Auch daran ist in diesen Tagen zu erinnern. Wir sollten es aussprechen lernen: Ich werde tot sein. 

Landsberg, P. (2009): Die Erfahrung des Todes. Berlin (Matthes & Seitz)

Skulpturenwelt

Schloss Freudenstein, gelegen oberhalb von St. Pauls im Süden Südtirols. Sonnenverwöhnt belohnt die Schlossterrasse den Blick mit Weite und Freiheit. Im Schloss gestaltete der Bozener Bildhauer Andrea Bianco am 16. und 17. Oktober 2021 eine Werkschau, in der er neue Skulpturen mit wenigen früher gestalteten in einem wundervollen gotischen Raum inszenierte. Die neu geschaffenen Frauenskulpturen griffen in ihrer Gold- und Platinlasur etwas von der vornehmen Eleganz des Raums und des stilistisch geschickt eingepassten Mobiliars auf. Sie verliehen sich und dem Saal einen eigenen Glanz. So, als ob sie schon immer diesen Raum durch ihre Präsenz prägten. 

Persönlich freute ich mich, meiner abstrakten Lieblingskulptur (siehe Bild) wieder zu begegnen. Sie wirkte nun schon in mehreren Ausstellungen an unterschiedlichen Orten auf mich. Diesmal war sie fast als Nebensache arrangiert. Wie zufällig fand ich sie auf einer Kommode zusammen mit einer eher wuchtigen Arbeit aus Marmor. Und doch zog sie mich wieder an. Die dunkel schimmernde Glasur der Tonarbeit verwendete Andrea schon bei einigen seiner Frauenstatuen. Ihre geschwungene Form hat etwas weiblich-körperhaftes. Den Körper, die Raumhaftigkeit muss sich der Betrachter aus der zweidimensionalen Anlage der Skulptur er-sehen. Es ist eine flache Tonplatte, die sich aus der Fläche in einer eigenwillig asymmetrischen Symmetrie nach oben öffnet. Erst diese Öffnung führt den Blick in die dritte Dimension, indem die nach oben geschwungene Fläche einen Innenraum schafft – oder ist es eher ein Zwischenraum? Das hängt, wie mir scheint, von der Inszenierung der Skulptur ab. Steht sie frei, dann wird ihr Innenraum sichtbar. Der Betrachter ergänzt unwillkürlich den Raumkörper hinzu. 

Diesmal stand die Skulptur – sie ist meines Wissens namenlos – in Wandnähe. Der Blick kam zwischen den beiden sich in sanfter, vielleicht sogar bergender Kraft emporschwingenden Seitenflächen zur Ruhe. Der Raum, der sich dabei aufspannte, wirkte auf mich nun eher wie ein Zwischenraum. Der fast weiblich anmutende Schwung der nach oben gezogenen Platte fängt den Blick ein, lässt ihn im Zwischen verweilen. Die rechte, höhere geschwungene Seite leitet ihn an den Umgebungsraum weiter.

Jetzt entdeckte ich eine neue, mir noch unbekannte Wirkung der Skulptur. Sie stellt in die Umgebung einen Zwischenraum hinein, der nach den Seiten abgegrenzt etwas Eigenes markiert. Anders als die Frauenskulpturen, die den  Raum um sich herum versammeln, ist es gerade die Hohlform dieser Skulptur, die den Raum unterbricht und zugleich sich mit ihm verbindet. Sie erinnert mich an das aristotelische „metaxy“, das „Zwischen“, das trennt und gleichzeitig vermittelt. Für Aristoteles markiert die Raummetapher des „Zwischen“ die logisch scharfe Differenz zwischen Begriffen. Sie trennt die Begriffe und ermöglicht damit eine logische Vermittlung zwischen ihnen. Was nicht unterschieden ist, kann nicht zum definierten Begriff werden. Zugleich bilden die Begriffe einen syntaktischen Zusammenhang, den der logischen Erkenntnis.

Andrea gelang mit der abstrakten Skulptur eine Bildmetapher für das Zwischen. Der Zwischen-Raum ergibt sich aus der in die Dreidimensionalität aufschwingenden Tonplatte. Sie wirkt durch den Schwung und die Öffnung nach oben körperhaft und markiert, so arrangiert wie in Freudenstein, ein Zwischen im Raumkontinuum, das jenes nicht zerstört, sondern eine Differenz setzt, durch die der Raum als solcher erkannt werden kann. Vielleicht ist es diese Möglichkeit, die Skulptur zu erleben, die mich, wo immer Andrea sie ausstellt, in ihren Bann zieht. 

Viel affektiver als der Blick vermittelt die Berührung der Skulptur, dass die Hohlform etwas Körperhaftes hat. Wer mit den Fingern von Rand zu Rand streicht, dem vermittelt sich diese Körperhaftigkeit als sensitiv-haptisches Erleben. Das Besondere daran ist, dass es die  Bewegung im inneren Raum, eine Bewegung in der Hohlform ist, innerhalb des Zwischen also. Sich im Zwischen bewegen, vermittelt nicht die Erfahrung einer Ortlosigkeit, sondern eher die Erfahrung, dass das „Zwischen“ im Sinne des Aristoteles durchaus real ist, im Moment der logischen Differenzierung sich manifestiert. Es ist – mit einer Formulierung von Richard Rohr – „pure Präsenz“. Damit gewinnt die Skulptur eine weitere Dimension: Sie vergegenwärtigt als Hohlform, als „Zwischen“, die flüchtige Präsenz des Daseinsereignisses. Ihre Spannung bezieht die Figur aus dem Zeigen dessen, was nur erlebt werden kann: Gegenwart, die im Augenblick währt und sich zwischen Zukunft und Vergangenheit ereignet. Bei aller Inhaltlichkeit ist sie – wie die Hohlform der Skulptur – ein „Zwischen“, das den einen Augenblick vom anderen trennt und alle Augenblicke zugleich zur Zeit verbindet. 

Jetzt nähere ich mich wohl dem, wodurch die Skulptur mich immer wieder anzieht. Sie zeigt etwas, was nicht zur Schau gestellt werden kann: die Gegenwart als Zwischenzeit und Hohlform für das sich ereignende Leben. An den Rändern der Skulptur manifestieren sich die Vergangenheit und die Zukunft, unterschieden und doch verbunden. Ein Übergangsszenario. Für mich ist diese Abstraktion eine der gelungensten Skulpturen von Andrea Bianco. Ich folge ihr gerne noch durch weitere Ausstellungen.

Welthospiztag 2021

Am 09. Oktober war Welthospiztag. Gut zwanzig Jahre bin ich in der Hospizbewegung aktiv. Ich habe Sterbende sowohl ehrenamtlich wie auch psychotherapeutisch begleitet. Das sind berührende Erlebnisse. Als ein besonderes Privileg empfinde ich es, Menschen durch die letzten Wochen oder Tage des Lebens begleiten zu dürfen, durch die reichen Stunden voller Leben und die düsteren Zeiten des Leidens am hohen Alter und an der Symptomlast schwerster Krankheit. Und durch die vielen Zwischenzeiten, in denen das Leben auf den Tod hin zum Alltag wird. Die Individualität des Menschen drückt sich auch darin aus, wie er sein letztes Leben lebt. Dazu hielt ich in Brixen/IT als Gast der Hospizbewegung in Südtirol im Rahmen der Fachtagung „Würde bis zuletzt“ den Vortrag samt dem anschließenden Workshop: „Sinn im letzten Leben“. 

Über die Trauerarbeit kam ich mit der Hospizbewegung in Berührung. Viele Einzelgespräche mit Trauernden, Familiengespräche im Stationären Hospiz und in der ambulanten Begleitung und die langjährige Co-Moderation einer Trauergruppe für Angehörige um Suizid (AGUS e.V.) betteten meine Erfahrungen mit Sterbenden in den Lebenszusammenhang ein, den jene verlassen und zurücklassen. Sterben ist der Abschied vom Leben, von den persönlichen Lebensmöglichkeiten und der gelebten Biografie. Das ist auch ein Abschied aus den Bindungen, den beiläufigen, den freundschaftlichen, den familiären, den lebenstragenden und den intimen. Jeder Sterbende, jede Sterbende weiß, dass sie, dass er Menschen hier im Leben lässt. Die „Hiergebliebenen“, wie sie auch genannt werden, leben mit den Hinterlassenschaften, den Erinnerungen und mit der Zeit auch dem Verblassen der Bilder vom Verstorbenen. Trauer ist der Anpassungsvorgang an das Leben ohne den Gestorbenen.

In Deutschland lautete das Motto des diesjährigen Welthospiztages: „Leben! Bis zum Schluss.“ Ein sehr präsentes Thema ist dabei die Frage nach dem „Assistierten Suizid“. Die deutschen Hospizverbände wollen zeigen, „was Hospizarbeit und Palliativversorgung als gewichtige Alternative zur Suizidbeihilfe zu leisten vermögen“ (https://www.dhpv.de/aktuelles_welthospiztag.html; letzter Zugriff am 08.10.2021). Unbestritten: Moderne Hospizarbeit und Palliative Versorgung, die bestenfalls ineinandergreifen, können das letzte Leben für die Betroffenen und Beteiligten entlasten. Dennoch bleibt der wiederkehrende Wunsch Sterbender, dem Leben selbst ein Ende setzen zu wollen. Nicht immer, weil die Symptomlast völlig überfordert, sondern auch, weil Sterbende eben dieses Leben in seinen oft gravierenden Veränderungen, in seiner massiven Herausforderung an das Selbstbild, in seiner radikalen Beschränkung der personalen Möglichkeiten nicht als ihr Leben akzeptieren wollen. Nicht oft, aber eben immer wieder war genau dieses Akzeptanzproblem Thema meiner psychotherapeutischen Arbeit mit sterbenden Persönlichkeiten. Eben das wird im heftigen, emotional geführten Widerstand der Hospizverände gegen die Möglichkeit des Assistierten Suizides in Deutschland übersehen: Es ist nicht DER Mensch, der leidet und stirbt. Es ist die konkrete Persönlichkeit mit einer individuellen Lebensgeschichte, mit selbstbestimmten Einstellungen zum Leben, mit der Autonomie des individuellen Sinns der Sterbesituation, die mit der Akzeptanz des Lebensabschiedes ringt. Es war für mich in den intensiven, vertraulichen Gesprächen nachvollziehbar, dass für Einzelne die palliative Entlastung die Anpassung an die todesbedrohte Lebenslage nicht verstärkt. Auch die Reflexion des Verlustes, den sie den mit ihnen verbundenen Menschen durch einen Suizid bewusst zufügen, konnte die Entschlossenheit kaum ändern. Die Sinnfrage gegenüber der Lebenssituation blieb entschieden: Der Sinn wird darin gesehen, sich bewusst für den selbst herbeigeführten Tod zu entscheiden und damit ein Leben und Personsein zu beenden, das als sinnwidrig empfunden und angesehen wird. Das Leiden am letzten Leben wird gerade dadurch aufrecht erhalten, dass es nicht beendet werden durfte, sondern auch noch mit palliativer Therapie weitergeführt werden sollte. Mit dem Urteil des Bundesverfassungs-gerichts vom letzten Jahr ist Menschen das Recht auf einen würdigen, auch selbstherbeigeführten Tod ausdrücklich zugesprochen. 

Wenn die Hospizbewegung ihrem zentralen Grundsatz folgt, dass das Sterben zum Leben gehört, dann sagt sie damit, dass zum Recht auf das Leben auch das Recht auf das Sterben gehört. Wie das Sterben in Würde gestaltet werden kann, wenn sich ein Einzelner grundsätzlich und intensiv damit auseinandergesetzt hat, dass weiteres Leiden die Würde seiner Person und des Lebens zu vernichten droht, sehe ich sehr wohl als eine hospizliche Aufgabe.

In Deutschland beendeten im letzten Jahr der voraussichtlichen Statistik zufolge 8565 Menschen ihr Leben durch Selbsttötung (https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_327_23211.html, Zugriff am 10.10.2021). Gewaltsam und sicher meist nicht unter würdigen Umständen. Sterbewillige im letzten Leben sind dazu nicht mehr in der Lage. Wenn die Hospizbewegung daran interessiert ist, Sterbenden einen würdevollen Lebensabschied zu ermöglichen, dann gehört – aus meiner Sicht – auch die würdevolle Begleitung beim Assistierten Suizid dazu (Riedel, 2021 a).

Die Hospizverbände stellen in ihrer Argumentation häufig die Tötung auf Verlangen und den Assistierten Suizid neben einander. Die ethische Differenz zwischen der Suizidbeihilfe und der Tötung auf Verlangen besteht genau darin, dass die Tathoheit beim Assistierten Suizid beim suizidbereiten Sterbenden liegt. Die Beihilfe besteht darin, dass die Verschreibung des Medikaments Aufgabe des Arztes ist. Die Tötung selbst bleibt beim Betroffenen. Sie ist seine selbstbestimmte Entscheidung und ein autonomer Akt. In Würde kann der Suizid vorbereitet werden, wenn die oder der suizidale Einzelne den beschränkungsfreien und wertungsoffenen sozialen Raum hat, seine Entscheidung zu prüfen. Er kann, wenn sie, er der Entscheidung sicher ist, bis in den Vollzug des Freitodes durch Menschen begleitet werden, die sich das zutrauen. Das können Menschen aus dem sozialen Nahfeld sein, HospizbegleiterInnen und vor allem psychosoziale Fachkräfte, die umsorgende Unterstützung aller anbieten. So bleibt auch dieses Sterben würdevoll – bis zum Schluß!

Die militant vorgetragene Haltung der Hospizverbände gegen den Assistierten Suizid kann ich nicht nachvollziehen, vor allem nicht auf der Grundlage meiner psychosozialen Fachlichkeit und meiner Erfahrungen mit Sterbenden. Leider drückt sich darin auch etwas aus, was ich in den letzten Jahren zunehmend beobachtete: die Haltung eines Besserwissens, wie richtiges Sterben geht. Sie ist bei immer mehr Hospizbegleitenden, bei Ärzten, auch bei Pflegenden anzutreffen. Wir dürfen, wenn wir hospizlich begleiten und umsorgen wollen, einer sterbenden Persönlichkeit alles anbieten, was in unserer Kompetenz liegt. Was sie für sich und das individuelle Leben braucht, bestimmt sie selbst (Riedel, 2021 b,). Darin besteht Lebensführung bis zum letzten Atemzug. Wer hospizlich tätig ist, der ermöglicht und unterstützt diese Führungsaufgabe. Wer sein Leben selbst zu Ende führen will, weil er sich der Bedrohung durch den Tod nicht mehr gewachsen fühlt, der sollte darauf zählen können, dass er dies würdevoll begleitet tun kann. Insofern erscheint nicht der Widerstand, sondern der Beistand ethisch geboten.

Riedel, C. (2021 a): Assistierter Suizid im letzten Leben und Hospizbegleitung. Ein Plädoyer für die Betroffenenperspektive im Diskurs, in: PPC 50, S. 60 – 63

Riedel, C. (2021 b): Hypercare. Zur Diätetik der Sorgeerwartung in der Hospice Care, in PPC 52, S. 16 – 19

Verwählt?

Im ARD-Brennpunkt (27.09.21) moderierten Tina Hassel, in „Hart-aber-fair“ Frank Plasberg jeweils Sendungen zum Tag nach der Bundestagswahl. Ich ärgere mich über beide Moderationen. 

Erstens: Beide ModeratorInnen kritisierten wiederholt, dass es im Wahlkampf mehr um Personen statt um Inhalte gegangen sei. Beide insistierten in ihren Sendungen immer wieder auf Personalfragen, auch wenn die interviewten oder talkenden PolitikerInnen zu Sachthemen lenkten. 

Zweitens: Im Wahlkampf warben drei KandidatInnen für die jeweilige Kanzlerschaft. Am Tag nach der Wahl dominierte der Kandidat der CDU die Debatten. Olaf Scholz kam im Brennpunkt zu Wort, Annalena Baerbock spielte keine Rolle mehr. Leider verschieben sich die Gewichtungen nur schwerfällig.

Drittens: Die Regierungsbildung wird – endlich wieder einmal – spannend. Nicht so sehr im Wer-mit-Wem. Vielmehr wird es interessant sein, ob ein Regierungsprogramm verhandelt wird, das die von allen drei KandidatInnen und den demokratischen Parteien (außer der AfD) beschworene Zukunftspolitik tatsächlich ermöglicht. Wozu muss jedoch in den Moderationen der Prozess der Regierungsbildung hoch dramatisiert werden? Nur weil es diesmal drei Parteien sind? Alle drei sind demokratisch. Jede von ihnen tritt mit einem spezifischen und unterscheidbaren Profil auf. Das ist wohltuend nach Jahrzehnten zunehmender Assimilation der sog. Volksparteien aneinander.

Ich frage mich schon, was die öffentlich-rechtlichen Medien treibt, vorwiegend auf Stimmung zu machen. Haben sie nicht einen dringend notwendigen Informationsauftrag? Gehört es nicht zur Sachlichkeit, neben Personen vorwiegend Inhalte gut aufbereitet darzustellen? Ist es nicht sinnvoller, PolitikerInnen bei deren Kommunikationsauftrag durch differenzierende, klärende Nachfrage, durch den geeigneten Raum für Argumente und präzise Zusammenfassungen zu unterstützen?

Dabei freue ich mich über den Wahlausgang.

Erstens: Es gibt verschiedene realistische Regierungsoptionen, ohne dass die AfD in irgendeiner, auch nur indirekten Form beteiligt ist. Eine neue Regierung wird in jedem Fall auf eine klare Mehrheit demokratischer Parteien verfügen.

Zweitens: Herr Scholz setzte mit dem Thema Respekt ein – leider in der Debatte zu wenig gewichtetes – ausdrückliches Zeichen gegen die politische Rechte. Ihr fehlt es gerade an Respekt. Herrn Meuthen (AfD) steht es einfach nicht zu, einen Verbrecher wie den Attentäter in Idar-Oberstein, als „durchgeknallten Irren“ zu bezeichnen. Solche Beispiele sind nicht peinlich; sie sind respektlos und erkennen Einzelnen deren Würde ab. Sie richten sich gegen das Humanum in unserer Gesellschaft.

Drittens: Die Anzahl der jüngeren Abgeordneten nimmt wohl in den meisten Parteien zu. Damit, das hoffe ich zumindest, werden die Zukunftsthemen wie Klimawandel und Klimaschutz,  soziale und ökologische Verteilungsgerechtigkeit, Entwicklung der Digitalisierung, Rentensicherung vor allem für die nächsten Generationen innovativ, kreativ und in sozialer Verantwortlichkeit gedacht und umgesetzt. 

Mir ist klar geworden, und das gehört für mich unbedingt zur Zukunftssorge, dass sich das individuelle und gesellschaftliche Leben verändern wird. Das gegenwärtige Mobilitätsverhalten, unser aller immer noch sorgloser Umgang mit den natürlichen und inzwischen auch technologischen Ressourcen, wahrscheinlich auch das Empfinden sozialer Gerechtigkeit wird sich erheblich verändern. Das wird von jedem Einzelnen Einstellungsveränderungen und Verhaltensänderungen verlangen. Wir werden Haltungen wie Respekt, Rücksichtnahme, Anerkennung der Würde der Person und des Lebens in neuen Diskursen andere Inhalte geben, die langsam und mit erheblicher individueller Mühe in die Praxis zu übersetzen sind. Bei alldem wünsche ich mir, dass die staatlichen Steuerungsprozesse einem dienen: in einer stark veränderten Welt das existenzielle Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortlichkeit leben zu können, mit veränderten Formen von Genuss, Lebensfreunde und Begeisterung. Und großem Respekt vor dem Lebensende.

Wir haben uns am 26. September nicht verwählt. Jetzt gilt es für die, die wir in politische Verantwortlichkeit wählten, aus dem Votum heraus die Grundlage für eine zukunftsbewusste Regierungsarbeit zu schaffen. Ich bin optimistisch, dass das gelingt. Schade finde ich es, wenn Journalisten der politischen Gestaltung vorerst wieder nur Personalfragen abgewinnen.

Fehlbar!

Der Dalai Lama erzählt in einem Interview ein Gleichnis:

„Ohne Wasser kein Leben. Der Tee, den wir trinken, besteht zum größten Teil aus Wasser, aber er enthält noch weitere Zutaten – Teeblätter, Gewürze, vielleicht ein wenig Zucker und – in Tibet jedenfalls – auch eine Prise Salz, und das macht ihn gehaltvoller, nachhaltiger und zu etwas, was wir jeden Tag haben möchten. Aber unabhängig davon, wie der Tee zubereitet wird: Sein Hauptbestandteil ist immer Wasser. Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser. Und genau so werden wir zwar ohne Religion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl – und auch nicht ohne Wasser.“ (Dalai Lama & Alt, F. (2016), S. 16 f.)

Papst Franziskus versucht Tee ohne Wasser zu kochen. Die Entscheidung zum Kölner Kardinal, Erzbischof Rainer Wölki, wie die Entscheidung zum Hamburger Erzbischof Stefan Heße wurden unter Missachtung des „Grundbedürfnisses nach Mitgefühl“ getroffen. Vom Papst werden im laufenden Missbrauchsprozess höchst verantwortliche Funktionäre der römisch-katholischen Kirche im Amt gehalten. Herr Wölki und Herr Heße bekleiden als Funktionäre im  System Kirche Schlüsselpositionen. Sie stehen – daran sollte sich der Vatikan und die ihm hörigen Theologen unbedingt erinnern – wie ihre Vorgänger auf den jeweiligen Bischofsstühlen in der apostolischen Nachfolge (Sukzession). Jene vermittelt nicht nur die machtvolle Freiheit des apostolischen Amtes, sondern sie vermittelt auch dessen Verantwortung. Diese Verantwortung wird vom derzeitigen Papst fehlbar und defizitär wahrgenommen. Das vermeintlich entlastende Argument des Papstes, dass der einzelne Funktionär durch Systemdynamik fehlgeleitet oder vereinnahmt worden und ihm deshalb nicht die ganze Verantwortung im Missbrauchsprozess zuzuschreiben sei, geht vom Prinzip der Kollektivschuld aus. Der Schuldzusammenhang des Kollektivs entlastet den Einzelnen vielleicht von der Gesamtschuld. Er entlastet den Einzelnen nicht von seiner persönlichen Verantwortung, schon gar nicht, wenn er ein Schlüsselfunktionär des Systems ist und einen großen Freiraum hat. Mag sein, dass der Papst ihnen nicht mehr die Freiheit des Christenmenschen (Martin Luther) zutraut und den beiden deswegen Verantwortung abnimmt, um sie wenigstens als Funktionäre zu erhalten.

Herr Heße und Herr Wölki haben kraft ihres Amtes die unbedingte, aus ihrer Bischofsweihe resultierende Verpflichtung, im Missbrauchsprozess die Klärung weiter voran zu treiben, weil durch Funktionäre und Mitarbeiter der römischen Kirche an Menschen schwerste Verbrechen verübt wurden. Beide sind diesem apostolischen Auftrag äußerst fehlbar ausgewichen. Insofern sind sie keine „Würden“-Träger mehr. Ihnen gilt die Würde der Menschen, an denen die Verbrechen verübt wurden, weniger als die Würde ihres Amtes. Ebendiese Haltung wurde jetzt durch die beiden päpstlichen Entscheidungen sanktioniert. Dabei haben sie auch die Würde des Amtes längst mit Füßen getreten.

Teeblätter und Teegewürze ohne Wasser behalten ihr Aroma für sich. Sie bleiben krümelig, in sich gerollt, verschlossen. Vertreter der Religion wie die der römisch-katholischen Kirche bleiben ohne Leben und Ethos trockene, verstaubte, unberührte und unberührbare, in sich geschlossene Funktionäre, interessiert vor allem an der Erhaltung ihres Amtes. So wirkt Herr Wölki schon seit langem. Religion bleibt einfach nur spröde Zugabe, wenn sie sich nicht auf das Wasser des Lebens einlässt. Sicher, die Teeblätter und die Teegewürze duften vielleicht ein wenig. Doch aus den Teeblättern entsteht kein aromatischer Tee, wenn sie nicht mit Wasser aufgebrüht werden. Und der Tee wird gerade wegen seines Aromas geschätzt als „etwas, was wir jeden Tag haben möchten“.  Aus der katholischen Kirche samt ihren Funktionären und Ritualen entsteht keine lebendige Religion, wenn sie sich nicht auf das Leben einlässt samt seinen Freiheiten und Verantwortlichkeiten, seinem Entscheidungscharakter – und damit seiner ethischen Dimension. Eine katholische Systemreligion will keiner täglich haben. Sie ist schlicht unnötig für das Leben. Denn sie unterstützt die Würde der Lebenden nicht, sondern behindert sie.

Einer viel zu hohen Anzahl von gut glaubenden Menschen wurde durch katholische Würdenträger das höchstpersönliche Wissen um die persönliche Menschenwürde abgeschnitten. Dieselben Würdenträger sind nicht daran interessiert, die Betroffenen dabei zu unterstützen, sich wieder die Zugänge zu der schwerst verletzten Würde zu erarbeiten. Sie lassen die Betroffenen mit deren psychischen und existenziellen Verletzungen stehen. Deshalb ist ein Zug des Gleichnisses des Dalai Lama sehr wichtig: „Wir können ohne Tee leben, nicht ohne Wasser.“ Das Wasser, das Ethos, das von der persönlichen Würde lebt, ist kräftig genug für einen Weg ohne Kirche, ohne Religion. Die katholische Kirche führt sich selbst immer mehr ad absurdum, weil sie einem religiösen Darwinismus huldigt, der unverhohlenen Selbsterhaltung in Amt und Ritual. Dabei können Menschen lästig im Weg stehen, egal wie loyal sie sich zur Kirche verhalten. Das Schlimme daran ist, dass das System Kirche die dabei entstehenden Verletzungen so vieler Menschen in Kauf nimmt. Für den Papst und eine Reihe von Bischöfen scheinen die vom Missbrauch Betroffenen nichts weiter als Kollateralschäden zu sein. Eine Kirche, die Moral nicht mehr auf sich selbst bezieht, braucht niemand. Denn es lebt sich mit reinem Wasser und dem Ethos des Mitfühlens sinnvoller, auch wenn einem zuweilen der gewohnte Tee fehlt.

Dalai Lama & Alt, F. (12. Aufl. 2016): Ethik ist wichtiger als Religion. Wals (Benevento Publishing)